Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Eisenhans und der Goldbrunnen im Wald (2: Initiation)

Goldbrunnen

By on 7. Mai 2020

Goldbrunnen

Eisenhans und der Goldbrunnen (2: Initiation)

Der wilde Mann bringt nun den Sohn des Königs in den Wald hinaus. «Nun bist du also in meinem Reich», sagte der Eisenhans, «und der Goldbrunnen darf nicht angetastet werden!»

Was hat es nun mit diesem Brunnen auf sich?

Der nächste Abschnitt des Märchens:

Eisenhans und der Goldbrunnen 

Im dunklen Wald

Der wilde Mann, wieder in dem finstern Wald angelangt, setzte den Knaben von den Schultern herab und sprach zu ihm: «Vater und Mutter siehst du nicht wieder, aber ich will dich bei mir behalten, denn du hast mich befreit, und ich habe Mitleid mit dir. Wenn du alles tust, was ich dir sage, so sollst du’s gut haben. Schätze und Gold habe ich genug und mehr als jemand in der Welt.»

Eisenhans und der Goldbrunnen

Der Eisenhans stellte dem Jungen eine Aufgabe: «Siehst du, der Goldbrunnen ist hell und klar wie Kristall, du sollst dabeisitzen und achthaben, dass nichts hineinfällt, sonst ist er verunehrt.  Jeden Abend komme ich und sehe, ob du mein Gebot befolgt hast.» Der Knabe setzte sich an den Rand des Brunnens, sah, wie manchmal ein goldener Fisch, manchmal eine goldene Schlange sich darin zeigte, und hatte acht, dass nichts hineinfiel.

Der vergoldete Finger

Als er so sass, schmerzte ihn einmal der Finger so heftig, dass er ihn unwillkürlich in das Wasser steckte. Er zog ihn schnell wieder heraus, sah aber, dass er ganz vergoldet war, und wie grosse Mühe er sich auch gab, das Gold wieder abzuwischen, es war alles vergeblich. Abends kam der Eisenhans zurück, sah den Knaben an und sprach: «Was ist mit dem Brunnen geschehen?» – «Nichts, nichts,» antwortete er und hielt den Finger auf den Rücken, dass er ihn nicht sehen sollte. Aber der Mann sagte: «Du hast den Finger in das Wasser getaucht. Diesmal mag’s hingehen, aber hüte dich, dass du nicht wieder etwas hineinfallen lässt!»

Das vergoldete Haupthaar

Doch am zweiten Tag gelangte Wasser aus Unachtsamkeit auf sein Haupt und am dritten Tag, als er sein Spiegelbild im Wasser betrachten wollte, fiel sein ganzes Haupthaar in den Goldteich. Eisenhans sagte: «Du hast die Probe nicht bestanden und kannst nicht länger hier bleiben.

Hinaus in die Welt!

Geh hinaus in die Welt, da wirst du erfahren, wie die Armut tut. Aber weil du kein böses Herz hast und ich’s mit dir gut meine, so will ich dir eins erlauben. Wenn du in Not gerätst, so geh zu dem Wald und rufe: ‹Eisenhans!›, dann will ich kommen und dir helfen. Meine Macht ist gross, grösser als du denkst, und Gold und Silber habe ich im Überfluss.»

Symbole und Deutungen 

Im dunklen Wald, im Reich des Eisenhans – Wer ist er?

Der Wald symbolisiert das Unbewusste im Bereich des Körpers. Hier ist das Reich des Eisenhans, der ein strenger Lehrer und Gebieter ist. Er lässt den Jungen wissen, dass es ihm gut gehen wird, wenn er seine Weisungen befolgt.

Wer ist er, der über genug Gold und Schätze verfügt?

Als solcher ist er ein Herr über die Materie, und aufgrund seiner Verbindung mit dem Trieb kann er als Animus-Figur bezeichnet werden. Dieser stellt den Antrieb in der Materie dar und ist ambivalent als in der Gestalt dieser Archetypen:

Ambivalenz – Fluch und Segen

Diese ambivalente Funktion hat in der sumerischen Überlieferung der Gott EnKi (der Gott der Erde und der Weisheit) inne (s. Enkis Monster). Auch im babylonischen Gilgamesh-Epos hat der Gott Shamash zwei Gesichter. Er stellt einerseits den Trieb dar, andererseits aber auch denjenigen, der über die Wasser des Todes hinüberführen kann (und damit eine Christus-Gestalt, s. Die Wasser des Todes).

