Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Der Weg des Mannes und des Lebens in den Geist

Hilma af Klint, Altar Nr. 1

By on 18. Februar 2021

Hilma af Klint, Altar Nr. 1

Altar Nr. 1 (1915) von Hilma af Klint für den Weg des Mannes:
Das männliche Dreieck weist nach oben, aus der Materie und dem Körper (schwarz-rot) über die Fülle des Lebens (Seele, alle Regenbogenfarben) in die unbegrenzte Weite und Ganzheit des Geistes (Gold).

Der Weg des Mannes und des Bewusstseins in den Geist (Einführung)

Das Bewusstsein – die männliche Seite des Geistes

Das männliche Dreieck weist nach oben in den Geist

Der Weg des Mannes: Körper – Seele – Geist

Der Weg des Männlichen führt aus seiner Verhaftung an die Materie empor in die Freiheit des Geistes. So beginnt Mann als „roter Ritter“ im Körper, gewinnt als „weisser Ritter“ und Retter seine Seele und erfährt als „schwarzer Ritter“ eine Verwundung, welche ihn mit dem Geist in Verbindung bringt.

Geistige Schöpferkraft

Männliche Kraft ist initiierende schöpferische Kraft.

[S. Männliche Ganzheit 3-in-1, Vater – Sohn – Geist.]

Entsprechend ist das Bewusstsein, welches dem Körper Impulse geben kann, als männlich zu bezeichnen (während der Körper als empfangende Materie als weiblich angesehen werden kann). 

[S. Männlich und weiblich – die beiden Ur-Kräfte der Schöpfung).]

Aufstieg des Lebens zu Bewusstsein: Der Weg des Menschen

Jeder Mensch verfügt über männliche und weibliche Persönlichkeitsanteile, denn er ist einerseits mit einem Bewusstsein ausgestattet (die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken und aktiv zu handeln) und verfügt andererseits über einen Körper, der auf Impulse reagiert und neue Realität gestalten kann.

[S. Das menschliche Bewusstsein und Königsherrschaft (Gottes) im Leben.]

Das Ziel: Königsherrschaft im Leben

Ritter Georg, der Heilige Georg

Herrschaft, «Sieg» über den inneren Drachen, den Trieb

Das Leben selbst ist von primitiven Strukturen wie Einzellern zu komplexen Gebilden wie Säugetieren und dem Menschen aufgestiegen (s. Das Leben und die Schlange: Auf- und Abstieg). Das Ziel für den Menschen ist es, sein Leben selbstwirksam und eigenverantwortlich zu gestalten. So übt er Königsherrschaft (Gottes) im eigenen Leben aus.

Der Weg dahin ist der Heldenweg, auf welchem er schrittweise lernt, seine Triebe, symbolisiert durch die Schlange zu kontrollieren und sein Ego, symbolisiert durch den Drachen zu überwinden. (S. Der Drache, die alte Schlange und ihre Überwindung.)
So gewinnt 
der Held Ganzheit, sein Selbst, symbolisiert durch die Jungfrau (für die reine Liebe) und eine ewige Königskrone [1].

Der Weg zu Ganzheit – Integration der Schatten

Das Ziel: Ganzheit

Einheit von männlich und weiblich          

Das Ziel für den Menschen ist Ganzheit und ein erfülltes Leben. Dies bedeutet die Vereinigung der männlichen wie auch der weiblichen Persönlichkeitsanteile im Menschen selbst. Die männliche Seite des Geistes ist das Bewusstsein, die weibliche die Liebe.

Das liebende Bewusstsein als Einheit dieser beiden bedeutet Ganzheit und mit darum mit «Gott» identisch. Die Vereinigung der beiden Kräfte ist in den Überlieferungen durch die heilige Hochzeit symbolisiert.

Gott, Ganzheit, männlich und weiblich, 3-in-1

Der Mensch erreicht Ganzheit, indem er mit seinen gegengeschlechtlichen Anteilen das Andersartige integriert.

Männliche Ganzheit durch Integration des Weiblichen (Seele, Geist)

Die Seele gewinnen – Hingabe des Lebens und Kontrolle über den Trieb

Geboren aus dem Körper der MUTTER beginnt der Mann im Körper und in der Materie. Hier fühlt er sich «zu Hause». Früh übt er sich in seiner Kraft und misst sich mit anderen Jungen. Sein Weg zu Ganzheit führt jedoch heraus aus der Verhaftung an den Körper und die Materie und «hinauf» in den Bereich des Geistes. So gewinnt er seine Seele, indem er sich für ein höheres Ziel einsetzt. Dieses bedeutet immer Hingabe an das Weibliche, Grössere, wie zum Beispiel die Beziehung, die Familie, die Gemeinschaft oder die gute Sache.

