Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

3. Schneewittchen im finsteren Wald (Wüste)

Schneewittchen und die Schrecken des Waldes

By on 1. Oktober 2020

Schneewittchen und die Schrecken des Waldes

Schneewittchen und die Schrecken des Waldes

Schneewittchen rennt verängstigt durch den Wald und kommt zu einem Häuschen. Es isst von sieben Tellerchen, trinkt von sieben Becherchen und probiert sieben Bettchen …

Im finsteren Wald – das kollektive Unbewusste im Bereich des Körpers

Kurze Inhaltsangabe und Archetypen

Kurze Inhaltsangabe aus dem Märchen:

Das arme Schneewittchen rannte voll Angst durch den großen Wald.
Da kam es  zu einem kleinen Häuschen. Darin war alles zierlich und reinlich. Auf dem Tischchen waren sieben Gedecke mit vorbereitetem Essen. Schneewittchen war hungrig und durstig. Sie ass etwas von den Tellern, dann suchte sie ein Bett. Das siebte passte knapp. Sie legte sich hinein, befahl sich Gott an und schlief ein.

Symbole und Archetypen:
  1. Der Wald: Das kollektive Unbewusste im Bereich des Körpers. Im Wald wohnen gehörnte Grasfresser wie das Einhorn, der Hirsch und Rehe. Sie kommen in Überlieferungen im Zusammenhang mit der Jungfrau vor und symbolisieren den Körper der jungen Frau.
  2. Angst und Schrecken: Negativität aufgrund von Verletzung der körperlichen Integrität (s. Missbrauch – das gestohlene Leben und Der Schmerzkörper der Frau).
  3. Das Häuschen: Ein Ort bescheidener Geborgenheit.
  4. Essen, Trinken, Schlafen: Grundbedürfnisse sind gedeckt
  5. 7 Zwerge – die „kleine“, limitierte Existenz in der irdischen Realität (s. Die Sieben – Ganzheit der irdischen Realität).
  6. Im Bett des siebten Zwerges: Einer hat sie gewonnen.
  7. Nachtgebet: Vertrauen

    Lilianas Geschichte – noch immer märchenhaft

    Unterdrückung durch Konventionen

    Die Schrecken des Waldes

    Seit Tagen war Liliana kaum aus ihrem Zimmer gekommen. Seit Johan weg war, hatte sie das Gefühl, ihren einzigen Verbündeten verloren zu haben. Sie machte sich Gedanken, ob sie weglaufen und ihn suchen solle.
    Doch nun hatte der König, ihr Vater, der stets auf Reisen war, angekündigt, dass er nach Hause komme.

    Das Korsett

    Die Königin schickte eine Zofe mit einem Kleid zu Liliana. Das Kleid war lang, grau und hochgeschlossen mit einem kleinen weissen Spitzenkragen um den Hals. Liliana versuchte, so gut sie konnte, es mithilfe der Zofe anzuziehen. Schliesslich ragte der Hals aus dem Spitzenkragen und die Arme steckten in den schmalen Ärmeln des Kleides.
    – Das Kleid ist viel zu eng!, rief Liliana: Ich bringe es nicht zu!
    Die Zofe zog fest an den Schnürbändern.
    – Au! Du tust mir weh!! Ich kann nicht atmen!!!, beschwerte sich Liliana lautstark.
    Die Zofe hörte auf und sagte:
    – Ich soll ihnen von der Königin ausrichten, dass sie Sie holen wird, wenn es Zeit ist …“
    Sie machte schnell einen Knicks und verschwand.
    Nach einer Weile trat die Königin selber ein und musterte ihre Tochter. Zufrieden stellte sie fest:
    – Ja, das ist gut. Steht dir gut, dieses Taubengrau …
    Sie musterte Liliana von allen Seiten und blieb hinter ihr stehen:
    – Oh, das müssen wir noch besser machen ..!
    Sie packte die Schnüre, die das Korsett zusammenhielten, und zog sie mit aller Kraft zusammen.
    – Mutter …!, wimmerte Liliana: Ich bekomme keine Luft mehr!
    – Macht nichts!, zischte die Königin, du wirst dich noch daran gewöhnen. Diesmal wird es nicht lange dauern. Komm jetzt!
    Sie packte sie an der Hand und führte sie nach unten.

