Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Gilgamesh und Chumbaba – die Königin von Saba?

Waldfee im Waldseee (Irnisis ?)

By on 22. Juni 2025

Der Zedernwald am Fuss des Berges

Beitrag in Überarbeitung

Gilgamesh und Chumbaba – die Königin von Saba?

Episode 4: Wer ist Chumbaba? (Tafeln 4 und 5*)

Gilgamesh und sein tierischer Freund Enkidu sind nach ihrer langen Reise nun an ihrem Ziel, im Zederngebirge, angelangt. Hier wollen sie ihre erste “Heldentat” begehen, nämlich die Tötung des furchterregenden Chumbaba, des “Wurzel allen Übels”.
Die grosse Frage, die sich damit in diesem Abschnitt stellt, ist: 

Wer oder was ist Chumbaba?

Göttin oder Monstrum? – Die erste Verteufelung der Frau!

Mit diesem Abschnitt des babylonischen Gilgamesh-Epos beginnt die Verteufelung der Frau, die sich über Jahrtausende in den Köpfen der Menschen feststetzte.
So stellt sich hier die Frage: Ist “Chumbaba” Göttin oder Monstrum – oder beides?
Der Text der Epos ist hier sehr interpretationsbedürftig, enthält
viele Lücken und auch ein grosses Rätsel.
So viel sei an dieser Stelle vorausgeschickt: die Identität Chumbabas hängt mit Gilgameshs Herkunft und Identität zusammen …

Was soll da verborgen werden? – Deutung bringt die Wahrheit hervor

Mit der Frage nach Chumbabas Identität ist man an einem der Knackpunkte der babylonischen Überlieferung angelangt und es drängt sich die Frage auf: Welche abgrundtiefe Wahrheit hat das Epos zu verbergen, dass es Gilgamesh derart plump als gewalttätigen Helden darstellt?

Diese und die nächste Episode werden ein dunkles Geheimnis ans Licht bringen. Die Deutungen ergeben: Es findet sich der Ursprung der Ödipus-Thematik.

Gilgamesh und Enkidu auf dem Weg zum Zederngebirge
Gilgamesh und Enkidu auf dem Weg zum Zedernwald und zu neuen Abenteuern
Was bisher geschah: der König und der Wilde
Episoden 2 und 3: Gilgamesh und Enkidu: der Trieb als der beste Freund des despotischen Königs

Gilgamesh und Enkidu haben beide ihre Initiation mit einer Priesterin der Göttin der Liebe erfahren, wahrscheinlich in der Gestalt der Tochter des Königs (Episode 1).

Bereits Episode 2 stellt Herausforderungen an die Deutung des Epos: Es macht Sinn, die “Mutter” des Gilgamesh, die über dessen Beziehung zu Enkidu unglücklich ist, als seine Partnerin/Gattin in der dominanten Mutterrolle zu deuten, die den starken Trieb ablehnt. Die Konsequenz davon ist, dass Gilgamesh und Enkidu sich auf die Suche nach Abenteuern begeben (Episode 3). Dies ist ein Bild für die Abenteuerlust des jungen Thronanwärters und Gatten des Königstochter, der auszieht, um Frauen zu erobern, ja einen ganzen Wald (von Frauen) zu fällen.  Im Zedernwald wollen die beiden (der Held und sein Trieb) nun gar die hohe Zeder fällen und mit Chumbaba “alles Böse” tilgen.

Die älteren Quellen (Sumer und Akkad) als Deutungsgrundlagen für diesen Abschnitt

1000 bis 1500 Jahre ältere Texte dienen wiederum dem Gilgamesh-Epos als Inspirationsquelle, und ohne Einbezug dieser Texte kann das Epos kaum gedeutet werden.

Dieser Abschnitt nimmt konkret auf folgende ältere Quellen Bezug:

1. Uruk (2100 v. Chr.) und die ältere sumerische Mythologie: Die Fällung von Inannas Baum

Gemäss der sumerischen Mythologie fällte Gilgamesh Inannas Baum, der von finsteren Wesen der Macht besetzt war: von der Schlange, Lilith (der dunklen Jungfrau) und vom Löwenadler (s. Episode 2: Inanna und Lilith und unten im Text). Dies stellt den Bezug zur weibliche Gottheit wie auch zu finsteren Wesen der Macht dar, welche Gilgameshs tat rechtfertigen.

2. Sargon von Akkad, die Zedern im Libanon und Nisaba (Königin von Saba)

Gemäss den Sargon-Legenden (um 2300 v. Chr.) erlangt Sargon durch die Gunst der Göttin zur Königswürde.

  • Sargon besiegte UrZababa, der ihn einen Hinterhalt geschickt hatte.
  • Er besiegte Zagesi und nahm dessen Frau Nisaba zur Frau.
  • Für den Bau seines Palastes liess er im Libanon Zedern fällen.

Der Inhalt dieses Beitrages:

  1. Die Tempelanlage am Berg der Göttin: Irninis Weihesitz – Wer ist Irnisis?
  2. Wer ist Chumbaba? Eine Frau so hoch wie der Himmel
  3. Die Begegnung mit Chumbaba – ein ungeschützter Moment 
  4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
  5. Neuerzählung des Inhalts aufgrund der Deutungen
Der Zedernwald am Fuss des Berges

Die Tempelanlage der Göttin im Zedernwald “Irninis Weihesitz”, wo es nun also zur Fällung der hohen Zeder durch die Gefährten kommen soll. (Ein Bild zum Epos Der Herr der Ringe, das ebenfalls eine Interpretation des Gilgamesh-Epos darstellt).

1. Eine Tempelanlage am Berg der Göttin

Nach einer langen Wanderung bis in den Libanon sind Gilgamesh und Enkidu  nun im Zederngebirge angelangt. Hier bietet sich ihnen eine atemberaubender Blick: Mitten im Wald befindet sich eine wunderschönen Parkanlage, ein göttliccher Weihesitz!

Irninis Weihesitz am Zedernberg (Tafel 5)

Ehrfurcht und Staunen

Zum allzeit grünenden Wald gelangten die beiden;
Sie unterbrachen ihr Reden und standen still. […]

Still standen sie am Rande des Waldes,
Staunen immer wieder an die Höhe der Zedern,
Staunen zugleich an dem Eingang des Waldes.
Wo Chumbaba zu gehen pflegte, war eine Fußspur,
Die Wege sind gerichtet, schön gemacht ist die Bahn.

