Erste Verherrlichung der Gewalt
Das babylonische Gilgamesh-Epos gibt eine neue, männlich-patriarchale Stossrichtung vor. Vor allem die jüngeren Versionen verherrlichen Gewalt und die Unterdrückung des Weiblichen, der Frauen, des Volkes und des Landes. So ist denn auch EnLil, der Gott der Luft, der stürmische und eroberungswütige Männlichkeit symbolisiert, in Babylon zum höchsten Gott aufgestiegen (zu Abb. rechts s. [2]).
Unterdrückung starker Weiblichkeit
Gleich zu Beginn des Epos wird Gilgamesh als grausamer Despot beschrieben, der Land und Leute unterjocht. So tötet er junge Männer im Kampf und beansprucht als göttlicher Herrscher das Recht der ersten Nacht (das heisst die Entjungferung der Braut).
Im weiteren Verlauf des Epos kommen nur zwei Frauen vor: die Göttin der Liebe, die von Gilgamesh als Hure beschimpft wird (als seine Partnerin zu deuten) und die Schenkin Siduri am Ufer des Meeres (als Göttin des Weinstocks Geliebte und innere Frau des Helden). Ansonsten ist starke Weiblichkeit, wie sie noch in der sumerischen Überlieferung sein darf, entweder verschwunden oder zu Monstern (Himmelsstier) oder Naturkatastrophen mutiert (Vulkan oder Flut).
Auflehnung gegen das Schicksal und höhere Ordnungen
Im wörtlichen Text des Epos wird Gilgamesh als starker Mann beschrieben, der vor nichts zurückschreckt, auch vor dem Himmel nicht, und damit überragenden Erfolg hat.
Indem er sich mit Gewalt nimmt, was er will und ihm dabei nichts heilig ist, sondern er vielmehr durch üble Taten die Umstände seinem Willen unterwirft, zeigt er sich als skrupelloser Rebell.
Nicht zuletzt, weil er die Strafe des Schicksals als das grosse Weibliche fürchtet, lehnt er sich dagegen auf und will es aus dem Weg räumen. Dies gelingt ihm jedoch nicht, denn das Schicksal gibt jedem, was er verdient.
Trennung von Vater und Mutter (vom Geist und vom Leben)
Bildhaft gesprochen “vergewaltigt” Gilgamesh auf diese Weise seine Mutter (das Schicksal) und “tötet” auch seinen Vater, indem er die höheren, göttlichen Ordnungen) missachtet.
Der Beischlaf mit der Mutter und die Tötung des Vaters als eine mögliche Deutung des Epos thematisiert eine urmenschliche, archetypische Verstrickung, die in den Überlieferungen immer wieder vorkommt, zum Beispiel in der griechischen Sage von König Ödipus.
Grundlage für viele Überlieferungen
So sind viele Themen des Gilgamesh-Epos in spätere Überlieferungen, Mythen und Sagen eingeflossen. Elemente oder Symbole, die sich in der Bibel wiederfinden, sind beispielsweise die Geschichte von der grossen Flut, von Mose, Josef oder der Königin von Saba. In der griechischen Odyssee oder in der der Parzival-Legende werden dieselben Grundmotive behandelt, und Tolkiens Trilogie Der Herr der Ringe stellt sogar eine moderne Adaption des Epos dar (siehe unten).