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Der Ewigkeit auf der Spur

Gilgameshs Aufbruch zum Zedernwald – Gefahren und Ängste (3)

By on 8. April 2025

Auf dem Weg zum Zederngebirge

Auf ihrem Weg ins Zederngebirge befürchten Gilgamesh und Enkidu einen Vulkanausbruch und dass ein hoher Berg auf sie einstürzen könnte.

Gilgamesh und Enkidu: Aufbruch zum Zedernwald

Episode 3, lückenhafte Textstellen

Die Textstellen von Gilgameshs Reise zum Zedernwald sind ziemlich wirr und es fehlen bereits im Original einschlägige Zeilen. Die Frage, die sich in diesem Abschnitt stellt, ist: Wohin ist Gilgamesh unterwegs und wozu? Das Epos erzählt, dass er sich mit Enkidu zum Zedernwald aufmacht, um “jegliches Böses zu tilgen” und die eine, ja die einzigartige hohe Zeder zu fällen. Im Vorfeld manifestieren sich Angst und furchterregende Träume.

Übersicht über den Inhalt dieses Beitrages:

  1. Das Weibliche als monströse Urgewalt
  2. Feier männlicher Kraft und Potenz
  3. Warnung aus dem Unbewussten: drei Angstträume
  4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
  5. Neuerzählung des Inhalts aufgrund der Deutungen
Was bisher geschah: Aufstieg des Wilden zum König und der Trieb
Episode 1: Aufstieg an den Königshof dank der Königstochter als Priesterin

Gemäss der Sargon-Legende verdankt der König seinen Aufstieg der Göttin der Liebe. Diese ist in der Tochter des Königs von Kish personifiziert. Dank einer intimen Beziehung der beiden gelangt das Findelkind Gilgamesh, das zum Gärtnerslehrling wurde, als Mundschenk an den Hof des Königs von Kish (Episode 1).

Episode 2: Gilgamesh und Enkidu: der Trieb als der beste Freund des despotischen Königs

In Episode 2 wird die Königstochter als Gattin in der Mutterrolle dargestellt, die nun verlassen wird. Denn Gilgamesh hat sich mit Enkidu angefreundet, der seinen wilden Trieb symbolisiert. Gemeinsam machen sich die beiden auf den Weg, um Abenteuer zu erleben.

1. Das Weibliche als monströse Urgewalt

Wohin geht die Reise und wozu? – Grosse Symbole und Archetypen

Hilfe bei der Deutung: ältere Quellen im Kontext

Grundsätzlich gilt für das ganze Epos, dass es sowohl die rund 1500 Jahre ältere sumerische Überlieferung als auch die Sargon-Legende als Inspirationsquelle hat.

Sargon von Akkad: Fällen von Zedern im Libanon

Die Sargon-Legenden (um 2300 v. Chr.) ergeben zwei Hinweise: Einerseits liess Sargon im Libanon für den Bau seines Palastes Zedern fällen. Und andererseits schickte König Urzababa von Kish seinen Schwiegersohn Sargon auf eine tödliche Mission. Dabei spielten Träume eine wichtige Rolle (s. Sargon von Akkad).

Uruk (2100 v. Chr.) und die ältere sumerische Mythologie: Die Fällung von Inannas Baum

Gemäss der sumerischen Mythologie fällte Gilgamesh Inannas Baum, ihr “Huluppu”-Lebensbaum und machte sich so zu ihrem König. Der Grund war, dass Gilgamesh Inanna half, ihren die finsteren Wesen der Macht, die ihren Baum besetzt hatten, loszuwerden (gemäss der ersten Niederschrift in Babylon, rund 1800 v.Chr.; s. Episode 2: Inanna und Lilith).

Ein gefährliches und furchterregendes Abenteuer

Monströse Widerstände und das Unbewusste

Im Gilgamesh-Epos wird das Vorhaben des Gilgamesh und sein Weg zum Zedernwald als gefährliche Heldenreise beschrieben, bei welcher sich monströse Widerstände in den Weg stellen. Doch was bedeuten diese? Geht man nach dem Prinzip der Traumdeutung vor, welche ja ebenfalls das Unbewusste im Fokus hat, so gilt: Je abstruser eine Figur ist, umso eher ist sie ein Hinweise auf einen mythologisch-geistigen Abgrund, der im Unbewussten verborgen liegt (s. Deutung der Märchen und Mythen wie Träume).

