Salmon erzählt seine Gilgamesh-Sargon-Story weiter:
Liebe Freunde,
Ihr erinnert euch aus dem letzten Abschnitt: König Chababa willigte ein, mich zu Zagesi zu schicken, um mit ihm zu verhandeln. Ich hatte kein gutes Gefühl, was Chababa betraf, aber ich war froh um die Gelegenheit, von Ischa wegzukommen.
Natürlich liess ich es mir auf dem Weg in den Libanon nicht nehmen, die eine oder andere Frau oder jungfräuliche Braut zu vernaschen – unter Berufung auf mein «göttliches Recht» als König!
Irninis Weihesitz
Eine heilige Stätte
Nach einer mehrtägigen Wanderung mit einigen Unterbrüchen war ich mit meinen Männern am Ziel, im Libanongebirge angelangt.
So standen wir nun staunend vor dem Zedernberg. Vor uns lag ein Garten, ja ein Park in unglaublicher Fülle und Pracht! Bäume und Sträucher blühten und gepflegte Parkwege luden zum Lustwandeln unter den vielen schattenspendenden Bäumen ein.
Ein paradiesischer Garten
Es war wahrhaftig ein himmlischer Ort, dieser Garten, ja ein Juwel der Göttin!
Ich liess meine Männer ausserhalb des Gartens lagern und ging allein weiter. An einer unwegsamen Stelle, wo das Gebüsch dichter war als sonst, zog etwas meine Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein Glitzern und Funkeln, das zwischen dem Gehölz hindurchdrang. Vorsichtig schob ich die Äste und Zweige beiseite und zwängte mich durch dichte Sträucher hindurch, bis ich vor mir die Quelle des verspielten Lichts erblickte: ein klarer Teich, der von einem Wasserfall gespeist wurde.
Wie ein Traum
Als ich so still dastand und ins Wasser blickte, erinnerte ich mich an den Traum, den ich in der Nacht gehabt hatte. Tatsächlich hatte ich vor dem Einschlafen noch ein Gebet an Shamash gerichtet, dass er doch unser Vorhaben gelingen lasse. Im Traum hatte ich eine Formation wie die berühmten Stadtmauern von Uruk mit ihren sechs Ecken gesehen und dabei in mir eine Stimme gehört, die sagte:
“Es ist dir eine Gelegenheit gegeben” und noch etwas wie: “in ihre Mitte zu gelangen …”.
Während ich noch über die Bedeutung dieser Worte nachdachte, sah ich plötzlich eine wunderschöne Frau. Sie war wie aus dem Nichts aufgetaucht und stand nun am Rand des Teiches. Mit einer eleganten Bewegung streifte sie ihren leichten Umhang ab, dessen fliessender Stoff zu ihren Füssen glitt. Das feine Gewebe, das sie darunter trug, verhüllte ihren makellosen Körper kaum.
Im Anblick dieser Szene musste ich eine unbedachte Bewegung gemacht haben, sodass ein knackendes Geräusch ertönte. Sogleich blickte die Schöne in meine Richtung und entdeckte mich! Wie Silberglocken ertönte ihre Stimme, als sie lachte und furchtlos sagte:
– Oh! Ich habe Besuch … Na, komm schon raus!
Die Begegnung mit Chumbaba
Die Königin von Saba
Erschlagen von ihrer Schönheit trat ich zögernd und auch etwas beschämt hervor. Ihre strahlenden Augen musterten mich von oben bis unten, dann nickte sie mir zu:
– Ein Fremdling! Welch eine Überraschung! Ein erschöpfter Wanderer …
Ich war völlig überwältigt. Denn normalerweise zitterten die Frauen vor Furcht, wenn ich erschien. Doch nun brachte ich nur Mühe hervor:
– Shaba – nicht wahr?
Sie lächelte mich an und ihre Augen leuchteten wie der Himmel. Ich war ergriffen, so überwältigt, dass ich auf die Knie sank und diese leidenschaftlichen Worte aus meinem Mund kamen:
– Meine Königin! Ihre Schönheit übertrifft ihren Ruf bei weitem!
Eine günstige Gelegenheit
Sie schwieg und blickte mich amüsiert an. Dann sagte sie:
– Komm, steh auf! Wie heisst du?
– Salmon, antwortete ich.
Nun machte sie einen Schritt auf mich zu, legte ihre Hände auf meine Schultern und streifte mein Wams ab:
– Du siehst aus, als könntest du ein Bad gebrauchen, meinte sie.
Daraufhin schritt sie zum Teich und glitt elegant ins Wasser. Ich folgte ihr wortlos.
– Dann wollen wir mal sehen, dass du diesen Staub loswirst, der an dir klebt, sagte sie und lächelte wieder.
Sie bewegte sich zum Rand des Teiches und nahm von dem weichen Moos, das da wuchs. Nun kam sie mir ganz nahe und begann, mich sanft damit zu waschen.
Ich war wie in Trance und konnte nur murmeln:
– Was ist …? Warum …?
