Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Warum beschimpft Gilgamesh die Göttin der Liebe als Hure?

By on 10. Juli 2026

Burney Relief (die Königin der Nacht, bearbeitet)

Gilgamesh und die Verurteilung des Weiblichen

Warum beschimpft Gilgamesh die Göttin der Liebe als Hure? (Tafel 6)

Gilgameshs Beschimpfung der Göttin als Hure ist weit mehr als eine persönliche Beleidigung. Liest man den Mythos psychologisch, erscheint sie als Ausdruck einer eskalierten Beziehungsdynamik – und möglicherweise als Beginn einer kollektiven Erzählung über Schuld und Weiblichkeit. 

Beschimpfung der Göttin der Liebe als Hure

Im Originaltext (Tafel 6)

Du Hure!

Gilgamesh tat seinen Mund zum Reden auf
Und sprach zur fürstlichen Ishtar:
»Was muß ich dir geben, wenn ich dich nehme?

[…]

An der Straße, da sei dein Sitz,
mit einem Mantel magst du bekleidet sein,
Dann wird dich nehmen, wer immer Lust hat!

Zurückweisung der Göttin der Liebe

Zu den eindrücklichsten Szenen des Gilgamesh-Epos gehört diese Begegnung zwischen Gilgamesh und Ishtar, der Göttin der Liebe. Nachdem der siegreiche Held nach Uruk zurückgekehrt ist, sucht Ishtar seine Nähe und lädt ihn ein, ihr Gemahl zu werden. Doch anstatt auf ihr Werben einzugehen, weist Gilgamesh sie schroff zurück und beschimpft sie als Hure.

Diese Szene gehört zu den bekanntesten Passagen des Epos. Doch was, wenn sie etwas ganz anderes erzählt, als es auf den ersten Blick scheint?

Ein eskalierender Beziehungskonflikt?

Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, ob sich hinter Gilgameshs heftiger Anklage nicht vielmehr die Dynamik eines eskalierten Beziehungskonflikts verbirgt. Liest man den Text im Licht älterer sumerischer Überlieferungen und der Sargon-Legende, entsteht ein überraschendes Bild: Die Beschimpfung der Göttin könnte weniger über Ishtar aussagen als über Gilgamesh selbst.

Sollte diese Deutung zutreffen, hätte sie weitreichende Folgen. Denn hier wird erstmals eine Erzählweise greifbar, in der die Schuld am Scheitern einer Beziehung einseitig dem Weiblichen zugeschrieben wird. Aus einer partnerschaftlichen Auseinandersetzung würde so ein kulturelles Deutungsmuster entstehen, das das Frauenbild über Jahrtausende mitgeprägt hat.

Gilgameshs wahre Herkunft – ein Königssohn

Die vorangegangenen Episoden führten Gilgamesh an einen Wendepunkt seines Lebens. Er musste schmerzhaft erkennen, wer er in Wahrheit ist: der Sohn einer Priesterin und eines Wilden aus den Bergen, der schließlich zur Königsherrschaft gelangt ist.
Damit rückt zwar seine äußere Königswürde in greifbare Nähe, seine innere Königsherrschaft hat er jedoch noch nicht errungen. Seine Reaktionen bleiben von Schmerz, Kränkung und ungelösten inneren Konflikten geprägt.

Gerade dieser innere Zustand bildet den Hintergrund für die Auseinandersetzung mit Ishtar.

Inanna und Dumuzi (nach einer Tonplatte, Zweistromland, ca. 1800 v. Chr.)

Brautpaar mit angedeuteter Hörnerkrone oder “Königsmütze”, wie sie im späteren Gilgamesh-Epos genannt wird, nach einer Tonplatte (Zweistromland; s. u.) für Inanna und Dumuzi (Original s. in Inanna und der Hirte, Episode 9).

Partnerschaftliche Auseinandersetzung

Ishtars „Begehren“

Das Gilgamesh-Epos erzählt, dass die Göttin Ishtar den heimgekehrten Helden begehrt und ihn auffordert, ihr Gemahl zu werden. Auf den ersten Blick scheint die Rollenverteilung eindeutig: Die Göttin wirbt um den Helden.