Vor der Wohnung der Götter

Sie sehen den Zedernberg, die Wohnung der Götter, Irninis Weihesitz.
Angesichts dieses Berges trägt die Zeder ihre Fülle,
Ist ihr Schatten so wonnig, reich an Erquickung.
Ineinander verschlungen war das Buschwerk,
verfilzt das Gehölz. […]

Wer ist Irninis? 

Die Göttin der Liebe

In diesem Namen klingen Ishtar-(N)Inanna-Isis an, die Namen der Göttin der Liebe in Babylon (Ishtar), Sumer (Nin-An-Na) und Ägypten (Isis). 

Wonne und Fülle – der Berg als weibliches Symbol

Das Symbol ist selbstredend: ein lieblicher, gepflegter Ort, an dem Wonne, Fülle und Erquickung zu finden ist … ineinader verschlungen im verfilzten Gehölz … keine Rede von einem Monstrum.

[S.  Das Paradies: der Garten der Göttin in Eden|Inannas Baum im Garten Eden (Episode 1) und Der Schoss der Frau als Gral und Wunder wirkendes Gefäss.]

Das einzige Monstrum ist der ungebetene Eindringling …

Irninis Weihesitz – Deutung der Symbole
  • Irninis, eine Göttin? Als solche ist sie eine Anima-Figur (und steht damit in Verbindung mit der Seele des Königs).
  • Eine unabhängige Priester-Königin? Wer soll das sein? Wahrscheinlich eine Verschlüsselung für die Göttin der Liebe, eine Königin, eine spirituelle Führerin oder gar eine ägyptische Pharaos-Tochter als Göttin ? (S. Der Auszug aus Ägypten). Mehr und ausführlich unten zur Frage: 2. Wer ist Chumbaba?
  • Der Name Irninis als Silbenrätsel: Ishtar-NinIsis? In der Mitte des Namens die Silbe NIN (=Göttin) umgeben von IR und IS in Anlehnung an ISIS (die ägyptische Göttin der Liebe) und Ishtar (die babylonische Göttin der Liebe, von Isis-Ra)? Der Name Ish-t-AR für kann als Umkehrung von Zi/Tsi (=Leben) und Ra = der Sonnengott gedeutet werden (das t ist eine ägyptische weibliche Endung). Diese Umkehrung (gegen das Leben und gegen den Sonnengott als Symbol für die Auferstehungpasst) passt zum Gilgamesh-Epos, in welchem der König die Göttin der Liebe als Hure beschimpft wird (s. nächste Episode 6).
  • Weihesitz, Wohnung der Götter: Ein geweihtes Gebiet, ein heiliger Ort der Göttin (s. Der weibliche Schoss als Gral).
  • Die Fülle der Zeder im Angesicht des Berges: Berg, Baum (Zeder) und Fülle: dem Weiblichen zuzuordnen (s. Frauen als Bäume und ihre Fällung als Entjungferung).
  • Wonne und Erquickung – ist was der Mann bei der Frau sucht und was die Liebe schenkt.
  • Ineinander verschlungen – das oder im – Buschwerk: Kann schon sein, dass das Unbewusste hier eine andere Botschaft vernimmt, nämlich: “An diesem Ort der Wonne, im Buschwerk ineinander verschlungen sein”.
  • Verfilzt das Gehölz: … und doch ist alles undurchdringlich und schwer zugänglich.

Wonne, Fülle, Erquickung … Was das Unbewusste hier herausspürt

Es sind bedeuntungsschwangerw Worte hier im Urtext enthalten. Er spricht von Fülle, Schatten, Wonne, Erquickung, ineinander verschlungen im Buschwerk.

So kommt eine erotische Ahnung auf, von einer paradiesischen Anmut, die so anders ist als die Stimmung der beiden rohen und eroberungswütigen Gesellen.

Waldfee im Waldseee (Irnisis ?)

Und darum, damit der Leser nicht in dieser lieblichen Trance verharre …, sind – wen wundert’s? – auch prompt die nächsten 35 Zeilen bereits im Urtext zur Unleserlichkeit verstümmelt.
Schockartig und atemlos geht es stattdessen mit einem gewalttätigen Hinterhalt weiter:

3. Die Begegnung zwischen Gilgamesh und Chumbaba

Ein “gottgeschenkter” Augenblick …, um einzudringen

Die erste Begegnung – Chumbaba schutzlos, ohne “Panzermäntel”

Nach diesen Ausführungen zu Chumbaba nun also weiter mit dem Epos.
Es erzählt, dass die beiden verwegenen Kerle in dieses Paradies eindringen und den furchterregenden Chumbaba gefangen nehmen.
Die Frage, die sich stellt, ist hier nun also:

Lässt sich die Hypothese, dass es sich bei Chumbaba in Wahrheit um eine starke selbständige Frau und Königin-Priesterin handelt, weiter halten?

Wir werden sehen …

Shamash gibt einen ungeschützten Moment (Tafel 4)

Gilgamesh war auf eine Anhöhe gestiegen, um Shamash ein Opfer darzubringen. Der Gott Shamash (als Animus, also Archetyp für Trieb und Antrieb im Körper und in der Materie) erhörte Gilgamehs Gebet umgehend, indem er ihm eine günstige Gelegenheit schenkte. Er sagte zu Gilgamesh: Beeil dich! Jetzt ist deine Chance!

»Tritt eilends hinzu, dass der Wächter nicht hineingehe in den Wald, 
Nicht hinabsteige in den Forst, nicht sich verberge!
Hat er doch noch nicht angelegt seine sieben Panzermäntel;
Einen nur hat er an, abgelegt jedoch die sechs!«

Sie nun machten sich daraufhin bereit,
Einem trotzigen Wildstier gleich aufeinander zu stoßen …

Doch dann … ein Hinterhalt!

Weiter geht es mit viel Drama:

Nur einen Panzermantel? Chumbaba ohne Schutzhüllen? Kleider oder Integrität ...

