Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Das babylonische Gilgamesh-Epos – Inhalt und kurze Deutung

Der Inhalt des Gilgamesh-Epos

By on 15. April 2020

Der Inhalt des Gilgamesh-Epos

Ein Tonkrug (“Beauty in Brokennes ” von Iris Michel), mit Keilschrift überzogen (Tafel 11, mit der Geschichte der Sintflut) als Symbol für die Gebrochenheit des Menschen und den Inhalt des Epos.

Das babylonische Gilgamesh-Epos – Inhalt und kurze Deutung

Gilgamesh und die Suche nach dem ewigen Leben

Gilgamesh-Epos-Tafel-11 (Wikipedia)

Gilgamesh ist der tyrannische Herrscher von Uruk. Das Gilgamesh-Epos erzählt von seiner Suche nach dem ewigen Leben und seinem Weg zum guten König.
Dieser Beitrag enthält eine kurze Einführung und eine Zusammenfassung des Epos mit ersten Deutungen in den Klapptexten.

Abbildung: Tafel 11 des Gilgamesh-Epos Tafel 11 mit der Sintflut-Erzählung aus der Bibliothek des Aššurbanipal, Wikipedia, von Fæ, CC BY-SA 3.0.

Der Aufbau des Gilgamesh-Epos

Verschachtelte Erzählweise der alten Überlieferungen

Die alten Überlieferungen sind nicht chronologisch zu deuten, sondern folgen dem Prinzip der verschachtelten Erzählung. Das bedeutet, dass zuerst werden die Tatsachen beschrieben werden und was sich zugetragen hat und dann in einem nächsten Schritte die Hintergründe wie Motiv und Glaubenssätze sowie die tiefere Bedeutung.

Körper - Seele - Geist; der Mensch 3-in-1

Drei Ebenen: Körper – Seele – Geist

Durch diese Erzählweise entsteht eine Dreiteilung, welche den drei Bereichen der menschlichen Existenz entspricht: Körper/Jugend – Seele (Erwachsenenalter) und Geist (reifes Alter). Dabei drehen sich die einzelnen Bereiche um diese Fragen:

  1. Auf der körperlich-materielle Ebene: Was hat sich faktisch zugetragen? Welche Taten und Unterlassungen werden beschrieben?
  2. Auf der seelisch-emotionalen Ebene: Welche Prägungen, Vorstellungen und Motive liegen dem Verhalten zugrunde?
  3. Auf der geistig-göttlichen Ebene: Wie ist das Geschehen im Hinblick auf höhere Ordnungen (Gott oder die Kräfte der Weisheit) zu beurteilen?

Die drei Bereiche im babylonischen Gilgamesh-Epos

Das Gilgamesh-Epos behandelt, wie die ältere sumerischen Mythologie von Inanna, der Göttin der Liebe, diese drei Teile nacheinander. Das bedeutet mit anderen Worten, dass jeweils dieselbe Geschichte, jedoch immer wieder aus einen anderen Fokus, erzählt wird.

Teil I: Gilgamesh und Enkidu (Trieb und Antrieb in Körper und Materie)

Es ist vor allem Enkidu, der “beste Freund” des Gilgamesh, der ihn zu seinen sogenannten “Heldentaten” anstiftet. Anstiftet, denn bei genauerer Betrachtung (der Symbole und Parallelen zur sumerischen Überlieferung) scheint es sich dabei eher um “Untaten” zu handeln. Dies erklärt auch, weshalb die Göttin der Liebe am Ende dieses ersten Teils des Epos den rasenden Himmelsstier auf die beiden loslässt. Doch sie bringen auch diesen um. Daraufhin beschliessen die Götter, dass nun genug ist und Enkidu sterben muss.  

Teil II: Gilgameshs Reise zum Meer (Motivation der Seele)

Gilgamesh ist über Enkidus Tod untröstlich. Er will darum übers Meer zu seinem Urahn reisen, um ihn nach dem Geheimnis des ewigen Lebens zu fragen. Denn dieser “Urahn” hatte damals die grosse Flut überlebt und war in den Stand der Götter erhoben worden. Der zweite Teil handelt von Gilgameshs Reise bis zum Meer und von seiner Begegnung mit der Schenkin Siduri, zu der er Vertrauen fasst. Siduri weiss auch, wie er übers Meer gelangen kann.

Teil III: Die grosse Flut (geistige Betrachtung und Konsequenzen für die ganze Existenz)

Es gelingt Gilgamesh tatsächlich, die Wasser des Todes zu überqueren und das Geheimnis des Lebens zu erfahren. Danach tritt er seinen Nachhauseweg an, bei dem es noch einige Verwirrungen gibt, und steht dann zuletzt wieder vor den Mauern seiner Stadt, Uruk.

Die Kurzdeutungen, die jeweils auf einen Abschnitt folgen

Das Wesentliche in Kürze

Weil die Inhalte des Gilgamesh-Epos reichlich komplex sind und seine Deutung überaus anspruchsvoll, werden bereits in der folgenden Zusammenfassung den einzelnen Abschnitten Kurzdeutungen beigefügt. Diese werden in der Bearbeitung der einzelnen Episoden vertieft, begründet und so umfassend wie nötig ausgeführt.

Das Zikkurat von Urnammu, Ur

Zikkurat mit drei Geschossen für drei Lebensbereiche (Körper, Seele, Geist)

Die Zusammenfassung des Gilgamesh-Epos

Das Epos beginnt mit den Worten:

Sieh an die Mauer von Uruk,
deren Friese wie Bronzeschalen scheinen!
Prüfe die Gründung, besieh das Ziegelwerk!
Ob ihr Ziegelwerk nicht aus Backsteinen ist,
Ob Ihren Grund nicht legten die sieben Weisen!

Die Zahl Sieben für die Ganzheit der irdischen Existenz

Das Gilgamesh-Epos handelt von der Reise des Helden zu Weisheit und Ganzheit und damit zur erfüllten Fülle der Existenz. (S. Die Sieben – Ganzheit in der irdischen Existenz und Die Sieben-Tage-Schöpfung.)

Uruk – Stadtmauer und Tempel

1. Teil: Gilgamesh – Königgott und Despot

Der erste Teil des Epos beschreibt, was sich auf körperlich-materieller Ebene zugetragen hat.