Doch gerade hier lohnt sich ein genauerer Blick.

Göttin – Gattin

Liest man den Mythos im Zusammenhang mit den älteren sumerischen Überlieferungen, erscheint diese Szene in einem anderen Licht. Dort heisst die Göttin der Liebe Inanna. Da die Überlieferung erstmals in Babylon niedergeschrieben wurde, erscheint Gilgamesh nur an eine Stelle, und zwar als ihr Intiator, mit dem sie den ersten Geschlechtsverkehr hat (Episode 3). Danach heisst ihr Gatte Dumuzi, was “Sohn des Lebens” bedeutet.

Inanna und Gilgamesh: die Fällung des Baumes

Der König, Geliebter der Göttin

Sargon, der als Modell für Gilgamesh dient, schrieb in seiner Sargon-Legende, dass er seinen Aufstieg der Göttin Ishtar, der Göttin der Liebe verdankt, welche durchaus mit der Tochter des Königs von Kish in Verbindung gebracht werden kann.

Im Licht dieser Deutungen sucht die “Göttin Ishtar” nicht einen fremden Helden, sondern als Partnerin berechtigterweise die Nähe ihres länger abwesenden Gatten.

Damit erhält auch der folgende Originaltext eine neue Bedeutung.

Wie Gilgamesh die Königmütze sich aufgesetzt,

Erhob zu Gilgameshs Schönheit Ihre Augen die fürstliche Ishtar:

»Komm, Gilgamesh! Du sollst mein Gatte sein!

Schenk, o schenke mir deine Fülle!

Du sollst mein Mann sein, ich will dein Weib sein!

Eine Umkehr der Rollen?

Auf den ersten Blick scheint die Situation eindeutig: Die Göttin wirbt um den Helden, doch dieser weist sie zurück.

Doch was, wenn – wie oben postuliert – Ishtar nicht fremde Verehrerin, sondern eine stellvertretende Figur für Gilgameshs Partnerin darstellt (der er seinen Aufstieg, seine Karriere verdankt)? In diesem Fall wäre Annäherung nicht ungewöhnlich, sondern nachvollziehbar, ja berechtigt.

Gerade deshalb stellt sich eine entscheidende Frage:

Weshalb erzählt das Gilgamesh-Epos die Begegnung anders?

Nach der hier vertretenen Deutung verfolgt das Epos das Ziel, seinen Helden von Anfang bis Ende als siegreichen und souveränen König erscheinen zu lassen. Die Rollenumkehr bildet dafür einen wichtigen Bestandteil:

Nicht der Heimkehrer muss sich vor seiner Gattin verantworten, sondern die Göttin wird zur Bittstellerin.

Eine Verteidungsrede des Helden!

Vor diesem Hintergrund erhält auch Gilgameshs folgende Antwort eine neue Bedeutung. Sie ist nicht nur eine schroffe Zurückweisung, sondern kann zugleich als Verteidigungsrede in einem eskalierten Beziehungskonflikt verstanden werden.

Konkret im Originaltext (Tafel 6):

Du Hure!

Gilgamesh tat seinen Mund zum Reden auf
Und sprach zur fürstlichen Ishtar:
»Was muß ich dir geben, wenn ich dich nehme?

Brauchst du Salbe für den Leib, oder brauchst du Gewänder?
Fehlt es dir etwa an Brot oder Nahrung?
Freilich habe ich götterwürdige Speise,
Habe manchen Trank, der dem Königtum ansteht!

[1 Vers fehlt] 

Doch Wozu? An der Straße, da sei dein Sitz,
… mit einem Mantel magst du bekleidet sein,
Dann wird dich nehmen, wer immer Lust hat!

Schleier: Ishtar als Hure

“Du bist nichts als eine Hure!”

In der Antike pflegten Frauen, die ihre Liebesdienste anboten, verschleiert am Strassenrand zu sitzen (so zum Beispiel Tamar aus der Bibel).

Fazit: Weshalb weist Gilgamesh seine Gattin zurück?

Die Schärfe von Gilgameshs Reaktion überrascht. Kaum hat Ishtar seine Annäherung gesucht, schlägt ihre Einladung in eine heftige Beschimpfung um.

