Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Der fruchtbare Halbmond – vom Zweistromland bis Ägypten

Der fruchtbare Halbmond

By on 16. April 2020

Der fruchtbare Halbmond

Skizze des fruchtbaren Halbmondes

Der fruchtbare Halbmond als Wiege der Kultur

Ein grüner Gürtel von Sumer übers Mittelmeer bis Ägypten 

Die Ursprünge der menschlichen Kultur liegen im sogenannten fruchtbaren Halbmond. Dieser fasst die begrünten Zonen der Flusstäler Ägyptens und des Zweistromlandes zusammen, welche durch die Mittelmeerküste verbunden sind. Dazwischen liegen die arabischen und syrischen Wüsten- und Steppengebiete und deren Mitte befindet sich der Krater des erloschenen Vulkans Harrat al Harrah, der vor über 2000 Jahren aktiv war.

Erste menschliche Hochkulturen in den Flusstälern

8000 Jahre alte Siedlungsreste im Zweistromland und in Ägypten

In den fruchtbaren Ebenen entlang der grossen Flüsse, des Euphrat und Tigris sowie des Nils mit seinem weiten Flussdelta, entstanden die ersten menschlichen Hochkulturen. Hier wurden archäologische Siedlungsreste gefunden, die bis ins 6. Jahrtausend vor Christus zurückgehen. Wobei noch frühere Besiedlungen nicht auszuschliessen sind.

Vulkan für schöpferische Urgewalt (Oliver Spalt, Wikipedia)

Die Wüste und der Vulkan Harrat al Harrah in der Mitte

Zwischen den fruchtbaren Gebieten, welche durch die Mittelmeerküste verbunden sind, erstreckt sich eine grosse Wüsten- und Steppenlandschaft, die durch semitische Nomaden bevölkert wurde.

Ziemlich genau in deren Mitte liegt der gewaltige Vulkan Harrat al Harrah, von dem heute nur noch der Krater übrig ist, der aber vor über 2000 Jahren aktiv war.
Sein Name und seine Lage regen die Fantasie an. Wäre es möglich, dass “Harrat al Harrah” als Berg “Ararat” in die Überlieferungen eingegangen ist, der von den umgebenden Überschwemmungen der Flusstäler verschont geblieben war? Und war dieser Feuerberg gar der Ort, wo die 40-jährige Wüstenwanderung des Volkes unter Mose hinführte und wo er Gott begegnete?

Der fruchtbare Halbmond und Hilal, arabisch Halbmond

Links: Grafische Darstellung des fruchtbaren Halbmondes mit dem Vulkan Harrat als Harrah in der Mitte. Rechts: Hilal (arabisch für Mondsichel, s. Wikipedia), die sich zu einem der bedeutendsten Symbole des Islams entwickelt hat.

Der fruchtbare Halbmond als mythologische Quelle

Wie dem auch sei, das ganze Gebiet war ein kultureller Raum, in welchem dieselben Geschichten kursierten und unter den kulturellen Begebenheiten angepasst rezipiert wurden.

Die sumerische Königsliste und die grosse Flut

So erzählt die sumerische Königsliste aus dem dritten Jahrtausend vor Christus von einer grossen Flut. Von den Sagenkönigen, welcher davor lebten, sind märchenhafte Regierungszeiten von mehreren Zehntausend Jahren verzeichnet. Eine gross Flut, wie sie in der Königsliste erwähnt wird, kann auf etwa um 3000 v. Chr. datiert werden. Tatsächlich belegen archäologische Funde, dass es im Zweistromland um 2600 v. Chr. zu einer grösseren Überschwemmung kam. Auch die Bibel berichtet von einem drastischen Rückgang des Lebensalters nach der grossen Flut.

[S. Die sumerische Königsliste – mythologischen Wurzeln alter Kulturen.]

Grosse, Kulturen übergreifende Archetypen

Auch kommen dieselben oder ähnliche grosse Archetypen zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Regionen vor.

Beispiele Ägypten – Sumer

Die sumerische Mythologie von Inanna und Dumuzi enthält Elemente, welche der ägyptischen entsprechen oder besser umgekehrt: In der ägyptischen Mythologie finden sich Parallelen zur sumerischen. Denn dazu ist zu sagen, dass die sumerische Mythologie einfacher und frischer ist und Lebensweisheiten beinhaltet, die erst später zu kultischen Totenritualen mutierten.