Grosse Gefahren: Monster und Naturgewalten

So erfährt man in diesem Abschnitt, dass die Helden das schreckliche Monstrum Chumbaba töten wollen und dass sie auf dieser “Mission” furchterregenden Widerständen in Gestalt von Naturgewalten trotzen wollen. Auch werden sich ihnen übernatürliche Wesen in den Weg stellen, wie zum Beispiel der Gott Shamash in der Gestalt eines wilden Himmelsstieres .

Wichtig zur Ermittlung des wahren Inhalts: die Deutung der Symbole 

Die Worte und die Symbole des Gilgamesh-Epos vermitteln nicht denselben Inhalt (s. Die Deutung des Gilgamesh-Epos als Turmbau und Sprachverwirrung. Während die Worte zum Verstand sprechen und Gilgamesh als unanfechtbaren Gottkönig verherrlichen, sprechen die Symbole direkt zum Körper und installieren dort ein anderes Verständnis, nämlich das von einem irrenden und suchenden Menschen. 

Gilgamesh und Enkidu auf dem Weg zum Zederngebirge
Gilgamesh und Enkidu auf dem Weg zum Zedernwald und neuen Abenteuern

Gilgameshs Aufbruch zum Zedernwald im Originaltext (aus Tafel 2) *

Das Ziel: jegliches Böse tilgen

Gilgamesh und Enkidu begeben sich auf Abenteuer und brechen zum Zedernwald auf, um Abenteuer zu erleben und sich dabei göttlichen Ruhm zu verschaffen.

Das Weibliche als Naturkatastrophe

Gilgameshs Plan: Chumbaba töten

Im Wald wohnt der gefährliche Chumbaba,
Ich und du, wir wollen ihn töten,
Aus dem Lande 
tilgen jegliches Böse!
Laß uns fällen den 
Zederbaum !

Der unberührte Wald und das Innerste des Berges

Enkidu tat den Mund auf und sprach zu Gilgamesh:
[…] Auf sechzig Doppelstunden liegt unberührt der Wald
Wer ist‘s, der hinab in sein Inneres steige?
Chumbaba  sein Brüllen ist Sintflut,
Ja, Feuer sein Rachen, sein Hauch der Tod!.
Man besteht nicht im Kampf um Chumbabas Wohnsitz.

Mit Axt und Schwert

Gilgamesh tat seinen Mund auf und sprach zu Enkidu:
Des Waldes Berg will ich ersteigen.
Zum Wald will ich ziehen, der Wohnstatt Chumbabas,
Eine Axt und ein Schwert sollen mir Helfer sein!

Weibliche Urgewalt als Monstrum und Naturkatastrophe – Symbole und Archetypen dieses Abschnitts

9 weibliche Symbole: das Weibliche als Naturkatastrophe

Diese Textpassage enthält neun weibliche Symbole. 9 ist die Zahl der Göttin (s. dazu Der Drachentöter und die Jungfrau, Einführung). Als die Grosse Mutter symbolisiert sie die Kraft in der Natur und die Schicksalsgottheit (s. Weibliche Ganzheit 3-in-1: Potenzial, Realität und Schicksal).

  1. Chumbaba? Berg, weiblich? Zeder, weiblich? Hüter des Waldes, männlich? Das Feindbild schlechthin? Das Rätsel um Chumbaba wird hier noch nicht gelöst.
  2. Der unberührte Zedernwald s. Frauen als Bäume und ihre Fällung als Entjungferung. Gilgamesh beansprucht für sich das Recht der ersten Nacht, das heisst die Jungfrauen des Landes vor ihrer Hochzeitsnacht zu entjungfern (s. Prolog). Sargon liess für den Bau seines Palastes im Libanon Zedern fällen und auf dem Euphrat in seine neu gegründete Stadt Akkad schiffen.
  3. Die (eine) hohe Zeder für die Hohepriesterin? Schon in der sumerischen Mythologie fällte Gilgamesh mit seiner Axt den Baum der Göttin der Liebe. (s. Inanna und Gilgamesh – die Fällung des Baumes, 3).
  4. Das Innere des Waldes: Der Wald als Symbol für das kollektive Unbewusste im Bereich des Körpers.
  5. Brüllen: Was fürchtet der Mann mehr als die Tobsuchtsanfälle (s)einer rasenden Frau. (S. Episode 13 und Episode 15 |Medusa, #MeToo und die Rache der Göttin | Das Grosse Weibliche in der Unterwelt)
  6. Sintflut: Später im Epos wird Ishtar bei der Sintflut brüllen wie eine Gebärende (s. Die grosse Flut).
  7. Vulkan: Feuer! s. Vulkane, der Schicksalsberg und die grosse Mutter) und Feuer aus dem Rachen des Drachen s. Der Drache und die Frau.
  8. Den Berg besteigen: Erhöhungen der Erde sind häufig auch weiblich konnotiert. Mit ihren Burgen und Jungfrauen immer wieder das Ziel des männlichen Eroberungstriebes (s. z. B. Parzival und Orgeluse).