Woher kommt diese Wut?

Die vorangegangenen Episoden liefern für die Wut des Helden einen möglichen Schlüssel.

1. Verteidigung gegen Vorwürfe aufgrund von sexuellen Ausschweifungen

Einerseits ist anzunehmen, dass Gilgamesh seiner Gattin mehr als untreu war. Denn der Prolog des Epos erzählt, dass er als Machtherrscher “das Recht der ersten Nacht” beanspruchte und so reihenweise Jungfrauen vor ihrer Hochzeit vergewaltigte. Das ist seiner Frau wahrscheinlich zu Ohren gekommen und sie macht ihm herbe Vorwürfe.

2. Aufwühlende Erkenntnis seiner wahren Herkunft

Darüber hinaus  hat Gilgamesh in kurzer Zeit tief erschütternde Erfahrungen gemacht. So tönen die vorangehenden Episoden eine Oedipus-Geschichte an und lassen ahnen, dass Gilgamesh (ohne es zu wissen) mit seiner Mutter geschlafen und seinen Vater umgebracht hat.

Doch damit kennt er nun immerhin seine wahre Herkunft und hat einen Teil seiner Identität zurückgewonnen. Zugleich ist er innerlich alles andere als versöhnt.

Gerade diese neu gewonnene Unabhängigkeit, als Königssohn und nicht als Gärtnersgehilfe, verändert die Beziehung zu seiner Gattin. Er ist nicht länger auf ihre Anerkennung angewiesen und fühlt sich erstmals in der Lage, ihr offen entgegenzutreten. Er schlägt zurück.

Gilgameshs Anklage als Verteidigung

Urtext (Tafel 6): Beschimpfungen und Abwertungen

Die folgenden überaus kreativen destruktiven Bezeichnungen richten sich zwar gegen Ishtar. Zugleich lassen sie jedoch erkennen, wie tief Gilgamesh selbst verletzt ist.

Ein Ofen bist du, der das Eis nicht schmilzt.
Eine unfertige Türe, die Wind und Blast nicht abhält!
Ein Palast, der niederschmettert den Helden,
Ein Elefant, der da abreißt seine Decke!
Erdpech, das seinen Träger besudelt,
Ein Trinkschlauch, der seinen Träger durchnäßt!
Ein Kalkstein, der die steinerne Mauer sprengt,
Ein Jaspis, der das feindliche Land herbeilockt!
Ein Schuh, der seinen Besitzer kneift! […]

Damit eskaliert der Konflikt.

Die Anklagen als Selbstoffenbarungen Gilgameshs

Nun beginnt Gilgamesh seine eigentliche Anklage. Er zählt eine Reihe früherer „Liebhaber“ der Göttin auf, um zu beweisen, dass sie treulos und zerstörerisch sei.

Gerade hier setzt die vorliegende Deutung an.

Was gewöhnlich als Anklageschrift gegen Ishtar gelesen wird, lässt sich zugleich als Selbstoffenbarung Gilgameshs verstehen.

Es folgen nun sechs Vorwürfe, die gewöhnlich als Beweise für Ishtars Untreue gelesen werden.
Doch jeder dieser Vorwürfe kann zugleich als Selbstoffenbarung Gilgameshs verstanden werden. Denn jeder der angeblichen Liebhaber spiegelt einen Persönlichkeitsaspekt oder einen Lebensabschnitt des Helden wider.

1. Der Prügelknabe – Gilgamesh als Opfer

Dumuzi, deinem Jugendgeliebten —
Ihm hast Jahr für Jahr du zu weinen bestimmt.

Du machst das Leben zur Hölle und opferst, den du liebst!

“Immer wieder machst du Drama und schickst mich in die Unterwelt!” (s. Inannas Versöhnung mit dem Hirten oder auch Barbie, der Krieg und die Unterwelt.)