    • Wie Inanna, so entwendete auch Isis dem Vater die Kräfte der Weisheit (Isis durch eine List, welche Ra erblinden liess, Inanna durch die Leichtigkeit der Verführung. Was jedoch genau geschah, ist eine Frage der Deutung, Inanna und die Kräfte der Weisheit, Episode 5).
    • Wie Inannas geliebter Gatte in die Unterwelt hinabsteigen musste, so führt auch Osiris’ Weg ins Totenreich hinab. (S. zur sumerischen Mythologie: Der Hirte wird geschlagen (20) und Versöhnung (21).)
    • Inanna brachte die Kräfte der Weisheit mit ihrem Himmelsboot in ihre Stadt (Episode 8), Gilgamesh fuhr mit dem Fährmann (der in Wirklichkeit eine Frau war) über die Wasser des Todes, und die ägyptischen Herrscher gelangten in einer Barke ins jenseitige Reich der Toten. (Dies ist auch ein Beispiel für die Veränderung der Archetypen über die Jahrhunderte und Jahrtausende).
    Inannas oder Liliths Baum

    Inannas Baum besetzt durch Wesen der Macht (sumerische Mythologie, Episode 2)

    Archetypen, die in die Bibel eingeflossen sind

    Entsprechend finden sich auch vielfältige Parallelen zur jüdischen Überlieferung und damit zur Bibel:

    • Die sumerische Göttin der Liebe hatte einen Garten (GuAnEdin) zwischen Euphrat und Tigris, in welchem ein besonderer Baum wuchs, der von dunkeln Mächten besetzt war.
    • Isis, die ägyptische Göttin der Liebe, und ihr geliebter Osiris hatten einen Bruder, der Seth hiess. Seth hiess auch das dritte Kind von Adam und Eva.
    • Die Sinuhe- und die Josefgeschichte enthalten ähnliche Elemente (rund 2000 v. Chr.).

    Insbesondere das babylonische Gilgamesh-Epos scheint eine Inspirationsquelle für die jüdische Überlieferung gewesen zu sein, wahrscheinlich als diese zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft (um ca. 500 v. Chr.) neu geschrieben wurde. Beispiele:

    • Gilgamesh und Enkidu für Jakob und Esau.
    • Die Königin von Saba und die Zedern des Libanon.
    • Die Tötung des Himmelsstiers enthält Elemente von Jakobs Kampf mit Gott, und Josefs Vorsorge für sieben Jahre beim Pharao.
    • Die Zerschlagung der Steinernen, welche dazu führt, dass die Wasser des Todes nicht überquert werden können.
    • Der Urahn, der die grosse Flut überlebt hat und in den Stand der Götter erhoben wurde.
    Zylindersiegel, Tell Billa, Mesopotamien, ca. 3200-3000 v. Chr.

    Inannas Himmelsboot? Boot vor dem Nigulla-Tor, Zylindersiegel, Tell Billa, Mesopotamien, ca. 3200-3000 v. Chr. (s. Episode 5 und Episode 7 der sumerischen Überlieferung).

    Kultureller Austausch im fruchtbaren Halbmond 

    Menschen auf der Flucht oder Suche nach Neuland

    Zwischen den verschiedenen Kulturen kam es also immer wieder zu einm Austausch von Geschichten und unterschiedlichen Narrativen. Dies auch, indem die Menschen von einem Ort zum andern gelangten, sei es, dass sie flohen oder dass sie Neuland und neue Chancen suchten.

    So wird in der sumerischen Überlieferung erwähnt, dass Inanna ihren säumigen Gatten in sumpfigen Gräben von Auaris, im Nildelta wiederfand. Und wahrscheinlich gab es mehrere Auszüge aus Ägypten, wovon der erste möglicherweise bereits um 3100 v. Chr. stattfand.

    [S. Die Kiebitzpalette.]

    Die Kiebitzpalette, Ägypten, ca. 3100 v. Chr.

    Vermischung der sesshaften Ackerbauern mit den semitischen Arbeitern

    Einwanderungen von Nomaden in die Flusstäler in Zeiten der Dürre

    In Zeiten der Dürre wanderten zudem die Nomaden in die fruchtbaren Flusstäler ein, um dort ein Auskommen zu finden und blieben zum Teil als Arbeiterschicht ansässig.

