Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Der Fischer – das Gedicht von Goethe als Anima-Vision

Meerjungfrau in Der Fischer von Goethe

By on 9. Mai 2020

Meerjungfrau

DER FISCHEREin Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe

Eine lustvolle Anima-Vision

Das Gedicht «Der Fischer» von Johann Wolfgang von Goethe beschreibt die magische Erscheinung einer Meerjungfrau am Steg eines Fischers.

Die Anima – Quelle der Inspiration

Das Weibliche übt seit jeher auf Männer und insbesondere auf Künstler eine grosse Faszination aus. Dieser Ur- oder ARCHETYP von Weiblichkeit wurde von C.G. Jung  ANIMA genannt. Die Anima als inneres Frauenbild des Mannes ist Muse und Inspiration zu Höchstleistungen, Hure oder Göttin, Sehnsucht oder Sucht. 

C.G. Jung schreibt über die Meerjungfrau in Goethes Gedicht «Der Fischer»:

Die Nixe ist eine noch instinktivere Vorstufe eines zauberischen weiblichen Wesens, welches wir als Anima bezeichnen .[1]

Die Anima in «Der Fischer» als Meerjungfrau

In seinem Gedicht «Der Fischer» beschreibt Goethe eine imaginäre Begegnung mit dem Fabelwesen der Meerjungfrau. Sie spricht zu ihm, rührt etwas in ihm an und zieht ihn schliesslich zu sich in die Tiefe hinab.
Die Meerjungfrau als ANIMA-Gestalt ist ein Symbol für die innere Frau des Mannes, welche noch nicht sehr entwickelt ist. Als Wesen aus dem WASSER gehört sie zum kollektiven Unbewussten und zum Bereich der Triebe. Sie können zu einem Kontrollverlust des Bewusstseins führen (s. Das Bewusstsein und das Unbewusste).

Als Vergleich: Die Anima in Goethes Faust

Im Gegensatz dazu thematisiert Goethe zum Beispiel in seinem Faust die Anziehungskraft der Anima in der Figur des unschuldigen Gretchens (als JUNGFRAU) und der schönen Helena als GÖTTIN. Die erhabene Vorstellung von Weiblichkeit hat ihn zum Satz inspiriert:

«Das ewig Weibliche zieht uns hinan.» 

Der Fischer wird von der Meerjungfrau jedoch hinab gezogen.

«Der Fischer» und die Sehnsucht nach mütterlicher Ur-Geborgenheit

Halb Fisch, halb Mensch ist die Meerjungfrau ein Archetyp für urtümliche, naturbelassene Weiblichkeit. Sie spricht letztlich die Sehnsucht nach der wohligen Ur-Geborgenheit im Mutterschoss (Wasser) an und damit auch die nach einem Zustand, in dem es an nichts fehlt und jedes Begehren gestillt ist. 

Die Vision von der Meerjungfrau bringt die Gefühle des Fischers in Wallung.

«Der Fischer» von Goethe – Text und Deutungen

Das Gedicht

Symbole und Deutungen

Das Wasser rauscht›,
das Wasser schwoll,
ein Fischer saß daran,

WASSER: Symbol für das Weibliche
und das kollektive Unbewusste.
Fischer: jagen und fressen.

sah nach der Angel ruhevoll,
kühl bis ans Herz hinan.

Jagdinstinkt und kühle Berechnung.

Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor;
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Lauschen: Erwartung.
Emporsteigende Flut: Emotionen.
Geteilte Flut: wie Beine?
Feuchtes Weib: erotische Anspielung.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
„Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?

List und Strategie
in einem tödlichen Spiel.

Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
und würdest erst gesund.

Die Vision von einem wohligen Dasein
im Schoss der grossen Mutter
zieht hinab auf den Grund der Existenz,
der Ur-Geborgenheit und Fülle.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?

Bewegtes Verschmelzen
von
 männlich und weiblich
(Sonne und Mond).

Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew’gen Tau?“

Himmel/blau: die Jungfrau und das Wasser.
Dein eigen Angesicht: die innere Frau
(ANIMA): Die eigenen weiblichen Anteile

sprechen den Trieb an.

Das Wasser rauscht›, das Wasser schwoll,
Netzt› ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
Wie bei der Liebsten Gruß.

Anschwellen das Überfliessen
des «
Wassers des Begehrens»
.
(Fuss f. Geschlechtsorgan [2]).
Sehnsucht nach der Geliebten.

Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
da war’s um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
und ward nicht mehr gesehn.

 

Er lässt sich hinabziehen,
lässt sich fallen in den Körper
mit seinen Trieben und
versinkt im Unbewussten.

Gedanken zu Goethes Gedicht «Der Fischer»

Das Gedicht «Der Fischer» schildert auf poetische Weise eine Stimmung eines sonnigen Sonntagsnachmittags.

Das Nichtstun und die entspannte Erwartung sind denn auch darin Schlüssel. Verlockend ist die Vorstellung, nicht Arbeiten müssen (zum Beispiel Beziehungsarbeit leisten zu müssen), sondern «es» einfach geschehen zu lassen und zu empfangen. – Ganz so wie damals in Mutters Schoss, als noch für alles gesorgt war. Das Nichtstun ist der Hebel der Magie. («Es geht wie von selbst, sprich nur ein Wort.») Sie gehört zum Bereich des Unbewussten und der Triebe.

Doch letztlich bedeutet der Weg des Mannes eben diese Arbeit: Hingabe des Körpers und seiner Kraft und Hingabe der Seele, Lieben und Vergeben. Um diesen Weg des Helden gehen zu können, muss er sich von seiner Mutterbindung lösen.

[S. Der Weg des Mannes und des Männlichen in den Geist.]

Nachweise, Anmerkungen:

[1] C.G. Jung, Gesammelte Werke, Band 9/I, „Die Archetypen und das kollektive Unbewusste“, S. 34, § 51

[2] Der Fuss symbolisiert in Überlieferungen das Geschlechtsorgan des Mannes. Hier ist er verwundbar (an seiner «Achilles-Sehne»). So bedeutet das griechische Wort Ödipus «Schwellfuss». Die Sage erzählt von einem Mann, der ohne es zu wissen (in Unbewusstheit) seinen Vater tötete und seine Mutter heiratete.


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