Die Wasser des Todes
Zuerst: Was sind Wasser des Todes? Wasser als positives Symbol steht für Leben, als negatives Symbol aber für Unbewusstheit und damit auch für Triebhaftigkeit. Die Wasser des Todes sind der Abgrund, der sich öffnet, wenn man sich den Trieben hingibt (s. Goethes Fischer). Das Boot oder Schiff, das über die tödlichen Fluten trägt, ist die feste Beziehung, die Ehe, in welcher die Triebe auch ihren Platz haben können, ohne dass jemand zu Schaden kommt.
Shamash, der Held, eine Animus- und Christusfigur
Im Gilgamesh-Epos erscheint Shamash zunächst als Stier und wilder Trieb, dann als Himmelsstier für den “heiligen” Zorn der verratenen Partnerin und nun als jener Held, der allein den Weg über die Wasser des Todes machen kann. Shamash ist eine Animus-Figur, welche für den Antrieb im Körper und in der Materie steht. Er hat sich nun von Trieb zum Antrieb aus Liebe gewandelt. Damit ist er mit dem Christus/Messias identisch. (Im Baum des Lebens der Kabbala nimmt der Messias den Platz des Animus, Ziffer 9, ein).
So kann der Mensch, der sich für den Heldenweg der Liebe entschieden hat, die Wasser des Todes überwinden.
UrShaNaBi, der Fährmann? – Gilgameshs Frau!
Die Schenkin sagt zu Gilgamesh: “Jetzt ist die Gelegenheit zur Überfahrt (zur Versöhnung) gekommen, ergreife sie!”. Denn Urshanabi ist da! Urshanabi kann offenbar auch über die Wasser des Todes fahren, darum “Fährmann”. Doch der Name ist eine Verschlüsselung, denn er enthält Silben aus der sumerischen Mythologie, von der Bezeichnung Inanna-Ninshubur. Diese stellt die Göttin der Liebe in ihrer irdischen Gestalt als Königin der Erde und Ehefrau des Helden dar. In Babylon hiess die Göttin der Liebe Ishtar. Sie ist, wie man bereits gelesen hat, auch mit dem “Himmelsstier”, Shamash, verhängt. Und sie ist es, die nun unvermittelt auftaucht und ihren Gatten mit einer anderen erwischt (wie auch schon in der sumerischen Mythologie, Episode 20). Doch die Andere, Siduri, sagt: Geh, versöhne Dich (und “fahr so hinüber” in die Ganzheit und Göttlichkeit)!
Die Zerschlagung der Steinernen
Urshanabi konfrontiert nun Gilgamesh mit seinen Untaten: “Was hast du getan?! Du hast die Steinernen zerschlagen!”. Auch sie hätten den Helden über die Wasser des Todes bringen können. Wie das? Sie symbolisieren junge und intakte Frauen, die steinhart bleiben, bis sie sich der wahren Liebe ihres Verehrers vergewissert haben. Doch Gilgamesh hat sie alle vergewaltigt und mit ihnen die reine, rettende Liebe zerschlagen.