Gilgamesh und Enkidu – Taten

Sargon von Akkad

Gilgamesh ist der junge König von Uruk. Er ist ein despotischer Herrscher, der sein Volk unterdrückt. Junge Männer fallen durch das Schwert, junge Frauen werden vergewaltigt, indem Gilgamesh für sich das ius primae noctis, das Recht der ersten Nacht, beansprucht (d.h. das Recht, die Braut noch vor dem Bräutigam in der Hochzeitsnacht zu nehmen und zu entjungfern).

Enkidu

Weil die Götter den Notstand der Menschen in Uruk sehen, erschaffen sie ein wildes Wesen, das die Kraft des jungen Königs auf sich ziehen soll (“damit Uruk sich erhole”). So wächst Enkidu, mehr Tier als Mensch, bei den Tieren im Wald heran und ist Teil einer Herde. Er frisst wie die Tiere Gras und kommt mit ihnen zur Tränke. Auch ist er überaus stark und beschützt die Herde, indem er immer wieder die Fallen des Jägers zerstört. Der Jäger sucht daher nach einer Lösung und bespricht das Problem mit seinem Vater.

Der Mensch – von Natur aus gut?

Enkidu, das Tier im Menschen und der Jäger, der Stratege

Enkidu ist zwar wild, aber er tut nichts Böses. Im Gegenteil, er versucht, die Schöpfung zu bewahren und die Tiere zu beschützen. Sein Gegenpol ist dabei der Jäger, der mehr jagt als er selber essen kann, um einen Profit zu erzielen. Dahinter steckt bereits eine bewusste Strategie. Der Mensch, der in einem ehemals tierischen Körper steckt, verfügt über ein (göttlich-geistiges) Bewusstsein. Manche Menschen leben nur nach ihren Trieben, andere benutzen ihr Bewusstsein im Dienst des Egos, um für sich einen Gewinn zu erzielen …
Gibt es denn überhaupt noch einen anderen Weg? Ja, es gibt den Königsweg: den Heldenweg des Bewusstseins für Liebe und Achtsamkeit, um die Schöpfung zu bewahren und anderen zu dienen.

Dieser Weg ist das Thema des Gilgamesh-Epos, der ersten Heldensage der Menschheit.

Enkidus Initiation: die Shamkat

Auf Rat seines Vaters begibt sich der Jäger als Nächstes zu König Gilgamesh, um von ihm eine Tempeldienerin, eine Shamkat zu erbitten. Er bringt diese zur Tränke und befiehlt ihr, ihren Busen zu entblössen, um so Enkidus Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Tatsächlich gelingt es ihr.  Und so, nach sechs Tagen und sieben Nächten Liebesspiel ist Enkidu ein Anderer. Nun bringt ihm die Shamkat menschliche Umgangsformen bei, wie aus dem Glas zu trinken und bei Tisch zu essen. Auch lässt sie ihm die Haare schneiden. Daraufhin bringt sie Enkidu nach Uruk. 

Uruk – Stadtmauer und Tempel (symbolisch für Erkenntnis)

Sieben Tage für eine neue Schöpfung und: Wer oder was ist die Shamkat?

Was ist geschehen? Zivilisation und Begehren

Nach sieben Tagen Beischlaf mit der Shamkat ist Enkidu ein Anderer. Er hat bildhaft gesprochen sein Paradies und seine “Unschuld” verloren – und ist somit bereit für die Zivilisation. Als letztes werden seine Haare geschnitten. Die Geschichte erinnert an Simson und Delilah in der Bibel. Simsons geistige Kraft lag in seinen Haaren! In diesem Zusammenhang wäre diese die Bewahrung der Schöpfung und Achtsamkeit. Doch nun? – Es lässt sich wohl auf diesen Satz reduzieren: Enkidu hat das Begehren kennengelernt, und die Möglichkeit, sich zu nehmen, was er will.

Die Shamkat: Prostituierte oder Tochter des Königs?

Sie wird gewöhnlich mit “Tempelprostituierte” übersetzt. Eine Dienerin der Göttin der Liebe? Im babylonischen Gilgamesh-Epos wird erstmals die Abwertung des Weiblichen “offiziell”, indem die Göttin der Liebe selbst, Ishtar, als “Hure” beschimpft wird (s. weiter hinten). Entsprechend sind natürlich auch ihre Dienerinnen “Prostituierte”. Doch in den älteren Quellen, in der sumerischen Mythologie wie auch in der Sargon-Legende, ist das Thema, dass die Tochter des Königs als Göttin der Liebe sich mit einem Wilden eingelassen hat, wobei er sie entjungfert hat. Und damit (also Dank ihrer Gunst!) gerät der ungehobelte Kerl an den Hof des Königs, denn mit der Tatsache der geschlechtlichen Vereinigung hat er eine Verbindung geschaffen …

Männerfreundschaft?

Die Menschen von Uruk staunen über Enkidus mächtige Gestalt und beginnen, ihn wie einen Gott zu verehren. Doch als Gilgamesh auf Enkidu trifft, kommt es zu einem unerbittlichen Kampf, der lange dauert, denn die beiden sind gleich stark. Der Kampf endet damit, dass Gilgamesh sich mit Enkidu anfreundet. 

Der Kampf von König Bewusstsein gegen die innere Tier-Identität, das Ego

Komplizenschaft statt Überwinden!

Das Epos bringt hier dieses Thema empor: Es ist der Wille der “Götter”, dass der Mensch seine ganze Kraft aufbringt, um sein inneres Tier zu überwinden, damit er nicht zur Plage für andere wird. Doch was tut Gilgamesh? Er freundet sich mit dem Tier in sich an und schliesst mit seinem Trieb und seinem Ego eine Bund. Ihre gemeinsamen sogenannten “Heldentaten” sind darum als Gewaltakte verschlüsselt. 

Die Mutter und die Heldentaten

Gilgamesh bringt nun seinen neuen Freund nach Hause. Aber seine Mutter will nichts von dem ungehobelten Kerl wissen. Da beschliesst Gilgamesh, mit Enkidu loszuziehen, um Heldentaten zu vollbringen. Sie machen sich als Erstes auf den Weg ins Zederngebirge (Libanon). Gemeinsam sind sie stark und unterwerfen oder zerschlagen alles, was ihren Weg kreuzt. Im Gebirge töten sie den furchterregenden Chumbaba, Herr des Gebirges. Auch fällen sie die eine hohe Zeder, die bis in den Himmel ragte. Nichts ist ihnen heilig.

