Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Faust, der Pakt mit dem Teufel und die Frage der Erlösung

Faust, Mephisto und die Magie

By on 21. März 2025

Faust, Mephisto. und die Magie

Faust und der Pakt mit dem Teufel

Einleitende Bemerkungen

Der Pakt mit dem Teufel und die Frage der Erlösung

Dies ist ein freier Text, geschrieben aus der Perspektive eines gealterten Doktor Faust, der über sein bewegtes Leben, den Pakt, den er mit dem Teufel schloss und die Frage der Erlösung nachdenkt. Dabei beschäftigt ihn letztendlich diese Frage, welche nach Goethe noch viele Gelehrte beschäftigt hat: Kann Faust trotzdem erlöst werden, obwohl er doch seine Seele dem Teufel verkauft hat? Dazu ergreift Mephisto das letzte Wort.

Ein paar kurze Vorbemerkungen aus der Meta-Ebene

Als erstes ein paar Vorbemerkungen, um dem Leser etwas Distanz zur Dramatik der Geschichte zu verschaffen.

Wer oder was ist der Teufel? Projektion oder Realität?

Menschen haben die Angewohnheit, die Kräfte, die sie bewegen, zu externalisieren, das heisst mit anderen Worten, ihre geistigen Prinzipien und Leitlinien nach aussen zu projizieren (s. Die Projektion des Schattens). Das hat Vorteile und Nachteile. Ein Vorteil ist, dass man die Energie, die dahintersteckt, aus der Distanz, also aus einer Meta-Ebene betrachten und sich so bewusst werden kann, was einen antreibt (s. Das menschliche Bewusstsein). Ein Nachteil ist, dass man auf diese Weise die Energie von sich abspalten und zum Beispiel behaupten kann: “Ich habe nichts damit zu tun” oder gar noch eine Schritt weiter: “Es war der Teufel, der mich verführte”, – dies als Ausrede, um sich seiner Verantwortung zu entziehen.

Der Teufel für den negativen Antrieb im Körper und in der Materie

Der negative Animus: Mangel, Defizitempfinden, Angst, Wut und Schmerz

Der TEUFEL gehört zu jenen ARCHETYPEN, die den Animus als ANTRIEB IM KÖRPER UND IN DER MATERIE symbolisieren. Weitere Archetypen mit derselben Bedeutung sind zum Beispiel Christus und überhaupt viele Götter oder übernatürliche Figuren wie der Gott der Luft, die Göttin der Liebe, auch der Sonnengott, der Himmelsstier, die Königin der Nacht usw.
Dabei stellt der Teufel den negativen Antrieb aus Mangel, Defizitempfinden, Wut und Schmerz dar, im Gegensatz zu Christus als Archetyp für den positiven Antrieb in der Materie aus Liebe.

[S. Der negative Animus als Teufel oder Tier und Christus / Messias, der Gesalbte und der Anti-Christus.]

Engel und Dämonen: personifizierte geistige Inhalte

Dasselbe gilt auch für Engel und Dämonen: In ihnen kann man ebenfalls personifizierte geistige Inhalte sehen, die sich dem Menschen anbieten, als wollten sie sagen: “Glaube an mich und nimm mich in dein Leben hinein, ja lebe mich!”.

Weisse und schwarze Magie, die Versuchung der Macht und Jesus

Die Versuchung der Macht: weisse und schwarze Magie

Die Macht kann eine grosse Anziehungskraft haben. Besonders traumatisierte Menschen, die von Angst besetzt sind, suchen Macht um nehmen zu können, was sie wollen. Hier wirkt schwarze Magie, Macht durch Unterdrückung und Gewalt). Denn es fehlt ihnen an Vertrauen, dass sie erhalten werden, was ihm zukommen soll. Doch können Menschen auch von der Ausstrahlung der Macht verblendet sein und sie darum überaus attraktiv finden. In diesem Fall ist weisse Magie im Spiel, Macht durch Verführung und Verblendung.

[S. Weisse und schwarze Magie: wenn die Geister sich scheiden.]

Darum: Wer Vertrauen hat, ist weniger anfällig für die Versuchungen der Macht.

[S. Überwinden in Versuchungen – der Trieb und die Macht und Die Versuchungen von Jesus in der Wüste: Macht in jedem Bereich.]

Wessen Leben? – Fausts oder Mephistos?

Das Geschenk des Lebens und der Ausdruck der Identität

Der Mensch hat das einzigartige Geschenk des Lebens bekommen und kann mit seinen Handlungen verschiedenen Ideen, Prinzipien oder “Geistern” Leben einhauchen und ihnen Gestalt verleihen, indem er sie zum Ausdruck bringt. Goethes Faust enthält ein anschauliches Beispiel dazu. Entsprechend stellt sich beim Lesen dieses Werkes die Frage: Wessen Leben hat Faust gelebt? Sein eigenes oder das des Mephisto? Wen oder was hat er in seinem Leben zum Ausdruck gebracht?
Dies ist das Thema dieses Beitrags.

Lucifer als Lichtbringer?

Licht der Erkenntis oder der Verblendung (Lucifer)?

Doktor Heinrich Faust stellt sich vor

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Faust, Doktor Heinrich Faust.
Wie Sie wissen, bin ich ein grosser Gelehrter, ein Weltenbummler und ein mächtiger Mann. Ja, ich bin eine weltberühmte Figur. Ich habe Goethes Ruhm noch gekrönt. Ich bin Goethe! Sein Lebensthema hat er in mir bearbeitet und der Nachwelt ausgebreitet!

Ich stelle hier Auszüge aus diesem Werk vor.

Der Rhythmus der Sprache!

Damit der ungebildete, postmoderne Leser auch etwas Freude an der kunstvollen Sprache habe, sind in den folgenden Originalversen die Stellen, die beim Lesen betont werden sollen, jeweils fett gedruckt. Also: Bitte laut oder halblaut lesen mit der Betonung auf der fetten Silbe, dann werden Sie, verehrter Leser, auch in den Bann des Rhythmus’ der Sprache hineingezogen werden.

Die Magie der Verse

Man beachte übrigens die Magie in der Versform: Sie kommt in der Zahl der betonten Silben zum Ausdruck: Die Verse haben zwischen 4 und 7 betonte Silben.

(Die Versmasse, begonnen mit vier Silben heissen übrigens, Tetrameter, Pentameter, Hexameter, Heptameter.)

Wie alles begann

Es begann damit, dass ich meines Lebens müde war, denn ich hatte alles – ich hatte mir bereits alles Wissen angeeignet, das überhaupt zugänglich war – aber das war mir nicht genug!