Erinnert man sich an Sargon-Gilgameshs Werdegang, der auf den Geschlechtsakt mit der jungfräulichen Königstochter gründete, kann man in dieser folgenden Szene auch eine Wiederholung des Aktes zwischen dem jungen Gärtner und seiner “Göttin”, nämlich der königlichen Tochter des UrZababa, sehen. Die “göttlichen” Kräfte sind dabei involviert (wie bei jeder geschlechtlichen Vereinigung).

 

  • Shamash und ein ungeschützter Augenblick: Der ambivalente Gott Shamash, als Archetyp für den Animus für Trieb und Antrieb in der Materie nimmt das Opfer des Gilgamesh an (Mehl, also gemahlene Samen), “erhört” sein Gebet und schenkt eine Gelegenheit.
  • Nur einer von sieben Panzermänteln: Chumbaba fast ganz wehrlos – oder einfach nur nackt? Er/Sie trägt nur noch einen von sieben “Panzermänteln” – ein Unterkleid oder einen Schleier?
  • Die Sieben (das Hexagramm mit der Mitte) für Ganzheit: Wenn man an die Sieben denkt, denkt man an das Hexagramm, das mit seinen sechs Ecken durchaus etwas von einem Panzer haben kann (s. Abbildung unten). Die Mitte steht für die verbindende Kraft der Ruhe und der Liebe, die alles zusammenhält. Weil die Sieben für Ganzheit steht, kann man im übertragenen Sinn auch sagen, dass mit nur einem Aspekt der Ganzheit offenbar die seelisch-geistige Stärke und Integrität Chumbabas beeinträchtigt ist (s. Grafik Hexagramm und Text unten).
  • Ein Aufeinandertreffen gleich einem trotzigen Wildstier: Ein Kampf oder einfach nur Trieb auf Trieb?

Sieben Panzermäntel – sieben auf einen Streich ..?! Zerstörung der Integrität

Die Sieben symbolisiert Ganzheit und kann zum Beispiel durch das Hexagramm dargestellt werden (s. Klapptext oben). Diese Zahl kommt in vielen Überlieferungen vor, so auch zum Beispiel in diesen Märchen

  • Der Wolf und die sieben Geisslein, die alle vom Wolf gefressen wurden. Oder:
  • Das tapfere Schneiderlein, das sich damit brüstete, “Sieben auf einen Streich” erlegt zu haben.

Auch diese beiden Märchen beschreiben die Zerstörung der Ganzheit. Der Wolf als Fleischfresser ist ein Archetyp für Frauen konsumierende Männlichkeit. Und das “tapfere” Schneiderlein hat sinnigerweise neben den sieben Fliegen, die es platt gemacht hat, auch die rasende Wildsau (für starke, auch zornige Weiblichkeit) in eine Kapelle eingesperrt. Dieses Thema wird bereits im Gilgamesh-Epos, behandelt, so wird Gilgamesh der rasender Weiblichkeit in Gestalt des Himmelsstieres noch den Rest geben.

Göttin Chumbabba-Irnisis

Gilgamesh und Chumbaba – eine günstige Gelegenheit?

Ähnlich ergeht es nun also Chumbaba, nachdem sechs der sieben Schutzmäntel abgelegt sind. Da ist höchstens noch einer übrig, wahrscheinlich die Mitte, die göttliche Ruhe, die bedingungslose Liebe, die alle Gegensätze verbindet. So weckt diese Schutzlosigkeit also auch eine erotische Assoziation, was durch die Fortsetzung im Text auch bestätigt wird: Es stossen die beiden wie zwei trotzige Wildstiere aufeinander. Der Stier ist immer wieder ein Symbol für den wilden Trieb. Dieser kann im Kampf aber auch in einem sexuellen Akt zum Ausdruck kommen.

Uruk, gegründet auf der Weisheit der Sieben

Eine integre Frau ist wie eine befestigte Stadt.

2. Exkurs: Wer ist Chumbaba?

Bevor wir also in die nächsten Szenen der Gewalt eintauchen, zuerst noch ein paar Gedanken zu “Chumbaba”, der oder die in dieser wunderschönen Parkanlage spazieren geht.

Chumbabas viele Gesichter

In der letzten Episode des Epos sagte Enkidu: “Der Berg wird auf uns einstürzen, er ist Chumbaba.” Zudem erzählt das Epos, dass die Helden sich zum Ziel gesetzt haben, Chumbaba zu töten und die Zeder zu fällen. Doch sie fürchten den Wächter des Waldes, der wiederum ungeschützt auf den gepflegten Wegen spazieren geht und andererseits mit einem Schrei über den Wald fliegt, der die Gefährten erzittern lässt. Ja darüber hinaus hat dieses Monstrum offenbar auch Junge, junge Löwen …

Chumbaba – männlich und weiblich

Grundsätzlich weist Chumbaba in dieser und in der nächsten Episode sowohl männliche als auch weibliche Eigenschaften auf. In der nächsten Episode könnte man sogar sagen, dass Chumbaba väterliche und mütterliche Wesenszüge hat.

Irninis oder Chumbaba? Göttin oder Monstrum?

Hier stellt sich darum die Frage: Kann es sein, dass dieser zauberhafte Ort, diese parkähnliche Anlage mit den gepflegten Wegen tatsächlich der Sitz eines gewaltigen Monsters ist? Oder birgt dieser darin nicht eher ein göttliches Geheimnis? Chumbaba oder Irninis? Monstrum oder Göttin? Die beiden Gestalten erscheinen an vielen Stellen in den Texten austauschbar. Somit kommt der Verdacht auf, dass alte Inhalte, die von der Göttin zeugen, von jüngeren überschrieben worden sind, welche sie in ein Monstrum verwandelt haben, um so nachträglich die Tötung Chumbabas und die Fällung der Zeder zu rechtfertigen. Doch was bedeuten diese?

Archetypische Figuren mit göttlichem Status aus einem früheren Jahrtausend

Legendäre Figuren mit göttlichem, ewigem Status

Bei der Suche nach der wahren Identität Chumbabas gilt es also zu beachten, dass das Gilgamesh-Epos, das sich an der Legende des göttlichen Weltherrschers Sargon anlehnt, rund 1000 Jahre nach dessen Lebzeiten geschrieben wurde (s. Einführung ins babylonische Gilgamesh-Epos). Daher scheint es nachvollziehbar, dass die Figuren und Archetypen aus dem 3. Jahrtausend vor Christus nicht so präzise eingesetzt sind. (Denn sie sind zur Zeit der Entstehung des Gilgamesh-Epos, zwischen 1500 und 1200 v. Chr. plus minus 1000 Jahre alt.