Der männliche Trieb und die Ehefrau in der Mutterrolle

Die Fällung der einen hohen Zeder, der Königstochter

Gilgamesh, der Wilde, ist nämlich also Dank des Beischlafs mit seiner “Göttin”, der Königstochter, zum König geworden. Verschleiernd erzählt der Mythos, dass es damit angefangen hatte, dass er angestiftet durch Enkidu, seinen Trieb, die eine hohe Zeder, nämlich die höchste Jungfrau im Land gefällt hatte. Dies ist ein Bild dafür, dass er die Tochter des Königs entjungferte (wie auch schon in der älteren sumerischen Mythologie, s. Episode 3). Dabei “tötete” er auch Chumbaba, den Herrn des “Gebirges”, den König-Vater? Auch das Gebirge ist immer wieder ein Bild für das weibliche. Wehe es ist ein Vulkan! (Auch dieser kommt im Epos im Zusammenhang mit den Heldentaten vor).

Der ungebremste Trieb (Enkidu) und die Partnerin in der Rolle der Mutter

Gilgamesh ist stark und ebenso sein Trieb (Enkidu), unbändig und voll wilder Kraft. Somit würde er natürlich gerne weiter ungebremst Liebe konsumieren, aber das passt der Königstochter, die in der Machtposition und damit auch in der Rolle der Mutter ist, verständlicherweise nicht. Darum entzieht sie sich, und er muss zusehen, wo er bleibt. Also geht er mit Enkidu auf “Abenteuer”, das heisst er sucht und findet andere Gelegenheiten, um seinen Trieb auszuleben … zum Beispiel durch das “Recht der ersten Nacht”, dem Recht des Königs, die Jungfrauen des Landes bei ihrer Hochzeit zu entjungfern.

Gilgamesh und Ishtar (die babylonische Göttin der Liebe)

Schmähung Ishtars

Nach diesen Erlebnissen kehren Gilgamesh und Enkidu nach Uruk zurück und lassen sich als Helden feiern. Das Epos beschreibt, wie der stolze König Gilgamesh seine Königsmütze aufsetzt, als sich ihm Ishtar, die Göttin der Liebe, voll Begehren nähert. Doch nun weist er sie harsch zurück und beschimpft sie als Hure.

Partnerschaftliche Auseinandersetzungen

Beleidigte Reaktion auf den Zorn der Partnerin

Natürlich hat seine Frau, die Königstochter mitbekommen, was Gilgamesh so treibt und stellt ihn darum zur Rede. Doch Gilgamesh, der ja nun der König ist, dreht den Spiess um, indem er ihr die Schuld an allem gibt. Er sagt: “Du bist doch die Verführerin, du hast mich verdorben!”. In der Mythologie zählt er nun sämtliche “verflossenen” Liebhaber der Göttin auf, nämlich die Gestalten aus der älteren sumerischen Mythologie und der Sargon-Legende. Doch was die Schreiber des Epos ausblenden: Es handelt sich bei den verschiedenen Gestalten (Isimud, Dumuzi und dem Gärtner) immer um ihren König-Geliebten, in unterschiedlicher Gestalt …

Die rasende Göttin und der Himmelsstier

Voller Wut steigt daraufhin Ishtar zum Himmel empor und verlangt von ihrem Vater, dem obersten Gott, den Himmelsstier. Dieser sträubt sich und weist sie darauf hin, dass der Stier viel Zerstörung anrichten wird und dass dies sieben Hungerjahre zur Folge haben wird. Doch Ishtar antwortet: “Ich habe genug Vorräte in meinen Speichern!”.

Der erschlagene Himmelsstier

Ishtar bekommt also ihren Willen und bringt nun den Himmelsstier nach Uruk und lässt ihn auf die beiden los. Der Stier wütet und reisst mitten in der Stadt einen Abgrund auf. Gilgamesh und Enkidu kämpfen und besiegen zusammen den Stier. Zudem schneidet Gilgamesh dem getöteten Tier eine Keule ab und wirft diese vor Ishtars Füsse. Dabei schmäht er sie nochmals: «Dasselbe würde ich mit dir tun, wenn ich dich kriegte!».

Der Stier (mächtige Weiblihckeit); Christina Krüsi, "Over the Peak" (2016)

Der Stier als weibliches Symbol, die Keule und Jakobs Kampf mit Gott

Der Himmelsstier: der weibliche Trieb, rasender Zorn!

Der Himmelsstier symbolisiert die Frau in ihrem Zorn. So will sich die reife Frau sich nicht mehr alles gefallen lassen, sondern sieht vielmehr schnell rot und kann sogar zu Gewalt greifen. Dies insbesondere, wenn sie durch die fehlende Liebe des Partners verletzt worden ist. Er kann sie jedoch über ihren Zorn manipulieren, weil sie sich dabei kopflos ins Unrecht setzt und zudem in Gefahr gerät, alles zu zerschlagen, was ihr je etwas bedeutet hat.

[S. Die Paardynamik FEUER (Gewalt) und Der Stier als weibliches Symbol.]

Sieben Hungerjahre – Josef?

Dies erinnert an die Geschichte von Josef beim Pharao in der Bibel. Die Frau des Kämmerers begehrt Josef, so wie im Babylonischen Epos sie Gilgamesh begehrt haben soll. Doch dabei wurde ausgeblendet, dass sie seine Frau ist. Hier ist es jedoch SIE, die vorgesorgt hat …

Die Tötung des Himmelsstiers: das Ende der Leidenschaft

Der Himmelsstier symbolisiert als Animus Trieb und Antrieb in der Materie. Die leidenschaftliche Liebesbeziehung zwischen der Göttin und ihrem Heldenkönig ist jedoch durch die Untaten des Königs getötet worden. Und damit ist auch die Berechtigung des Gilgamesh, sich weiterhin als König zu bezeichnen, dahin.