Und so sprach ich in meiner Verzweiflung:

Habe nun, ach! Philosophie, – 4
Juristerei und Medizin, – 4
Und leider auch Theologie – 4
Durchaus studiert, mit heiß Bemühn. – 4
Da steh ich nun, ich armer Tor! – 4
Und bin so klug als wie zuvor; – 4

Faust I, 354-359

Das alles genügte mir nicht, nein, ich wollte mehr !

Drum hab ich mich der Magie ergeben, – 5
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund – 4
Nicht manch Geheimnis würde kund; – 4
Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß – 4
Zu sagen brauch’, was ich nicht weiß; – 4
Daß ich erkenne, was die Welt – 4
Im Innersten zusammenhält, – 4

Faust I, 378-383

Nun, als alter Mann …

Damals war ich stolz, übermütig und selbstgefällig. Nun bin ich ein alter Mann.
Ich habe alles gesehen und alles erlebt und doch weiss ich nicht, ob ich je wirklich gelebt habe. Ich bange um meine Seele! Denn ich habe sie dem Teufel verkauft …

... nicht mehr im sauren Schweiss zu sagen brauch, was ich nicht weiss?
Arbeit im Schweisse des Angesichts – der Fluch über Adam

Der Fluch über Adam lautet, dass der Acker mit Disteln und Dornen überwuchert sein wird und er im Schweisse seines Angesichts sein tägliches Brot einbringen muss.
Doch die ERDE ist ein Symbol für den Körper der Frau und die DORNEN ein Symbol für das verletzte Weibliche, das sich abweisend verhält.

[S. Der Fluch und die Vertreibung aus dem ParadiesDornröschen (Einführung); Die Dornenhecke (3 und 4)Das Gilgamesh-Epos: Die sieben Brote und Die vier Elemente, ihre Bedeutung und ihr Geheimnis.]

Nun muss also der Mann die lästige Beziehungsarbeit leisten, um sie zu gewinnen. Dazu gehört:

… sagen müssen, “was ich nicht weiss”?

Was kann es denn sein, was der Mann sagen muss, was er nicht weiss? Es sind die drei Worte: “Ich liebe dich.” – Denn er weiss nicht, ob er sie liebt. Er weiss nur, dass er sie begehrt und dass er sie jetzt haben will! Er will sich nicht hingeben, er will konsumieren!

Und das ist denn auch der Deal, den Faust mit Mephisto macht, wie in der Fortsetzung klar wird. Er will die Magie, um Gretchen reinziehen zu können. Nun, was ist die Magie? Weisse Magie: Macht durch Verführung und Verblendung und schwarze Magie: Macht durch Unterdrückung und Gewalt.

[S. Weisse und schwarze Magie: wenn die Geister sich scheidenPaardynamik – Macht und Magie in Beziehungen und Die negative Dynamik der Elemente – FEUER und EIS.]

Erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält und Magie
“Erkenntnis” für Geschlechtsverkehr

Als erstes ist zu sagen, dass das Wort Erkennen in der Bibel auch für Geschlechtsverkehr steht. Zum ersten Mal, ganz zu Beginn, heisst es bereits: “Der Mensch erkannte seine Frau Eva, und sie wurde schwanger …”. So stellt die Frucht des Baumes der Erkenntnis körperlich geniessbare Liebe, also Sexualität dar, und die gegessene Frucht symbolisiert konsumierte Liebe (Sex ohne Liebe).

Im Innersten, im Schoss … der Frau: Lebenskraft!

Der nächste Satz ist die logische Fortsetzung des obigen: Das Innerste … das ist das Ziel des Faust. Natürlich möchte er nicht nur Sex, sondern er will alles! Er will an die Quelle des Lebens, ans Innerste der Existenz. Und es verhält sich so, dass in der irdischen Existenz das Leben in der Materie verborgen oder “vergraben” ist.

[S. Das Grosse Weibliche, das Leben selbst, in der Unterwelt.]

Schwarze Magie: Leben stehlen und sich der Liebe bemächtigen

Faust will mit der Magie Vollmacht über die Materie. Doch diese wird nur jenen geschenkt, die sich in der Liebe bewährt haben (s. Vollmacht über die Materie: die Salbung). Darum bemächtigt sich der schwarze Magier der Frau: Weil er selbst keine Seele und keine Liebe hat, denn er will sowohl über ihre Lebenskraft in ihrem Schoss (ihrer Seele!), als auch über ihren wunderwirkenden Geist der Liebe verfügen können. Ein Bild dafür ist der Zauberer aus Afrika, als schwarzer Magier, im Märchen Aladin und die Wunderlampe.

[S. Die Jungfrau – Wunder wirkende Liebe und Potenzial | Der Schoss der Frau als Wunder wirkendes GefässDie Frau 3-in-1: Körper – Seele – GeistSchwarze Magie, Macht durch Unterdrückung und Gewalt und Die negative Paardynamik FEUER: Gewalt in der Beziehung!.]

Ein Pudelchen in Fausts Studierzimmer

Mephisto als des Pudels Kern bei Faust

Der Pudels Kern

Wie ich dem Teufel meine Seele verkaufte? – Das ging so: Eines Tages, als ich so durch die Gassen flanierte, heftete sich ein schwarzer Pudel an meine Fersen. Das Tier folgte mir bis in mein Alchemie-Labor in meinem Keller (Sie wissen schon: geheime, verbotene Wissenschaft, die Herstellung von GOLD aus Quecksilber). Der Pudel war nun also vor mir und schaute mich dreist an. Ich machte ein paar Zaubersprüche, daraufhin gab es einen Knall und vor mir stand: Mephisto – des Pudels Kern!

Er stellte sich als ein „dienstbarer Geist“ aus der anderen Welt vor. Wir hatten ein anregendes Gespräch, im Laufe dessen ich ihn handfest herausforderte.

Ungeduld!

