Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Der entwichene Gefangene – die Integration des Schattens

Der entwichene Gefangene

By on 24. März 2020

Der entwichene Gefangene

Der entwichene Gefangene – die Integration des Schattens

Die Integration des Schattens bedeutet die Freisetzung von Ressourcen, die im Unbewussten gefangen sind. Sie sind mit Negativität behaftet. Bei Stress tauchen sie unvermittelt aus dem Unbewussten auf und richten ein Chaos an. Ein Bild dafür ist der aus seinem Gefängnis entwichene Gefangene.

Der entwichene Gefangene – ein Bild für die Integration des Schattens

Der folgende Text ist eine bildhafte Beschreibung, wie die männlichen Persönlichkeitsanteile integriert werden können.

So lange diese im Schatten sind, wirken sie mit negativer Energie aus dem Unbewussten. Negative Männlichkeit bedeutet ungesteuerte, triebhafte, aggressive und gewaltbereite Kraft. Diese drängt ans Licht und will integriert, das bedeutet «gezähmt» und nutzbar gemacht werden. Solange sie weggesperrt ist, kann sie meistens nur in einer Stresssituation «nach oben» und ans Licht des Lebens kommen, nämlich dann, wenn die interne Kontrollinstanz am Anschlag läuft. Dann taucht diese Kraft völlig unvermittelt und ungehobelt aus dem Unbewussten auf – wie ein Gefangener, der lange in einem dunklen Gefängnis eingesperrt war und plötzlich entweichen konnte und bringt zunächst viel Unruhe.

Der entwichene Gefangene

Der Gefangene 

Im hintersten Keller des geräumigen Schlosses befand sich ein finsterer Kerker. Hier war der Gefangene verwahrt. – Warum war er überhaupt hier? Sein Auftreten hatte gewissen Leuten missfallen, welche ihre Macht erhalten wollten. Er hatte sich auch furchtlos mit dem intriganten Berater des Königs angelegt, und war den üblen Machenschaften von «Schlangenzunge», wie er ihn nannte, auf die Spur gekommen. Darauf hatte dieser ihn verleumdet und kurzerhand ins Gefängnis werfen lassen. – Ob der König überhaupt davon wusste? Der König liess sich von ein paar auserwählten Männern beraten. Doch nicht alle meinten es gut mit dem Reich, der eine oder andere war durchaus auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Über diese Dinge dachte der Gefangene im Gefängnis nach. Immer wieder tauchte der Gedanke an Rache in ihm auf.

Krieg!

Eines Tages wurde das Königreich von einer fremden Macht bedroht. Bereits hatten die Feinde die Grenzen überschritten! Im ganzen Schloss herrschten Panik und Alarm. Alle Verteidigungsressourcen wurden mobilisiert. Sogar die Wachen im Schloss und die Wachen des Gefängnisses in den Kellergewölben wurden abgezogen, weil sie „oben“ gebraucht wurden.

Der Gefangene kann entkommen – Aufbruch in die Freiheit

Damit war nun endlich die lang ersehnte Gelegenheit für den Gefangenen gekommen: Es gelang ihm in diesem unbewachten Augenblick, aus seiner Zelle auszubrechen!
Er stürzte hinaus, ohne sich umzusehen, stolperte durch lange Gänge, eilte hastig steile Treppen empor… Schon befand er sich im Schloss. Hungrig und verzweifelt suchte er einen Ausgang.
Wahllos stürmte er durch mehrere Räume.

Der runde Tisch des Königs

Plötzlich stand er – völlig überraschend – im grossen Saal der Räte, vor dem runden Tisch des Königs. Die Entscheidungsträger des Königs, die gerade ihre Krisensitzung abhielten,  erstarrten, als sie den Entwichenen sahen.
Dieser bot ein Bild des Grauens: Er war abgemagert und ausgezehrt, seine Wangen waren eingefallen, sein Gesicht war schmutzig, seine Kleider hingen in Fetzen, seine Fingernägel waren abgehackt und schwarz, seine Haare und der Bart struppig und verfilzt. Die ganze Erscheinung machte mehr den Eindruck eines Tieres als eines Menschen!

Panik

Der Entwichene blickte gehetzt um sich und entdeckte auf einem Tisch Speisen, frisches Wasser, Wein… Ohne Nachzudenken ergriff er mit blossen Händen ein Hähnchen und steckte es sich in den Mund. Dann, mit einer fahrigen Bewegung, in der Absicht, zu entkommen, stiess er den Tisch und mit ihm auch noch weitere Stühle und Tische.
Es war ein Lärm und ein Durcheinander.
Schlangenzunge, der engste Berater des Königs, war erbleicht. Seine Stimme überschlug sich, als er schrie: «Wachen!!! Der Gefangene ist entkommen! Haltet ihn! Bindet ihn!!! Zurück in den Kerker mit ihm!»

Der gute König

Doch der König bewahrte die Ruhe und blickte den Gefangenen an. Er sagte ruhig: «Moment! Dich kenne ich doch…». Scharf wies er Schlangenzunge zurecht: «Schweig!» Wieder lag sein Blick auf dem entwichenen Gefangenen. Ja! Er erkannte ihn! Ruhig und gefasst sagte er: „Oh… Hallo..! Hier bist du also…! Lange warst du weg…“ Es betrachtete den Eindringling von oben bis unten und stellte fest: „Ja – es ist wahr! Du bist einer von uns. Du bist es…!» Nach einer Pause sagte er leise, wie in Gedanken, zu sich selber: «Wir sind verraten worden und nun haben wir das Desaster… du … du warst im Gefängnis – zu Unrecht…» Ein strenger Blick fiel auf Schlangenzunge, der sich duckte und am liebsten unter dem Tisch verschwunden wäre.