Die Keule und Jakobs Kampf mit Gott

In der Bibel findet sich die seltsame Geschichte, dass Jakob die ganze Nacht mit Gott kämpfte und Gott sogar besiegte (1. Mo 32,23)! Dennoch wollte er Gottes Segen, worauf Gott ihn auf die Hüfte schlug, sodass er für den Rest seines Lebens hinkte. Die Verletzung als Segen? Lieber ein Krüppel als ein Gottloser? Die Symbole passen, denn Nacht bedeutet Unbewusstheit (Triebhaftigkeit) und Gott, das heisst die Liebe, wurde geschlagen, indem ihre Ordnungen übergangen wurden. Die Verwundung am Oberschenkel ist in Überlieferungen immer wieder ein Symbol für die Integration der weiblichen Seite des Geistes (Liebe, Anima). Dies setzt eine Existenzielle Erfahrung der Schwäche voraus (Verlust, zum Beispiel auch der Potenz), die zur “heiligen Wunde” des Königs wird.
Dies gilt auch für Gilgamesh. Er wird sich dabei auf den Königsweg machen, um das ewige Leben zu finden.

Enkidus Tod

Indem sie also nun auch noch den Himmelsstier getötet haben, haben die beiden, Gilgamesh und Enkidu, den Bogen eindeutig überspannt. Den Göttern reicht es endgültig und sie beschliessen, Enkidu sterben zu lassen. So geschieht es. Enkidu wird krank und stirbt. Gilgamesh ist untröstlich und will ihn nicht begraben. Er weint sechs Tage und sieben Nächte um seinen Freund, bis die Würmer dessen Gesicht befallen.

Daraufhin verlässt er Uruk, denn er will das Geheimnis des Lebens finden, um den Tod zu überwinden.

Enkidus Tod und sieben Tage: wieder eine neue Schöpfung !

Es ist aus!

So verfügen nun also die Götter, dass Enkidu, Symbol für der Trieb, sterben muss, was für Gilgamesh eine existenzielle Verletzung bedeutet. Enkidus Tod ist ein Bild für das Sterben des Triebes, der Potenz und Macht des Königs, was auch seine Ursache im Sterben der Liebesbeziehung seiner Göttin hat. Sie wirft ihn raus: “Es ist endgültig aus zwischen uns!”
– Die Königstochter als Göttin der Liebe, die geschmäht worden ist, schickt ihren treulosen Gatten zum Teufel: “Und lass dich hier nie mehr blicken!”.

Die neue Schöpfung!

Nun ist es Gilgamesh, der im innersten Kern getroffen ist. Nichts bleibt ihm mehr. Dieser Zerbruch ist zugleich sein Neuanfang. Er macht sich auf den Weg des Helden, bricht auf … Aber wohin? Er will das Leben suchen, das er nie hatte, das wahre Leben, das Leben in sich selbst.

Uruk – Stadtmauer und Tempel

2. Teil: Gilgameshs Reise zum Meer

Motive und Beziehungen (Seele)

Der zweite Teil des Epos beschreibt, was sich auf seelisch-emotionaler Ebene zugetragen hat.

Körper - Seele - Geist; der Mensch 3-in-1

Das Geheimnis des Lebens: Ganzheit, Göttlichkeit

Gilgamesh hat sich vorgenommen, das Meer zu überqueren, um seinen Urahn Utnapischtim aufzusuchen, der jenseits des Meeres wohnt. Er will ihn nach dem Geheimnis des ewigen Lebens fragen, denn Utnapishtim hat die grosse Flut überlebt und ist in den Stand der Götter erhoben worden. Somit hat er auch das ewige Leben. 

Die Skorpionmenschen

Der lange Weg unter dem Berg 

So macht er sich nun also auf den Weg, um zum Meer zu gelangen. Auf seiner Reise kommt er zuerst an einen grossen Berg. Es gibt einen Weg unter dem Berg durch, doch der Eingang wird von Skorpionmenschen bewacht. Sie sind ein Paar, Mann und Frau. Gilgamesh stellt sich Ihnen als der König vor. Der Mann sagt: «Er ist Menschenfleisch!», aber die Frau sagt: «Er ist nur ein Drittel Mensch, und zwei Drittel Gott». Also lassen sie ihn passieren. 

Die Skorpionmenschen und der Berg: Egoismus und Trieb

Der Weg unter dem Berg – in die Materie und ins Unbewusste

Berge als Erhebungen der Erde, sind ein Symbol für das Weibliche. Der Weg über den Berg am Licht steht für den Weg der Hingabe und der Partnerschaft (der auch nicht immer einfach ist). Der Weg unter dem Berg symbolisiert den Weg durchs Unbewusste und den Trieb. Denn Dunkel ist das Gegenteil von Licht (Bewusstsein) und ein Bild für das Unbewusste. Es wäre zwar vielleicht auch möglich, über den Berg zu gehen, doch auch hier gibt es grossen Widerstand. (Das Bewusstsein wird durch Härte und Entbehrungen geprüft, die den Helden existenziell herausfordern. Dazu anschaulich in Tolkiens Herr der Ringe dargestellt: Der korrupte Magier Saruman jagt den Helden Angst und Schrecken ein).

Die Skorpionmenschen: patriarchale Zivilisation und negative Paardynamik

Wer oder was sind Skorpionmenschen? Um 3000 v.Chr. gab es einen Pharao mit dem Namen “Skorpio”, der verschwand, indem er möglicherweise das Land verlassen musste, weil er aus dem Volk der Unterdrückten stammte (s. Die Kiebitz-Palette). Auf jeden Fall besitzen Skorpione einen giftigen Stachel, ebenso die Skorpion-Menschen, Mann und Frau. Der Mann sagt: “Er ist Menschenfleisch” und legt damit den Fokus auf das Fleisch, und damit auf den Körper und Trieb. Die Frau hingegen meint, “Er ist zu zwei Dritteln göttlich”, was auf Seele und Geist (immateriell) schliessen lässt. Damit ist auch das Beziehungsproblem angesprochen: Er hat den Fokus auf das Materielle, das “Fleisch”, also den Körper mit seinen Trieben, sie auf das Immaterielle, Göttlich-Geistige, die (Seele) und Liebe (Geist).

Gebirgskette in Alaska als Drache ("Mutter")

Von Verführung zu Vertrauen

Die Edelsteinbäume: Verführung

Nach 120 Kilometer Wanderung durch die Dunkelheit kommt Gilgamesh endlich wieder ans Licht. Nun sieht er in einem Garten Bäume, in denen statt Früchten Edelsteine hängen. Dann endlich erreicht er das Meer.

Die Schenkin Siduri: eine Vertrauensbeziehung

Hier, am Ufer des Meeres, befindet sich eine Schenke. Er klopft an die Tür, hämmert an die Tür, doch die Schenkin Siduri, die ihn von Weiten hat kommen sehen, hat die Tür verriegelt. Sie denkt, er sei ein Mörder, denn er bietet einen fürchterlichen Anblick: Seine Kleider sind zerrissen, sein Haar verfilzt.