Die Göttin des Weinstocks deutet Dumuzis Traum: alles geht in die Binsen
Sumer: Dumuzis Traum: Alles geht in die Binsen.
Die Tränen: von der Integration des Schattens zum jährlichen Fruchtbarkeitsritual

Der Weg in die Unterwelt als Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten

Dumuzi war der Gemahl von Inanna, der sumerischen Göttin der Liebe. Der Name bedeutet “Sohn des Lebens” (des Vaters!) und bezeichnet den “guten” Sohn, der sich dem Weiblichen hingibt. Im Rahmen von partnerschaftlichen Auseinandersetzungen blieb es ihm nicht erspart, ebenfalls (wie zuvor schon die Göttin der Liebe!) den Weg in die Unterwelt auf sich zu nehmen.

Das jährliche Fruchtbarkeitsritual: Abstieg in die Unterwelt im Wechsel

Doch aus dieser “konstruktiven Lösung” wurde bald ein Fruchtbarkeitsritual. Das Weinen bezieht sich auf das jährliche „Opfer“ des Heldenkönigs (Hieros Gamos), wozu der Abstieg in die Unterwelt, das Reich der Toten gehört. Hier weilte der Heldenkönig dann während des Winterhalbjahres, bis im Frühling dann jeweils wieder seine Auferstehung zur Hochzeit mit der Göttin gefeiert wurde, welche zur Rückkehr der Fruchtbarkeit des Landes führen sollte.

2. Der Kiebitz – Gilgamesh als Fremder aus der Unterschicht

 Da du den bunten Kiebitz (ein Vogel) liebtest,
Hast du sie geschlagen, ihr den Flügel zerbrochen […]

Du hast mich in einen goldenen Käfig eingesperrt!

„Du hast mich zwar geliebt, aber als Angestellten aus der Unterschicht schlecht behandelt, herumkommandiert und mich meiner Freiheit beraubt.”  

Die Kiebitzpalette, Ägypten, ca. 3100 v. Chr.
Kiebitzpalette, Ägypten, ca. 3100 v. Chr.; Kiebitze, Rechit genannt, sind ein Symbol für einen Sklavenarbeiter der Unterschicht.
Der bunte Vogel, Symbol für Arbeiter aus der Unterschicht

Von Ägypten nach Sumer: semitische Nomaden als Einwanderer und Unterschicht.

Der Rechit, eine Kiebitzsorte, war schon 3100 v. Chr. in Ägypten ein Symbol für die untergeordnete Arbeiterschicht. In Dürrezeiten wanderten häufig Semitische Nomanden in die grünen Flusstäler ein, um ein Einkommen fürs Überleben zu machen. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Kiebitzpalette. Dem Vogel sind die Flügel gebunden, daneben ein Gitter, die Hieroglyphe für Gefangenschaft. Zudem scheint der Vogel über einer Art Barke zu schweben, welche Inannas Himmelsboot ähnelt. Auch die Gegenstände auf der Barke erinnern an die sumerische Mythologie: Eine Pflanze, die ein junger Baum sein könnte, eine Kiste, die ein Bett sein könnte, ein Stuhl oder ein Thron und ein Tau, das auch als Schlange durchgehen könnte (s. Inannas Baum im Garten Eden).

3. Der Löwe – Gilgamesh als Liebhaber

Da den Löwen du liebtest, den kraftvollkommenen,
Grubst du ihm Gruben, sieben und abermals sieben.

Immer wieder bin ich auf dich reingefallen!

“Du hast mich über die Erotik manipuliert.“

Burney Relief (die Königin der Nacht, bearbeitet)

Das Burney-Relief (ca. 1800 v. Chr.) stellt die Königin der Nacht dar, stehend auf Löwen. Der Löwe ist ein Symbol für das Element des Feuers, für feurige körperliche Leidenschaft. Ring und Stab in den Händen symbolisieren Penetration.

7 x 7 = 49 = Symbol für die vollständig durchlebte negative Dynamik der Macht
Jubel nach den erfüllten 49 Negativfaktoren, nach der Auflösung der Macht in jedem Bereich der Existenz

Die Sieben symbolisiert die ganze erfüllte Existenz (s. Die Sieben für Ganzheit). Zwei Mal sieben, also die doppelte Sieben, die 14, steht für die duale erfüllte Existenz, männlich und weiblich (mit 5 als Quersumme).