Entspannung

Der König wandte sich wieder dem Entwichenen zu, ging auf ihn zu und sagte: «Nun… komm!» Sanft aber bestimmt legte er seinen Arm um die Schulter des Verwahrlosten und führte ihn aus dem Raum in die Küche, wo er ihm zu essen gab, bis er satt war. Als nächstes ordnete er für den Ausreisser ein Bad an. Dieser wurde nun gewaschen und rasiert, seine Haare und Nägel wurden geschnitten. Anschliessend wurde er in ein warmes Zimmer geführt, wo ein weiches Bett stand. Der König sagte: „Ruh dich erst einmal richtig aus. Morgen schauen wir weiter!“

Zurückhaltung

Am nächsten Morgen kam der König persönlich mit einem Bund neuer Kleider zu ihm aufs Zimmer: «Zieh dich an. Du kommst heute mit in den Rat!».  Auf dem Weg dorthin sagte er leise: „Setz dich dann neben mich. Schau einfach nur zu, hörst du! Schweige, höre zu und schau, wie das hier so läuft. Wenn ich deine Unterstützung brauche, sage ich es dir.“
Der hohe Rat staunte nicht schlecht, als der König mit seinem neuen Begleiter eintrat. Dieser war in seiner ordentlichen Erscheinung kaum wiederzuerkennen.

Neue Ressourcen und Sieg

Nun wurde die kritische Lage im Reich weiter erörtert und nach Lösungen gesucht. Schliesslich bat der König den Neuling zu sprechen. Dieser brachte wichtige Informationen hervor. Er hatte Beweise gegen Schlangenzunge, nämlich dass dieser hinter dem Rücken des Königs intrigiert hatte – im Interesse des Feindes! Der Neuling sprach stark und furchtlos, denn er hatte nichts mehr zu verlieren und alles zu gewinnen. Er deckte die üblen Machenschaften von Schlangenzunge auf. Der König enthob Schlangenzunge seines Amtes und liess ihn ins Gefängnis werfen. Er setzte stattdessen den Neuling als Berater ein. Dieser hatte auch auf die feindliche Bedrohung eine schlagende Antwort: Er konnte zusätzliche Streitkräfte mobilisieren, Verbündete, mit welchen das feindliche Heer erfolgreich in die Flucht geschlagen wurde.

Die Symbole im Text und ihre Bedeutung
  • Das Schloss – das Leben und die Ressourcen des Menschen am Licht des Bewusstseins (s. Königsherrschaft im Leben).
  • Der Kerker und der Keller – das Unbewusste: Es beinhaltet alles, was der Mensch nicht am Licht seines Bewusstseins hat (also Persönlichkeitsanteile oder Eigenschaften, die aus verschiedenen Gründen nicht gelebt werden, zum Beispiel weil man sie nicht mag, sich dafür schämt oder sie gar kennt.)
  • Der Gefangene – die männlichen Persönlichkeitsanteile im Schatten: Kraft, Entscheidungsfreude und Durchsetzungsvermögen sind zu Unrecht abgelehnt und weggesperrt worden (zum Beispiel, weil man angepasst sein will, es allen recht machen und allen gefallen möchte).
  • Der König – das liebende Bewusstsein (s. Das Bewusstsein und das Unbewusste).
  • Schlangenzunge – das Ego, das ängstlich und machtversessen ist. Es die Identität der Trennung, die alles bekämpft, was sich ihr in den Weg stellt (s. auch Das dritte Auge und der Schatz des Königs).

Gefangene Ressourcen und die Integration des Schattens

Mit den ungeliebten und unerwünschten Persönlichkeitsanteilen sind auch Ressourcen im Schatten weggesperrt, die darum der Person zu Ganzheit fehlen, denn sie tauchen höchstens in negativer Form auf. Sie werden integriert, indem der Mensch die Situation sorgfältig in der Kraft seines liebenden Bewusstseins betrachtet und bereit ist, seinen Erfahrungs- und Handlungsbereich im Interesse des Guten und der Liebe zu erweitern.

Gefangene im Reich der Toten  – Befreiung und Erlösung in Überlieferungen

In den menschlichen Überlieferungen ist die Auseinandersetzung des Menschen mit seinem Schatten durch den Weg in die Unterwelt dargestellt. Der Schatten wird integriert, indem die Gestalten, die darin gefangen sind, befreit oder erlöst werden. Dies gilt im Kleinen, indem zum Beispiel der Held seine Geliebte aus dem Reich der Toten holt (wie Orpheus, Herkules, Dionysos) und im Grossen, wenn Gott als das liebende Bewusstsein in die geknechtete Schöpfung kommt und sie aus Unfreiheit und Tod erlöst.


Kommentare

  1. Ich habe heut nacht 2 sehr interessante und lehrreiche Stunden erfahren.
    Sie haben mich aus einem Tief herraus geholt.
    Gerne werde ich diese Studie weiter verfolgen.
    Danke!

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