Doch er lässt nicht nach. Er bestürmt die Schenkin: «Öffne, ich bin König Gilgamesh!». Er zählt auch alle seine vielen Heldentaten auf. Da lässt sie ihn herein. Gilgamesh achtet dabei auf ihre Augen und ihre Stimme und gewinnt so ihr Vertrauen. Auch er vertraut ihr und spricht mit ihr über die Dinge, die ihm wichtig sind.
So fragt Gilgamesh die Schenkin denn auch, wie er wohl übers Meer kommen könne. Sie antwortet: «Kein Mensch hat das je geschafft. Denn dazwischen liegen die Wasser des Todes! Meerüberschreiter ist allein Shamash (eine Animus-Figur).».

 

Von Verführung zur wahren Beziehung

Nach langer Dunkelheit das Licht der Erkenntnis

Gilgamesh wandert 120 Kilometer durch die Dunkelheit, bis er endlich wieder ans Licht kommt. Dies ist ein Bild für Bewusstwerdung. So symbolisiert die Zahl 120 = 12 x 10 den langen Weg von 12 (vom Paradies) zu 10 (zur erlösten Schöpfung; s. von 13 zu 10). Danach sieht Gilgamesh Bäume, an denen Edelsteine hängen (wie auch Aladin, nachdem er die Wunderlampe gestohlen, ihr Licht gelöscht und ihr Öl ausgeleert hat).

Die Edelsteinbäume: Verführung

Edelsteine als Früchte sehen zwar schön aus, aber man kann sie nicht essen, sie schmecken nach nichts und nähren nicht. So ist es auch mit der Verführung. Es ist das Auge, das angesprochen wird, vielleicht auch die eigenen Träume und Illusionen. Gilgamesh erkennt nun, dass er auf weibliche Verführung hereingefallen ist. Damit ist er nun endlich offen für eine andere Art der Begegnung.

Die Schenkin Siduri

Die Schenkin Siduri ist die einzige Frau, die überhaupt im Gilgamesh-Epos vorkommt. Alle anderen Frauenfiguren sind zu Männern, Ungeheuern oder Naturkatastrophen mutiert, ja sogar die Göttin der Liebe ist nichts als eine Hure. Ganz anders Siduri. Sie ist eine intakte Frau, welche ihr Gegenüber sorgfältig prüft, bevor sie sich ihm öffnet. Gilgamesh kann sie nicht einfach einnehmen und konsumieren. Er muss sich vielmehr bemühen, sie wahrnehmen, um herauszufinden, wie er sie gewinnen kann. Mit anderen Worten: Er sucht – vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben – die Beziehung zu einer Frau.

Mesopotamisches Zylinder-Siegel, ca. 3000 v. Chr. (Nigulla-Tor)

Inannas Himmelsboot auf dem Weg in die überschwemmte Stadt (Episode 8)

Der Fährmann 

Die Zerschlagung der Steinernen

Doch plötzlich, als würden sie unterbrochen, ruft die Schenkin: «Schau, da ist Urshanabi, Utnahpishtis Fährmann! Fahr mit hinüber, wenn möglich!». Gilgamesh stürzt hinab, schwingt seine Axt, stürzt unter sie … (hier fehlen im Urtext Zeilen …) und steht vor Urshanabi. Dieser sagt: «Was hast du getan?! Du hast die Steinernen zerschlagen! Sie sind es aber, die über die Wasser des Todes hinüberbringen!». 

Die codierte Wahrheit entschlüsselt: Der "Fährmann" ist eine Frau, ist SEINE Frau!

Die Wasser des Todes

Zuerst: Was sind Wasser des Todes? Wasser als positives Symbol steht für Leben, als negatives Symbol aber für Unbewusstheit und damit auch für Triebhaftigkeit. Die Wasser des Todes sind der Abgrund, der sich öffnet, wenn man sich den Trieben hingibt (s. Goethes Fischer). Das Boot oder Schiff, das über die tödlichen Fluten trägt, ist die feste Beziehung, die Ehe, in welcher die Triebe auch ihren Platz haben können, ohne dass jemand zu Schaden kommt.

Shamash, der Held, eine Animus- und Christusfigur

Im Gilgamesh-Epos erscheint Shamash zunächst als Stier und wilder Trieb, dann als Himmelsstier für den “heiligen” Zorn der verratenen Partnerin und nun als jener Held, der allein den Weg über die Wasser des Todes machen kann. Shamash ist eine Animus-Figur, welche für den Antrieb im Körper und in der Materie steht. Er hat sich nun von Trieb zum Antrieb aus Liebe gewandelt. Damit ist er mit dem Christus/Messias identisch. (Im Baum des Lebens der Kabbala nimmt der Messias den Platz des Animus, Ziffer 9, ein).
So kann der Mensch, der sich für den Heldenweg der Liebe entschieden hat, die Wasser des Todes überwinden.

UrShaNaBi, der Fährmann? – Gilgameshs Frau!

Die Schenkin sagt zu Gilgamesh: “Jetzt ist die Gelegenheit zur Überfahrt (zur Versöhnung) gekommen, ergreife sie!”. Denn Urshanabi ist da! Urshanabi kann offenbar auch über die Wasser des Todes fahren, darum “Fährmann”. Doch der Name ist eine Verschlüsselung, denn er enthält Silben aus der sumerischen Mythologie, von der Bezeichnung Inanna-Ninshubur. Diese stellt die Göttin der Liebe in ihrer irdischen Gestalt als Königin der Erde und Ehefrau des Helden dar. In Babylon hiess die Göttin der Liebe Ishtar. Sie ist, wie man bereits gelesen hat, auch mit dem “Himmelsstier”, Shamash, verhängt. Und sie ist es, die nun unvermittelt auftaucht und ihren Gatten mit einer anderen erwischt (wie auch schon in der sumerischen Mythologie, Episode 20). Doch die Andere, Siduri, sagt: Geh, versöhne Dich (und “fahr so hinüber” in die Ganzheit und Göttlichkeit)!