 

Die weiteren Symbole dieses Abschnitts: Sargon und die Zedern des Libanon

  • 60 Doppelstunden zum Zedernwald: die Distanz zum Libanon: 1 Doppelstunde Wegstrecke zu Fuss = ca. 10 km, 600 km, die ungefähre Distanz vom Zweistromland zum Libanon oder Nur-Gebirge, von wo Holz aus den Zedernwäldern flussabwärts ins Zweistromland transportiert wurde.
  • Die Zahl 60 symbolisch gedeutet: 6 (Einheit von Mann und Frau) x 10 (Marduks Zahl für die doppelte Negativdynamik): Der Mann versucht, mit Macht sich Herrschaft über die Frau und das kollektive Weibliche, das Volk, das Land, zu verschaffen.
  • Axt und Schwert als Helfer – Trieb, phallische Kraft, kriegerische Gewalt
  • Tilgen jegliches Böses – ein grosses Feindbild: eine starke Frau und deren innerer Übervater? Oder ein ungerechter Herrscher? Der weitere Verlauf des Epos wird mehr ans Licht bringen.
Inannas oder Liliths Baum

Furchterregende Symbole weiblicher Macht

Die Unterwerfung des Weiblichen?

Dieser Abschnitt strotzt nur so von grossen weiblichen Symbolen wie: Den Berg besteigen, einen Vulkan oder Drachen, dessen Rachen Feuer, dessen Hauch der Tod und dessen Brüllen Sintflut ist? Und dazu noch in sein Innerstes hinabsteigen, was soll das bedeuten?

“Lass uns Fällen den Zedernbaum”?

Eroberung mittels der Streitaxt?

Weiter wollen die beiden Gesellen im unberührten Zedernwald Chumbaba töten und und die eine hohe Zeder fällen. Das heisst, sie wollen ihr Ziel mit roher Gewalt erreichen, mit der Streitaxt und dem Schwert.

Sumerische Mythologie: Fällung des Baumes der Göttin durch Gilgamesh als Initiation

In der sumerischen Mythologie (welche überhaupt erst in Babylon niedergeschrieben wurde) fällte Gilgamesh Inannas Baum, der von finsteren Wesen der Macht besetzt war. In den Wurzeln hatte sich die Schlange, die nicht gezähmt werden kann, eingenistet. Im Stamm hatte Lilith, die dunkle Jungfrau ihre Wohnung und in der Krone der Löwenadler, der AnZu-Vogel, sein Nest (Episoden 2 und 3). Doch die Fällung des Baumes in der sumerischen Mythologie steht für die Initiation beider durch den ersten Geschlechtsverkehr. Denn Inanna (Ishtar) macht Gilgamesh dadurch zu ihrem Heldenkönig.

Inanna und Gilgamesh: die Fällung des Baumes

Neu in Babylon: die Unterwerfung des Grossen Weiblichen

Im Gilgamesh-Epos hat jedoch der König seine Initiation schon hinter sich (Episode 1) und ist nun mit seinem Trieb (Enkidu) unterwegs. Darüber hinaus gilt zu beachten, dass das Gilgamesh-Epos in Weiterentwicklung der sumerischen Mythologie die männliche Perspektive im Fokus hat und – ganz im Geiste Babylons – Macht durch Gewalt und die Unterwerfung des Grossen Weiblichen verherrlicht.

Frauen als Bäume und ihre Fällung als „Heldentat“?

Junge Frauen ragen „zum Himmel“ empor wie hochgewachsene „Zedern“ und versprechen „den Himmel“… Einen solchen hochragenden „Baum“ – als Objekt der Begierde – zu besteigen, und zu „fällen“, ist der Triumph jedes „Helden“.

Der Gedanke von der Frau als Baum ist z. B. auch in die griechische Mythologie eingeflossen. Zum Beispiel in der Sage von Apollo und Daphne: Apollo stellte Daphne nach und die Götter verwandelten sie in einen Lorbeerbaum. Diese Geschichte gibt auch dem Lorbeerkranz des „ruhmreichen Siegers“ eine dunklere Bedeutung (s. Frauen als Bäume und ihre Fällung als Entjungferung).

