Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Die heilige Wunde und der Weg zu Ganzheit

Kreuz im Schnee

By on 13. Juni 2020

Kreuz im Schnee

Die „heilige Wunde“ – Integration des Weiblichen

Die letzte Prüfung – alles verloren

Eine existenzielle Verletzung

In den Überlieferungen erfährt der Held als letzte Prüfung vor dem Ziel eine existenzielle Verletzung. Es sieht aus, als habe sich alles, wofür der Held sich eingesetzt hat, in Luft aufgelöst. Die «heilige Wunde», die ihn zu Ganzheit (Heil, «Heiligkeit») führt, kann unterschiedlich aussehen. So wird zum Beispiel Odysseus nackt an den Strand von Ithaka gespült, nachdem er alle seine Männer und Schiffe verloren hat. Der Held als schwarzer Ritter wird durch die Soldaten des Königs gejagt, verwundet und gefangen genommen. Der Gottesheld wird hingerichtet, gekreuzigt.

Die heilige Wunde als Wunde des Königs

Diese letzte Prüfung entspricht der Feuerprobe des Heldenweges. Mit «der Wunde des Königs» erlangt der Held Königsherrschaft im eigenen Leben und Ganzheit

Die Integration des Weiblichen

Die Wunde des Königs und die Integration des Weiblichen durch Schwäche

Durch die Erfahrung der Schwäche integriert der Mann die weibliche Seite des Geistes (Anima) und gewinnt so den Zugang zu reiner Liebe und zum ewigen Leben.

Weiblichkeit ist – für Männer wie für Frauen – mit Schwäche assoziiert und darum wenig attraktiv. Richard Rohr, geistlicher Lehrer und Franziskanerpater schrieb:

Weibliches Verhalten war mit einem so strengen Tabu belegt, dass es den Männern unmöglich war, die weibliche Dimension in sich selbst zu entdecken und zu entwickeln. [1]

Die heilige Wunde in Überlieferungen:

Märchen und Mythen

Die Verwundung des Helden nimmt in Überlieferungen unterschiedliche Gestalt an. Beispiele:

  • In der sumerischen Überlieferung wird der Held durch die Galla, die Dämonen der Unterwelt geschlagen und es bleibt ihm letztlich nicht erspart, selber den Weg in die Unterwelt zu machen.
  • König Gilgamesh wird wird das Unsterblichkeitskraut, welches er unter Entbehrungen gewonnen hatte, von der Schlange gestohlen.
  • Parzival ist ganz nahe dran, König zu werden, doch dann wird er von der bösen Hexe Kundrie verflucht.
  • Der Held als schwarzer Ritter wird im Märchen der Eisenhans wird  durch die Männer des Königs verwundet (s. Die Königstochter und die Verwundung).
  • Im Märchen von Ritter Georg und der Jungfrau wird der Held durch seinen besten Freund betrogen und bestohlen (s. Georg – das weisse Pferd).
  • Aladin wird vom zornigen Sultan beinahe geköpft, nachdem das Schloss seiner Frau, Tochter des Sultans mit dieser zusammen «verschwunden» ist (s. Der böse Zauberer ist zurück).

Die Verwundung am Oberschenkel im Besonderen:

Bei der mythologischen Verwundung handelt sich häufig um eine Verwundung am Oberschenkel, wohl weil dieser «fleischig» ist. So wird zum Beispiel in der jüdischen Überlieferung Jakob durch «Gott» selber am Oberschenkel geschlagen[2]. Odysseus wird durch einen Eber am Oberschenkel verwundet. Der griechische Gott Zeus schneidet sich selber eine Wunde in den Oberschenkel, um so für seinen «Sohn» eine Gebärmutter zu schaffen. (So bringt er Dionysos zur Welt, das Kind seiner Geliebte Semele, die durch eine List seiner Gattin Hera getötet worden war).

Die Kreuzigung als heilige Wunde

Jesus wurde gekreuzigt. Sein Scheitern bedeutet gemäss der christlichen Lehre zugleich seinen Durchbruch in eine höhere Existenz und zu einem umfassenderem Wirkkreis seiner Botschaft in der Kraft des Heiligen Geistes. Das Kreuz an sich ist schon ein starkes Symbol für Ganzheit.