Auf die 7 im Quadrat, also die 49 folgt die 50, Symbol für den Jubel der Freiheit. Diese Zahl wird denn auch bereits in der sumerischen Mythologie mit der Heiligen Hochzeit des Paares, nach ausgestandenen Krisen erwähnt (s. Inannas Hochzeitsgesang in Episode 10), wie auch in der jüdischen Tradition das “Jubeljahr” s. 50: Pfingsten, Prophetie und der Heilige Geist).

4. Das Pferd – Gilgamesh als Leistungsträger

Da du liebtest das schlachtenfromme Roß,
Hast ihm Peitsche du, Stachel und Peitschenschnur bestimmt,
Sieben Doppelstunden zu rennen bestimmt,

Stets hast du mir Höchstleistungen abverlangt!

“Du warst der bohrende Stachel in meinem Fleisch!”

Der siegreiche Ritter in Der Eisenhans
7 Doppelstunden: 2 x 7 für die erfüllte Existenz, männlich und weiblich

Die Sieben symbolisiert die ganze erfüllte Existenz (s. Die Sieben für Ganzheit). Zwei Mal sieben steht für die duale Ganzheit, männlich und weiblich (s. auch Gilgamesh und die sieben Brote).

5. Der Leidtragende

Gilgamesh als emotionaler Lastenträger

Aufgewühltes hast du mir zu saufen bestimmt […]

Immer hast du mir deine Launen zugemutet!

“Ich musste ausfressen, was du angezettelt hattest!”

Überschwemmung (Unbewusstes, Trieb, negative Nachrichten)
Wasser als Symbol der weiblichen Seele – manchmal aufgewühlt

Das Bild des aufgewühlten Wassers begegnet in vielen Überlieferungen als Symbol überwältigender seelischer Kräfte (so zum Beispiel im Zusammenhang mit der Sintflut, s. Die grosse Flut). In diesem Zusammenhang erhält Gilgameshs Vorwurf eine zusätzliche psychologische Dimension.

6. Der Gärtnersgehilfe – Gilgamesh als Verführter

Da du liebtest Ischullânu, deines Vaters Palmgärtner, […]
Erhobst du zu ihm die Augen, gingst hin zu ihm:
,Mein Ischullânu, ach, genießen wir deine Kraft!
Und deine Hand sei ausgestreckt, faß an unsere Blöße!

Ischullânu redete zu dir:
Was verlangst du eigentlich da von mir? […]
Da du nun diese seine Rede hörtest,
Hast du ihn geschlagen, in einen Verkümmerten verwandelt …

Ich war der Gärtner deines Vaters und du verführtest mich!

“Ja, du nötigtest mich und als ich versuchte, mich zu wehren, schlugst du mich. – Du hast mich zum seelischen Krüppel gemacht!”

Sargon und Ishtar
Sargon und Ishtar

7. Der Tag der Erkenntnis, der Spiegel

Gilgamesh begegnet sich selbst!

Und liebst du mich, so machst du mich jenen gleich!

“So bist du MIT MIR umgesprungen. – Und das nennst du Liebe!?!“

Die Stunde der Wahrheit (die Sieben, die Mitte)

Nach den sechs Rollen folgt keine weitere Figur mehr. Stattdessen spricht Gilgamesh nun unmittelbar von sich selbst. Damit wird deutlich, dass die vorhergehenden „Liebhaber“ weniger eine Anklage gegen Ishtar als vielmehr Stationen seiner eigenen Beziehungsgeschichte darstellen.

Die sechs angeblichen Liebhaber erzählen nicht die Geschichte Ishtars, sondern die Geschichte Gilgameshs. Der siebte Abschnitt macht dies ausdrücklich sichtbar.

Die Ganzheit der Sieben und die 4 Elemente im Hexagramm

Schlussfolgerung

Schuld oder Projektion?

Gilgameshs Vorwürfe gegen Ishtar sind heftig. Er zeichnet das Bild einer launischen, treulosen und zerstörerischen Göttin, die ihre Liebhaber ins Unglück stürzt.

Liest man das Epos jedoch im Zusammenhang mit den älteren sumerischen Überlieferungen, eröffnet sich eine andere Möglichkeit.