Naja, ich war ein ungeduldiger Mensch! Somit sprach ich meinen Wunsch aus von „Bäumen, die sich täglich neu begrünen“. Ich empfand bereits damals, dass mir die Zeit zwischen den Fingern zerrann … Er gab so viel zu erleben in dieser Welt, ich wollte nichts missen! Der postmoderne Mensch würde sagen: „I want it all and I want it now!“ – Ich weiss, ich weiss, ich war meiner Zeit weit voraus! Auch war ich besessen vom Gedanken an diese junge Frau, Margarethe, die es mir angetan hatte. Ja, sie war so jung, so rein, so strahlend, so naiv, so brav und so züchtig, ihrer Mutter so gehorsamst ergeben. Ich musste sie haben! Ich wollte sie verführen, das Früchtchen knacken…

Also sprach ich zu Mephisto:

Faust:

Zeig mir die Frucht, die fault, eh man sie bricht, – 5
Und Bäume, die sich täglich neu begrünen! – 5

Faust I,
1686-1694

Mephisto schien zu wissen, worauf ich hinauswollte, und setzte bei seiner Antwort wieder sein diabolisches Grinsen auf:

Mephisto:

Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht, – 4
Mit solchen Schätzen kann ich dienen. – 5
Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran, – 6
Wo wir was Guts in Ruhe schmausen gen. – 6

Das war für mich perfekt, denn Ruhe interessierte mich nicht, nein ich wollte „Action“!

Das faule Früchtchen und die regenerationsfähigen Bäume

Die faule Frucht am Baum

Die Frucht des Baumes der Erkenntnis stellt körperlich geniessbare Liebe, also Sexualität dar, und die gegessene Frucht symbolisiert konsumierte Liebe (Sex ohne Liebe; s. letzter Klapptext). Faust will, dass die Frucht vom Baum fällt, ihm in den Schoss. Eine solche Frucht soll ihm Mephisto zeigen, mit anderen Worten eine Frau, die sogleich “weich” wird.

[S. Die beiden Bäume im Paradies und die verbotene Frucht.]

Bäume, die sich täglich neu begrünen und die doppelte Feuer-Dynamik (schwarze Magie)

Wenn alles weggefressen und konsumiert ist, sollen diese Bäume am nächsten Tag wieder neue grüne Blätter tragen. Das “Leerfressen” erinnert an die Heuschreckenplage Ägyptens. Diese achte Plage ist wiederum ein Symbol für den übermässigen Konsum, der nichts mehr übrig lässt. Auf diese folgt dann die neunte Plage: das Sterben der Liebe (3 Tage Finsternis, s. Die 10 Plagen Ägyptens für die doppelte Feuerdynamik). Faust will jedoch immer, jeden Tag neu, alles konsumieren können (s. Frauen als Bäume und ihre Fällung als Entjungferung). So hatte auch König Gilgamesh von Uruk sich das “Recht der ersten Nacht” ausbedungen (s. Prolog: Gilgamesh, Tyrann von Uruk und Einführung ins babylonische Gilgamesh-Epos).

Etwas Gutes in Ruhe schmausen – Ganzheit und Fülle im reifen Alter

Der Weg zur Ganzheit setzt den Weg durch die Unterwelt voraus und die Konfrontation mit dem eigenen Schatten. Diese beinhaltet vor allem voran die Integration der gegengeschlechtlichen Persönlichkeitsanteile, in Fausts Fall also seiner inneren Frau. Letztere bedingt eine existenzielle Erfahrung der Schwäche, welche für den Mann zur heiligen – also ganz machenden – Wunde des Königs wird. Diesen Weg will Faust mittels der Magie ebenfalls vermeiden.

So verbaut er sich das Glück der Fülle im Alter (s. auch Bemerkungen am Schluss).

[S. Die heilige Wunde, Wunde des Königs und Die heilige Hochzeit.]

Mephisto und das Pudelchen

Der Pakt mit dem Teufel

Deal kommt zustande.

Mephisto zögerte denn auch keine Sekunde, den Deal anzunehmen.
Ich bestätigte mit Handschlag und antwortete leidenschaftlich:

Faust:

Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!

Faust I,
1698-1707

 

Mephisto:

Topp! – 1

Faust:

         … und Schlag auf Schlag! – 1 + 4 = 5
Werd ich zum Augenblicke sagen: – 4
Verweile doch! du bist so schön! – 4
Dann magst du mich in Fesseln schlagen, – 5
Dann will ich gern zugrunde gehn! – 5
Dann mag die Totenglocke schallen, – 5
Dann bist du deines Dienstes frei, – 5
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen, – 4
Es sei die Zeit für mich vorbei!   – 4 
DANN - DANN - DANN - DANN – die Totenglocke schlägt schon!
Selbstflüche für jeden Bereich des Lebens

Die obigen Sätze sind wie Selbstflüche, welche jeden Bereich des Lebens des Faust betreffen, von unten nach oben:

  1. in Fesseln schlagen: der unfreie Mensch, der unter seinem egoistischen Trieb geknechtet ist (Wurzel)
  2. zugrunde gehen: versinken in Negativität und Unfähigkeit zu guten Taten (Nabel – FEUER)
  3. der Klang, die Schwingung, die durch Mark und Bein geht ist die Totenglocke (keine Taten mehr, Solar – LUFT)
  4. Mephistos Arbeit ist zu Ende: das Herz ist nicht mehr (Liebe, Herz – ERDE)
  5. Die Uhr mag stehen – Bekenntnis (Kehle – WASSER)
  6. Es sei die Zeit für mich vorbei – Erkenntnis und bewusste Entscheidung (3. Auge)

[S. Die sieben Chakren und der Weg des Menschen zu Ganzheit und Das Leben und die Schlange: Auf- und Abstieg.]

Vier Schläge der Totenglocke

Jeder Schlag betrifft eines der vier Elemente (s. Die vier Elemente, ihre Bedeutung und ihr Geheimnis und Die innere Familie und die zwölf Bäume im Paradies).

Mephisto hob die äusseren Winkel seiner geschwungenen Augenbrauen noch weiter nach oben und da empfand ich erstmals so etwas wie einen Anflug von Bedrohung:         

Mephisto:

Bedenk es wohl, wir werden’s nicht vergessen. – 5

Der Drudenfuss, das Pentagramm an Fausts Schwelle

Doch ich liess mich nicht einschüchtern und blieb dabei.
Mephisto war ein Geck. Nun wollte er gehen, aber er konnte nicht, was ich amüsiert zur Kenntnis nahm … Er druckste sich ein bisschen herum, bevor er mit der Sprache herausrückte:

Pentagram (schwarze Magie)

Der Drudenfuss (das Pentagramm), Symbol für eine ruhelose Dynamik (s. u.)