Kein Anspruch auf personelle oder geschichtliche Genauigkeit

Es besteht kein Anspruch sich nach genauer Datierung oder anderen Umständen der Figuren zu richten, vielmehr werden sie im Epos als mythologisch-archetypische Grössen eingesetzt, die mittlerweile bereits göttlichen Status erlangt haben. Dennoch ist es interessant zu schauen, welche Göttinnen und Helden den damaligen Raum prägten und woher sie kommen mögen.

Waldfee im Waldseee (Irnisis ?)

Eine Frau so hoch wie der Himmel

Zuerst zur weiblichen Seite Chumbabas.

Irninis – ein Code für eine Göttin?

Es spricht einiges dafür, dass Chumbaba eine königliche Frau oder Priesterin der Göttin der Liebe ist und dass der Name “Irninis” ein Code ist, der die wahre Identität verdeckt: Ischtar-Nin-Isis (Nin für “Göttin”, Ishtar die babylonische, Isis die ägyptische Göttin der Liebe).

Zugleich eine reale Königin

Im 3. Jahrtausend vor Christus gab es eine grosse Königin, die als einzige Frau sogar in der sumerischen Königsliste Eingang gefunden hat. Zudem wurde ein intaktes Grab einer Königin in Ur gefunden, das sich auf ca. 2500 v. Chr. datieren lässt.

Dazu nun also die folgenden Ausführungen.

1. Chumbaba für Königin Kubaba aus der Königsliste?

Und so wird denn auch in der sumerischen Königsliste eine einzige Frau erwähnt, und zwar als unabhängige Königin. Sie erscheint mit unterschiedlichen Namen, Kugbau, Kulaba oder Kubaba. Letzterer klingt durchaus nach Chu(m)baba.

Eine Göttin: Kubaba - Chubaba (Chuwawa), Kebat - Hewat - Chawwa, Eva und Gaja

Eine starke Frau, die zur Gottheit verklärt wurde?

Kubaba (auch: Chuwawa?) wird später als Göttin verehrt und mit der Göttin Kebat oder Hepat (hurritisch) gleichgesetzt. Der Name dieser Muttergottheit entwickelte sich weiter zu „Gaja“ und ist möglicherweise auch mit hebräisch „Chawwah“ für „Eva“ verwandt (so Wikipedia).

Entwicklung der Sprache und Veränderungen von Namen

Verschiebungen von Konsonanten und Vokalen in der Sprachentwicklung über Jahrhunderte verändern Namen, so z.B.: NinShubur von Nin-Shuba(t) zu Nisaba – Shaba – Saba – Shawa – Chawwa – Ewwa – Eva. (Nin-Shubat war eine real existierende Königin, deren Grab gefunden worden ist, s. unten 3.).

[S. Die sumerische Sprache und ihre Entwicklung.]

Die Königin als Schenkin und Geliebte des Gilgamesh?

Gemäss der sumerischen Königsliste soll Kulaba die Mutter des Gilgamesh sein und trägt Königin Kubaba oder Kugbau auch den Beinamen „Schenkin“. Als solche spielt sie auch im Gilgamesh-Epos eine zentrale Rolle. Denn im zweiten Teil gelangt Gilgamesh als suchender Wanderer zu einer Schenkin. Als Göttin des Weinstocks symbolisiert sie die Anima des Königs und seine Seelenschwester. Entsprechend ist sie auch die einzige Frau, die im Epos erwähnt wird, sogar mit Namen: Siduri. Gilgamesh auf der Wanderschaft suchte ihre Nähe, schätzte ihre Weisheit und bat sie um Rat (Teil II, Die Schenkin).

Die Schenkin als Göttin des Weinstocks und Geliebte des Königs

Zieht man eine verschachtelte Erzählweise des Epos in Betracht, dann kann man die unabhängige Priesterin-Göttin dieses ersten Teils des Epos (der die körperlich-materielle Ebene beschreibt) durchaus mit der Schenkin des zweiten Teils (der die Ebene der Seele thematisiert) in Verbindung bringen. Zudem findet sich hier in der Schenkin eine Parallele zur sumerischen Göttin des Weinstocks, bei welcher sich Inannas abtrünniger Ehemann aufhielt. Als seine Seelenschwester steht sie auch für seine innere Frau (Anima, s. Sum. Episode 18: die Göttin des Weinstocks).

2. Die Königin von Saba als Chumbaba?

Nisaba, Sargons Beute aus dem Sieg über Zagesi

Von Sargon wird erzählt, dass er König Zagesi, der sich “Hirte des Volkes” nannte, angeblich in 34 Schlachten besiegte und danach dessen Frau Nisaba als Beute nahm. Die Silbe “Nin” bedeutet Göttin, auch mit Königin übersetzt, sodass im Namen NiSaba durchaus eine Assoziation mit der Königin von Saba anklingt.

Sargons Frau, Tashlultum: "Ich nahm dich zur Beute" als Silbenrätsel
T-Ash-Lul-Tum, ein Silbenrätsel für eine ägyptische Göttin-Königin?

Für Sargons Frau ist jedoch der Name TashLulTum überliefert, was gemäss Überlieferung “ich nahm dich zur Beute” bedeuten soll. Passt das? Inhaltlich gesehen ja, doch die Betrachtung der Silben ergibt in Wahrheit eine andere Aussage: So steht T-Ash als Umkehrung von Ashe-t, was eine andere Bezeichnung für Isis, die ägyptische Göttin der Liebe ist. Als Umkehrung weisst sie auf die Schattenseite der Göttin, nämlich für Macht durch Verführung hin, wie sie auch in Lilith dargestellt ist. Weiter klingt in der nächsten Silbe Lul akkadisch Lugal = König an.  Und zuletzt kann man Tum/Dum für Sohn lesen. Alles zusammen ergibt also die Bedeutung: “Die Göttin Isis, deren Sohn König wurde“. Also Gilgamesh als ihr Sohn ??? Dazu mehr in der nächsten Episode!

