Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Medusa, #MeToo und die Rache der Göttin

Garbatis Medusa mit dem tödlichen Blick

By on 18. November 2020

Garbatis Medusa mit dem tödlichen Blick

Medusa, #MeToo und die Rache der Göttin

Luciano Garbatis Skulptur «Medusa» oder wenn Blicke töten könnten

Medusa mit dem Haupt des Perseus (Luciano Garbati)

Inspiriert durch Cellinis Perseus

Der zeitgenössische Künstler Luciano Garbati hat eine Skulptur geschaffen, auf welcher die griechische Gorgonin Medusa mit ihren Schlangenhaaren zu sehen ist. In der Hand hält sie das Haupt des griechischen Helden Perseus, den sie soeben enthauptet hat.
Luciano Garbati liess sich dazu nach eigenen Angaben von der Perseus-Skulptur von Benvenuto Cellini inspirieren (Mitte 16. Jahrhundert), welche den Helden mit dem Haupt der Medusa darstellt (s. Abb. unten und Artikel in Daily Art Magazine).

13.10.2020: Vertauschte Rollen und Hinrichtung

Garbati hat damit die Rollen vertauscht: Medusa hält das gefällte Haupt des Perseus in der Hand.
Seine Skulptur wurde nun am 13. Oktober 2020 im Stadtpark von Manhattan, vor dem Gerichtsgebäude, in welchem Harvey Weinstein verurteilt wurde, enthüllt.

Medusa und #MeToo

Das Werk, das zu einem Symbol für weiblichen Zorn geworden ist, wurde jedoch bereits 2008, eine Dekade vor der #MeToo-Bewegung geschaffen. 2018, als diese Bewegung Mainstream wurde, erlangte Garbatis Skulptur als Ikone «Meme»-Status so dass kleinere Kopien davon in grosser Zahl vertrieben wurden (s. Medusa With the Head project).

Perseus mit dem Haupt der Medusa (Cellini)

Medusa in der griechischen Mythologie

Die Sterbliche unter den drei Gorgonen-Schwestern enthauptet

Medusa war eine von drei geflügelten Schwestern der Gorgonen, die zu den griechischen Erd- oder Unterweltsgottheiten gehören. Sie galten als Schreckensgestalten mit Schlangenhaaren, die jeden, der sie anblickte, zu Stein erstarren liessen. Medusa wurde von Perseus durch eine List enthauptet. Er packte ihr Haupt ein und verwendete es als Waffe, da es noch immer die Fähigkeit hatte, durch den Anblick zu töten.

Medusa – Göttin der Unterwelt mit dem tödlichen Blick

Die drei «Schwestern» sind ein Hinweis auf die Muttergottheit und die drei Lebensphasen der Frau (s. Weibliche Ganzheit – die Göttin, Weiss / Rot / Schwarz). Medusa ist als die älteste «Schwester die einzige Sterbliche unter den Gorgonen. Sie ist damit ein Hinweis auf die dritte Lebensphase der Frau mit dem Weg durch die Unterwelt, zu welcher Zorn, Gericht, Tod und Auferstehung gehören (s. sumerische Mythologie, der Weg durch die Unterwelt).

Die ME, die Kräfte der Weisheit und die Unterwelt

Die ME – Kräfte der Weisheit in der sumerischen Überlieferung

Der Name Medusa enthält die Silbe ME. Die ME sind gemäss der sumerischen Überlieferung die Kräfte der Weisheit im Einklang mit den kosmisch-geistigen Grundgesetzen. Die sumerische Mythologie erzählt, wie Inanna, die Göttin der Liebe, diese Kräfte in ihrer Jugend errungen hat.

Zu den ME, den Kräften der Weisheit, gehört auch der Abstieg in die Unterwelt und der Aufstieg aus der Unterwelt!

Der Weg der Göttin der Liebe in die Unterwelt

Inanna ist darum eine «Göttin», weil sie selbstwirksam in ihren Leben steht und handelt. So begibt sie sich aus eigenem Entschluss in die Unterwelt, um zu sehen, was sie dort, wo die Liebe gestorben ist, findet. Sie begegnet der zornigen und verletzten Göttin, die das Auge des Todes auf sie richtet und sie kurzerhand umbringt. Die Göttin der Unterwelt liegt aber gleichzeitig in Wehen wie eine Gebärende. Der liebende Vater weiss um ihren Schmerz und auch, wie die Liebe wieder zum Leben erweckt werden kann.
Von neuem geboren steht die Göttin der Liebe auf und kehrt auf die Erde zurück.

Sumerische und christliche Überlieferung: Der Hirte wird geschlagen

In der Kraft der Göttin der Unterwelt begibt sie sich direkt in eine Auseinandersetzung mit ihrem Göttergatten, dem Hirten, der gekleidet in den kostbaren Gewändern der ME auf seinem Thron sitzt und seinen Hintern nicht hebt. Da richtet sie das Auge des Todes auf ihn und die Dämonen der Unterwelt stürzen sich auf ihn und schlagen ihn. Dem Hirten bleibt letztlich nicht erspart, ebenfalls den Weg in die Unterwelt auf sich zu nehmen.

Rund 3000 Jahre später sagte Jesus vor seiner Kreuzigung:

Ihr werdet euch alle in dieser Nacht an mir stossen; denn es steht geschrieben: «Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden zerstreut werden.» (Mt 26,31).

Zum ersten Mal wurde «es» um 1800 v. Chr. niedergeschrieben. Der babylonische Herrscher Hamurabi liess  die viel ältere, bis anhin mündliche überlieferte sumerische Mythologie in Keilschrift auf Tontafeln festhalten.