Mephisto:

Gesteh‘ ich’s nur! daß ich hinausspaziere, – 5
Verbietet mir ein kleines Hindernis, – 5
Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle – 4

Faust:

Das Pentagramma macht dir Pein? – 4
Ei sage mir, du Sohn der Hölle, – 4
Wenn das dich bannt, wie kamst du denn herein? – 5
Wie ward ein solcher Geist betrogen? – 4

Mephisto:

Beschaut es recht! Es ist nicht gut gezogen; – 5
Der eine Winkel, der nach außen zu,  – 5
Ist, wie du siehst, ein wenig offen. – 4

Etwas hämisch warf ich ein:

Faust:

Das hat der Zufall gut getroffen! – 4
Und mein Gefangner wärst denn du? – 4

Zauber und ein Rattenzahn

Mephisto erinnerte daran, dass er ja als Pudel hereingekommen war. Wir duellierten uns weiter mit Worten, ja er lullte mich mit glatten Worten ein. Ich hörte Klänge aus einer anderen Welt, sah liebliche Dinge … musste eingeschlafen sein. Als ich erwachte, war er fort. Schon dachte ich, ich hätte alles geträumt. Ich ging zum Pentagramm an der Türschwelle und schaute es mir nochmals an – es war geschlossen! Als ich es genauer untersuchte, fand ich aber, dass die fehlende offene Ecke ergänzt war … – um einen Rattenzahn! Der Teufelskerl! – Ich schaute mich im Raum nach einer toten Ratte um …

Faust bietet Margarete den Arm (Peter von Cornelius 1811)

Fausts Affäre mit Gretchen

Ein aufregendes Leben für Faust

Nun, Mephisto kam wieder. Er hielt sein Versprechen…!

Um es kurz zu machen: In meinem weiteren Leben BIN ICH durch Raum und Zeit gereist! Mephisto versuchte immer wieder auf neue Art, mich zu „erwischen“, indem er mir Erlebnisse bescherte, in welchen jeder Normalsterbliche zum Augenblick sagen würde: „Verweile doch, du bist so schön!“ – Aber nicht ICH! Nicht einmal in der Liebe liess ich mich dazu verführen, Ruhe zu geniessen: Nein! Vielmehr strebte ich von Begehren zu Erfüllung und von Erfüllung zu Begehren …
Es war wie der moderne Mensch sagen würde: „Voll geil!“

Die Frucht, die fault eh man sie bricht und die Gretchenfrage

Es begann damit, dass es mir gelang, Gretchen zu verführen. Ja, schnell wurde sie schwach und gab sich mir hin! Ich glaube, sie liebte mich wirklich, doch sie ahnte etwas. Denn eines Tages stellte sie mir dann diese Frage, mit der sie in ihrer Naivität den Kern traf. Darum ist sie als die GRETCHENFRAGE in die Geschichte eingegangen:

Margarete:

Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion? – 5
Du bist ein herzlich guter Mann, – 4
Allein ich glaub’, du hält’st nicht viel davon. – 5

Faust I,
3415 – 3420

Faust:

Laß das, mein Kind! du fühlst, ich bin dir gut;  – 5
Für meine Lieben ließ’ ich Leib und Blut, – 5
Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben-6

Puh, ich war zunächst etwas ins Schleudern geraten. Denn eigentlich würde es ja so lauten: “Für meine Lieben ließ’ ich Leib und Leben!”  Doch das konnte ich nicht sagen, denn mein Leben, meine Seele, hatte ich ja schon Mephisto überschrieben. Darum sagte ich “Leib und Blut” – Blut als klassisches Synonym für Seele.

Gretchens Abneigung gegen Mephisto

So setzte ich also meine ganze Beredtheit ein, um gut dazustehen. Aber Gretchen hatte in ihrer Einfachheit eben doch etwas erfasst. Sie mochte Mephisto nicht: 

Margarete:

 Der Mensch, den du da bey dir hast, – 4
Ist mir in tiefer inn’rer Seele verht: – 5
Es hat mir in meinem Leben – 4
So nichts einen Stich in’s Herz gegeben,
[…]
Kommt er einmal zur Thür herein, – 5
Sieht er immer so spöttisch drein, – 4
Und halb ergrimmt; – 4
Man sieht, daß er an nichts kein’ Antheil nimmt; – 5
Es steht ihm an der Stirn’ geschrieben, – 5
Daß er nicht mag eine Seele lieben. – 5
Mir wird’s so wohl in deinem Arm, – 4
So frey, so hingegeben warm, – 4
Und seine Gegenwart schnürt mir das Inn’re zu. – 6

Faust I,
3475 – 3494

Faust:

Du ahnungsvoller Engel du! – 4

Tod der Mutter

Gretchen, die Arme, kam – heute würde man sagen – leider voll drunter. Zuerst starb ihre Mutter: Gretchen gab ihr ein „Schlafmittel“, damit ich in der Nacht zu ihr konnte. Dieses hatte ich von Mephisto erhalten und ihr. Die Mutter entschlief dabei leider gerade ganz … Das heisst sie starb – das hatte ich nicht beabsichtigt!

Tod des Bruders

Als Nächstes verlangte ihr Bruder, sich mit mir zu duellieren, weil ich an Gretchen Schande schuld sei, wie er sagte. Mephisto heizte seinen Zorn gegen mich auf und lieferte ihn mir buchstäblich ans Messer. Ich wollte ihn ja nicht töten, aber …

Ungewollte Schwangerschaft, Kindsmord und Verurteilung Gretchens

Und zudem wurde Margarete auch noch schwanger. Nun konnte sie ihre Schande nicht mehr verbergen. Als das Kind geboren war, ertränkte sie es. Nun war sie verhaftet und sollte wegen Kindsmord hingerichtet werden. Ich wollte ihr ja helfen! – Mit Mephisto war ich zur Stelle, um sie aus dem Gefängnis zu befreien. Doch sie war verwirrt. Und als sie dann Mephisto sah, geriet sie in Panik und weigerte sich mitzukommen. Sie wandte uns den Rücken zu und schrie: 

Margarete:

Dein bin ich, Vater! Rette mich! – 4
Ihr Engel! Ihr heiligen Schaaren, – 4
Lagert euch umher, mich zu bewahren! – 6
Heinrich! Mir graut’s vor dir. – 5

Faust I,
4607 – 4610

Mephisto:

Sie ist gerichtet!

Stimme von

oben:ist gerettet!

Mephisto:

(zu Faust):Her zu mir! – 7

Das wars.

Was hätte ich tun sollen? Also gingen wir eben wieder, Mephisto und ich.

Gretchen wurde geköpft. Mephisto lenkte mich gekonnt ab, er hatte für mich noch so einiges auf Lager: Ich reiste durch Raum und Zeit, gewann das Herz der schönen Helena, war mit ihr verheiratet und hatte sogar mit ihr einen Sohn.

