Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Der Pferdeflüsterer – die Geschichte einer Heilung

Weisses Pferd

By on 8. Oktober 2020

Weisses Pferd

Annie und der Pferdeflüsterer

Nachdem ihre Tochter mit dem Pferd schwer verunfallt ist, fährt Annie mit den beiden zu einem Pferdeflüsterer. Sie erzählt hier von dieser heilsamen Begegnung aus ihrer Sicht.

Der Pferdeflüsterer ist ein US-amerikanischer Spielfilm aus dem Jahr 1998 von Robert Redford, der neben Kristin Scott Thomas und Scarlett Johansson als Hauptdarstellerinnen, auch die männliche Hauptrolle übernahm. Die Handlung basiert auf dem gleichnamigen Roman von Nicholas Evans (Wiki).

Der Pferdeflüsterer – Handlung

Die dreizehnjährige Grace und ihr Pferd Pilgrim werden bei einem Ausritt von einem Laster angefahren und schwer verletzt. Grace muss am Unterschenkel amputiert werden. Auch das Pferd ist schwer traumatisiert und lässt niemanden mehr in seine Nähe. Um Grace zu helfen, will ihre Mutter, Annie ihr ermöglichen, trotzdem wieder zu reiten. Darum packt sie Tochter und Pferd ein und fährt den weiten Weg zu einem Pferdeflüsterer. Dieser soll Pilgrim wieder soweit bringen, dass es Grace aufsitzen lässt.

Das Pferd, wie auch das Einhorn, symbolisieren den Körper der jungen Frau und die Kraft reiner Leidenschaft.

Annie erzählt: «Meine Welt steht auf dem Kopf!»

London, Marble Arch, Nic Fiddian-Green

Der Unfall

Meine Welt steht auf dem Kopf! Nichts wird mehr so sein, wie es war.
Ich weiss nicht, ob ich es schaffe, wieder in mein Leben hinein zu stehen.
Da war dieser schreckliche Unfall, der alles veränderte, der Unfall meiner Tochter Grace. Mit ihrem Pferd Pilgrim wurde sie von einem Laster erfasst! Grace verlor ihr Bein. Es war eine Katastrophe. Auch das Pferd, Pilgrim, war traumatisiert und liess niemanden mehr in seine Nähe. Das Beste wäre gewesen, das Tier abzutun, aber das hätte Grace den Rest gegeben. Sie brauchte jeden Funken Hoffnung, das mit dem Bein war schon schlimm genug.
Jemand erzählte mir von Tom, dem Pferdeflüsterer. Ich rief ihn an, aber er wies mich ab. 

Montana

Da ich keinen anderen Weg sah, packte ich Tochter und Pferd kurzerhand ein und fuhr Hunderte von Kilometern hinaus ins Niemandsland zu ihm.
Grace und ich stritten auf dem Weg dorthin. Sie warf mir vor, dass ich mich nie für sie und ihr Leben interessiert hätte, mich nicht um sie gekümmert hätte, sondern immer nur mich selber und meine eigenen Interessen gesehen hätte. Das brauchte ich jetzt wirklich nicht zu hören! Ich setzte meinen Job aufs Spiel, nur um ihr zu helfen!
Als wir ankamen, waren wir alle total fertig. Tom sagte nicht viel, er schien nicht begeistert über unser Auftauchen, aber er sah wohl unsere Verzweiflung.

Der Pferdeflüsterer

Tom begann mit Pilgrim zu arbeiten. Das heisst, von Arbeit kann keine Rede sein. Er hielt sich einfach in seiner Nähe auf. Er tat nichts. Nach und nach fasste das Tier Vertrauen zu ihm.
Für mich war das Ganze zunächst die Hölle. Dort draussen im Niemandsland zu sitzen, nichts tun zu können, einfach zu warten. Ich war nervös. Und dann dieser schweigsame Mann mit seinem Blick, der durch mich hindurch blickte … Das alles verunsichert mich.
Nach und nach bezog Tom Grace in seine Arbeit mit Pilgrim ein, und so gelang es ihm, sie aus ihrem Schneckenhaus hervorzuholen.
Aber es brauchte alles mehr Zeit, als ich gedacht hatte. Weil ich zu lange von meiner Arbeit fernblieb, verlor ich meine Stelle. Meine Befürchtungen hatten sich zwar erfüllt, aber langsam wurde ich ruhiger.

Tom

Tom nahm mich auf Ausritte mit. In dieser atemberaubenden Natur konnte ich aufatmen und begann mich selber zu spüren. Mein Körper entspannte sich und mit ihm innere Verhärtungen und Verkrampfungen. Auch meine Seele, mein Inneres wurde weicher.
Und ich fühlte mich stark hingezogen zu diesem schweigsamen, aber sehr präsenten Mann … Etwas unsicher vielleicht, fast hilflos – wie ein Teenager … Apropos Teenager:

Es war ein Wunder geschehen!

Heilung

Grace schien wieder Vertrauen zu sich und zu Pilgrim zu fassen. Sie war bereit, den Versuch zu wagen und auf ihn aufzusteigen! Es ging gut. Pilgrims Vertrauen war wieder so weit hergestellt, dass er es zuliess.

Robert Redford als der Pferdeflüsterer

Der Pferdeflüsterer (Robert Redford)

Es war Tom, der uns half.
Er half uns allen.
Mein Herz hatte sich geöffnet und da waren ein paar Berührungen, ein verzauberter Abend, ein Kuss …
Es war ein Traum, mehr nicht – und es blieb ein Traum.
Tom wollte unseren Traum nicht zerstören. Er wusste, dass er im Alltag untergehen würde.