Diese Verknüpfung wird später im Epos deutlicher (s. Die Fahrt über die Wasser des Todes).

Herausforderung des Schicksals, der Grossen Mutter – Zorn in Form von Naturgewalten!

Um es kurz zu sagen, was der Inhalt dieses Abschnitts ist: Mit ihrer invasiven und gewalttätigen Art fordern die verwegenen Kerle nun das Schicksal heraus!

Dies wird durch die Naturgewalten, die sich unter anderem im Symbol des Vulkans oder eines stürzenden Berges (unten) zeigen, bestätigt. Sie sind ein Symbol für die grosse Mutter selbst, welche als Archetyp die Kraft in der Materie und Schicksalsgottheit darstellt, die schrecklich wüten kann.

[S. Weibliche Ganzheit 3-in-1: Potenzial, Realität und Schicksal und Vulkane, der Schicksalsberg und die grosse Mutter.]

Axt für das Fällen von Frauen als Bäume

2. Feier männlicher Kraft und Potenz

Die Rechtfertigung des männlichen Triebes

Paradigmenwechsel durch das Gilgamesh-Epos

In der sumerischen Mythologie vollzog der abtrünnige Geliebte der Göttin eine Wandlung, indem er sie heiratete. Damit trat er in den Archetypus des guten Sohnes des Vaters ein (s. Christus / Messias, der Gesalbte und der Anti-Christus). Doch das Gilgamesh-Epos verherrlicht nun die männliche Macho-Seite, indem es den Trieb (symbolisiert durch Enkidu) rechtfertigt und sogar glorifiziert. Dies kommt im Epos durch den Segen der Ältesten zum Ausdruck.

Doch nicht auf Dauer

Doch es wird nicht dabei bleiben, denn die Gerechtigkeit, geboren aus der Liebe, siegt auf die Länge immer. Es wird aber noch eine Weile dauern (s. Enkidu muss sterben).

Mit dem Segen der Ältesten (Tafel 3 *)

Die Ältesten der Stadt geben den beiden ihren Segen zu ihrem Aufbruch und vertrauen Gilgamesh Enkidus Schutz an:

Männliche Überwinder- und Eroberungskraft

Wasser für Shamash

Deinen Wunsch erlangen lasse dich Shamash, […]
Die Nacht heut bringe dir, was dich erfreut,
Lugalbanda steh‘ zum Erfolge dir bei! […]
Im Flusse Chumbabas
, zu dem du strebst,
Wasch dir die Füße!

Bei deiner Abendrast grabE einen Brunnen,
Sei stets reines Wasser in deinem Schlauch!
Kühles Wasser bringe dem Shamash dar!
Lugalbandas sollst du immer gedenken!
Enkidu möge den Freund behüten, den Gefährten bewahren,
Bis zu den Gattinnen bring‘ er seinen Leib!

Feier männlicher Kraft und Potenz: Symbole und Archetypen

In der Reihe der Ahnen

  • Der „Segen“ der Ältesten – von Generation zu Generation – ist wohl eher ein Fluch wie sich im weiteren Verlauf des Epos herausstellen wird (s. Die grosse Erbsünde und der Fluch und Missbrauch und Erlösung in menschlichen Überlieferungen).
  • Shamash – eine Animus-Figur: Dieser Gott stellt den Trieb und Antrieb in der Materie dar, zuerst als wilder Stier und später im Epos als Erlösergestalt, der Gilgamesh über die Wasser des Todes bringen kann.
  • Lugalbanda bedeutet “der grosse König”. Wer mag damit gemeint sein? Vielleicht Sargon, der zur Zeit Babylons bereits gottähnlichen Status hatte. Auf jeden Fall weist er auf das Ziel des Gilgamesh hin: Er will ein grosser König werden!