Faust und Mephisto bei Margarete im Gefängnis (Moritz Retsch, 1836)

Faust II: vollendete Alchemie

Mehr-Wert-Schöpfung

Im zweiten Teil meines Lebens hob ich in übernatürliche , ja in geistige Sphären ab. Wie gesagt: Ich gewann die schöne Helena. Aber nicht nur das: Ich erfand die moderne Wissenschaft und Wirtschaft, nach dem Konzept der Alchemie [1] – denn es ist dasselbe!

Mithilfe des Geistes, der Magie

Wie bei der Herstellung von Gold aus Quecksilber geht es dabei um Mehr-Wert-Schöpfung aus dem Nichts, und zwar ohne Arbeit, mit Hilfe des Geistes. Der Geist, das ist der Glaube, ja das Vertrauen in die ungeborgenen Bodenschätze des Landes oder in wertloses Papier, auf welchem die Unterschrift des Königs steht. Es ist der Glaube an imaginäre, virtuelle Buchungswerte, aus denen wiederum wahrer, materieller Reichtum geschöpft wird, also Land gekauft wird oder was auch immer. Das ist MAGIE!
Diese Art von Magie ist fraglos viel einfacher umzusetzen als aus Quecksilber Gold herzustellen! Deshalb hat sie sich weltweit durchgesetzt. Und so müssen
wir nicht mehr im Schweisse unseres Angesichts unsere Brötchen verdienen. Denn mit ein bisschen Geschick ….

Die perfekte Karriere

Dank Mephistos Hilfe gelangte ich also in meinem Leben zu höchsten Ehren und wurde sogar Ratgeber des Kaisers. Zuletzt begann ich noch ein grosses Werk: Die Entwässerung von Sümpfen, um Land urbar, bebaubar und bewohnbar zu machen – für viele! Dumm war nur, dass das alte Pärchen, Philemon und Baucis, ihr Hüttchen dazu nicht räumen wollten … Naja, was ging mich das an?! ICH setzte erfolgreich meine Pläne um!

Endlich so hatte ich gefunden, wonach ich mein Leben lang gesucht hatte:

ICH konnte auf dieser Welt eine unvergängliche Erinnerung an MICH hinterlassen, selbst wenn ich sterben würde …

Und so entfuhr es mir in meiner Begeisterung:

Faust:

Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: – 4
Verweile doch, du bist so schön! – 4
Es kann die Spur von meinen Erdentagen – 5
Nicht in Äonen untergehn. – 5 

Faust II,
11581-11586

OOPS!

Hoppla! – Hatte ich mich etwa verplappert?

– Aber nein! Ich hatte ja nur im Konjunktiv gesprochen, ich sagte: Zum Augenblicke dürft’ ich sagen … Ich dürfte-könnte vielleicht, aber ich tat es doch nicht …! Denn ich strebte ja noch immer! Ich strebte nun nach einem höheren Ziel, jenseits der irdischen Existenz, ich strebte nach der Verwirklichung meiner Vision … nach der Verewigung meines Namens!

Licht … und Rettung ?! 

Oh ja, ich erkenne sie … meine Vision, in strahlendem Licht! Das ist mein Licht, ich sehe das Licht in mir – Ich hoffe auf die Engel!!! Gretchen … Bist du da …? – Ich hoffe auf die Liebe! Oh … Ich höre Stimmen … ! Sie kommen … – Ich höre sie singen:

Stimmen:

Gerettet ist das edle Glied der Geisterwelt vom sen, – 7
Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen. 7
Und hat an ihm die Liebe gar von oben teilgenommen, – 7
Begegnet ihm die selige Schar mit herzlichem Willkommen.-7

Faust II,
11936–11939

Margarethe … deine reine Liebe … du bist doch wohl im Himmel … bete für meine Seele!

... die Liebe gar von oben teilgenommen?
Liebe in allen Bereichen des Lebens!

Jeder Mensch ist geliebt. Doch in der irdischen Existenz geht es darum, die Liebe in allen Bereichen des Lebens zu leben und sich darin zu bewähren (auf dem Heldenweg). Auf diese Weise eignet sich der Mensch die ewige Liebe und mit seiner Seele das ewige Leben an. Damit wird er zu dem, der er wirklich ist – im Angesicht Gottes und der Liebe und gewinnt damit sein Selbst, seine wahre, göttliche Identität. C.G. Jung nannte dies den Prozess der Individuation.

[S. Vom Ego zum Selbst.]

Das gesicht des Teufels (Umkehrbild)

Das Gesicht des Teufels im Pentagramm (Umkehrbild)

Mephistopheles: das letzte Wort 

HALT! Hier geht es um MICH!

Halt, halt, hier muss ich mich einschalten!!!
Das kann ich nicht so stehenlassen! Nun lasst doch mich endlich einmal zu Wort kommen!
Der geneigte Leser mag fragen, wie Faust, damals:

Faust:

Nun gut wer bist du denn?

Faust I, 1335 f.

Mephisto:

[ICH BIN] in Theil von jener Kraft, – 5
Die stets das se will und stets das Gute schafft.
[…]
Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war – 7
Ein Theil der Finsterniß, die sich das Licht gebar, – 6
Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht – 5
Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht, – 5
Und doch gelingt’s ihm nicht, da es, so viel es strebt, – 6
Verhaftet an den Körpern klebt. – 4

 


Faust I,
1350-1354

Lucifer als Teil der Finsternis und "Mutter Nacht"

Lucifer als “Lichtbringer”: das falsche Licht der Verblendung

Die bedeutung des lateinischen Wortes lucifer ist “Lichtbringer”. Doch es gibt das wahre, das göttliche Licht des Bewusstseins und es gibt das falsche Licht der Verführung und Verblendung (weisse Magie). Im obigen Text steht das “stolze Licht” für eben dieses, sowie Mephisto mit Lucifer identifiziert ist.

Der “alte Rang” von “Mutter Nacht”: Herrin der Unterwelt

Doch was ist geschehen? Weshalb macht nun Luzifer Mutter Nacht den alten Rang und Raum streitig? Die Grosse Mutter ist die Herrscherin der Unterwelt und schon in der sumerischen Überlieferung ist geschildert, wie es dazu kam. Sie stellt als den dritten Aspekt der Göttin die Herrin über Leben und Tod sowie Schicksalsgottheit dar.