Eisenhans und der Goldbrunnen – der Trieb und das Weibliche
Der Goldbrunnen – der weibliche Schoss und das Wasser des Lebens

Gold symbolisiert ewiges Leben und Fülle. Wasser ist ein weibliches Symbol (s. Wasser – weiblich).
Der Goldbrunnen ist ein Symbol für den weiblichen Schoss[1] mit seiner Leben und Realität gebärenden, Wunder wirkenden Kraft (s. Der weibliche Schoss als wunderwirkendes Gefäss). Im Schoss der Frau kann neues Leben heranwachsen. In ihm findet der müde Wanderer Ruhe und der Held Fülle und Erfrischung.

Glänzend wie Kristall

Lebendiges Wasser, Wasser des Lebens, hell und klar wie Kristall, kann als Bild angesehen werden für die „Salbung“, die Scheidenflüssigkeit der Frau. (Sie glitzert wie Kristall; s. auch das biblische Bild vom „Strom Gottes“[2]).

Realität gebärende Materie

Und in einem weiteren Sinn bringt das grosse Weibliche als lebendige, „Realität gebärende“ Materie) aus seinem „Schoss“ neue Realität hervor (s. Die Erschaffung neuer Realität).

Die Aufgabe: Den Brunnen nicht verunehren – Liebe und Begehren
Ehren oder begehren?

Es darf nichts in den Goldbrunnen hineinfallen. So kann auch der Schoss der Frau verunehrt werden, indem etwas „zu-fällig“ hinein «fällt». (Dies ist ein anschauliches Bild, in der bildhaften Sprache des Körpers). Zufällig in dieses heilige (nämlich zu Ganzheit führende Gefäss) hineingeraten kann «etwas», indem nämlich der Körper der Frau ohne verbindliche Absicht und zum blossen Lustgewinn konsumiert wird. (Sex ohne Liebe nicht mit «Ehren», sondern mit Begehren zu tun.)

Liebe kostbarer als Gold und Edelsteine

Die Liebe der integren Frau ist ein überaus kostbares Gut, ein Schatz, wertvoller als Gold. Sie ist ihre Ehre und die Würde der Frau. In ihrem Schoss wohnen Leben und Fülle, kostbarer als Gold.

Der vergoldete Finger – "Goldfinger"
Der erste Geschlechtsverkehr als Initiation für den Weg der Liebe

Der Finger wird gedankenlos „hineingetaucht“, denn der brennende Schmerz, das Begehren, ist zu stark … Es ist ein Symbol für Geschlechtsverkehr. Für den Jungen ist es vielleicht der erste Geschlechtsverkehr und damit seine Initiation, seine „Einweihung“ für den Weg der Liebe.

Der Finger für das männliche Glied

Aber man denkt unwillkürlich auch an den Bösewicht in der Bond-Verfilmung „Goldfinger“ und den Text des Titelsongs: «Golden words he will pour in your ears, but his lies can disguise what you fear: […] It’s the kiss of death ! from Mister Goldfinger… (Goldene Lügen giesst deine Ohren, doch in dir sagt Furcht: Nun bist du verloren …[3]).

So kommt zum Beispiel im Märchen «Hänsel und Gretel » der Finger ebenfalls als Symbol für das männliche Glied vor. Die böse Hexe will nämlich Hänsel «fressen», sobald sein «Finger» dick genug ist. 

Das vergoldet Haar – Sex als Obsession aus Sehnsucht nach Eins-Sein

Die Sehnsucht nach Vereinigung, die beim Geschlechtsverkehr für einen kurzen magischen Moment Erfüllung verspricht, kann dem Menschen in den Kopf steigen oder ihm auch buchstäblich über den Kopf wachsen. Damit kann Sex zur Obsession werden, die das ganze Denken besetzt. Dahinter steckt jedoch die Sehnsucht, die tief im Herzen des Menschen verankert ist: der tiefe Wunsch nach Ganzheit und Eins-Sein (symbolisiert durch das Gold).

Unvermeidliches Scheitern und hinaus in die Welt!