 

Erotische Symbolik

  • Der Fluss Chumbabas: Hier erscheint Chumbaba als Berg (und damit weiblich, als Erhebung auf der Erde). Und der Fluss, der vom Weiblichen, hier also vom Berg als Erhebung der Erde, hinabfliesst, kann auch als Symbol für die „Salbung“ angesehen werden (s. Die Salbung – Vollmacht über die Materie).
  • Die Füsse im Fluss waschen – Geschlechtsverkehr: Eine Art Initiationshandlung? Wie das Überqueren des Jordans, um das gelobte Land einzunehmen? Die Füsse sind auch ein Symbol für die Geschlechtsorgane.
  • Einen Brunnen graben – ins Weibliche eindringen: einen Schacht graben in der Erde, wo lebendiges (Lebens-)Wasser verborgen ist (aus den Sprüchen der Thora: “Dein Brunnen sei gesegnet, und freue dich der Frau deiner Jugend.» (Bibel AT, Spr. 5,15 und 18). Gegen Ende des Epos zeigt sich, dass der Brunnenschacht, den Gilgamesh gegraben hatte, die Ursache für eine grosse Überschwemmung, ja die grosse Flut war. (S. Gilgamesh und das Unsterblichkeitskraut.)
  • Stets Wasser im Schlauch – Ja! und … immer „voll geil“ drauf?
  • Dam Shamash stets kühles Wasser also Opfer darbringen – Ejakulation als Opfer für den wilden Stier, den Trieb? In der sumerischen Mythologie bringt Isimud (als Vorgänger des Enkidu) Inanna, der Göttin der Liebe, Wasser (Episode 4).
  • Enkidu als Beschützer? – Der Schutz durch den Trieb bedeutet rohe Gewalt.
  • Bis zu den Gattinnen – Bräute als Geschlechtspartnerinnen?  Eine altertümliche Übersetzung. Es handelt sich dabei wohl um die Ausübung des Rechts der ersten Nacht (s. Kasten oben).

    Das Weibliche erobern

    Auf zu den “Gattinnen”, den jungfräulichen Bräuten …

    Zu den Gattinnen bring er seinen Leib? Dies ist ein Hinweis, dass es sich bei den sogenannten Abenteuern nicht zuletzt auch um die Ausübung des ius primae noctis handelt. Dieses “Recht der ersten Nacht” ist die Bezeichnung für das willkürlich durchgesetzte und angeblich göttlich “legitimierte” Recht des Herrschers, die künftigen “Gattinnen”, nämlich Bräute des Landes in der Hochzeitsnacht zu entjungfern. [Dazu s. Einführung ins babylonische Gilgamesh-Epos und Gilgamesh, Königgott und Tyrann von Uruk (Prolog).]

    … und zur umfassenden Herrschaft und Königsmacht über das Land

    Das ist das Ziel, denn … “Ein König darf machen, was er will!” – oder etwa nicht? [S. Christus / Messias, der Gesalbte und der Anti-Christus.]

    Gilgamesh und Enkidu auf dem Weg zum Zederngebirge
    Die Darstellung von Enkidu als Faun hat ihre Urpsrünge bereits in babylonischer Kunst. Der Faun mit Hörnern und Bocksfüssen ist ein Archetyp für den Animus, den Antrieb im Körper und der Materie.
    Gilgameshs und Enkidus Kampf gegen den Himmelsstier, babylonisches Rollsiegel

    Gilgameshs (rechts) und Enkidus (links) Kampf gegen den Himmelsstier, babylonisches Rollsiegel

    Die beiden machen sich jetzt also auf den Weg, das Weibliche, Frauen, Land, einen Berg mit einem Wald zu erobern.

    3. Warnung aus dem Unbewussten: drei Angstträume

    Doch nun hat Gilgamesh hat drei Träume, die ihn erschrecken. Sie bestätigen mit ihren archetypischen Figuren die obigen Deutungen.

    Drei Träume …

    Ein Stierkampf, ein stürzender Berg und ein Vulkanausbruch

    Gilgamesh erzählt Enkidu, was er geträumt hat:

    • Erster Traum: Zwei Wildstiere gingen aufeinander los. Ich wurde ergriffen, meine Zunge herausgerissen, meine Schläfen schwollen an, doch dann wurde ich mit frischem Wasser begossen.
    • Zweiter Traum: Wir standen vor einem grossen Berg, da stürzte der Berg über uns – er stürzte auf uns ein …
    • Dritter Traum: Die Himmel schrien, das Erdreich dröhnte, der Tag erstarrte, Finsternis brach hervor, ein Blitz, loderndes Feuer, es regnete Tod. Asche fiel vom Himmel und bedeckte alles… 

    Enkidu deutet die Träume für Gilgamesh auf folgende Weise:

    • „Der Stier ist Shamash! Er wird uns helfen und beschützen.”
    • “Der Berg ist Chumbaba! Wir werden ihn töten!”
    • Beim dritten Traum beginnt sogar Enkidu zu zögern. Nun ist es Gilgamesh, der die Führung übernimmt: „Wir lassen uns nicht abschrecken – nicht wahr? – Egal was sich uns entgegenstellt“.