[S. Ereshkigal, Herrin der Unterwelt (Sumer) | Weibliche Ganzheit – die Göttin, Weiss / Rot / Schwarz und Das Grosse Weibliche, das Leben selbst, in der Unterwelt.]

Wie nun Lucifer Mutter Nacht den alten Rang streitig macht

Männer, die Unrecht tun, fürchten zu Recht den “heiligen” Zorn der grossen Mutter als Schicksalsgöttin (s. zum Beispiel als moderne Version: Die dunkle Fee als Schicksalsgottheit in Disneys Maleficent). Darum haben sie aus der starken Göttin, zum Beispiel “Hella”, die “Hölle” gemacht (s. Von Frau Holle zur Hölle und die Göttin der Unterwelt). Dass nun in der sogenannten Hölle als Ort von Feuerqualen nun eine männliche Figur, der Teufel, herrschen soll, ist jedoch tatsächlich nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn zornige Weiblichkeit ist im Griff von negativer Männlichkeit und damit durchaus auch gewaltbereit.

[S. Der negative Animus als Teufel oder Tier und Inanna und die Herrin der Unterwelt: Verurteilung (Episode 13).]

Und was klebt verhaftet an den Körpern?

Es gelingt dem stolzen Licht der Verblendung nicht, im Rahmen der irdischen Existenz in die göttlichen Dimensionen vorzudringen, und schon gar nicht ins Innerste der Existenz, zur Grossen Mutter, die das Leben in der Materie symbolisiert. Statt Vollmacht über die Materie zum Ausdruck zu bringen, “klebt” das Leben im Griff der Triebe an den Körpern und geht mit diesen im Sterben unter … Es sei denn, der Mensch hätte seine ewige, geistige Seele, sein Selbst, gewonnen.

[S. Sterben und Auferstehen: Im Hier und Jetzt!]

Worum es geht – die Frage ist …

Und ich amüsiere mich köstlich! Die elende Kreatur, die am Körperlichen klebt, und mit der Mutter, dem Leben selbst zugrunde geht …

Und die Gelehrten streiten sich noch heute: Wurde Faust erlöst oder nicht?
Doch ICH würde die Frage anders formulieren.
Die Frage ist: Hat Faust überhaupt gelebt? – Also SEIN Leben gelebt??? 

Ha! Faust dachte, er wäre schlauer als ich! – Aber nein: Ich habe ihn reingelegt! Er hat nicht sein Leben gelebt, sondern meines! Er ist auf meine Verblendung reingefallen und hat mir bereits in seinem Leben gedient! Sein Leben hat er mir gegeben!

Denn DAS BIN ICH:

Faust:

So ist denn alles, was ihr nde, – 4
Zerstörung, kurz das se nennt, – 4
Mein eigentliches Element. – 4

Faust I,
1342-1344

Die Spur des Mephisto in Fausts Leben

Es war Faust, der Gretchen missbrauchte, ruinierte und so tötete, wie auch schon ihre Mutter und ihren Bruder. Er lebte eigensüchtig in Saus und Braus, nahm sich, was er wollte, ohne Rücksicht auf Verlust! Ja, selbst zum Schluss, bei der Entwässerung der Sümpfe, die er so selbstgefällig glorifiziert, schickte er unzählige Menschen in den Tod … Doch all das ist MEINE Spur in seinem Leben, MEINE Spur in seinen Erdentagen, mehr gibt’s dazu nicht zu sagen, da hilft ihm auch nicht mehr das Klagen!

Oh ja, ich kann auch Verse dichten! Hier zum Beispiel:

Faust, die arme Kreatur– 4
Hat zum Leben den Augenblick nur! – 4
Doch dies erbärmlich Leben hat er mir gegeben – 6
Und ersetzt durch ruheloses Streben – 5

Jetzt seht ihr auch, wie gut ich Verse einhauchen kann – „inspirieren“ nennt sich das, kommt vom „spiritus“, Geist.

Mephistopheles als Sieger

Und damit wäre wohl diese Frage klar und unwiderlegbar beantwortet: Gesiegt habe ICH! – Und zwar von Anfang an, zumindest von dem Augenblick an, wo Faust, auf der Schwelle zur Bewusstwerdung, seine Seele, sein Leben, mir „verkaufte“, also in meine Macht legte.

Faust als moderner Mensch

Jetzt mal Hand aufs Herz: Wer von euch kennt in dieser Zeit dieses ruhelose Leben nicht? Wer träumt nicht von einem mühelosen Leben, in dem alles mit Leichtigkeit erlangt werden kann. Wer möchte nicht, hat er erst einmal Wohlstand erlangt, sich einfach noch so viel ‚reinziehen, wie er kann?

Faust entspricht sehr wohl dem ruhelosen, modernen Menschen.
Wie sagte er doch gleich?

Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

Und ich antwortete ihm wahrheitsgemäss: „Du kannst alles haben, aber dann ist es aus mit der Ruhe!“ Mit der Begierde setzt nämlich die negative und ewige Dynamik des Pentagramms („Drudenfusses“) ein.

Das letzte Wort dem Tod

Die Menschen sind so dumm, sie fallen immer wieder darauf rein! Sie sind blind vor Begierde!
ICH BIN die Flamme des zuckenden Schwertes, die den Weg zum Baum des Lebens versperrt, Ich versperre den Weg zur Mutter und zum Baum des Lebens! Es gibt nur einen Weg: Den TOD! Das ist mein Sieg!

Die Weisheit des Alters?

Faust und Dorian Gray

Faust erzählt in diesem Beitrag seine Geschichte als gealterter Mann, der auf sein Leben zurückblickt. Dabei stellt sich die Frage: Hat er in seinem Leben wirklich an Weisheit gewonnen? Oder ist er wie Dorian Gray, der denkt, er könne sich durch einen einfach Streich der Verantwortung entziehen? 

"Das Bildnis des Dorian Gray", Roman von Oskar Wilde, Inhalt:

Das magische Porträtt und die verdorbene Unschuld

Der schöne Jüngling Dorian Gray wird von einem Maler Basil porträtiert. Als Dorian das fertige Gemälde anschaut, entfährt ihm unwillkürlich der Wunsch, das Bild möge an seiner Stelle altern. Tatsächlich geht sein Wunsch in Erfüllung. Dies nimmt er zum ersten Mal wahr, als er nach einer kurzen Affäre mit einer unschuldigen jungen Schauspielerin, deren Leben er zerstört hat, das Bild wieder betrachtet und einen neuen, grausamen Zug um den Mund feststellt. Er versteckt nun das Bild, das niemand es sehen kann.