Wieder zuhause

Robert, mein Mann und der Vater von Grace, kam und holte uns nach Hause.
Ich schweige. Robert schweigt auch.
Er gehört zu meinem alten Leben voll Leistung, Erfolg und Status …
Aber ich will nicht dorthin zurück. Ich habe erkannt, wie gehetzt ich war. Ich war nicht bei mir selber. Ich war süchtig nach Erfolg und Anerkennung.

In einem Herzen trage ich die mächtige Landschaft, die hohen, schneebedeckten Berge, den Himmel und die Wolken … Ich höre das Rauschen des Windes in den Bäumen.
Ich sehe Toms Augen, die mich warm anblicken.

Ich will beginnen
neu beginnen … endlich beginnen …
zu leben
und zu lieben.

Meine Freiheit beginnt in mir selber.

Zum tief Durchatmen dieses Lied von John Denver:
Annie’s Song mit Songtext und Übersetzung

Der Pferdeflüsterer – Symbole und Deutungen:

Annie bedeutet Gnade, Grace bedeutet ebenfalls Gnade. – Mehr:
  • Annie bedeutet Gnade (von Anna).
  • Grace bedeutet ebenfalls Gnade (englisch): sie steht auch für die innere „Jungfrau“ von Annie.
  • Pferd – positives Animus-Symbol, die Körperkraft der jungen Frau: Als Grasfresser ein Symbol für den weiblichen Körper.
  • Pilgrim – Pilger (englisch): Der Weg der Frau zu Ganzheit führt in ihren Körper. Die Beziehung zum Pferd mit seiner sanften Kraft hilft ihr auf diesem Weg.
  • Unfall – Traumatisierung der jungen Frau und ihres Körpers (s. der weibliche Schmerzkörper).
  • Das linke Bein verstümmelt: Die linke Seite ist weiblich-emotionale unterstützende Seite.
  • Mutter und Tochter: verschiedene Lebensphasen der Frau.
  • Der Pferdeflüsterer Tom – eine Vater-Figur: Er lebt in Einheit mit der Natur, dem grossen Weiblichen. Er ist sanft und spricht sanft, denn er hat seine weibliche Seite integriert, Liebe und Warmherzigkeit. Darum kann er die Frau wieder mit ihrer eigenen Liebe in Verbindung bringen.
  • Die Natur: Symbol für die grosse Mutter.

 

Die Frau in den mittleren Jahren (Annie) ist auf dem Weg zu Ganzheit (grossen Mutter). Sie muss ihre Schwäche integrieren, um ihren Körper und ihre Kraft wiedergewinnen zu können (s. Weibliche Ganzheit und der Weg der Frau).

Annie nochmals: «Ich habe viel nachgedacht …»

Es ist verrückt … Das Ganze ist meine Geschichte.

Es ist die Geschichte meines Lebens!
In allem dem Schwierigen und Schmerzhaften: Gnade steht über meinem Leben.
Grace, meine geliebte Tochter, hat mir letztlich aufgezeigt, wie es um mich steht!
Sie hatte recht: Ich habe mich immer nur um mich selber gedreht.

Das Schicksal hat drastisch zu mir gesprochen: Was Grace widerfahren ist, das ist mir widerfahren! So gesehen spüre ich tatsächlich so etwas wie Schuld an dem schrecklichen Unfall. – Vielleicht hätte es nicht geschehen müssen, wenn ich mein Leben anders gelebt hätte. 

Wie soll ich das erklären?

Ich selber hatte meine jugendliche Leidenschaft und meine Visionen an die Wand gefahren! Sie zerbrachen an der Härte der Realität und im Kampf um Geltung.
Gestartet war ich mit hohen Zielen und einer Vision von Liebe – auf meine ganz eigene „Pilgerreise“. Doch meine Ideale zerbrachen an meinem Streben nach Erfolg und Macht! Mein Ehrgeiz war wie eine Peitsche in meinem Nacken! Neben meiner Rolle als erfolgreiche Geschäftsfrau wollte ich auch noch die perfekte Geliebte, Gattin und Mutter meiner Tochter sein … Ich versuchte, die Erwartungen meiner Umgebung zu erfüllen und verpasste dabei mein eigenes Leben. Ich war hart zu mir selber, liebte mich selber nicht und hatte darum auch keine Liebe weiterzugeben. Ich war nicht drin in meinem Leben. Ich war vielmehr wie ein gehetztes Tier, gefangen in einer erfolgsorientierten, sterilen Welt. Ich bekämpfte alles, was sich mir in den Weg stellte – allem voran mich selber!

Ich war traumatisiert … Ich war der Krüppel !

Grace hatte alles Recht, auf mich zornig zu sein. Arme Grace. Sie ist zart und doch auch so stark. Sie war der Wahrheit immer näher als ich. Nun hat sie nur noch ein Bein, und sie arbeitet daran, mit diesem in ihrem Leben zu stehen.

Auch ich fühle mich zutiefst verunsichert, als hätte ich den Halt verloren. Auch ich brauche Zeit, Zeit für Heilung. Tom hat mir ein Geschenk gemacht: die Liebe … die Liebe zu mir selber. Ich bin erst am Anfang – aber …

Es ist ein Anfang.


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