    Der Leser kann an dieser Stelle selbst beurteilen, was von diesen Deutungen zu halten ist. Die Symbole weisen jedoch auch auf die negative Paardynamik FEUER hin und damit auf Macht und Gewalt in der Beziehung.

    Die Symbolik in den Träumen

    Was Träume so “magisch” erscheinen lässt, kann auf suggestive Wirkung von Archetypen, wie C.G. Jung sie beschrieben und dem Reich der Götter zugeordnet hat, zurückgeführt werden. (S. Archetypen als geistige Urformen und C.G. Jung). Hier also:

    • Drei Träume – drei, die göttliche Zahl: Dass es drei Träume sind, ist ein erster Hinweis darauf, dass es sich um “göttliche” Kräfte handelt, welche auf Motiv und Taten einwirken können.
    • Zwei Wildstiere – negative Paardynamik: Die beiden Partner gehen aufeinander los! Dabei ist jeder Teil seinem Trieb verhaftet: Er der Körpertrieb, sie dem negativ-emotionalen Trieb (Zorn in Form von Brüllen, Toben und Feuerspeien), s. Grundlagen der Paardynamik.
    • Er wird “mit frischem Wasser” begossen: Er wird ganz cool oder gar eiskalt. Dies ist ebenfalls Bestandteil der Negativdynamik: Er geht nicht auf sie ein, sondern lässt sie auflaufen wie der Matador beim Stierkampf. Dies treibt sie umso mehr in die Raserei.
    • Shamash als “Beschützer”?: Hier soll der ungebremste Trieb (rohe Gewalt?) Hindernisse aus dem Weg räumen …
    • Stürzender Berg – rasende Weiblichkeit. Sie türmt sich vor ihm auf und geht auf ihn los.
    • Vulkanausbruch, Feuer und Tod speiender Berg s. Vulkane, der Schicksalsberg und die grosse Mutter,

    und ein Hauch von Furcht …

    Ging etwa ein Gott vorbei? 

    Während Gilgamesch dasitzt, das Kinn an sein Bein gelegt,
    Befiel ihn der Schlaf, der auf die Menschen herabquillt,
    In der mittleren Wache brach er den Schlaf ab,
    Fuhr empor und sagte zum Freunde:
    »Freund, riefst du mich etwa? Warum denn bin ich erwacht?
    Stießest du mich etwa an? Warum denn bin ich entsetzt?
    Ging etwa ein Gott hier vorbei?
    Warum denn schaudert‘s mich an den Gliedern?

    Ein Vulkanausbruch!

    Freund, ich sah einen dritten Traum,
    Und der Traum, den ich sah, war ganz entsetzlich:
    Auf schrien die Himmel, das Erdreich dröhnte —!
    Der Tag erstarrte, die Finsternis kam heraus,
    Auf blitzte ein Blitz, es entlodert‘ ein Feuer,
    wurden immer dichter, es regnete Tod.
    Dann wurde rot das weißglühende Feuer und verlosch;
    Alles aber, was da herabfiel, ward zu Asche … “

    Die Träume als Botschaften aus dem Unbewussten warnen die beiden vor dem Zorn Gottes, doch sie hören nicht darauf.

    Vulkan für schöpferische Urgewalt (Oliver Spalt, Wikipedia)

    4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

    Gilgameshs Aufbruch zum Zedernwald: Zusammenstoss der Urgewalten

    In dieser Episode werden die göttlich-geistigen Urkräfte beschrieben, die aufeinanderstossen. Mit ihrem Aufbruch fordern die Helden diese Gewalten heraus.

    Die männliche Seite

    Wagemut, der starke Trieb wie auch die Gutheissung als Legitimation durch die Ältesten treiben die beiden an, sich auf Eroberungszüge zu begeben.

    Die weibliche Seite

    Von dieser Seite drohen Wut, Zorn, Feuer und Tod. Diese können einerseits der zuhause gelassenen und verschmähten Gattin zugeordnet werden (dazu ausführlich in der Episode Der Himmelsstier). Andererseits wird auch die Grosse Mutter als Schicksalsgottheit zürnen, wenn die beiden den Bogen mit ihren Untaten überspannen.

    5. Gilgameshs Aufbruch, die andere Geschichte

    Die Neuerzählung verknüpft die Handlung des Gilgamesh-Epos mit der Sargon-Legende.