Die heilige Wunde heute

Die heilige Wunde heute

Die zerbrochene Beziehung als existenzielle Verletzung

In den Überlieferungen findet der letzte Kampf des Helden häufig gegen ein «Monstrum» statt zum Beispiel einem Flammenstier (so im Gilgamesh-Epos oder in Tolkiens Der Herr der Ringe). Dieses symbolisiert die Partnerin, die voll Zorn gegen den «Helden» wütet, weil ihre Liebe wegen seiner Untreue «gestorben» ist.

Damit haben beide ihre gemeinsame Einheit und Ganzheit (männlich und weiblich) verloren. Die Frage ist: Kann der Held sich aufraffen, sie wiederzugewinnen um den Preis seines Egos oder Stolzes, und kann sie ihre Negativität loslassen, ihm vergeben und ihn wieder annehmen? (So wartete zum Beispiel die treue Penelope auf ihren Helden Odysseus. Sie erkannte, weil keiner den «Bogen spannen» konnte, wie er.)

Weiter Beispiele existenzieller Verletzungen

  • Eine Verletzung der Integrität (durch Diffamierung)
  • Der Verlust der sexuellen Potenz
  • Ein Scheitern (Kündigung, Konkurs, Scheidung)
  • Ein existenzieller materieller Verlust (z. B. des Vermögens)
  • Der Verlust einer geliebten Person (z. B. der Tochter)
  • Eine Krankheit (physisch oder psychisch, z. B. eine Depression oder ein Burnout).

Öffnung für die grössere Dimension des Geistes

Eine Verwundung wird zu einer «heiligen Wunde», wenn der Mensch sich darin nicht verhärtet, sondern Schmerz und Schwäche annimmt und sie integriert. Das Erleben der eigenen Grenzen schafft die Bereitschaft, sich für das Grössere, Unbegrenzte öffnen und darin das Vertrauen setzen. Wer gelernt hat, die eigenen Schwächen anzunehmen, kann auch mit anderen verständnisvoll, liebevoll und warmherzig umgehen. 

Durch die heilige Wunde zum verwundeten Heiler 

Höhlenmalereien und schamanisches Wissen

Bereits die alten schamanischen Kulturen waren der Ansicht, dass der Heiler ein verwundeter Mann sein muss. Robert Bly weist in diesem Zusammenhang auf die Höhlenmalereien von Lascaux hin und Gedanken von André Leroi-Gourhan, der sich mit ihnen auseinander gesetzt hat:

Leroi-Gourhan hat Vermutungen darüber angestellt, dass die Maler von Lasccoux eine visuelle Sprache benutzen, deren visuelle „Wörter“ mehrere Bedeutungen haben. So ist zum Beispiel ein gezeichneter Speer gleichzeitig ein Phallus, und eine gezeichnete Wunde ist ausserdem eine Vulva. Eine Wunde zu haben bedeutet demnach […] eine Vulva zu haben oder einen weiblichen Schoss zu bekommen.[3]

Die Wunde als Gebärmtter für den Geist

Die Vorstellung war, dass die Wunde im Mann einen neuen Raum eröffnete – ähnlich der Gebärmutter der Frau – eine „Gebärmutter für den Geist“.

Dazu auch Robert Bly:

Eine alte Überlieferung besagt, dass kein Mann erwachsen wird, bevor er sich nicht der Welt der Seele und des Geistes geöffnet hat, und dass diese Öffnung durch eine Wunde an der richtigen Stelle, zur richtigen Zeit und in der richtigen Gemeinschaft erfolgt. Eine Wunde ermöglich es dem Geist oder der Seele einzudringen.[4]

Bildhaft gesprochen dringt der Geist durch die Verwundung in den Mann ein. So erlangt er Ganzheit, wird «heil» oder «heilig» und kann darum auch andere «heilen» und zu Ganzheit führen.

Blut, Schwäche und der männliche Geburtskanal

Weiblichkeit wird zwar mit Schwäche assoziiert. Doch gerade mit dieser Schwäche, die sich besonders auch in der Blutung zeigt, ist auch die Fähigkeit verbunden, neues Leben zur Welt zu bringen. Das Blut selber steht wiederum mit Schwäche, Schmerzen und Verletzung im Zusammenhang.