    Die Rechit in Ägypten

    In Ägypten hiessen die unterprivilegierten Arbeiter “Rechit”, was Kiebitze (bunte Zugvögel) bedeutet, eine Bezeichnung, die noch im babylonischen Gilgamesh-Epos über 1500 Jahre später verwendet wird (so in Gilgamesh und die Göttin als Hure, Episode6).

    Skorpio II und die Arbeiterschicht der Rechit (ca. 3100 v. Chr.)

    Skorpio II mit seinem Keulenkopf und die Arbeiterschicht der Rechit (ca. 3100 v. Chr.): am oberern Rand des Gefässes befinden sich aufgehängte Rechit, also Kiebitze (Bildquelle: Wikipedia).

    Sargon von Akkad: von Findelkind zum Weltherrscher

    Im Zweistromland begann die sumerische Bevölkerung im dritten Jahrtausend, sich mit semitischen Nomaden zu vermischen. Aus dieser Mischung entstand die akkadische Kultur. Sargon selbst, der mit seiner neuen Hauptstadt Akkad das erste Weltreich gründete, das vom persischen Golf bis zum Mittelmeer reichte, stammte gemäss eigenen Aussagen von einer Priesterin und einem “Wilden aus den Bergen” ab. Aus der akkadischen Kultur entstand die babylonische, um ca. 1850 v. Chr. mit Hamurabi I.

    Gilgamesh Epos und Sargon von Akkad

    Bronzekopf des Sargon als Modell für Gilgamesh vor einer babylonischen Zikkurat (s. Einführung ins babylonische Gilgamesh-Epos).

    Semitische Hirtenkönige im Nildelta

    Auch ins fruchtbare Nildelta wanderten bei Dürrezeiten Nomaden ein. So erzählt die Bibel von Josef und seinen Brüdern, die nach Ägypten kamen, um einer Hungersnot zu entgehen. Tatsächlich enthält diese Erzählung auch Elemente der Sinuhe-Geschichte. Die ägyptische Überlieferung berichtet passend dazu von “Hirtenkönigen” (also Nomaden), die 2. Jahrtausend (ca. 1700) vor Christus im ägyptischen Nildelta regierten (!) und später – in Nilpferde verwandelt ! – der Verfolgung durch den Pharo entkamen (s. Wikipedia zu Seth und den Hyksos und Der Auszug aus Ägypten).

    Sethos I., Vater von Ramses II. (ca. 1200 v. Chr.; Original: Metropolitan Museum of Art)

    Fazit

    Zirkulierende Überlieferungen im fruchtbaren Halbmond

    Rezeption und Neu-Interpretation

    Tatsächlich wurden Überlieferungen im ganzen Gebiet des fruchtbaren Halbmonds, also zwischen Ägypten und dem Zweistromland, hin- und hergereicht, neu erzählt und auch immer wieder den örtlichen Gegebenheiten und aktuellen Situationen angepasst.

    Der Vergleich der verschiedenen Quellen führt zu zu aufschlussreichen Parallelen, erweitert die Interpretationsmöglichkeiten der Überlieferungen und führt so zu einer inspirierenden Abenteuerreise durch Raum und Zeit.

    Zeitreise über die Entschlüsselung der Symbole

    Erwähnte Kunst:

    • Boot vor dem Nigulla-Tor, Zylindersiegel, Tell Billa (Mesopotamien, ca. 3200-3000 v. Chr.) 
    • Gefäss, welches den Keulenkopf des Skorpio II. abbildet (Ägypten ca. 3100 v. Chr.)
    • Die Kiebitzpalette (Ägypten, ca. 3100 v. Chr.)

    Erwähnte Überlieferungen:

    Die sumerische Königsliste – mythologischen Wurzeln alter Kulturen
    Inanna, die sumerische Göttin der Liebe (Zusammenfassung)
    Inannas Baum im Garten Eden
    Inanna und die Kräfte der Weisheit im Himmelsboot (5)
    Inannas und Ninshuburs Kampf um die Kräfte der Weisheit (7)
    Das Himmelsboot in Inannas Stadt (8)
    Der Hirte wird geschlagen (20)
    Inannas Versöhnung mit dem Hirten (21)

    Das babylonische Gilgamesh-Epos (Zusammenfassung)
    Einführung ins Gilgamesh-Epos
    Gilgamesh und die Göttin als Hure (6)
    Gilgamesh und die Tötung des Himmelsstiers
    Die Zerschlagung der Steinernen
    Die Wasser des Todes
    Der Mann, der die grosse Flut überlebte

    Der Auszug aus Ägypten


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