Puabi, Königin im Zweistrumland um ca. 2500 v. Chr.

Kopfschmuck und Schmuck der Königin Puabi, um 2500 v. Chr. als Königin von Saba?

3. Das königliche Grab einer Frau in Ur (um 2500 v. Chr.)

Eresh Puabi /Nin Shubad (ca. 2500 v. Chr.) als Königin von Saba und Chumbaba?

Der unten abgebildete Kopschmuck stammt aus dem Grab einer königlichen Frau (datiert um 2500 v. Chr.) mit Namen Nin Shubat oder Eresh Puabi, das unversehrt auf dem Königsfriedhof in Ur gefunden wurde.

Nin-Shubat – NinShubur: Königin der Erde, des Landes Ur

Neben dem abgebildeten Kopfschmuck, weiterem Schmuck sowie Keramik wurde im Grab auch ein Dreschschlitten gefunden. Mit diesem Hinweis auf Ackerbau passt der Name Nin Schubat (mit der ägyptischen weiblichen Endung T) mit Nin SchubUr als „Königin der Erde oder des Landes Ur“ perfekt.
In der sumerisch-akkadischen Überlieferung ist NinShubur die Bezeichnung für die Göttin (Inanna) als initiierte Frau (s. Episode 4), das heisst in der zweiten, der roten Phase der Göttin (s. Weibliche Ganzheit – die Göttin, Weiss / Rot / Schwarz). Inanna ist das Vorbild schlechthin für die starke, intakte Frau in Ganzheit – vom Himmel hinab auf die Erde und bis in die Unterwelt (s. Inanna – Göttin und starke Frau).

Eresh Puabi – Tochter des Pharaos und Schwester des Mose?

Die zweite Bezeichnung der Königin, Eresh Puabi, ist ebenfalls sehr vielsagend. Eresh für “Herrin” weist auf den dritten Aspekt der Göttin hin und damit auf die grosse Göttin der Unterwelt (EreshKiGal).
Woher kam sie, diese Königin und Herrin? Aus Ägypten etwa?
Dazu dieser interessante Umstand: Gemäss der jüdischen Überlieferung soll „Pua“ (= “Mädchen”) der Name einer der Hebammen des Mose gewesen sein (im Namen Mose klingt wiederum M’se an, was afrikanisch “Sohn” bedeutet). Die andere Hebamme hiess Shifra. Darin klingt der Name Zippora, der zweiten Frau Moses an …

Pua – Eresh Puabi als die Schwester-Frau des ägyptischen Prinzen Mose, die für Zippora verlassen worden war?

Meritamun, Schwester des Ramses II.

Meritamun, Schwester des Ramses II. (von MriAmun = die Geliebte des Weizengottes zu Mirjam-Maria?)

Pua und Shifrah, die beiden Hebammen Moses für Mirjam und Zippora, seine Frauen?

Kindergerechte Verschlüsselung der beiden Frauen des Mose als “Hebammen”?

Gemäss der jüdischen Überlieferung hiessen die beiden Hebammen Moses Pua und Shifra. Dies ist möglicherweise eine “kindergerechte” Verschlüsselung, eine Kodierung. Die Hebammen haben den Sohn (afrikanisch M’se) hervorgebracht, sowie die beiden Frauen Moses den starken und auserwählten “rechten Arm” Gottes und Führer des Volkes “gemacht” haben.

Die zwei Frauen Moses

Mose, der ägyptische Prinz hatte zwei Frauen, die ihn zu dem machten, was er war: Die erste, “Pua” steht möglicherweise für seine königliche Schwester Mirjam (die ihn aus dem Schilf gezogen hatte). Als Tochter des Pharaos war sie Moses’ Schwester-Geliebte und erste Frau, (denn in Ägypten waren Geschwister-Ehen in den Herrscherfamilien normal, ebenso wie die Beschneidung). So ist nicht auszuschliessen, dass aus Pua-Mirjam nach dem Auszug aus Ägypten (es gab davon mehrere) Königin Puabi – Kubaba von Ur wurde.  Die zweite Frau Moses, Zippora, war die Tochter des Jethro, Priester in Midian.
(Und Sarabi im “König der Löwen”? Auch die biblische Sarah war eine Zeit lang Frau des Pharaos …). Gewiss ist, dass ein reger kultureller Austausch im fruchtbaren Halbmond stattgefunden hat.)

Die beiden Frauen Moses und der Auszug aus Ägypten

Wie es also gewesen sein könnte: Zwei Frauen begleiteten Mose auf dem Weg aus Ägypten heraus ins gelobte Land (ins Zweistromland?). Nachdem Mose sich für Zippora entschieden hatte, blieb Mirjam-Kulaba-Puabi-Nisaba als eigenständige “Königin” im Libanon.
(Es werden sich noch weitere Elemente des Gilgamesh-Epos finden, die in die Mose-Erzählung Eingang gefunden haben, wie zum Beispiel Die Zerschlagung der Steinernen.)

[S. Der Auszug aus Ägypten – die andere Geschichte.]

Chumbaba als Inhaber der Macht

Männliche Eigenschaften und die Macht der sumerischen Könige

Als mächtige und furchterregende Erscheinung hat Chumbaba eher männliche Eigenschaften. Der Löwenadler, das Wappentier der sumerischen Könige, stellt ein Symbol der Macht im Bereich des Geistes dar. Als reale und mächtige Feinde des Sargon kommen in der Gestalt des Chumbaba konkret auch König Urzababa von Kish und König Zagesi von Uruk in Frage. Urzababa, Sargons Schwiegervater, führte ihn in einen Hinterhalt, der durch die «Göttin» vereitelt wurde. Und Zagesi wurde von Sargon in 34 Schlachten besiegt, wobei dessen Göttin-Gattin (?) Nisaba möglicherweise Sargons «Beute» war.

Inannas oder Liliths Baum

Der Löwenadler im Baum der Göttin?

Baum, Berg, Wächter, Vogel, Löwe oder Göttin? – Alles zusammen!

Chumbaba wird auch als grosser Vogel, der über den Wald fliegt und schreit, dargestellt und interpretiert. Als solcher ist er die Schnittstelle zwischen männlichen und weiblichen Eigenschaften.