    Der abwesende Vater

    Liliana war halb schlecht, und sie konnte sich kaum auf den Beinen halten.
    Die Königin brachte sie vor den König:
    – Deine Tochter!, sagte sie trocken.
    Der König musterte sie von oben bis unten und knurrte:
    – Sie ist gross geworden! – Aber muss ihr Kleid so grau sein?
    – Es ist perfekt für sie!, erwiderte die Königin und ergänzte: Wir arbeiten noch an ihren Umgangsformen. Sie wird heute nicht mit uns essen!
    Knapp fügte sie hinzu:
    – So können wir sie keinem Bräutigam präsentieren!
    Sie reckte sich und sagte laut:
    – Es ist Zeit, dass die Tochter unter die Haube kommt.

    Der König musterte seine Liliana kurz. Die Königin blickte ihn herausfordernd an und nickte vielsagend. Er zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder seinem Gefolge zu.

    Ein Albtraum

    Liliana war froh, wieder auf ihrem Zimmer zu sein, und atmete auf, als die Zofe endlich kam, um sie aus ihrem Korsett zu befreien. Sie zog ihr Nachthemd an, sprach ihr Nachtgebet und legte sich ins Bett.

    Mitten in der Nacht hörte sie schwere Schritte auf der Treppe. Ein grosser Mann trat ein. Es war dunkel, sie konnte sein Gesicht nicht erkennen. Liliana erschrak. Er roch nach Alkohol und sagte:
    – Im Nachthemd gefällst du mir besser! – Du hast gehört, was deine Mutter gesagt hat: Es ist Zeit für dich, eine richtige Frau zu werden! Ich will dir zeigen, wie das geht! Er machte sich an seiner Kleidung zu schaffen …

    Voll Scheck fuhr Liliana auf und blickte wild um sich. Ihr Herz pochte bis zum Hals. Nein, da war niemand in ihrem Zimmer … Sie musste geträumt haben. Es dauerte lange, bis sie wieder einschlief, und ihr Schlaf war unruhig.

    In derselben Nacht machte sich die Königin Gedanken, mit wem sie Liliana verheiraten könnte. Sie erstellte eine Liste mit sieben möglichen Kandidaten.

    Der vergiftete Kamm

    Am nächsten Morgen ging sie zu Liliana, um ihr mitzuteilen, dass es Zeit für sei zu heiraten.
    Als sie Lilianas Zimmer betrat und die verstörte Tochter sah, schlug sie ihre Hände über dem Kopf zusammen und rief:
    – Meine Güte! Wie siehst du denn aus? – So bekommst du nie einen Mann!
    – Ich will keinen Mann, antwortete Liliana.
    Ohne darauf einzugehen erwiderte die Königin:
    – Es ist aber Zeit für dich zu heiraten!

    Sie machte eine Pause, dann sagte sie energisch:
    – Sei froh, dass du eine Prinzessin bist! Wenn du es geschickt anstellst, brauchst du nicht zu arbeiten, wie die Bauersfrauen. Sie müssen den Haushalt führen, waschen, putzen, kochen, hart arbeiten und den Mann bedienen. Wenn du es geschickt machst, kannst du alles bekommen, was du willst. Das bedeutet: Du musst gut aussehen, verstehst du? Wenn du schön bist und den Männern gefällst, werden sie dir aus der Hand fressen! – Aber genug für heute, ich schicke dir die Zofe, dass sie dir hilft, dich in Ordnung zu bringen! Dein Haar muss frisiert werden und hier habe ich ein paar Kleider, die ich für dich ausgesucht habe. Wenn du bereit bist, zieh sie an und führe sie mir vor!

    Bemerkungen zu dieser Deutung: Die Traumatisierung

    Körperliche Unfreiheit

    Die Symbolik des Märchens (Schrecken des Waldes) sagt unmissverständlich: Da ist eine Traumatisierung. Schneewittchen als Jungfrau symbolisiert letztlich die Göttin der Liebe, welche mit ihrem jungen, weiblichen Körper in ihrer Integrität verletzt werden kann (s. Der weibliche Schmerzkörper).

    Die Bestimmung der Frau – Zwang und Konventionen

    Letztlich ist die Bestimmung der Frau, ihren Körper für das Leben anderer hinzugeben. Dazu wurde und wird häufig Zwang verwendet.
    Konventionen stecken einen Rahmen, der für «gut» befunden wird. Sie geben die passende Partie vor, den Status, das Umfeld, idealerweise einen jungen Mann, dessen Hintergrund man kennt und befürworten kann. Es scheint, als sei die Unfreiheit der Frau diskussionslos vorprogrammiert, nicht zuletzt, weil sie mit ihrer Hingabe ein kostbares Gut verschenkt: ihr Leben. Die Frage ist also nicht, ob sie unter die Räder kommt, sondern höchstens wie, das heisst in welchem Rahmen.

