Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Feuerprobe, Läuterung (Phase 5 des Heldenweges)

By on 6. Juni 2020

Die Feuerprobe

Die Feuerprobe – Läuterung im Feuer des Leidens

Auf Messers Schneide

Die Feuerprobe – fünfte Phase des Heldenweges

Nachdem der Held in Mangel wie auch im Erfolg seine ernsthafte Absicht und Treue bewiesen hat, erwartet ihn als Letztes die Feuerprobe. In dieser letzten Prüfung muss der Held beweisen, dass er an seiner anfänglichen Vision und Berufung zur Liebe festhält, auch dann wenn sich alles aufzulösen droht. Geprüft wird, ob seine Liebe stärker ist als der Tod und ob er tatsächlich bereit ist, alles was er ist und hat, ja seine ganze Existenz in die Waagschale zu werfen.

Die Vollendung des Heldenweges

Der Weg durch die Unterwelt und das Reich der Toten

Die Feuerprobe ist der «Weg durch die Unterwelt». Denn dabei geht es an die lebendige Substanz, nämlich an die tief im Körper verankerten, existentiellen Gefühle. Auf dem Weg durch die Schatten integriert der Held/die Heldin die tiefen Emotionen und Triebe, die in seinem Körper und im Unbewussten verborgen sind (s. Die Integration des Schattens). Sie sind das Herrschaftsgebiet des Egos, des phobischen dunklen Herrschers der Macht, welches der grösste Feind des Helden ist sein Tod. Es wird überwunden, indem das Licht der Liebe in alle Schatten gebracht wird. So findet der Held den Zugang zum Grossen, Ganzen. Dies geschieht, indem er sich selber  in seiner Schwäche liebt, vergibt und annimmt.

In der «Unterwelt» erlöst der Held/die Heldin durch Liebe die «Gefangenen», das heisst die in Negativität gebundene Kräfte und Ressourcen.

Der Held besiegt auf dem Weg durch das Reich der Schatten und des Todes sein Ego und integriert, was ihm noch zur Ganzheit fehlte.

Sterben des Egos wie im Feuer

Feuriges Begehren und negative Gefühle, die wie Feuer brennen, gehören mit dem Ego zum Trieb. Sowohl männliches sexuelles Begehren wie weibliches emotionales negatives Begehren, müssen «ausgefressen» oder «durchgetanzt» werden, bis der Mensch nicht mehr kann. 

Die böse Königin im Märchen Schneewittchen muss in rotglühenden Schuhen tanzen, bis sie tot umfällt. Der Ring der Macht im Epos der Herr der Ringe muss in dem Feuer zerstört werden, in dem er geschmiedet wurde (im Feuer des Begehrens).

Erst wenn der Held bereit ist, zu «sterben», ist er auch bereit sein Ego und damit seine Identität der Macht in den Tod zu geben. Der Trieb, der nicht gelebt wird, brennt wie Feuer.

Überwindung des Körpertriebes («männlich»)

Die männlich-körperliche Feuerprobe bedeutet, körperliches feuriges Begehren auszuhalten, es in Flammen aufgehen zu lassen und zur geliebten Person zurückzukehren. Das Sterben des Egos ist die Bitte um Vergebung und auch das demütige Ertragen von Zorn und Enttäuschung.

Überwindung des emotionalen, negativen Triebes («weiblich»)

Die weiblich-emotionale Feuerprobe bedeutet, feurig brennende Schmerzen in der Seele und auch den Wunsch nach Rache loszulassen, dem Mann zu vergeben und ihn wieder anzunehmen. Durch Liebe gewinnen Vergebung  und Annahme wieder Raum und wird Heilung möglich.

Die heilige Wunde – eine existentielle Verletzung

In der letzten Phase des Heldenweges erlebt der Held eine Verletzung.

«Stolpern»: Integration der weiblichen Anteile:

Im Märchen Schneewittchen erwacht die Schöne, als der Prinz stolpert. Die Schwäche des Helden rührt das Herz der Frau an und bringt ihn mit der weiblichen Seite des Geistes in Berührungung. So werden mit der positiven Anima («Jungfrau«) Sanftheit und reine Liebe integriert.

Die Verwundung als Tor zum Geist

In Überlieferungen symbolisiert meistens eine Verwundung, ein Scheitern oder eine Konfrontation die Feuerprobe. Die Wunde konfrontiert den Helden mit der eigenen Begrenztheit, macht ihn demütig und öffnet ihn so für das Grössere, für die unbegrenzte Dimension des Geistes. Darum wird sie auch «die heilige Wunde» genannt, denn der Held/die Heldin gelangt durch sie zu Ganzheit und Heil.

Mythologische Beispiele 

Scheitern

  • Ritter Georg wird von seinem treulosen „Freund“ betrogen und setzt dennoch sein Leben aufs Spiel, um sich zu retten und kurz vor dem Ziel stellt sich ihm ein Schwarzer Riese entgegen, den er überwindet, indem er sich ihm mutig entgegenstellt (Der Ritter und die Rosenburg).
  • In Der Eisenhans wird der Held als schwarzer Ritter durch die Männer des Königs verwundet.
  • Odysseus hat alle seine Schiffe und alle seine Soldaten verloren und wird nackt an den Strand von Ithaka gespült. Seine treue Frau, Penelope liebt ihn noch immer und nimmt ihn mit offenen Armen zurück (dies ist die Feuerprobe der Frau: Schmerz und Zorn loslassen und vergeben).