Doch wie lässt sich das alles zusammenbringen?

Ganz einfach: In Inannas Baum ist die Verbindung zwischen der Göttin der Liebe und dem Vogel gegeben.

Der Löwenadler in Inannas Baum

Denn gemäss der sumerischen Mythologie (s. Episode 2) hatte der Löwenadler als Symbol der Macht in der Krone des Baumes der noch jungen Göttin sein Nest gebaut. Und auch die anderen Bereiche des Baumes, nämlich der Stamm und die Wurzeln waren von finsteren Wesen der Macht besetzt worden. Dieser Baum wurde durch dann durch Gilgamesh gefällt, der dadurch zum Heldenkönig der Göttin wurde.

Wie schon in der sumerischen Überlieferung, so ist dies auch im Gilgamesh-Epos das Ziel des Helden: die Fällung des Baumes und Tötung des Vogels(?). Doch das wahre Ziel, nämlich die Elimination der Wesen der Macht, ist nicht formuliert.

Die drei Wesen der Macht im Baum und seine Fällung

Sumer: Der Baum der Göttin im Garten Eden

Die sumerische Mythologie beschreibt, dass der Baum der Göttin der Liebe in ihrem zauberhaften Garten von fremden Wesen der Macht besetzt war. Damit lässt sich auch das deklarierte Ziel der Gefährten im Gilgamesh-Epos erklären “alles Böse zu tilgen”.

Der Baum, besetzt von finsteren Wesen der Macht:
  • Die Schlange, die nicht gezähmt werden kann (der nackte, kalte Trieb), hat sich in den Wurzeln eingenistet (Körper).
  • Lilith, die dunkle Jungfrau (Macht aus Verletzung, s. Ich bin Lilith) hat im Stamm ihre Wohnung genommen (Seele).
  • Der Löwenadler, das Wappentier der sumerischen Herrscher in der Krone des Baumes stellt die Einheit der Raubtiere der Luft und der Erde dar und steht damit für Macht und Raum im Bereich des Geistes. Der Vogel hat bereits sein Nest gebaut und es hat Junge darin. (Solche «junge Löwen» werden dann im Kampf mit Chumbaba von Gilgamesh und Enkidu erwischt).

[S. Inanna, Lilith und der Baum.]

Die Fällung von Inannas Baum als Initiation (erster Geschlechtsverkehr)

Die Fällung des Baumes bedeutet in der sumerischen Mythologie die Initiation der beiden, das heisst der Göttin der Liebe und ihres Heldenkönigs Gilgamesh (s. Episode 3). Dabei ist anzunehmen, dass der Name Gilgamesh erst bei der Niederschrift der sumerischen Mythologie in Babylon (um ca. 1800 v. Chr.) hinzugefügt wurde, denn dieser Name erscheint sonst nirgends in der sumerischen Überlieferung von Inanna. (Dies ist auch ein weiterer Umstand, der im Gilgamesh-Epos für weitere Verwirrung sorgt, s. Episode 6: Gilgameshs Beschimpfung von Ishtar als Hure).

Nach der Fällung des Baumes erhielt Gilgamesh Pukku und Mikku, also Ring und Stab als Zeichen der Königsherrschaft.

[S. Der Weltenbaum oder Baum des LebensDie Frau, 3-in-1, Körper, Seele, Geist und Frauen als Bäume und ihre Fällung als Entjungferung.]

Perseus mit Medusas Haupt (Cellini)

König Ur-Zababa oder König Zagesi

Das Haupt des Chumbaba

Zuletzt kann man auch die männliche Seite des Chumbaba nicht leugnen. Denn Gilgamesh brachte, wie es im Epos (nächste Episode) heisst, dessen Haupt zum Tempel des EnLil nach Nippur. (Ausser man sehe darin das Haupt einer erschlagenen Medusa. Doch auch dieser Name enthält die Silbe ME für Weisheit.)

König Zagesi, Sargons Vorgänger, “Herr über Saba”

Als Sieg über einen König, in dessen Fussstapfen Gilgamesh-Sargon getreten sein soll, kommt einerseits natürlich Zagesi als der besiegte Vorgänger des Sargon und Gatte der Nisaba in Frage. Als solcher war er Herr (Shah?) über Saba-Baba (ShahBaba – Chumbaba?).

Sargons Schwiegervater, König UrZababa, als “Chababa”?

Doch andererseits könnte auch Ur-Zababa (Chababa?) als ChumBaba durchgehen, dessen Name ähnlich klingt. Er hatte ja gemäss der Sargon-Legende einen Giftanschlag gegen den Emporkömmling geplant, der missglückte, weil Sargon «durch seine königliche Schwester, die heilige Inanna» beschützt wurde.
Entsprechend ist auch im Gilgamesh-Epos im Zusammenhang mit dem Kampf gegen Chumbaba auch noch von Gift die Rede (s. u.).

Diese Gedanken und Hypothesen fliessen in die “andere” Geschichte dieser und der nächsten Episode der Gilgamesh-Sargon-Story ein.

Schreie (Tafel 4, Forts.)

Da mit einem Mal schrie Enkidu und ward des Schreckens voll,
Denn es schreit der Wächter der Wälder, Chumbaba wie …

[Kurze Lücke, dann sprechen sich die beiden Mut zu.]

Ein Hinterhalt oder eine Falle?

Jäh wird der Zauber der verträumten Szene durch Schreie zerstört.

Zuerst schreit Chumbaba. und dann Enkidu. Hier soll das Bild eines gigantischen Vogels als Wächter des Waldes aufrechterhalten werden, der über dem Wald kreist und einen schrillen Schrei von sich gibt. Doch wieder fehlen Zeilen, die mit dem Inhalt aus der 5. Tafel ergänzt werden können:

Deutungshilfe: identischer Text als Brücke von Tafel 4 zu Tafel 5

Dieser fragmentarische Text stellt eine inhaltliche Brücke zwischen Tafel 4 und 5 her, indem er in beiden Tafeln vorkommt:

Eine schlüpfrige Wegstelle gefährdet nicht zwei, die einander helfen; zwei dreifache . . .
Ein dreifach geflochtenes Seil wird nicht . .
Des gewaltigen Löwen zwei Junge können ihn fortstoßen. 