Die weibliche Seite des Geistes und das ewige Leben

Zuletzt integriert der Mann die weibliche Seite des Geistes (Anima als «Jungfrau») und gewinnt mit Liebe das ewige Leben. Vorausgegangen ist meistens eine Erfahrung der Schwäche, die für ihn zur «heiligen Wunde» wurde, indem sie ihn für den weiteren Bereich des Geistes geöffnet hat. Dabei hat er auch des Ego, die Identität der Macht überwunden und gewinnt er sein Selbst, die ewige Identität der Liebe gefunden (s. Vom Ego zum Selbst).

Der Weg des Mannes zu Ganzheit

Übersicht

Drei Lebensphasen ( Rot – Weiss  – Schwarz) und der Heldenweg (die Sieben)

Männliche Ganzheit Weiss – Rot – Schwarz (Vater – Sohn – Geist) wird erreicht, indem die drei Lebensphasen (symbolisiert durch die drei Farben) in Hingabe und der Kraft der Liebe erfüllt werden. Gemeinsam mit den Übergängen beinhalten sie die 5 Phasen des Heldenweges zur Ganzheit der Sieben.

[Die drei Farben sind zum Beispiel in diesen Überlieferungen ein Thema: in Parzival, Der Eisenhans und auch in der Legende von Ritter Georg, dem Drachentöter.]

Für einen Überblick diese beiden Darstellungen: 

 

Der männliche Weg

Krisenpotenzial auf dem Weg des Mannes: Der Körpertrieb und der Machttrieb

Die Herausforderung für den Mann ist es, Herrschaft über seinen körperlichen Trieb zu lernen und stattdessen Liebe und Hingabe zu leben. Dies geht nicht ohne Bereitschaft, Entbehrungen auf sich zu nehmen. (S. Überwinden in Versuchungen – der Trieb und die Macht).

  1. Die rote Phase (Sturm und Drang) beginnt mit der Bindung an die Mutter (welche zur Zeit der Geburt ebenfalls in der roten Phase ist). Die Initiation als Weihe oder Grenzerfahrung stellt den Übergang in die Welt der erwachsenen Männer dar und bereitet den Mann auf Hingabe und Verantwortung vor.
  2. Damit tritt der Mann in die weisse Phase der Vaterschaft über. Sie bedeutet Hingabe und Einsatz der Kraft für das Grössere wie die Gemeinschaft, die Familie oder einen guten Zweck.
  3. In der schwarzen Phase erfährt der Held zuletzt eine Verwundung oder Grenzerfahrung, welche zum Sterben des Egos und ihn so für die weitere Existenz des Geistes öffnet.

Werden diese Phasen nicht durchlebt, bleibt der Mann sein Leben lang ein unreifer Macho- und dem Konsum verhaftet.
Jede der drei Lebensphasen wird auch durch einen Übergang eingeleitet, welcher als solcher ebenfalls Krisenpotenzial beinhaltet (denn Veränderungen sind immer kritisch).

Die kritischen Phasen oder Herausforderungen sind rot markiert oder eingerahmt.

Der männliche Weg zu Ganzheit des Vaters in sieben Phasen

Eine Vision von Ganzheit und die Geburt (7)

Die erfüllten Sieben, die Einheit von männlich und weiblich in Liebe, ist die Initialzündung für die Entstehung von neuem Leben.
So beginnen viele Überlieferungen mit einer Vision von Ganzheit, welch durch die Sieben symbolisiert ist (s. Die Ganzheit der Sieben und Die Sieben der Schöpfung.)

Die Sieben und die Geburt des Neuen

Die Geburt des neuen Lebens kann der Zahl Sieben zugeordnet werden, denn das Neue entsteht aus der Ganzheit, aus der Vereinigung von männlich und weiblich, Mann und Frau.

[S. Die Vier der Familie und die Entstehung neuer Realität.]

Darum ist die Ganzheit der Sieben ist auch das Ziel für den Menschen: denn sie bedeutet auch eine neue Geburt in die ewige Existenz der Liebe und des Geistes.
So beginnen auch Märchen und Mythen häufig mit einer Vision von Ganzheit, indem sie das höhere Ziel vor Augen führen, bevor die Handlung, die einen Lebensweg darstellt, ins Rollen kommt.