Ein dekadentes, rücksichtsloses Leben

Doch vor seinem 38. Geburtstag will Basil sein Gemälde wieder sehen. Dorian gewährt es ihm und beobachtet, wie Basil vor Entsetzen erstarrt, als er die verlebten und harten Züge im Porträt sieht. Daraufhin bingt er Basil um.

Lord Henry Wotton ist Dorians väterlicher Berater. Er ist intelligent und beredt und will nichts von der Existenz einer Seele wissen. Stattdessen stiftet er – als Mephisto-Figur – Dorian zu immer neuen Untaten an, ebenso wie er Dorians Impulse zur Reue immer wieder mit raffinierten Argumenten entkräftet.

Späte Reue

Das Porträt zeigt  mittlerweile „einen “verschlagenen Ausdruck” und “um den Mund die Falschheit des Heuchlers in tiefen Furchen eingegraben“. Nachdem er durch Zufall einem Mordanschlag entgangen ist, bereut Dorian jedoch seinen verwegenen Wunsch, dass das Porträt an seiner Stelle altern möge. Er will es beseitigen, und sticht mit einem Messer in die Leinwand, um es herauszuschneiden.

Wenig später Dienstboten finden ein bislang unbekanntes Bild ihres Herrn, wie sie ihn zuletzt gesehen haben, und auf dem Boden eine abstossende Figur, die sie nur an anhand der Kleidung und des Rings am Finger als ihren Meister erkennen.

Faust erkennt sich selbst in "the picture of Dorian Gray".

Keine Versöhnung, keine Integration des Schattens

Es kann zum Verhängnis werden, wenn egoistische Wünsche sich erfüllen. So sind die Spuren von Dorians dekadentem und rücksichtslosem Leben statt in seinem Gesicht in seinem Gemälde zu sehen. Dorian mag es nicht mehr sehen, zeigt jedoch wie Faust keine Bereitschaft, sich mit seinem Schatten auseinanderzusetzen. Vielmehr entscheidet er sich, diesen “Beweis” seiner Untaten zu zerstören und sticht er mit einem Messer in die Leinwand, um sie herauszuschneiden und zu vernichten. Doch stattdessen landet der Dolch in seinem Herzen und gehen nun die verlebten Züge des Gemäldes auf sein Gesicht über, während das Bild an der Wand wieder in seiner ursprünglichen Schönheit erstrahlt.

Schlussbemerkungen: die Frage der Erlösung

Und so stellt sich auch die Frage, ob Faust in seinem Leben Weisheit gewonnen hat und erlöst werden kann. Zumindest lässt Goethe die Engel diese Botschaft bringen: “Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen!”.
Doch ist auf diese Aussage wirklich Verlass? Stimmt sie???

Der Weg zum ewigen Leben

Das Ziel für den Menschen in den Überlieferungen

Man will ja Mephisto ungern das letzte Wort lassen. Doch es gibt gute Gründe, an den Versen der Engel zu zweifeln. So scheinen sich die Überlieferungen einig zu sein, dass es das Ziel des Menschen ist, das ewige Leben zu gewinnen, indem er den Zugang zu seiner unsterblichen Seele findet. Für den Mann bedeutet dies die Integration seiner weiblichen Anteile, die ihn mit seiner Seele und der Liebe verbindet und ihn so zu Ganzheit führt. Dies wiederum setzt jedoch innere Versöhnung voraus, welche nur durch die Mitte, die Ruhe möglich wird, welche die gegensätzlichen Energien vereinen kann. Doch gerade diese Ruhe fehlt in Fausts Leben bis zum Schluss.

Das Pentagramm als Symbol

Ruhelose Dynamik

Bereits mit dem Pentagramm (dem “Drudenfuss”) über seiner Türschwelle hat Faust selbst ein Zeichen der ruhelosen Dynamik installiert. Dazu diese Symbole in Gegenüberstellung:

Hexagramm Mann-Frau
Das Hexagramm: Gleichgewicht durch die Ruhe

Das Hexagramm als Bild für die gegensätzlichen Kräfte im Gleichgewicht, zusammengehalten durch die Mitte (s. Die Sieben – Ganzheit der irdischen Realität und Die Sieben-Tage-Schöpfung).

Pentagramm für die Dynamik der Fünf
Das Pentagramm: ruhelose Dynamik

Das Pentagramm für eine ruhelose Dynamik ohne Mitte, in der ein Geist (weiss) die vier Elemente (Symbole für die gegensätzlichen schöpferischen Energien) ohne Ende umtreibt.

Das ewige Streben des Faust – ohne Ruhe

Wo die Ruhe fehlt und damit die Mitte, die alles zusammenhält, fallen die sich widerstrebenden Kräfte auseinander und beginnen sogar gegeneinander zu wirken. – Und so viel wird in Goethes Faust klar: Faust hat nie aufgehört zu streben und hat damit auch die Ruhe nicht gefunden.

Dazu im Einzelnen:

Integration des Weiblichen? Faust bleibt dem männlichen Erfolg verhaftet.

Ganzheit durch Integration der gegengeschlechtlichen Persönlichkeitsanteile

Für den Mann setzt Ganzheit die Integration seiner weiblichen Persönlichkeitsanteile und damit auch die Erfahrung der Schwäche voraus. Diese erscheint meistens in der Gestalt einer existenziellen Verwundung, welche sich genau als Chance zur Erweiterung der Persönlichkeit erweist, indem sie sie für die Unendlichkeit des Geistes öffnet. Diese Erfahrung stellt die Feuerprobe auf dem Weg des Helden dar. Faust hingegen macht bis zuletzt nicht den Eindruck, als interessiere ihn etwas anderes als seine Potenz und sein Erfolg.

[S. Die Integration der Anima: die Seele und das ewige Leben | Die heilige Wunde, Wunde des Königs und aus den Märchen: Der Eisenhans: 5. Die Königstochter und die Verwundung.]

Die Ruhe als Voraussetzung der Ganzheit

Keine Ruhe für Faust – die Mitte, die Liebe als vereinende Kraft

Ganzheit beinhaltet die Ruhe, die Mitte, welche die gegensätzlichen schöpferischen Energien (männlich und weiblich) vereinen kann. Dazu die Darstellung des Hexagramms oben links, welches die beiden Dreiecke männlich (mit der Spitze nach oben) und weiblich (mit der Spitze nach unten) vereint.

[S. Die Sieben-Tage-Schöpfung und Männlich und weiblich und die Erschaffung neuer Realität.]