Die Zerschlagung der Steinernen

Urshanabi konfrontiert nun Gilgamesh mit seinen Untaten: “Was hast du getan?! Du hast die Steinernen zerschlagen!”. Auch sie hätten den Helden über die Wasser des Todes bringen können. Wie das? Sie symbolisieren junge und intakte Frauen, die steinhart bleiben, bis sie sich der wahren Liebe ihres Verehrers vergewissert haben. Doch Gilgamesh hat sie alle vergewaltigt und mit ihnen die reine, rettende Liebe zerschlagen.

Die Wasser des Todes und die 120 zerbrochenen Ruderstangen

Der Fährmann weist nun Gilgamesh an, Zedern zu fällen, um daraus 120 lange Ruderstangen anzufertigen. Mit diesen soll er nun über die Wasser des Todes rudern, denn seine Hand darf das Wasser nicht berühren. Aber eine Stange nach der anderen zerbricht auf der Fahrt. Schliesslich ist keine mehr übrig. Da reisst sich Gilgamesh seine Kleider vom Leib und hängt sie als Segel an den Mast. So erreichen sie das andere Ufer.

Die Kleider am Mast: die sterbliche Hülle am Kreuz

120 Ruderstangen brechen

Die Zahl 120 = 12 x 10 symbolisiert den langen Weg von 12 (vom Paradies) zu 10 (zur erlösten Schöpfung), wie auch bereits oben, die 120 km unter dem Berg.
Die Ruderstangen bestehen aus gefällten Bäumen. Auch sie sind ein Bild für gefällte Frauen (wie schon die eine hohe Zeder). Die Symbole sprechen zum Körper, was also intuitiv erfasst wird, ist dies: Weil Gilgamesh die Steinernen (Jungfrauen) zerschlagen hatte, musste er auch Bäume (noch mehr Frauen) konsumieren. Oder umgekehrt: Weil Gilgamesh Frauen konsumieren wollte, hat er die Jungfrauen zerschlagen. Oder wieder anders: Weil er das Leben gesucht hat, hat er Frauen konsumiert (denn sie haben das Leben in ihrem Schoss) … Und weil er sie konsumiert hat, hat er es nicht gefunden, denn er hat sie ja zerschlagen oder zerbrochen. Was nun? 

Die Kleider am Mast: Sterben des Egos

Es bleibt ihm nichts … nur eines: seine Kleider an den Mast zu hängen, um damit hinüberzusegeln. Kleider sind immer wieder auch ein Bild für die körperliche Hülle, welche die Seele umgibt. Gilgamesh muss jetzt also seinen Leib an den Mast hängen, sein “Fleisch” und damit sein Begehren am “Baum” kreuzigen  (!), um auf diese Weise hinüberzusegeln. Mit anderen Worten: Weil er den heilenden und heiligen Weg der Liebe zu Ganzheit verschmäht hat, bleibt ihm nur noch der Weg der Läuterung, der mit dem Sterben (des Egos) einhergeht.

Und so gelangt er endlich hinüber – zu seinem unsterblichen Urahn.

3. Teil: Jenseits der Wasser des Todes

Der Mann, der die grosse Flut überlebt hatte 

Die Meta-Ebene (Geist)

Der dritte Teil des Epos beschreibt die Geschehnisse nochmals, aus göttlich-geistiger Sicht, aus der Ebene des Geistes oder anders formuliert aus der Meta-Ebene.

Körper - Seele - Geist; der Mensch 3-in-1

Gilgamesh begegnet in der jenseitigen Welt seinem Urahnen, der das ewige Leben erlangt hat. Dieser tritt als das harmonisches Ehepaar auf. 

Der Name UTNAPISHTI – ein Code

Utnapishti hat die Fähre schon von Weitem gesehen und fragt: «Wer kommt über die Wasser des Todes hierher, und hat doch kein Recht darauf?» Als Gilgamesh gelandet ist, stellt er sich vor und sagt sein Anliegen. Er endet mit der Frage: «Wie hast du es geschafft, Göttlichkeit zu erlangen?».

Utnapischtim, ebenalls eine Code: der NAME GOTTES, männlich und weiblich

Utnapischtim und seine Frau

Gilgamesh begegnet der göttlichen Einheit, männlich und weiblich, wie sie im Geist Gottes ebenfalls gegeben ist (s. Ruach, Geist Gottes – männlich und weiblich). C.G. Jung nennt dieses göttliche Paar die “Syzygie”.  

Das Geheimnis: der Name Gottes entschlüsselt: Brot und Wein (Läuterung)!

Den babylonischen Namen Gottes konnte damals nur entschlüsseln, wer “gebildet” und “geistig geschult” war, mit anderen Worten, wer sich mit der älteren sumerisch-akkadischen Überlieferung auskannte. Der Name UtNaPishTi(m) setzt sich aus den Silben zweier grosser Archetypen zusammen, aus GESHTINANNA, der Göttin des Weinstocks und aus UTU, dem Sonnengott, als Christus-Gestalt. (Im Gilgamesh-Epos hat Siduri die Rolle der Göttin des Weinstocks und Shamash die Rolle des Utu.)

Der Name der Ganzheit (der Name Gottes) lautet also Brot und Wein!
Ganzheit erreicht, wer auf dem Weg durch die Unterwelt seine gegengeschlechtlichen Persönlichkeitsanteile integriert (Brot für den Körper, “männlich”; Wein für die Seele, “weiblich”). 

Gilgamesh hat jedoch kein Recht (dies wir ausdrücklich betont) ...

Der Weg des Helden und die Feuerprobe

Gilgamesh hat kein Recht am göttlich-geistigen Ort der Ganzheit zu sein, denn er hat den Weg durch die Unterwelt (noch) nicht gemacht. Was es dazu braucht, wird jetzt im dritten Teil des Epos das Thema sein. 

Der Bericht von der grossen Flut

Als Antwort auf Gilgameshs Frage erzählt ihm der Alte nun seine Geschichte, nämlich wie er die grosse Flut überlebt hat:

Die "Arche" als Kubus (wie im Gilgamesh-Epos)

«Enlil (der Gott der Luft) wollte die Erde zerstören. Doch EnKi (der Gott der Erde) warnte mich in der Nacht. Er wies mich an, einen Kasten zu bauen, und ihn wasserdicht zu machen. Der Kasten hatte die Form eines Würfels, wobei jede der 12 Kanten eine Länge 10 x 12 Ellen haben sollte (also 60 Meter, das ergibt eine Seitenfläche von 60 x 60 m = 3600 Quadratmetern). Sechs Böden sollte ich einziehen, sodass sieben Stockwerke darin entstanden in welche ich Tiere, Pflanzen und Samen, Bier, Esswaren, Silber und Gold hineingeben sollte.
Als es eines Morgens Küken vom Himmel regnete und am Abend Weizen, wusste ich, dass es Zeit war. Ein Sturm setzte ein, vor dem die Götter zitterten. Ishtar weinte um die Menschen und schrie wie eine Gebärende …»

Die Arche – ein gigantischer Würfel von 216'000 Kubikmetern ... Symbolische Deutung!