    Die Personen, die darin vorkommen:

    • Gilgamesh-Salmon als Findelkind beim Gärtner des Königs Chababa (UrZababa von Kish) aufgewachsen und als der Geliebte der Königstochter Ischa zum Mundschenk emporgestiegen.
    • Enkidu, Gilgameshs starker Trieb, der Gilgamesh in “Abenteuer” treibt.
    • Ischa von “Ishtar”, Gilgameshs Göttin-Gattin und Tochter des Königs, die um der Abenteuer willen verlassen wird.
    • Königs Chababa (UrZababa von Kish) und Ischas Vater misstraut Gilgamesh.
    • Chumbaba? Stürzender Berg, Feuer und Asche, Brüllen, Sintflut? Das Rätsel um Chumbabas Identität wird im weiteren Verlauf des Epos ein Thema sein.
    • Shamash, der Sonnengott als wilder Stier und Animus Gestalt (Trieb und Antrieb in der Materie).
    • König Zagesi und seine Frau Nisaba: Gilgamesh-Sargons Vorgänger (als Lugalbanda, der grosse König?)

    Salmon erzählt seine Gilgamesh-Sargon-Story weiter:

    Liebe Freunde

    Kraft durch den Konsum von Frauen …

    Es galt wohl nie als besonders heldenhaft, Frauen zu konsumieren, bildhaft gesprochen, sie zu fällen. Doch leider ist es eine traurige Tatsache, dass “der Mann der Macht” in sich selbst keine Liebe hat und darum Frauen konsumieren muss. Denn auf diese Weise erhält er von ihnen Lebenskraft.

    … getarnt durch den Sieg über Monster

    Der Sieg über ein furchtbares Monstrum hingegen, das ist guter Stoff für eine ruhmreiche Heldengeschichte! Also machte ich in meiner Story die starken Frauen zu Monstern und die schwachen zu Zedern, die für den Bau meines Palastes gefällt wurden. Das passt auch im übertragenen Sinn: Die Eroberung der Frauen gab mir die Kraft, unentwegt vorwärts zu streben und so mein Weltreich, meinen grossen Palast, aufzurichten!

     Negative Paardynamik – weg von zu Hause!

    Ich musste weg von Ischa! Denn sie war fürwahr ein Monstrum! Sie tyrannisierte mich und versuchte, mich zu gängeln und einzusperren. Sex gab sie mir keinen mehr, stattdessen war sie eifersüchtig misstrauisch und machte mir immer wieder Szenen und Dramen, ja sie wurde sogar handgreiflich und ging auf mich los! Wenn ich nicht reagierte, wurde sie noch wütender. Das benutzte ich, um sie zu Fall zu bringen. Ja das war ganz leicht, ich ging einfach nicht auf sie ein und so setzte sie sich selbst ins Unrecht.

    Dennoch verständlicherweise begann ich also, mir Gedanken zu machen, wie ich von ihr wegkommen könne.

    Die Träume

    Doch dann hatte ich mehrere Träume, die mich erschreckten:

    Erster Traum: Zwei Wildstiere gingen aufeinander los. Ich wurde ergriffen, meine Zunge herausgerissen, meine Schläfen schwollen an, doch dann wurde ich mit frischem Wasser begossen.

    Diesen Traum deutete ich als Bestätigung meiner Wahrnehmung: Der Kampf der Stiere: das waren Ischa und ich! Und das frische Wasser? Ich musste cool bleiben! Und vielleicht auch: Ich brauchte frisches Wasser … Lebenskraft von anderswo!

    Zweiter Traum: Wir standen vor einem grossen Berg, da stürzte der Berg über uns – er stürzte auf uns ein …

    Ich war in dem Traum nicht alleine … Doch wer war bei mir? Ischa, meine Göttin? Nein! Sie war eher ein Teufel! Ein Gott? Shamash vielleicht? Ja, er musste es sein! Also deutete ich diesen Traum so: Und wenn Berge auf dich einstürzen, was geschieht, du bist nicht alleine! Geh nur mutig vorwärts! Ja, das war ein guter Traum und wieder eine Bestätigung!

    Dritter Traum: Die Himmel schrien, das Erdreich dröhnte, der Tag erstarrte, Finsternis brach hervor, ein Blitz, loderndes Feuer, es regnete Tod. Asche fiel vom Himmel und bedeckte alles … 

    Zugegeben, dieser Traum war von einer Wucht, die mir Angst machte. Ich war nicht so sicher, ob meine bisherigen Gedanken in die richtige Richtung wiesen.