  •  Das Gilgamesh-Epos beginnt in einem Prolog mit Gilgamesh als König von Uruk.
  •  In Schneewittchen zeigen die drei Farben Weiss, Rot, Schwarz die Geburt des Mädchens an.
  • Und die Legende von Ritter Georg, dem Drachentöter beginnt mit einer Vision einer Jungfrau in einer himmlischen Burg.

Ausgangslage: Der Mann geboren aus dem Körper einer Frau

Es ist ein besonderer Umstand, dass der Mann aus dem Körper einer Frau geboren wird. So wie die Mutter zur Zeit der Geburt in der „roten Phase“ ist, so beginnt auch der Sohn mit «rot». Damit er aber im Lauf seines Lebens zu seiner eigenen männlichen Identität finden kann, ist jedoch für ihn überaus wichtig, sich von der Bindung an die Mutter zu lösen.

Gefahr: Verharren in der Mutterbindung und Komfortzone („Muttersöhnchen“)

Gelingt die Loslösung von der Mutter nicht, besteht die Gefahr, dass der Mann einer Konsumhaltung verhaftet bleibt. Dann wird für ihn Beziehung weiter bedeuten, dass er einfach nur nehmen kann und umsorgt wird. Somit wird er eher entsprechende Leistungen mit Geld bezahlen, als sein Herz schenken (das er gar nicht hat, weil es nämlich noch immer von der Mutter besetzt ist).

Das Muttersöhnchen: Königswürde für nichts – Mehr:

«Königswürde» für nichts als Partnerersatz

Die Mutter kann ihren Sohn an sich binden und von sich abhängig machen, indem sie ihn von klein auf als ihren „König“ behandelt. In diesem Fall erlangt er viel zu früh und völlig unverdientermassen die „Königswürde“. Das heisst, er hat nichts getan (ausser Mamas Sohn zu sein), um Achtung und Respekt erhalten. Möglicherweise ist er dabei sogar über den Vater gesetzt worden. Dann ist er faktisch als Partner-Ersatz missbraucht worden. Das tragische ist: So hat seine Mutter sein Herz «gestohlen», nämlich für sich genommen.

Beziehungsprobleme und Konsum von Frauen als Resultat

Er mag sich dessen vollkommen unbewusst sein, doch es ist ein Problem. Denn er kennt nichts anderes, sondern meint noch als Erwachsener, er habe das Recht zu konsumieren, ohne etwas dafür tun zu müssen. Dies wird zu Beziehungsproblemen führen, sodass er eher nach Macht und Geld streben wird, um Frauen «kaufen» und konsumieren zu können.

[S. Die Befreiung von der Mutter, Materialismus und Konsum.]

Kindheit und Jugend: Sturm und Drang (rot; 1)

Junge Männer haben von Natur aus ein starkes Bedürfnis, ihre Energie und ihre körperlichen Grenzen zu spüren. Sie messen sich mit anderen, versuchen ihren Körper einzunehmen und im Wettstreit zu dominieren. Kämpfe, Mutproben, waghalsige Aktionen, bei denen Adrenalin freigesetzt wird, gehören dazu. Rot ist auch die Farbe von Blut und Wut. Jugendliche Energie ist „Macho-Männlichkeit“, welche bedeutet, Stärke zu zelebrieren und schnell „rot zu sehen“, beleidigt zu sein oder gleich zuschlagen.

Diese Kraft kann durch Bewusstwerdung geschehen und eine innere Entscheidung in eine positive Richtung gelenkt werden, indem sie das Gute eingesetzt wird. Die Motivation des Helden für das hohe Ziel erscheint zum Beispiel im Märchen von Georg, dem Drachentöter, als Jungfrau (Symbol für reine, bedingungslose Liebe).

Gefahr: Frühe „Kastration“ der männlichen Energie

Umgang mit Aggressionen lernen

Obwohl dies für Erziehende anstrengend sein mag, ist es trotzdem wichtig, dass die Jungen diese rote Phase ausleben dürfen. Werden sie ausschliesslich von Frauen erzogen, welche diese «Aggressionen» rigoros unterbinden (z.B. indem sie sie stricken statt werken lassen), dann kommt dies einer „Kastration“ gleich.
Wenn die männliche Energie von Anfang an unterbunden wird, werden die Jungen als Erwachsene zu verweichlichten Softies, verklemmten Geistlichen oder moralisierenden Politikern.