– Die Liebe ist frei!, antwortete sie mit sanfter Stimme: Sie fällt, wo sie hinfällt … Man kann sie nicht besitzen … Und als hätte sie meine unausgesprochene Frage gehört, fuhr sie fort: Man kann auch mich nicht besitzen. Ich gehöre niemandem.
Im Moos unter den Bäumen am Teich liebten wir uns.
Ein Hinterhalt
Doch plötzlich ertönten Rufe, Schreie und Kampfgeräusche, die näher kamen, Knacken von Holz, und vor uns stand ein Mann. Saba gab einen kurzen Schrei von sich, fuhr hoch und griff erschrocken nach ihrem Umhang.
Kampfgetümmel
Auch ich war rasch auf den Füssen und griff reflexartig nach meinem langen Dolch. Dann packte ich Shaba und hielt sie mit einer Drohgebärde – in ihren Umhang gewickelt – fest. Im Hintergrund hörte ich die Stimmen von mehreren Männern, darunter auch diejenigen der meinen.
Da ich kurz abgelenkt war, benutzte der Eindringling, der gezögert hatte, nun diese Gelegenheit und stürzte mit seiner Streitaxt auf mich zu. Doch mit meinem Kampfschrei parierte ich den Schlag mit der linken Hand und stach mit der rechten in einer raschen Bewegung mein Messer mitten in seine Brust. Sogleich fiel er um.
Wieder packte ich Shaba, die vor Schrecken erstarrt war, gerade rechtzeitig, als bereits weitere Männer zu uns vordrangen. Doch als sie sahen, dass ich die Frau in meiner Gewalt hatte, blieben sie wie angewurzelt stehen.
Shaba schien sich nun einigermassen von ihrem Schrecken erholt zu haben und blickte mich entsetzt an:
– Was tust du?! sagte sie eindringlich: Bist du verrückt?! Lass mich sofort los!
Ich konnte nicht anders als ihr gehorchen
Die Männer machten sich zum Angriff bereit, doch sie reckte sich und erhob gebieterisch ihre Hand. Sogleich liessen sie ihre Waffen wieder sinken.
Der Wächter des Waldes
Dann zeigte sie auf den Mann, der am Boden lag, und sagte:
– Zagesi ist verletzt, holt ihn her!
Zagesi??? Ich war verblüfft. Sie brachten ihn zu ihr. Als sie sein Wams öffnete, zog sie eine Tontafel hervor. Es war meine Tafel mit der Botschaft von Chababa an Zagesi! Er musste sie an sich genommen haben, als er im Lager meiner Männer rumschnüffelte. Hatte er sie denn nicht gelesen? – Sie sollte mich doch dem König empfehlen. Aber nun? Der Angriff … Was stand wirklich drin?
Eine tödliche Botschaft und Intrige
Das Siegel der Tontafel war gebrochen. Zagesi hatte sie also schon gelesen. Shaba blickte mich an:
– Du erlaubst sicher, dass ich diese Botschaft lese!?
– Natürlich, antwortete ich verunsichert.
Als sie las, erhoben sich ihre Augenbrauen, dann legte sich ihre in Stirn Falten. Nun blickte sie mich finster an und sagte:
– Darin steht… Dass du ein Mörder und ein Vergewaltiger bist, der vor nichts zurückschreckt, und dass du planst, Zagesi umzubringen. Und…“ Sie blickte mich durchdringend an.
– Und was? drängte ich sie.
Urzababas Verrat
Und darin steht auch… sie zögerte.
– Was? Was steht da noch? Lies weiter!
– Es steht auch, dass du Chababas Gärtner warst. Weiter, dass du seine Tochter vergewaltigt hast … Und … da steht auch … eine Bitte an Zagesi …
Wieder hielt sie inne und blickte mich mit gefurchter Stirn an:
– Chababa bittet Zagesi, dich zu töten!
Ich konnte es nicht fassen! Natürlich hatte ich eine Ahnung, dass Chababa mir nicht allzu gnädig gestimmt war. So sagte ich leidenschaftlich:
– Das ist nicht wahr! Das ist alles eine infame Lüge!
Doch sie streckte mir die Tafel hin und sagte:
– Lies selber!
Tatsächlich erkannte ich in der Tafel dreimal meinen Namen und auch das Zeichen für „Tochter“ und „töten“.
Der erste Tote
Wieder beugte sich Shaba über den Verletzten, doch als sie seinen Puls tastete, schüttelte sie langsam ihren Kopf. Dann blickte sie zu mir empor und in ihren Worten lag Schwere:
– Er ist tot. Zagesi ist tot …
Shaba erhob sich und befahl nun ihren Leuten, den Toten ins Haus zu bringen und hiess mich, meine Männer wieder aus der Parkanlage zu weisen.
– Und du, sagte sie: Komm mit mir!
Ich nickte und gab meinen Männern das Zeichen, sich zu entfernen.
– Gehen wir! sagte Shaba nur.