Aufgrund der Brücke zu Tafel 5 kann man davon ausgehen, dass die Schreckensschreie aufgrund einer Kampfszene und möglicherweise eines Hinterhaltes oder einer Falle erfolgen.

Gift und eine Kampfszene (weiter mit Tafel 5)

Plötzlich die Schwerter…
Und nachdem die Scheiden abgezogen waren …
Die Äxte waren bestrichen mit Gift …
Kurze und lange Schwerter …

Starke Kämpfer oder wehrfähige Amazonen? Das Gift …

Äxte, die mit Gift bestrichen sind? Das tönt nicht nach männlicher Schlagkraft, sondern nach Wissen um Wirkstoffe der Natur und weiblicher List … Doch man denkt auch an den Gift-Hinterhalt Urzababas in der Sargon-Legende

Schliesslich stehen Gilgamesh und Enkidu vor Chumbaba …

Gal Gadot in Wonder Woman (2017) für Ninshubur, Inannas Sukkal

4. Schlussfolgerungen

Warum … ?

Die Frage, die sich mit diesem Abschnitt vielleicht noch stellt, ist: Weshalb ist es denn von so grosser Bedeutung, dass Chumbaba in Wahrheit eine Frau gewesen sein soll? Die Antwort liegt im Weg des Helden. Die grossen Geschichten handeln immer vom Weg des Menschen zu Ganzheit. Und die Ganzheit ist beides, männlich und weiblich.

Gilgamesh und Chumbaba – Aufeinandertreffen zweier Grössen

Gewiss ist, dass das Epos zeigen will, dass da zwei mythologische Grössen aufeinandertreffen. Auch soll Gilgamesh aus dieser Begegnung als Held hervorgehen. Doch warum ist alles so wirr? Was gibt es denn da zu verbergen? Dazu ausführlich im nächsten Abschnitt. An dieser Stelle eine Öffnung des Blickes auf das Epos als Ganzes und seine Kernbotschaft:

Die zwei Frauen des Gilgamesh

Die Göttin-Gattin (Ishtar) und die Schenkin, Göttin des Weinstocks (Siduri)

Es werden nur zwei weibliche Figuren auf Gilgameshs Weg im Epos erwähnt. Die eine “Frau” des Helden ist Ishtar, die Göttin der Liebe, die einerseits in Gestalt seiner Mutter und andererseits als enttäuschte Göttin-Gattin in rasendem Zorn auftritt. Die andere Frau ist die Schenkin Siduri, die Gilgamesh den Weg zeigt. Sie stellt als Göttin des Weinstocks seine weibliche Seite und seine Seele (Anima) dar.

Das mythologische Thema: Die Untreue des Mannes auf der Suche nach seiner Seele

Die grossen Überlieferungen handeln immer vom Helden, der sich aufmacht, um das (ewige) Leben zu gewinnen. Dieser Weg ist identisch mit der Suche nach seiner immaterielle Seele, denn diese ermöglicht ihm den Zugang zum Geist. Seine Seele entspricht seiner inneren Frau und damit seinem inneren Idealbild von Weiblichkeit. Dieses reicht von der himmlischen Jungfrau über die nährende Mutter bis hin zur Manifestation des Göttlichen in Gestalt der wilden und umfassenden Schönheit und Fülle der Natur.

Der Heldenweg des Menschen

Die Neue Geburt hinein in die Ganzheit, männlich und weiblich

Seine Suche führt den Helden hinein in den Kern der Existenz. Es ist sein Bestreben, wieder in den Schoss des Weiblichen einzugehen, um sich darin aufzulösen und so neu in die unendliche Weite des Geistes hinein geboren zu werden, wo Schöpferkraft und Liebe sich vereinen.

Seine Mutter-Gattin jedoch, die frustriert zuhause wartet, bis er ihr endlich mit wahrer Liebe begegnet, kann ihm dabei nicht helfen. Und so muss fort von ihr, hinaus in die Welt, um seine Seele ausserhalb zu suchen. Und er wird sie finden …. zunächst bei der “anderen” Frau, seiner kleinen Schwester-Geliebten … (s. Die menschliche Gleichung).

Dies ist das eigentliche und wahre grosse Thema des Gilgamesh-Epos, das sich im weiteren Verlauf der Geschichte auf mannigfache Weise verästeln und ausführen wird.

Die Untreue des Mannes und seine eifersüchtige Ehefrau: das Beziehungsdrama

Die zwei Frauen des Mannes: Mutter und Schwester

Im Rahmen von partnerschaftlichen Auseinandersetzungen symbolisiert die erste Frau die vor Zorn und Eifersucht rasende Mutter-Gattin, während die zweite die Schwester-Geliebte und Seelen-Schwester des abtrünnigen Gatten darstellt. Das mythologische Thema dabei ist, dass der Mann fremdgehen muss, weil er mit dieser “zweiten” Frau seine eigenen weiblichen Anteile, seiner Anima, integriert (indem er sich zunächst Hals über Kopf verliebt, s. auch Partnerschaft und die menschliche Gleichung).

Rasender Zorn aus Eifersucht

Der Zorn der rasenden Mutter-Gattin-Göttin ist denn auch das Thema des übernächsten Abschnitts des Epos (s. Der Himmelsstier).

Chumbabas Identität ist noch nicht abschliessend geklärt. Mal sehen, ob die nächste Episode mehr Licht in das Dunkel bringt. Immerhin scheinen sich gewisse Gründe für den rasenden Zorn der Ishtar zu konkretisieren, welche dazu führen, dass sie dann den Himmelsstier auf Gilgamesh und Enkidu loslässt.

Axt für das Fällen von Frauen als Bäume

5. Gilgamesh und Chumbaba, die andere Geschichte

Die Neuerzählung verknüpft die Handlung des Gilgamesh-Epos mit der Sargon-Legende und bringt so Licht in die seltsamen Windungen des Epos.