Initiation: Weihe, Bekenntnis (rot-weiss; 2)

Ein erster Schritt auf dem Weg des Helden

Hat der Held eine innere Entscheidung bewusst getroffen, so ist der nächste Schritt ein äusseres, sichtbares Zeichen dafür. Dieses kann sein, dass er sich auf den Weg macht, um Heldentaten zu bestehen, das Böse zu überwinden und Siege zu erringen. Es kann aber auch ein Bekenntnis bedeuten oder ein spezifische Handlung Das geistige Zeichen der Hingabe ist die Taufe.

Initiation: Weihe

Kulturelle Gebräuche als Initiationsrituale für junge Männer haben zum Zweck, diese durch einen bewussten Akt aus der weiblichen Geborgenheit herauszulösen und in die Welt der männlichen Zugehörigkeit und Hingabe zu «weihen».
Dazu ein paar Zitate von Richard Rohr, Franziskanerpater und geistlicher Lehrer: 

In früheren Zeiten war klar: Der Junge musste aus der schützenden weiblichen Energie herausgerissen und in einen rituellen Raum gebracht werden, wo die Begegnung mit der männlichen Energie zur heiligen Erfahrung werden konnte … [2]

Mehr lesen:

Der Junge musste rituell verwundet und auf die Probe gestellt werden, dabei die Erfahrung der Verbundenheit mit anderen Männern machen und zur Loyalität gegenüber den Werten des Stammes finden, sodass er auch etwas zurückzugeben hatte.

Die verschiedenen Kulturen haben seit alters speziell für die jungen Männer Initiationsriten entwickelt, viel mehr als für die Frauen. Es scheint, als ob die biologischen Erfahrungen der Menstruation und des Gebärens den Frauen genug Weisheit vermittelten, Männer jedoch müssen unweigerlich auf die Probe gestellt, begrenzt, herausgefordert, bestraft, schikaniert und beschnitten, Hunger, Durst und Nacktheit ausgesetzt und so zur Reife gebracht werden. Männliche Initiation hat immer zu tun mit Härte und Grenzerfahrungen, Schwierigkeiten und Kampf und sie beinhaltet normalerweise die Konfrontation mit dem Nichtrationalen, dem Unbewussten und, wenn man so will, mit dem Wilden. Sie bereitet den jungen Mann darauf vor, dem Leben anders zu begegnen als in den Kategorien von Logik, Dominanz, Kontrolle und Problemlösung. Es bereitet ihn auf die Begegnung mit dem Geist vor.

Und an anderer Stelle:

Wenn die männliche Kraft nicht kanalisiert wird, scheint sie fast immer destruktiv zu wirken. Männer missbrauchen ihre Macht, wenn sie nicht auf einen Weg der Machtlosigkeit geführt werden. Die meisten Männer scheinen sich in ihrer Psyche nicht über den Stand eines Teenagers hinaus entwickelt zu haben.[3]

Gefahr: Verharren in Macho-Männlichkeit

Hat der Mann keine derartige oder entsprechende Erfahrung nicht gemacht, wird er wahrscheinlich bis ins hohe Alter Macho-Männlichkeit, Macht und Triebhaftigkeit leben.

Erwachsenenalter – Hingabe und Vaterschaft

Wüste: Mangel und Entbehrungen (rotweiss; 3)

Kontrolle über den Trieb – Enthaltsamkeit aus Liebe, Liebe statt Macht

Auf das Bekenntnis, Zeichen oder auf die Weihe folgt eine Phase der Prüfung des Willens und der Beständigkeit der Hingabe. Hat der Held den Entschluss gefasst, seine männliche Kraft und Leidenschaft für etwas Gutes hinzugeben, wird in Mangel und Entbehrungen geführt und muss auf „Durststrecken“ und in Widerständen seine Entschlossenheit unter Beweis stellen. Diese Phase ist durch die Wüste symbolisiert, in welcher Versuchungen lauern, die ihn vom Weg abbringen wollen. Besteht der Held die Prüfungen wird das «Wasser» egoistischen Begehrens ausgetrocknet.

Dienst im Erfolg, Barmherzigkeit (weiss; 4)

Hat er sich der Held in Widerständen als treu erwiesen, wird er als nächstes mit Erfolg gesegnet. Er wird zum weisen Ritter, der leuchtet und glänzt.