Die Symbolik in der Dimension des Schiffes

Mit 216.000 Kubikmeter ist dieses Schiff mehr als fünfmal so groß wie die Arche Noah (s. Wikipedia-Beitrag). Nur schon die Zahlen deuten Symbolik an: 12 x 10 Ellen. Hier wieder: die 12 für die paradiesische Ganzheit, die 10 für die erlöste Schöpfung (wie die 120 km unter dem Berg und die 120 Ruderstangen). Die 10 ist auch die Zahl des babylonischen Gottes Marduk/EnLil, den 10 Faktoren der Negativdynamik müssen “erlöst” werden – zum Baum des Lebens” mit den 10 Sephiroth.

7 Stockwerke für die Ganzheit der irdischen Realität

Hinzu kommt, dass sechs Böden eingezogen werden für sieben Stockwerke. Dabei steht die Zahl Sieben für die Ganzheit der irdischen Existenz. So spielt diese Zahl im Gilgamesh-Epos immer wieder eine Rolle für den Prozess der Erneuerung (7 Tage Liebesspiel, 7 Tage Trauer um Enkidu, 7 Jahre Dürre wegen dem Himmelsstier, 7 Tage Sturm, 7 Tage Schlaf und 7 Brote s. u.).

Das Ziel: Erhaltung des Lebens der Existenz!

Das Schiff des liebenden Bewusstseins, das über die Fluten der Unbewusstheit trägt, muss “wasserdicht” gemacht werden.

EnLil, EnKi und Ishtar: die Götter als Archetypen für menschliches Verhalten

Das Weibliche (Wasser) als destruktive Flut

Nun droht also eine Flut alles zu zerstören. Wasser ist das weibliche Element. Es kann lebensspendend aber auch zerstörerisch wirken. Wie zornig und destruktiv Ishtar, die Göttin der Liebe, wüten kann, kam schon im Abschnitt mit dem Himmelsstier zum Ausdruck. Doch nun schreit sie wie eine Gebärende (als die Herrin der Unterwelt) vor der Geburt des Neuen (wie in der sumerischen Mythologie, Episode 15).

Wer ist denn für die Flut verantwortlich? 

Gemäss der babylonischen Mythologie ist nun also EnLil, der Gott des Sturms für die Flut verantwortlich. Er repräsentiert als Gott der Luft jugendlich-stürmische und kriegerische Macho-Männlichkeit. Auf der anderen Seite steht der besonnene und erhaltende EnKi, der Gott der Erde, der Vater und Gott der Weisheit, der freundliche Warmherzigkeit, also Erbarmen hat. (s. Der Vater und der Gott der Luft, sumerische Mythologie, Prolog II).  

Die reife Frau im Griff unreifer, aggressiver Macho-Männlichkeit …

Dass Ishtar, die Göttin, wüten kann, hat man schon gesehen. Sie ist als reife Frau und Partnerin auf dem Weg, ihre männlichen Anteile zu integrieren. Das kann so gedeutet werden, dass die Göttin der Liebe – im Griff ihrer negativ-aggressiven männlichen Anteile (Animus, symbolisiert durch EnLil) – ein gewaltiges Drama inszeniert, bei dem alles in Unbewusstheit (Raserei und Schmerz) zu versinken droht (s. Wasser, weiblich). Was nun? – Es gilt, das Bestehende vor dem Untergang zu bewahren, das weiss der liebende Vater (EnKi). Liebende Männlichkeit macht die Luken “wasserdicht” und wartet, bis sich der Sturm wieder legt …

Küken und Weizen vom Himmel und die Wüstenwanderung des Volkes Israel

Die Vögel, die vom Himmel fallen, erinnern an 2. Mo 16, 11-12. Nur mit dem Unterschied, dass da die Vögel am Abend vom Himmel regneten und das Manna (Brot des Himmels) am Morgen. Vielleicht soll die Umkehrung der Bilder (Überschwemmung-Wüste; Morgen-Abend) darauf hinweisen, dass das Volk Gottes nun auf dem richtigen Weg ist?

Sieben Nächte und sechs Tage Schlaf und die sieben Brote

Nachdem Utnapishtim die ganze Geschichte erzählt hat, möchte Gilgamesh wissen, was er konkret tun kann. Die Antwort lautet: «Du wirst das Leben, das du suchst, finden, wenn du sechs Tage und sieben Nächte nicht schläfst!».
Kaum hat Gilgamesh diese Worte gehört, da fällt er schon in einen tiefen Schlaf. Utnapishtim weckt ihn am siebten Tag. Gilgamesh fährt auf und sagt: «Ich habe nur kurz geschlafen!». Aber Utnapishti zeigt ihm sieben Brote, die seine Frau gebacken hat, an jedem Tag, den Gilgamesh verschlafen hat, eines. Das erste ist schon weiss und hart, das siebte ist noch im Ofen. Auch zeigt er ihm Striche an der Wand für die Tage und Nächte, die Gilgamesh verschlafen hat. Da erkennt Gilgamesh sein Versagen und grämt sich: «Wo immer ich hingehe, da ist der Tod!»

Das "tägliche Brot" wegen Schlaf (Unbewusstheit, Triebhaftigkeit) versäumt

Gilgamesh hat sein Leben verschlafen, das heisst in Triebhaftigkeit gelebt und dabei versäumt, das zu sich zu nehmen, was seinem ewigen Leben gedient hätte: die Erkenntnis und Befolgung der göttlichen Weisheiten. Dies setzt offene Bereitschaft und Annahme voraus. So ist denn auch die Bitte “Unser täglich Brot gib uns heute” ein Bestandteil des Gebetes “Unser Vater“, das Jesus lehrte.