Die Verwundung am Oberschenkel im Besonderen

Die Verwundung am Oberschenkel symbolisiert die Integration des Weiblichen. Beispiele:

  • Der babylonische Held Gilgamesh schneidet dem «Himmelsstier» die Keule (Oberschenkel!) ab. Der Stier sybolisiert den wilden Trieb.
  • In der jüdischen Überlieferung wird Jakob von Gott am Oberschenkel geschlagen.
  • Odysseus wird von einem Eber am Oberschenkel verwundet.
  • Zeus fügt sich selber eine Wunde zu um für seinen Sohn Dionysos eine neue «Gebärmutter» zu schaffen (nachdem dessen Mutter Semele gestorben ist).

Der Weg durch die Untewelt

  • Inanna, die sumerische Göttin der Liebe, kehrt in der Kraft der grossen Mutter von der Unterwelt wieder auf die Erde zurück.
  • Der babylonische Held Gilgamesh birgt in der Tiefe des Meeres das Unsterblichkeitskraut.
  • Mose befreit das versklavte Volk aus der Gefangenschaft.
  • Der Prophet Jona gewinnt im Bauch des Walfischs neue Durchsetzungskraft.
  • Herkules befreit seine Geliebte aus der Unterwelt. Dionysos erlöst seine Mutter aus dem Reich der Toten, Orpheus seine Eurydike.
  • Aragorn setzt im Epos Der Herr der Ringe das Heer der Toten frei.

Schicksalshafte Prüfung durch das Leben 

Der Held muss die Konfrontation mit seinen Schatten nicht suchen. Es genügt, wenn er bereit ist. Das Leben selber (die lebendige Materie, «Mutter») bringt ihn in Situationen, in welchen die Triebe und unbewusste Verhaltensmuster die Kontrolle übernehmen möchten. Indem der Mensch im Feuer des Leidens der Ursache für sein Verhalten nachgeht und seine eigene Not erkennt, kann er lernen, sich selber zu verstehen, zu lieben und zu vergeben. So  integriert er seine Schatten und gewinnt Zugang zu den darin gefangenen Ressourcen (s. Die Integration des Schattens). Er kann nun auch Andere lieben und ihnen vergeben.

Der Held/die Heldin stellt sich existentiellen Gefühlen und negativen Erfahrungen und überwindet diese in der Kraft der Liebe, indem er/sie sich selber darin annimmt und liebt.

In dieser letzten Prüfungsphase ist die Herausforderung, das Licht des liebenden Bewusstseins auch in die tiefsten, unbewussten Körperstrukturen und -gefühle zu bringen. Dabei wird das kleine Ich, das phobische Ego, die Identität der Trennung, überwunden, und das grosse Ich, das Selbst, die Identität der Liebe (eins mit Christus), wird gefunden (s. Das Ego und das Selbst).

Individuation – der Weg zum wahren Selbst

C.G. Jung nannte den Weg des Menschen zu Ganzheit den Prozess der Individuation. In Mann und Frau verschmelzen männlich und weiblich zu Einem. Das Wort «Individuum» bedeutet: «das Unteilbare». Dies ist das Ziel für den Menschen: Ganzheit, Einheit in Liebe. Was nicht geteilt werden kann, kann auch nicht zerfallen und ist darum auch durch den Tod nicht angreifbar. Der Körper des Menschen kann zwar zerfallen, aber seine Seele ist geistig und wird «ungeteilt» durch Liebe und Versöhnung. Das Ende dieses Märchen könnte dann heissen:

Und weil sie im Leben selber gestorben sind, werden sie ewig leben.

Die Kreuzigung – die geistige Feuerprobe

Die letzte Prüfung von Jesus war seine Kreuzigung. C.G. Jung schrieb über die Kreuzigung:

Durch diese Tat grössten Mutes und grösster Entsagung wird die Tiernatur am mächtigsten unterdrückt, weshalb ein grösstes Heil für die Menschheit daraus zu erwarten ist…[1]

Das Kreuz als Symbol für Ganzheit vereint die äussersten Gegensätze, männlich und weiblich, Geist und Materie.

Sterben und Auferstehen

Mit der Feuerprobe hat der Held nun die fünfte Phase des Heldenweges und den ganzen Heldenweg erfolgreich abgeschlossen.

Was nun geschieht, liegt ausserhalb der Macht des Helden: Nachdem sein Ego «gestorben» ist, wird er «neu geboren», hinein in die ewige Existenz der Liebe. Diese neue Geburt geschieht im Leben selber und durch das Leben selber («Mutter»).
Mit der Existenz der Liebe erhält der Held auch den Anschluss an den umfassend Geist der Weisheit und der Ganzheit («Vater»).

 

Zur Übersicht über den bestandenen Heldenweg diese Tabelle:
Die Vollendung des Heldenweges

Weiter geht es mit:

Neue Geburt und Auffahrt zum Geist – Phase 6 und 7 des Heldenweges

Zurück zu:

Die vierte Phase des Heldenweges: Dienst im Erfolg
Der Heldenweg

Weiterführende Texte:

Die Integration des Schattens
Das Ego
Das Ego und das Selbst
Die heilige Wunde
Sterben im Leben und leben im Sterben

Erwähnte Überlieferungen:

Der Ritter und die Rosenburg
Der Eisenhans
Die sumerische Mythologie von Inanna
Das Gilgamesh-Epos 
Der Herr der Ringe

Nachweise:

[1] C.G. Jung, Gesammelte Werke, Band 5, Symbole der Wandlung, S. 338

[2] Bibel, neues Testament, Evangelium nach Lukas, Kapitel 23,39 (Elberfelder Übersetzung)

 


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Top

Newsletter Abonnieren

We respect your email privacy

Newsletter abonnieren

You have successfully subscribed to the newsletter

There was an error while trying to send your request. Please try again.

Goldspur will use the information you provide on this form to be in touch with you and to provide updates and marketing.