Hier besteht nun die Prüfung darin, dass er seine Ressourcen, die er durch Einsatz und Treue errungen hat, er im Interesse der Anderen einsetzt und dass er dabei nicht stolz wird, sondern bescheiden und hilfsbereit bleibt. Der weisse Ritter übernimmt für sich selbst und auch für andere Verantwortung und für lebt so Fürsorge und Vaterschaft (auch wenn er keine leiblichen Kinder hat). Mit freundlicher Warmherzigkeit nimmt er Not wahr und sieht, was getan werden muss (s. Dienst im Erfolg durch Hingabe der Ressourcen). 

Der weisse Ritter ist der Held, der das Böse besiegt, den Drachen erschlägt, der Licht in die dunkle Welt bringt, Heilung für das Volk, der sich für Gerechtigkeit einsetzt. Damit ist er eine Erlöserfigur, eins mit Christus.

Gefahr: Stolz und Macht fürs Ego

Der weisse Ritter erkennt die Schwäche des Gegenübers und könnte es darum mit Leichtigkeit manipulieren oder Druck ausüben. Seine Position der Stärke und die Ressourcen, die er gewonnen hat, verleihen ihm Macht. In dieser Phase ist die Prüfung darum, weiter enthaltsam und hilfsbereit zu bleiben und der Versuchung der Macht zu widerstehen.

Die Feuerprobe und die heilige Wunde (weiss schwarz; 5)

Eine existenzielle Verwundung

Mit zunehmendem Alter und Reife wird der weisse Ritter zum schwarzen Ritter. Nun ist er der Erfahrene, der Unbesiegbare, der Senior. Doch gerade er ist auch derjenige, der eine Niederlage, eine Verletzung erfahren wird. Denn diese ist die letzte Prüfung des Helden, seine Feuerprobe. Sie führt den Helden nochmals in eine existenzielle Notlage, in der alles auf dem Spiel steht, wofür er sein Leben lang gekämpft hat.

In den Überlieferungen

So wird zum Beispiel in den Überlieferungen Odysseus nackt an den Strand von Ithaka gespült, nachdem er alle seine Männer und Schiffe verloren hat. In der Eisenhans wird der Held als schwarzer Ritter durch die Soldaten des Königs gejagt, verwundet und gefangen genommen. Und Jesus als Gottesheld wird hingerichtet.

Im «normalen Leben»

Auch im heutigen alltäglichen Leben geht die Feuerprobe an die Substanz, denn das ist ihr Wesen. Meistens ereignet sie sich im Zusammenhang mit der Krise der mittleren Jahre. Dabei kann die existenzielle Verwundung unterschiedliche Gestalt annehmen, zum Beispiel:

  • Ein Scheitern (Kündigung, Konkurs, Scheidung),
  • Verlust des Rufes oder der Integrität,
  • Vermögensverlust oder Konkurs,
  • Verlust der sexuellen Potenz,
  • Tod einer geliebten Person (Frau oder Tochter),
  • Krankheit oder ein Burn-out u.s.w.

Es läuft darauf hinaus, dass jede schmerzhafte Erfahrung ist eine Kränkung für das Ego. Doch indem der Held mit seiner körperlich-materiellen Begrenztheit konfrontiert wird, wächst seine Bereitschaft, sich für die unendliche Dimension des Geistes zu öffnen.

 [S. Die heilige Wunde.]

Tod und Wiedergeburt: die grosse Mutter (6)

Das Sterben des Egos

Die zornige Göttin

Es ist das Leben selbst, das grosse Weibliche, welches Männlichkeit herausfordert. In Gestalt des Schicksals, der Umstände und auch des Unbewussten drängen es in Richtung Erweiterung der Persönlichkeit und Integration der Schatten.

Die zornige Partnerin

Dabei kann die schicksalshaft Muttergottheit durchaus auch im Einklang mit der Partnerin stehen, die sich schon lange nach mehr Liebe und Empathie des Partners sehnt. Ist ihre Geduld ausgereizt, senkt sie die Hörner zum Angriff und scharrt mit den Füssen wie ein wildgewordener Stier, oder schäumt und tobt wie die aufgewühlte See. Als «zornige Göttin der Unterwelt» fordert sie vom Mann Veränderung ein (dies schon in der sumerischen Mythologie, s. Der Hirte wird geschlagen und Der untreue Gatte der Göttin).

Angst und Auflehnung des Mannes

Die männliche Angst vor dieser geballten weiblichen Kraft mag mit ein Grund dafür sein, dass die Grosse Muttergottheit als Hexe in die Unterwelt verbannt und vergessen wurde und Frauen seit über 3000 Jahren unterdrückt und verfolgt worden sind.