Dann erscheinen die Vorwürfe nicht mehr nur als Anklage gegen Ishtar. Sie lassen sich zugleich als Selbstoffenbarungen Gilgameshs verstehen. Seine Worte erzählen von Verletzung, Kränkung, Scham, Macht, Abhängigkeit und enttäuschter Liebe – also von den Spannungen einer eskalierten Beziehung.

Gerade darin könnte die eigentliche Bedeutung dieser Szene liegen.

Nicht die Göttin steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie ein persönlicher Beziehungskonflikt erzählt wird – und welche Folgen diese Erzählung für spätere Generationen haben kann.

Die Entstehung eines kulturellen Deutungsmusters

Neue, tiefe Veränderung auf die Sichtweise des Weiblichen

Mit dem babylonischen Gilgamesh-Epos wird erstmals eine Erzählweise schriftlich fassbar, in der die Verantwortung für das Scheitern einer Beziehung einseitig dem Weiblichen zugeschrieben wird.

Aus einem partnerschaftlichen Konflikt entsteht ein kulturelles Deutungsmuster.

Die kollektive Dimension

Was als persönliche Verteidigungsrede gelesen werden kann, gewinnt den Charakter einer allgemein gültigen Wahrheit. Die Abwertung des Weiblichen erhält dadurch eine religiöse und kulturelle Legitimation, deren Wirkung weit über die Entstehungszeit des Epos hinausreicht.

Die älteren sumerischen Überlieferungen erzählen dieselbe Dynamik noch anders. Gerade im Vergleich zwischen beiden Traditionen wird sichtbar, wie tiefgreifend sich der Blick auf das Weibliche verändert hat.

Die weitere Entwicklung dieser psychologischen Dynamik lässt sich auch in anderen großen Überlieferungen verfolgen – unter anderem im ägyptischen Mythos von Isis und Osiris, auf den ein späterer Beitrag eingehen wird.
Darüber hinaus wird “die Hure Babylon” später in die Offenbarung der Bibel eingehen als Symbol für Macht durch Verführung und Verblendung.

Und noch eine letzte Anmerkung: FEUER!

Die Feuer-Dynamik für “Fortgeschrittene”

Die Erde selbst und mit ihr die Menschen als Kollektiv stecken ebenfalls in der negativen Feuer-Dynamik, die durch Macht mittels Unterdrückung und Gewalt beziehungsweise durch die Klimaerwärmung zum Ausdruck kommt. Sie wird somit einerseits durch menschliches Verhalten und andererseits noch viel mehr durch das „geistige Klima“ (Gewalt, Angst und Empörung) unter den Menschen “angheizt”. 

Zur Vertiefung:

Schwarze Magie (FEUER!), Macht durch Unterdrückung und Gewalt und Die negative Paardynamik FEUER: Gewalt in der Beziehung!

Grundlagenbeitrag:

Die negative Dynamik der Elemente – FEUER und EIS

Uruk mit dem allsehenden Auge in der Mitte

Der König ist auf dem weg vom Machtherrscher (das Auge der Macht in der Mitte) zur Ganzheit der Sieben  und damit zum guten König (s. Abb. unten).

Die Ganzheit der Sieben und die 4 Elemente im Hexagramm

Die Sieben als Bild für Ganzheit. Zuoberst die Anima als Göttin (Motivation), zuunterst der Animus (Trieb und Antrieb, Christus oder Antichristus) als Königskraft in der Materie. Die vier Elemente auf den Seiten stehen für die emotionale Energien als Verknüpfungselement zwischen Geist und Materie (Körper, Chakren).

Gilgamesh und die Göttin als Hure neu erzählt

Die neue Geschichte auf der Grundlage der Deutung der Symbole und Archetypen:

Salmon erzählt seine Gilgamesh-Sargon-Story weiter

Liebe Freunde,

Mal wieder ein paar persönliche Worte von mir in dem ganzen Durcheinander. Es ist natürlich nicht ruhmreich für den ersten und grössten König aller Zeiten, als der Pantoffelheld seiner Gattin dazustehen. Zumal ich mich vom Schicksal betrogen fühlte. Denn jetzt hatte ich schmerzhaft erfahren müssen, dass ich nicht ein unterprivilegierter Emporkömmling, sondern der Sohn einer Priesterin und eines Königs war. (Schmerzhaft, weil ich mit meiner Mutter … naja und auch noch den Tod meines Vaters auf dem Gewissen habe …

Das alles hatte ich noch immer nicht verdaut, als ich in die Auseinandersetzung mit Ischa geriet, auch wenn meine Mutter souverän über unserem Irrtum stand. – Und nichts desto Trotz: Mein Vater war ein grosser König, grösser als der Vater meiner Gattin.