Uruk – Stadtmauer und Tempel

Mitleid der Frau

Utnapishtim weist nun Urshanabi, den Fährmann, an, Gilgamesh mit Wasser zu waschen und ihm neue Kleider zu geben, seiner Würde gemäss. Diese Kleider werden sich nicht abnutzen, bis sie wieder die Stadt Uruk erreichen. Zusammen besteigen Gilgamesh und Urahanabi also das Schiff. 

Wahre Vaterliebe: Warmherzigkeit und Mitleid und neue Kleider!

Barmherzigkeit und Vergebung der Partnerin

Es ist die Frau, welche nun Mitleid hat mit Gilgamesh. Und der Vater, Utnahpishtim, der Urshanabi anweist, Gilgamesh neue Kleider zu geben. Urshanabi-Ishtar ist ja auch da! Und ihre Emotionen haben sich offenbar von negativer Männlichkeit (Macht und Aggressionen) nun zu Mitleid gewandelt (die positive Männlichkeit des Vaters).  Sie ist nun bereit, Gilgamesh nochmals eine Chance zu geben (neue Kleider!), denn sie hat mit ihrem positiven inneren Mann (Shamash-Animus als Christus) auch Vaterliebe integriert.

Die Kleider werden sich nicht abnützen … bis sie wieder zuhause in der Realität sind.

Diese Aussage erinnert ebenfalls an die Wüstenwanderung des Volkes Israel, dessen Kleider während der 40 Jahre nicht zerschlissen wurden (5 Mo 29,4). Die Zahl 40 ist ebenfalls symbolisch zu verstehen, als die Überwindung der irdischen Umstände der Existenz (s. in 50, Pfingsten und Prophetie) und natürlich auch an die neuen, weissen Kleider, die Christus gibt (z. B. in Offenbarung 3,18).

Versagen und eine neue Chance

Zusammenfassung (wer’s noch immer nicht kapiert hat … )

Das Unsterblichkeitskraut

Doch Utnapishtims Frau legt bei ihrem Mann noch ein weiteres gutes Wort für Gilgamesh ein: «Er hat sich so abgemüht! Kannst du ihm nicht noch etwas mitgeben für seine Heimkehr?».
Da erzählt Utnapishtim als Letztes Gilgamesh noch von einem stacheligen Gewächs, das in der Tiefe des Meeres verborgen liegt. Wenn es ihm gelänge, dieses zu bergen, würde er das Leben finden.
Sogleich gräbt Gilgamesh einen Schacht, bindet schwere Steine an seine Füsse und lässt sich hinabziehen. Er bringt das Kraut nach oben. Doch er will es nicht selber einnehmen, sondern es lieber zuerst an einem Greis in Uruk ausprobieren. 

Gegen menschlichen Egoismus ist kein Kraut gewachsen ...!

Das stachelige Unsterblichkeitskraut in der Tiefe des Meeres: die Frau, das Leben!

In der Tiefe des Unbewussten wächst ein stacheliges Kraut. Die verletzte Frau, die in Unbewusstheit geraten ist – auch Schmerz und Wut – ist stachelig. So wie Adams Feld, das von Dornen und Disteln überwuchert ist oder Dornröschens Schloss, das hinter der Dornenhecke schläft. Und so erzählt schon die erste menschliche Überlieferung, die sumerische, dass das Grosse Weibliche, das Leben selbst, in die Unterwelt geraten ist und gerettet werden muss.

Gilgamesh … schafft es … aber

Gilgamesh schafft es tatsächlich, das Kraut zu bergen … Aber dann … Er will es nicht essen, lieber an einem Greis ausprobieren. Es fehlt im an Vertrauen, er ist nicht sicher, dass es funtioniert … Ein anderer soll es probieren. Oder nochmals anders: Er sagt: Vielleicht wenn ich alt und grau bin (ein Greis) … Jetzt will ich so leben, wie es mir passt! So oder so, Gilgamesh ist noch nicht bereit, sich hinzugeben und bleibt damit ein Egoist. 

Dornen-Kaktus

Die Schlange

Also macht er sich mit Urshanabi nach Uruk auf. Am Abend nach einer langen Wanderung erblickt er einen Brunnen mit frischem Wasser und steigt hinein, um sich zu waschen. Da kommt eine Schlange herbeigekrochen und stiehlt das Kraut. Sie verschwindet damit, indem sie sich häutet und lässt nur ihre alte Haut zurück. Gilgamesh ist verzweifelt, grämt sich und weint. Es war alles umsonst! Zudem steigt nun die Flut an, Wasser dringt aus dem Schacht, den er gegraben hatte und überflutet die ganze Erde, weil er das Werkzeug darin hat stecken lassen …

Alles geht verloren ... eine Warnung!

Gilgamesh verliert das Kraut wieder …

Er will sich in einem Brunnen, Symbol für den weiblichen Schoss, erfrischen (s. Der Schoss der Frau als Wunder wirkendes Gefäss oder auch Der Goldbrunnen im Märchen “der Eisenhans”). Er steigt ein und prompt ist das Kraut weg. Wen wunderts? Die Schlange als negative Anima des Mannes hat es ihm “gestohlen”, er ist mit anderen Worten auf Verführung reingefallen.

Die Häutung der Schlange als Symbol für Wiedergeburt

Die Schlange gilt dank ihrer Fähigkeit zur Häutung als Symbol für Wiedergeburt. Gilgamesh – der Mensch – bekommt – immer wieder! – eine neue Chance!

Alchemistische Schlange (Quelle: Wikipedia)

Der Kreis hat sich geschlossen

Schliesslich kommen Gilgamesh und Urshanabi nach Uruk. Das Epos schliesst mit den selben Worten, mit denen es begann:

Gilgamesh Abschluss

Sterben im Leben und (ewig) leben im Sterben

Und so lautet die Botschaft an die Hörer de Epos: [S. ]

Nimm dich vor der Verführung in Acht! Und wenn du es in diesem Leben nicht schaffst, dann vielleicht im nächsten. Das Ziel ist auf jeden Fall, dass du im Leben selbst das ewige Leben findest!

[S. Sterben und Auferstehen: Im Hier und Jetzt!]

Das Leben geht weiter – in Söhnen und Töchtern

Die zwölfte Tafel des Gilgamesh-Epos unterstreicht nochmals die Botschaft der Erhaltung des Lebens und schliesst es mit dem Lob der Familie ab.

Grafik:

Grafik des Kubus von Dirk Metzmacher. Gefunden [8.5.18] in: http://www.photoshop-weblog.de/3d-kugel-und-wuerfel


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