Es ist für ein Kind schwierig, den ganzen Tag konzentriert dazusitzen und nichts zu tun, insbesondere angesichts einer solchen Verlockung wie ein Goldbrunnen. Das versteht jeder. Ebenso schwierig kann es manchmal für den Mann sein, den Verlockungen des Weiblichen zu widerstehen.

Das Verbot und zwanghafte Zuwiderhandlung

Es ist es gerade das Gebot beziehungsweise das Verbot, das die ganze Aufmerksamkeit auf die Verlockung zieht (s. Paulus und das Gesetz[5]). Wie beim biblischen Sündenfallbericht steht das Verbot auch in diesem Märchen am Anfang: Nur eines ist nicht erlaubt … Dort das «Essen» von der Frucht, hier die «Verunehrung» des Brunnens. Beide können mit der Problematik in Zusammenhang gebracht werden, dass die Liebe zum Konsumgut verkommen kann (s. Der Sündenfall-Bericht).

Die Folge der Zuwiderhandlung ist das Ausgestossen-Werden von „zu Hause“. So wird sich auch unser Held als Nächstes in der rauen Wirklichkeit weit weg von Komfort des elterlichen Königsschlosses bewähren müssen.

Hier geht es zu: Deutung sämtlicher Symbole dieses Abschnitts «Eisenhans und der Goldbrunnen». 

Aus den obigen Deutungen ergibt sich die moderne Geschichte:

Eisenhans und der Goldbrunnen – die Geschichte anders erzählt

Thomas erzählt weiter:

Im dunklen Wald, im Reich des Eisenhans

Ich hatte mich spontan für eine Männer-Auszeit angemeldet. Dabei verbrachten wir eine Woche in der Wildnis. Es tat mir gut, einfach mal im Schoss von Mutter Natur sein. Es war das erste Mal, das ich nur mit Männern zusammen gewesen bin. Karge Natur und die karge Gemeinschaft. Niemandem Rechenschaft schuldig sein, auf sich selber gestellt sein. – Irgendwie fühlt es sich an, als wäre ich bei mir angekommen.
Nun bin ich wieder zurück im Alltag. Anna hat sich nicht mehr gemeldet. Es ist gut so. Ich will zurzeit keine Frauenbeziehung. Zuerst will ich zu mir selber finden.

Eisenhans und der Goldbrunnen

Was mich erstaunt: Plötzlich scheine ich für Frauen attraktiv zu sein. Jetzt, wo ich eigentlich keine Frauenbeziehung suche. – Na ja, ganz wahr ist das genau genommen nicht. Um ehrlich zu sein: Ich bin Lilo begegnet. Sie fiel mir gleich auf, sie ist neu in unserer Firma. Sie gefällt mir gut. Aber da ist noch mehr: Sie hat einfach etwas … Sie ist etwas Besonderes. Ich weiss nicht, warum, aber ich habe Schmetterlinge im Bauch, wenn ich sie sehe. Es ist Magie.

Der vergoldete Finger

Nun ist es doch geschehen … mit Lilo. Neulich anlässlich eines Firmenanlasses.
Wir hatten reichlich getrunken. Ich brachte sie nach Hause, weil ihre Wohnung ohnehin auf meinem Heimweg liegt. Sie bat mich, schnell hochzukommen, um ihr zu helfen ein Möbel umzustellen, das für sie alleine zu schwer ist. Dann war ich drin in ihrer stilvollen Wohnung. Unter uns leuchteten die Lichter der Stadt und vor mir leuchteten ihre Augen wie Sterne. Es war so romantisch – und prompt… landeten wir zusammen im Bett.

 Ja es war schön. Aber ich wollte das nicht! Ich wollte einfach im Licht ihrer magischen Ausstrahlung sein und die Lebenskraft geniessen, die von ihr ausgeht!
Das wäre genug gewesen, zumindest für den Augenblick. Jetzt fühle ich mich schlecht. Ich bin nicht bereit für eine Beziehung. – Aber Lilo ist nicht eine Frau für eine Nacht. Ach! Was soll ich jetzt bloss tun? ??

Das vergoldete Haupthaar

Ich habe mich verstrickt, bin tiefer hineingeraten, als mir lieb ist. Immer wieder denke ich an Lilo. Zudem kann ich Begegnungen bei der Arbeit nicht vermeiden. Es ist verrückt, aber ich fühle mich einfach stark zu ihr hingezogen! – Dabei ich habe doch eben erst meine Freiheit errungen! – Ich muss mit ihr sprechen und versuchen, es ihr zu erklären – je schneller, umso besser!