Zudem hatte ich ihre ewigen Anschuldigungen und Vorwürfe so etwas von satt!

Im Heldenepos den Spiess umgedreht

Darum drehte ich im Epos den Spiess um! Das war ein raffinierter Schachzug, die verschiedenen Persönlichkeitsapsekte und Lebensabschnitte auf verschiedene Liebhaber der Göttin der Liebe zu verteilen und sie so der Untreue zu bezichtigen.
Ja, das Spiel hatte ja schon mit der sumerischen Überlieferung angefangen… Isimud – Dumuzi – Gilgamesh – alles ein und dieselbe Person! Und darin auch noch die pikante Story von der jungen Göttin, die den Vater verführt, indem sie ihn unter den Tisch trinkt und ihm dann die Weisheit klaut …
Ach, solche Geschichten kennen wir ja schon aus Ägypten mit der List der Isis als Schlange und dem erblindeten RA.

In diesem Sinn konnte ich einfach nur ins selbe Horn stossen. Also weiter …

 

Die Göttin als Hure? – Mein Zoff mit Ishtar

Lass mich einfach in Ruhe!

Nach einer langen Reise heimgekehrt, wollte ich einfach nur meine Ruhe. Doch Ischa war noch immer dieses herrische Stressmonster. Aber jetzt, wo ich meine wahre Identität kannte, Sohn Zagesis, des Königs von Uruk und Herrscher über mehrere Stadtstaaten des Zweistromlandes, hatte sich in mir etwas verändert: Mir war bewusst geworden: Das muss ich mir nicht mehr gefallen lassen!

Natürlich war Ischa sauer auf mich und hatte sich wohl einiges von meinen Eskapaden während meiner Reise rumgesprochen …

Ishtars Annäherungsversuch

Ischa gab natürlich nicht auf und hatte ihren Kopf. So hatte sie sich nun etwas anderes einfallen lassen, eine andere Strategie: Sie suchte mich in meinen Gemächern auf – oder soll ich eher sagen: heim?

Und zwar kam sie völlig aufgetakelt daher, sodass ihre verführerische Absicht unverkennbar war.

Aber ich hatte einfach keinen Bock.

Das kränkte sie natürlich und sie drang mit Worten in mich:
– Was ist mit dir?! Rede mit mir!
– Lass mich bitte … Ich bin müde!
– Was?! Wie soll ich das verstehen??? Du bist monatelang weg gewesen, um nicht zu sagen Jahre und jetzt, wo du wieder da bist, soll ich mich gleich wieder verkrümeln …?! Hattest doch genügend Zeit, um auszuschlafen …!

Ablehnung durch den Heldenkönig

Ich konnte nicht anders, mir platzte der Kragen:
– Verdammt! Hör einfach auf, mich zu bedrängen und zu tyrannisieren! Ich mag nicht mehr nach deiner Pfeife tanzen, ich bin nicht dein Spielzeug, ich schulde dir nichts! Du bist verwöhnt und egoistisch! Du hast immer genommen und bekommen, was du wolltest … Aber mir reichts jetzt! Nicht mehr mit mir!!!

Ischa blickte mich völlig entgeistert an. Solche Töne war sie sich von mir nicht gewohnt. Dann gab sie sich einen Ruck, machte auf der Ferse kehrt und verliess den Raum.

Weiter geht es mit:

Episode 7: Gilgamesh und der Himmelsstier   

Hey Siri! Isis und Osiris als Partnerschaftsdrama  

Die Hure Babylon, reitend auf dem Tier – weisse und schwarze Magie   

Originaltexte aus Tafeln 4 bis 6 des Gilgamesh-Epos s. Lyrik online


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