    Dinge geraten ins Rollen

    Doch dann kam prompt Ischa am nächsten Morgen auf mich zu und konfrontierte mich geradeheraus:
    – Ich hatte heute Nacht einen Traum… ich weiss nicht, was er bedeutet, aber ich habe so ein Gefühl …

    Indem sie ihren Blick auf mich heftete, fuhr sie fort:
    – Du willst mich doch nicht etwa verlassen … oder …? 

    Ich schluckte, denn ihre Worte stachen mich geradewegs in meine Mitte, in die Brust, und so entfuhren mir –  bevor ich darüber nachgedacht hatte –  diese Worte:
    – Niemals würde ich dich verlassen, meine Göttin, meine teuerste Ishtar!

    Vor dem König

    Doch dann überstürzten sich die Ereignisse, das Schicksal kam mir zu Hilfe.
    Noch am gleichen Tag erzählte mir Ischas Vater, König Chababa, dass sein Vasallenkönig Zagesi mit seinen Tributzahlungen im Rückstand sei. Da bot ich ihm an, die Sache für ihn in Ordnung zu bringen, also zu ihm zu fahren und ihn an seine Pflichten zu erinnern.

    Der König blickte mich misstrauisch an:
    – Soso, du möchtest wohl von hier wegkommen … ein bisschen Abenteuer?

    Er lächelte hämisch, als er sagte:
    – Meine Tochter Ischa ist nicht gerade pflegeleicht, nicht wahr? Habe mir schon gedacht, dass es mit eurer Ehe nicht gerade zum Besten steht …

    Doch ich sagte dreist:
    – Ischa hatte einen Traum, der mein Vorhaben bestätigt!

    Eine Chance

    Nun blickte Chababa mich kritisch an und seine Augen verengten sich zu Schlitzen, als er sagte:
    – Wenn das so ist … Aber das sage ich dir: Wenn du meine Ischa in irgendeiner Weise verletzt, werde ich dich um einen Kopf kürzer machen … Damit das klar ist!

    Ich blickte Chababa geradewegs in die Augen und nickte.
    Nun
    wurde er nachdenklich und sein Blick glitt in die Ferne. Dabei schien es, als rede er zu sich selbst:
    – Zagesi hat mit dieser Shaba zu tun. Sie ist eine gefährliche Frau … eine Hexe …

    Ich horchte auf. Zagesi, seine Frau … Das könnte meine Chance sein! Sogleich bemühte ich mich jedoch, dem König zu versichern:
    – Ich werde Eure Interessen gut vertreten, so wahr Shamash mir beistehe!

    Er stand auf und sagte:
    – Ich werde die Sache mit meinen Ältesten besprechen und dir Bescheid geben.

    Hohe Aussichten: der Zedernwald und die eine hohe Zeder

    Am nächsten Tag rief Chababa mich zu sich. Sein Blick war wieder in die Ferne gerichtet und er zuckte die Schultern, als er sagte:
    – Nun gut, du hast es so gewollt. Wenn du meinst, du könntest bei Zagesi etwas bewirken … Ich gebe dir ein Schreiben mit, das dich als meinen Gesandten legitimiert. Zagesi weilt im Libanon in den Zedernbergen. Er ist überheblich geworden, lässt dort Zedern für den Bau seines Palastes fällen. Du wirst dich also dorthin begeben müssen, wenn du ihn treffen willst.

    Aufbruch!

    Zum Libanon! Das passte mir gut, je weiter weg von Ischa und ihrem dominanten Vater Chababa, umso besser! Ich würde wieder frei sein, tun und lassen, was ich wollte! Weit weg von zu Hause würde mir niemand nachspionieren. Ich würde Frauen nach Belieben nehmen können  – und sogar Ruhm erlangen. Ja, wenn ich dabei auch noch Zagesis Platz einnehmen könnte …
    Zudem hatte sich die Schönheit von Zagesis Frau im ganzen Land herumgesprochen. Man sagte, sie sei eine Göttin, Nisaba, die Königin Saba! Wenn ich sie erobern könnte …! Wenn ich anstelle von Zagesi König sein könnte, dann würde die ganze Erde, vom unteren bis zum oberen Meer, mir gehören!

    Also zog ich mit ein paar verwegenen Kumpanen los. Shamash würde mir beistehen! In meinem Wams barg ich die versiegelte Tontafel von König Chababa.

    Weiter geht es mit:

    Episode 4: Gilgamesh und die Königin von Saba

    Originaltexte aus Tafel 2 und 3 des Gilgamesh-Epos s. Lyrik online


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