[S. Das Grosse Weibliche, das Leben selbst, in der UnterweltEinführung ins babylonische Gilgamesh-Epos; Die dunkle Fee als Schicksalsgöttin und Vulkane und die grosse Mutter.]

Die Auferstehung der Liebe

Die Integration der weiblichen Seite des Geistes: die Jungfrau

Durch die «heilige Wunde», nämlich indem er mit seinen persönlichen Grenzen konfrontiert wird, wird der Held also buchstäblich gezwungen, sich mit seinen eigenen Schwächen auseinanderzusetzen. Die Erfahrung der eigenen Grenzen ist seine Chance, über sich selbst hinauszuwachsen und warmes Mitgefühl zu entwickeln. Damit integriert er seine Seele (Anima) und die weibliche Seite des Geistes in Gestalt der Jungfrau für als Symbol reine, wunderwikende Liebe. So gewinnt er Vollmacht über die Materie und das ewige Leben.

Öffnung für den gewaltige Reich des Geistes

Robert Bly schrieb in seinem Buch über Männer[4]:

Eine alte Überlieferung besagt, dass kein Mann erwachsen wird, bevor er sich nicht der Welt der Seele und des Geistes geöffnet hat und dass diese Öffnung durch eine Wunde an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit und in der richtigen Gemeinschaft erfolgt. Eine Wunde ermöglich es dem Geist oder der Seele einzudringen. James Hillman sagt über Hans Castorp im Zauberberg und dessen Lungentuberkulose: „Durch das kleine Loch seiner Wunde dringt das gewaltige Reich des Geistes ein“.

GANZHEIT des Vates: Weiss, Rot, Schwarz (7)

Vom Tod zum Leben – vom Ego zum Selbst

Der Held hat seinem Ego dem eigenen Tod ins Gesicht geblickt und diesen überwunden. So hat er das ewige Leben, sein Selbst, eins mit Christus gefunden (s. Das Ego und das Selbst) und das Unbewusste, das Leben in der Materie integriert.
Die Vereinigung der männlichen und weiblichen Anteile im Menschen selbst wird in Mythen durch die Hochzeit von Prinz und Prinzessin symbolisiert (s. Heilige Hochzeit). Das Königreich, das gewonnen wird, steht für Königsherrschaft im eigenen Leben.  

Einheit, Ganzheit und Schöpferkraft!

Durch die Einheit der männlichen und weiblichen Anteile hat der reife, weise Mann als grosser Vater nun alles: Er hat mit der männlichen Seite die Liebe des Vaters, geistige Kraft und Vollmacht in der Materie (Sohn, «Christus») inne. Mit der weiblichen Seite hat er zudem Liebe, Empathie und das Wort gewonnen. Diese Kräfte vereinen sich in ihm zu geistiger Schöpferkraft.

[S. Männliche Ganzheit, Gott, Vater – Sohn – Geist]

Zum Abschluss dazu noch dieses Zitat von Richard Rohr[5]:

Ein spirituell ganzer Mensch integriert in sich die männlichen und die weiblichen Dimensionen des menschlichen Geistes. Faszinierenderweise sahen manche Stämme und Kulturen tatsächlich im Frau-Mann bzw. der Mann-Frau, den Schamanen, den Weisen, die spirituelle Seherin. Sie galten als Abbild der göttlichen Ganzheit. [… Um] das zu erreichen, braucht es wahrscheinlich die Arbeit eines ganzen Lebens und darin liegt wohl die Schönheit, die man oft bei alten Männern und Frauen sehen kann. […]
In den klassischen Legenden und Mythen stehen am Ende aber unweigerlich die starke alte Frau und der sanfte alte Mann. Das ist das Ziel.

Nachweise:

[1] Bibelzitate zur ewige Königskrone (Bibelserver, Luther Übersetzung):
2Tim 4,8; Jak 1,12; 1Petr 5,4; Offb 2,10 und Offb 3,11

[2] Rohr, Richard (2009). Vom wilden Mann zum Weisen Mann (2. Auflage). München: Claudius, S. 43f. 

[3] Rohr, Richard (2011). Verwandlung. Was radikale Veränderung bedeutet. München: Claudius, S. 101

[4] Bly, Robert (2011). Eisenhans. Ein Buch über Männer (7. Auflage). Kindler Verlag GmbH, München, S. 274

[5] Rohr (2009, s.o), S. 29 f. (Hervorhebung durch die Autorin)


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