Richard Rohr beschreibt, einen «männlichen Geburtskanal», der den Mann zu Weisheit führt:

(Der Zusammenhang von Blut und Leben)

Die männliche Energie ist nicht nur phallisch, sondern auch skrotal, das heisst auf die Hoden bezogen. [… Die] Hoden sind ein Ort des geduldigen Reifens, eines dunklen, feuchten Geheimnisses, das beschützt und warm gehalten werden muss. […] Der männliche „Geburtskanal“ wird weitgehend mit Lust assoziiert, während der weiblich Geburtskanal sowohl die Lust geniest als auch den starken Schmerz der Niederkunft erleidet. Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb viele Kulturen es für notwendig hielten, dem Mann im Verlauf seiner Initiation eine blutende Wunde am Penis zuzufügen. Er muss den inneren Zusammenhang zwischen Schmerz und neuem Leben kennen lernen. So haben zwei Drittel aller Kulturen weltweit etwas hervorgebracht, was der Westen heute gar nicht mehr versteht – die Beschneidung des Mannes als heilige Wunde, die zur Weisheit führt, ja, sogar den „Bund“ mit Gott besiegelt.

(Weisheit – Bändigung der männlichen Energie)

Eine übertriebene phallische Energie, nicht gebändigt durch skrotale Energie, ist meist das Kennzeichen einer übergriffigen, tyrannischen und ausbeuterischen Männlichkeit. Mit anderen Worten, der starke Phallus darf nicht vergessen, dass er einen weichen Sack voll Zartheit unter sich hat. Der harte Mann ohne jede Weichheit ist gefährlich. Er legt eher machohafte Überkompensation an den Tag als echtes männliches Selbstvertrauen. Die Getriebenheit des Geschäftsmanns, die Sterilität des Akademikers, die Rigidität des Gläubigen, die Kriegsspiele der Militärs, der erhobene Zeigefinger des allzu Überzeugten, der strafende innere Vater – das alles sind Kennzeichen des phallischen Mannes, nicht des weisen Mannes, der immer hart und weich ist – oft beides zur selben Zeit.[4]

mehr mensch sein (tafel)

«Mehr Mensch sein.»

Ganzheit – Einheit von männlich und weiblich.

Der Mensch, der seine männlichen und seine weiblichen Anteile integriert hat, ist ganz. Er hat einen guten Zugang zu seinen Körper («männlich») und seiner Seele («weiblich»).  

[S. Die Heilige Hochzeit – Ganzheit durch Integratio des Unbewussten und Gott, Ganzheit, 3-in-1, männlich und weiblich.]

Dazu noch dieses Zitat von Rohr[5]:

Ein spirituell ganzer Mensch integriert in sich die männlichen und die weiblichen Dimensionen des menschlichen Geistes.
Faszinierenderweise sahen manche Stämme und Kulturen tatsächlich im Frau-Mann bzw. der Mann-Frau den Schamanen, den Weisen, die spirituelle Seherin. Sie galten als Abbild der göttlichen Ganzheit. […]
Um das zu erreichen, braucht es wahrscheinlich die Arbeit eines ganzen Lebens und darin liegt wohl die Schönheit, die man oft bei alten Männern und Frauen sehen kann. […]
In den klassischen Legenden und Mythen stehen am Ende aber unweigerlich die starke alte Frau und der sanfte alte Mann. Das ist das Ziel.

Nachweise

[1] Rohr, Richard (2009). Vom wilden Mann zum Weisen Mann (2. Auflage). München: Claudius; S. 27

[2] Bibel, Altes Testament, 1. Buch des Mose, Kapitel 32,23 

[3] Bly, Robert (2011). Eisenhans. Ein Buch über Männer (7. Auflage). Kindler Verlag GmbH, München; S. 274

[4] Rohr (2009, s. Anm. 1), S. 146 f. 

[5] Rohr (2009, s. Anm. 1), S. 29 f. (Hervorhebung durch die Autorin)


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