    Hingabe oder Hure?

    Entsprechend verständlich ist auch, dass es ihr Angst macht, dass sie sich dagegen auflehnt und dass sie lieber den Weg der (Eigen-)Macht wählt, wenn sie kann. Früher wurden Frauen, die diesen Weg wählten, als «Huren» abgetan. Heute gibt es ganze Kulturen, welche die westlichen Frauen in ihrer Freiheit als Huren bezeichnen.

    Die moderne Geschichte – Mangel und Entbehrungen

    Der vergiftete Kamm und das Korsett, der abwesende Vater

    Meine Stiefmutter pflegte mich argwöhnisch zu beobachten. Sie war freundlich zu mir, aber ich empfand sie als eiskalt. Sie hatte Vater voll im Griff, er wagte es nicht, gegen sie etwas zu sagen. Ausserdem kritisierte sie mich immer: meinen Kleidungsstil, meine Frisur, meine Manieren … Dann versuchte sie wieder, mich auf ihre Seite zu ziehen, indem sie mir Kleider kaufte, teure Kleider, die mich so aussehen liessen wie sie. Ich konnte sie nicht tragen!

    Die Schrecken des Waldes

    Ich spürte mit jeder Faser meines Körpers, dass ich ihr ein Dorn im Auge war. In mir reifte der Entschluss: Ich wollte weg, sobald ich nur konnte! Lieber ein einfaches Leben als noch länger unter einem Dach mit dieser Frau leben. Ich kratzte mein Erspartes zusammen und stieg in einen Zug.

    Das Zwergenhäuschen, Traum und Albtraum

    In einer anderen Gegend nahm ich zunächst eine niedere Arbeit an, um Geld zu verdienen. Da ich hübsch war und eine rasche Auffassungsgabe hatte, bekam ich auch schnell bessere Arbeit. Ich merkte, dass Männer mir Beachtung schenkten, und legte mir eine harte Schale zu. Auf keinen Fall wollte ich so werden wie Barbara! Ich hatte verschiedene Beziehungen, sechs Männer, bis ich dann schliesslich beim siebten hängen blieb, Matthias.

    Im Bett des siebten Zwerges

    Matthias war gut zu mir. Wir heirateten und bezogen ein Häuschen. Ich wurde schwanger und brachte eine Tochter zur Welt: Miriam. Es folgten noch zwei Söhne, Peter und Paul. Wir hatten nicht viel Geld und arbeiteten hart.

    Schneewittchens Heldenweg über sieben Berge, Überblick:

    Schneewittchens Heldenweg über 7 Berge

    Die dritte Phase des Heldenweges: Wüste

    Treu bleiben – trotz Angst und Schrecken im Wald

    Das Märchen sagt dem Mädchen: Auch wenn schwierige Zeiten kommen, halte durch! Besser ein Leben in Bescheidenheit und kleiner Geborgenheit als Eitelkeit und Konventionen. Sie sind Gift für dich! Sie töten die Liebe.

    Der Wald, Symbol für das kollektive Unbewusste im Bereich des Körpers

    Im kollektiven Unbewussten ist ein Wissen um die Jahrtausende dauernde Unterdrückung und Ausbeutung der Frau und besonders ihres Körpers vorhanden. Solange diese Realität nicht thematisiert, sondern kleingeredet wird, hat sie aus dem Unbewussten Macht über die Frauen und führt zu Ängsten.

    Lilianas Geschichte

    So ist die Prinzessin in unserer Geschichte auch mit dem, was das Erwachsen werden mit sich bringt, zunächst überfordert und lässt es ohnmächtig über sich ergehen.

    Lilians Erzählung

    Lilian leidet unter einer anderen Art von Konventionen und Unfreiheit. Als moderne Frau hat sie aber doch mehr Möglichkeiten, ihrer inneren Vision von einem erfüllten Leben zu folgen und ihren Traum von Freiheit zu verwirklichen. Treu trägt sie auch die Konsequenzen ihrer Entscheidung, indem sie gute Arbeit leistet, ihrer Familie dient, ihr Schicksal annimmt und das Beste daraus macht (s. auch Frau Holle).


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