Hinaus in die Welt!

So! Jetzt ist es ausgestanden! Gestern ergab es sich, dass wir einen Augenblick alleine waren. Sie wandte sich mir zu und lächelte ihr strahlendes Lächeln, in welchem so viel Wärme liegt:
„Das neulich …“, sagte sie, und ich fühlte, wieder einen Stich in meinem Herzen. Was würde sie sagen? Ob sie sich Hoffnungen auf eine Beziehung machte? Ich blickte sie schweigend an und sie fuhr fort: „Das neulich war eine Sternstunde! Und das wird es bleiben – für und beide, nicht wahr?“ Ich fühlte, dass ich innerlich kollabierte und blickte sie zögernd an. Wieder lächelte sie warm, als sie fortfuhr:
„Geben wir diese Stunde den Sternen zurück! Du musst dich auf den Weg machen, um dein eigenes Leben zu finden!“ Dabei legte sie ihre Hand auf meinen Arm. Ich war sprachlos. Nickte nur und schluckte den Kloss in meinem Hals runter. Schliesslich konnte ich hervorbringen: „Danke! Du sprichst mir aus dem Herzen.“ – „Ich weiss,“ entgegnete sie sanft.

Nach einem kurzen Schweigen gab ich mir einen Ruck und sagte:
„Bei mir stehen in jeder Hinsicht grössere Veränderungen an: Ich werde meine Stelle hier kündigen.“ Sie nickte nur zustimmend, als hätte sie nichts Anderes erwartet. «Wenn es Zeit ist, werden wir uns wieder begegnen», sagte sie nur.

Die zweite Phase des Heldenweges

Damit hat der Held die zweite Phase des Heldenweges abgeschlossen.
[Zum Hintergrundartikel zu dieser Episode: Die zweite Phase des Heldenweges – Initiation.]

Initiation: "Weihe" oder "Einweihung" für den Weg der Liebe
Initiation bedeutet «Weihe» oder «Einweihung». Sie ist ein erstes wahrnehmbares Zeichen für die Entscheidung, den Weg der Liebe zu gehen. Für den Mann beinhaltet sie die Loslösung aus der weiblich-mütterlichen Geborgenheit, welche die Voraussetzung dafür ist, dass er sich überhaupt auf den Heldenweg machen kann (s. Die Loslösung von der Mutter). Der erste Geschlechtsverkehr als körperliche Vereinigung von männlich und weiblich ist ein erster Schritt in Richtung Ganzheit beider. Das Ziel ist jedoch, dass jeder Mensch in sich selber beides vereint und so Ganzheit erlangt (s. Heilige Hochzeit – Ganzheit). 

Zur Übersicht über den Heldenweg des Eisenhans, die zweit Phase («Eisenhans und der Goldbrunnen»), diese Tabelle:

Überleitung:

Der Weg des Helden führt als Nächstes in die Wüste, wo die Aufrichtigkeit seines Herzens und Beständigkeit seiner guten Absicht geprüft werden

Weiter geht es mit:

Im fremden Schloss

Nachweise:

[1] Der Körper und die Frau werden als Gefäss bezeichnet, zum Beispiel in Bibel, Neues Testament, 1. Brief des Petrus, Kapitel 3,7 und 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher, Kapitel 4,4

[2] Vgl. auch Bibel, Neues Testament, Offenbarung des Johannes, Kapitel 22,1: Wasser des Lebens, glänzend wie Kristall

[3] Der Text des Titelsongs zur James-Bold-Verfilmng Goldfinger lautet (wörtlich übersetzt): „Goldene Worte wird er in deine Ohren giessen, doch seine Lügen können nicht verbergen, was du fürchtest. Denn ein Goldmädchen weiss, wenn er sie geküsst hat, es ist der Kuss des Todes … von Mister Goldfinger…“ Der Song von John Barry wird gesungen zum Shirley Bassey, der Text ist von Leslie Bricusse und Anthony Newley.

[4] C.G. Jung, Gesammelte Werke, Band 5, Symbole der Wandlung, S. 547 § 672

[5] Bibel, Neues Testament, Brief des Paulus an die Römer, Kapitel 7,24 ff.

[6] Bibel, neues Testament, Evangelium nach Lukas, Kapitel 6,20 


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