Philemon und Baucis ermordet: Faust verweigert sich der Fülle des reifen Alters

Die Syzygie als Bild für Gott: Philemon und Baucis

Noah (was RUHE bedeutet) und seine Frau, die gemeinsam die Stürme des Lebens überwunden haben, stellen die Syzygie dar, das “göttliche Paar”, welches Ganzheit und Göttlichkeit erreicht hat. So gehört die reife Einheit und Harmonie von männlich (symbolisiert durch die heilige Hochzeit) auch zum Wesen des Geistes Gottes (Ruach). Dasselbe gilt auch für Philemon und Baucis, dem alten Pärchen, das bescheiden und glücklich seinen Lebensabend in einer Hütte verbringt. Faust lässt die beiden jedoch umbringen, weil sie seinem Ziel im Wege stehen. Denn ihm ist es wichtiger, ewigen Ruhm durch die Entwässerung der Sümpfe zu erlangen als der Ganzheit und Fülle – auch im eigenen Leben – Raum zu geben.

Faust als Variante des Gilgamesh: vergebliche Mühe

Die grosse Flut im Gilgamesh-Epos: durch Stürme zum ewigen Leben

Die Geschichte von der grossen Flut wird bereits im babylonischen Gilgamesh-Epos erwähnt. Auch hier wird jenem Paar, das gemeinsam die grosse Flut überstanden hat, Göttlichkeit und ewiges Leben zugesprochen. Und auch hier ist der Name von besonderer Bedeutung: GANZHEIT durch Läuterung (s. Die grosse Flut). 

Faust wie Gilgamesh: ein Egoist ohne Vertrauen

Wie Faust war schon König Gilgamesh ein rücksichtsloser Egoist ohne Vertrauen. Denn er wollte das Unsterblichkeitskraut, das er auf Rat des alten Mannes geborgen hatte, nicht selbst einnehmen, sondern es zuerst an einem Greis ausprobieren. Doch als er kurz eingeschlafen war, kam die Schlange und stahl es ihm: Game over.

Versöhnung, Ruhe, Frieden und Ganzheit

Aus den erwähnten Gründen sieht es tatsächlich schlecht aus für Faust. Denn er hat seine Mitte, die Ruhe nicht gefunden. Auch hat er seine ewige Seele nicht gewonnen, weil er seine weiblichen Anteile nicht integriert hat. Dies alles macht sich auch bereits in seinem Leben bemerkbar, in dem er bis zum Schluss ruhelos durch die Existenz rast und alles an sich reissen möchte.

Damit lässt sich sagen, dass er es versäumt hat, die Ganzheit zu finden.
Denn die ewigen Dinge kann man nur geschenkt bekommen.

Aus der Unfreiheit ins gelobten Land

Befreiung aus der Sklaverei des Egos hin zu Frieden und Fülle

Wenn die Überlieferungen vom Weg aus der Knechtschaft in die Freiheit und Fülle erzählen, meinen sie damit die Befreiung aus der Sklaverei des Egos. Denn als dunkler Schattenherrscher manipuliert es den Menschen über die Triebe und hält ihn so an die Materie gebunden. In Goethes Faust wird Mephisto als Vertreter des Reiches der Schatten dargestellt. Er hat Macht über Faust, weil er dessen Begehren kennt und ihn seinen Illusionen folgen lässt.

 

Durch inneres Sterben zum ewigen Leben

Zusammenfassend kann sagen, dass Faust in seinem Leben den Zugang zum Grossen, Ganzen nicht gefunden hat. Denn der Weg dahin bedeutet, in allen Bereichen des Lebens Versöhnung zu suchen und Liebe statt Macht zu leben sowie sich hinzugeben statt zu nehmen. Dies ist der wahre Weg des Helden. Dabei “stirbt” das Ego und wird der Mensch in die ewige Existenz der Liebe hineingeboren – im Leben selbst!

[S. Sterben und Auferstehen: Im Hier und Jetzt! und Vom Ego zum Selbst.]

Nachweise:

[1] Gedankliche Inspirationen sowie Titelbild gefunden bei:  H.C. Binswanger, Geld und Magie, Deutung und Kritik an der neuen Wirtschaft

Zeichnungen zu Faust und Margarete, koloriert:
1. Szene am Ausgang der Kirche nach Peter von Cornelius (1811)
2. Margarete im Gefägnis mit Faust und Mephisto nach Moritz Retsch (1836)

Weitere Beiträge zum Thema:

Überwinden in Versuchungen – der Trieb und die Macht
Die Versuchungen von Jesus in der Wüste: Macht in jedem Bereich

Magie – das Unbewusste, die Macht und der Pakt mit dem Teufel
Weisse und schwarze Magie: wenn die Geister sich scheiden
Weisse Magie: Macht durch Verführung und Verblendung   
Schwarze Magie, Macht durch Unterdrückung und Gewalt
Die negative Dynamik der Elemente – FEUER und EIS
Paardynamik – Macht und Magie in Beziehungen
Die negative Paardynamik FEUER: Gewalt in der Beziehung!
Die Auflösung der Negativdynamik, Grundlagen
Vollmacht über die Materie: die Salbung

Erwähnte Überlieferungen

Einführung ins babylonische Gilgamesh-Epos
Das Gilgamesh-Epos (Zusammenfassung)
Prolog: Gilgamesh, Tyrann von Uruk
Die grosse Flut
Die sieben Brote
Das Unsterblichkeitskraut

Archetypen als geistige Urformen und C.G. Jung

Der Animus – Leben und Antrieb in der Materie
Der negative Animus (Antrieb im Körper und in der Materie) als Teufel oder Tier
Die Anima des Mannes, seine innere Frau
Die Integration von Animus und Anima
Die Integration der Anima: die Seele und das ewige Leben 

Christus / Messias, der Gesalbte und der Anti-Christus
Die Jungfrau – Wunder wirkende Liebe und Potenzial
Der Schoss der Frau als Wunder wirkendes Gefäss
Das Grosse Weibliche, das Leben selbst, in der Unterwelt (für “Mutter Nacht”)
Ruach, der Heilige Geist Gottes
Die innere Familie und die zwölf Bäume im Paradies
Die beiden Bäume im Paradies und die verbotene Frucht
Der Fluch und die Vertreibung aus dem Paradies
Von 13 zu 10 – der Weg zurück zum Baum des Lebens

Weiterführende Beiträge:

Missbrauch – das gestohlene Leben

Die Projektion des Schattens
Die Integration des Schattens.


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