Babylon und die Verteufelung starker Frauen

Perseus mit Medusas Haupt (Cellini)

Später wurde die sumerische Mythologie in Babylon umgedeutet und zum Gilgamesh-Epos umgeschrieben. Darin sind die starken Frauenfiguren der ursprünglichen sumerischen Überlieferung zu Monstern mutiert. Die Heldentaten des Helden bestehen darin, dass er sie umbringt.
Die Göttin der Liebe selber wird von König Gilgamesh als «Hure» beschimpft (s. Einführung ins Gilgamesh-Epos).
Es ist nicht weiter erstaunlich, dass Männer seit Anbeginn der Kultur diese zornige schicksalhafte, richtende, weibliche Urgewalt fürchten und sie am liebsten loswerden wollen.
Die Dämonisierung von starker Weiblichkeit ist von der babylonischen Kultur in die rund 1000 Jahre jüngere griechische Kultur eingeflossen.

Der Name MeDuSa – Sohneskraft und Weisheit

Das Wort «ME» ist wie erwähnt die sumerische Bezeichnung für die Kräfte der Weisheit. An die Silbe ME ist die Silbe DU/DUM gehängt, was auf Sumerisch «Sohn» bedeutet. Die Silbe Sa/Sha/Dscha schliesslich findet sich immer wieder im Zusammenhang mit «Herrschaft». (Die Silben MeDuSa klingen auch im Namen «MeThuSalem» an; s. mehr zur sumerischen Sprache.)

Die Bedeutung des Namens MeDuSa könnte also sein: «Die in der Kraft der Weisheit über den Sohn herrscht» oder «Die mittels der kosmischen Kräfte wie der Sohn herrscht» (also stürmisch, feurig; das Wort «Kosmos» steht immer wieder für feurige Leidenschaft, s. Die Sieben-Tage-Schöpfung und Das Element des Feuers). Beide Bezeichnungen würden passen.

Der «Sohn», das Schwert und die Kraft

Der Sohn steht für stürmische, jugendliche Männlichkeit in phallischer Energie (rot). Er hat die Weisheit des Vaters (weiss) noch nicht erreicht. Kriegerische Taten und auch eine Enthauptung entsprechen dieser Art von Energie. Das Schwert an sich gilt in den Überlieferungen als Phallus-Symbol.

Der «Vater», Weisheit und Vergebung

Die Frau integriert aber ihre männlichen Anteile in der Begegnung mit positiver Männlichkeit. Auf dem Weg durch die Unterwelt stellt sie sich ihren Schatten und ihrer Schwäche. Die Liebe des «guten» Sohnes, der sich hingibt und die bedingungslose Liebe des verständnisvollen, weisen «Vaters» rettet sie aus ihrer Negativität, der «Unterwelt», dem Reich der «Toten».

Ihre Seele, ihr Leben, steht wieder auf, ebenso die «Göttin der Liebe» in ihr (ihr Geist; s. unten und auch Der Weg der Frau bzw. Der Weg des Mannes).

Die kollektive Dimension, Garbatis MEDUSA und #MeToo

Garbatis Skulputur «Medusa» und Bewusstwerdung

Medusa und Kopf des Perseus (Garbati)

Als Künstler und Visionär hat Garbati mit Medusa eine Skulptur geschaffen, welche das Thema der heutigen Zeit aufgreift und ausdrucksstark darstellt: die mythologische Gestalt der Rachegöttin. Kunst war immer schon auch ein Weg der Bewusstwerdung. Nur was ans Licht des Bewusstseins gelangt, kann heilen und integriert werden.

Die #MeToo-Bewegung

Auch die #MeToo-Bewegung, die weibliche Ohnmachtsgefühle und Schmerz ans Licht gebracht hat, führt zu Bewusstwerdung der Schatten. Frauen und das weibliche Kollektiv sind seit Jahrtausenden in Unterdrückung und Missbrauch gefangen gewesen (s.Die kollektive Dimension von Missbrauch). Garbatis Medusa-Statue vor dem obersten Gerichtshof in New York steht entsprechend auch an einer sehr aussagekräftigen Stelle.

Heilung in der Kraft der Liebe: Verständnis und Vergebung

Liebe und gegenseitiges Verständnis

Bewusstwerdung ist der erste Schritt in Richtung Heilung. Unrecht und Verletzungen müssen ans Licht kommen und «wahr» genommen werden. Das Ziel dabei ist jedoch, nicht noch weiter Negativität zu schüren (selbst wenn diese auch eine gewisse Energie gibt), sondern sich der Schwäche zu stellen (s. die Überwindung des Egos, und des Schmerzkörpers). Liebe und Verständnis ermöglichen, das Schwierige und Schmerzhafte zu vergeben und loszulassen.

Vaterliebe – das liebende Bewusstsein

Das liebende Bewusstsein beinhaltet warmherziges Mitfühlen. Hierzu gehört das Verständnis der höllischen Angst der Männer vor der Kraft der Frau als zornige Schicksalsgottheit – damals! Heute hat sich das Blatt gewendet, so dass Männer sich nur aufgrund der blossen Tatsache angeklagt fühlen, dass sie Männer sind. Positive Männlichkeit, welche den Schmerz der Frauen sieht und anerkennt, wird ihren Zorn besänftigen.

Versöhnung

Es ist niemandem gedient, wenn die weibliche Kraft, die Liebe, durch Missbrauch getötet wird. Es ist aber auch niemandem gedient, wenn männliche Schöpferkraft durch frühzeitige Kastration dessen, was Männlichkeit ausmacht, unterbunden wird.
Vielmehr gilt es, das Andersartige zu respektieren, stehen zu lassen und in seiner Art sogar zu schätzen. So kann eine neue, bessere Realität entstehen.
Dieser Prozess ist heute im Gang. Das ist die Haupt-Sache.

 


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