Die Personen und ihre Rollen

  • Salmon: Gilgamesh-Sargon als Gatte der Tochter des Königs Chababa (UrZababa von Kish) in Personalunion mit Enkidu, der seinen starker Trieb darstellt, welcher Gilgamesh in “Abenteuer” treibt.
  • Chababa: König UrZababa von Kish, Sargons Schwiegervater, der ihm eine kompromittierende Botschaft für Zagesi mitgegeben hatte.
  • Shamash, der Sonnengott als wilder Stier: eine Animus-Gestalt (Trieb und Antrieb in der Materie).
  • Shaba: “Chumbaba” als Göttin oder unabhängige Priesterin-Königin: Irninis – Isis (ägyptische Göttin oder Pharaos Tochter), oder Nisaba (Zagesis Frau als Königin von Saba – “Shaba”) oder Kugbau-Kulaba aus der Königsliste und nicht zuletzt vielleicht NinShubat, deren Grab datierend auf 2500 v.Chr. gefunden worden ist oder alle zusammen?
  • Zagesi (als Herr-“Shah” über Saba/”Baba”): König über Uruk und diverse Stadtstaaten des Zweistromlandes, angeblich von Sargon in 34 Schlachten besiegt. Er ist in der Rolle der männlichen Seite Chumbabas als “gefährliches Monster”, welche er sich mit König Ur-Zababa (“Chababa”) teilt (s. nächste Episode).

Salmon erzählt seine Gilgamesh-Sargon-Story weiter:

Liebe Freunde, 

Ihr erinnert euch aus dem letzten Abschnitt: König Chababa willigte ein, mich zu Zagesi zu schicken, um mit ihm zu verhandeln. Ich hatte kein gutes Gefühl, was Chababa betraf, aber ich war froh um die Gelegenheit, von Ischa wegzukommen.

Natürlich liess ich es mir auf dem Weg in den Libanon nicht nehmen, die eine oder andere Frau oder jungfräuliche Braut zu vernaschen – unter Berufung auf mein «göttliches Recht» als König!

Irninis Weihesitz

Eine heilige Stätte

Nach einer mehrtägigen Wanderung mit einigen Unterbrüchen war ich mit meinen Männern am Ziel, im Libanongebirge angelangt.
So standen wir nun staunend vor dem Zedernberg. Vor uns lag ein Garten, ja ein Park in unglaublicher Fülle und Pracht! Bäume und Sträucher blühten und gepflegte Parkwege luden zum Lustwandeln unter den vielen schattenspendenden Bäumen ein.

Ein paradiesischer Garten

Es war wahrhaftig ein himmlischer Ort, dieser Garten, ja ein Juwel der Göttin!
Ich liess meine Männer ausserhalb des Gartens lagern und ging allein weiter. An einer unwegsamen Stelle, wo das Gebüsch dichter war als sonst, zog etwas meine Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein Glitzern und Funkeln, das zwischen dem Gehölz hindurchdrang. Vorsichtig schob ich die Äste und Zweige beiseite und zwängte mich durch dichte Sträucher hindurch, bis ich vor mir die Quelle des verspielten Lichts erblickte: ein klarer Teich, der von einem Wasserfall gespeist wurde.

Wie ein Traum

Als ich so still dastand und ins Wasser blickte, erinnerte ich mich an den Traum, den ich in der Nacht gehabt hatte. Tatsächlich hatte ich vor dem Einschlafen noch ein Gebet an Shamash gerichtet, dass er doch unser Vorhaben gelingen lasse. Im Traum hatte ich eine Formation wie die berühmten Stadtmauern von Uruk mit ihren sechs Ecken gesehen und dabei in mir eine Stimme gehört, die sagte:
“Es ist dir eine Gelegenheit gegeben” und noch etwas wie: “in ihre Mitte zu gelangen …”.

Während ich noch über die Bedeutung dieser Worte nachdachte, sah ich plötzlich eine wunderschöne Frau. Sie war wie aus dem Nichts aufgetaucht und stand nun am Rand des Teiches. Mit einer eleganten Bewegung streifte sie ihren leichten Umhang ab, dessen fliessender Stoff zu ihren Füssen glitt.  Das feine Gewebe, das sie darunter trug, verhüllte ihren makellosen Körper kaum.

Im Anblick dieser Szene musste ich eine unbedachte Bewegung gemacht haben, sodass ein knackendes Geräusch ertönte. Sogleich blickte die Schöne in meine Richtung und entdeckte mich! Wie Silberglocken ertönte ihre Stimme, als sie lachte und furchtlos sagte:
– Oh! Ich habe Besuch … Na, komm schon raus!

Die Begegnung mit Chumbaba

Die Königin von Saba

Erschlagen von ihrer Schönheit trat ich zögernd und auch etwas beschämt hervor. Ihre strahlenden Augen musterten mich von oben bis unten, dann nickte sie mir zu:
– Ein Fremdling! Welch eine Überraschung! Ein erschöpfter Wanderer …

Ich war völlig überwältigt. Denn normalerweise zitterten die Frauen vor Furcht, wenn ich erschien. Doch nun brachte ich nur Mühe hervor:
– Shaba – nicht wahr?

Sie lächelte mich an und ihre Augen leuchteten wie der Himmel. Ich war ergriffen, so überwältigt, dass ich auf die Knie sank und diese leidenschaftlichen Worte aus meinem Mund kamen:
– Meine Königin! Ihre Schönheit übertrifft ihren Ruf bei weitem!

Eine günstige Gelegenheit

Sie schwieg und blickte mich amüsiert an. Dann sagte sie:
– Komm, steh auf! Wie heisst du?
– Salmon, antwortete ich.

Nun machte sie einen Schritt auf mich zu, legte ihre Hände auf meine Schultern und streifte mein Wams ab:
– Du siehst aus, als könntest du ein Bad gebrauchen, meinte sie.

Daraufhin schritt sie zum Teich und glitt elegant ins Wasser. Ich folgte ihr wortlos.
– Dann wollen wir mal sehen, dass du diesen Staub loswirst, der an dir klebt, sagte sie und lächelte wieder.

Sie bewegte sich zum Rand des Teiches und nahm von dem weichen Moos, das da wuchs. Nun kam sie mir ganz nahe und begann, mich sanft damit zu waschen.

Ich war wie in Trance und konnte nur murmeln:
– Was ist …? Warum …?
– Die Liebe ist frei!, antwortete sie mit sanfter Stimme: Sie fällt, wo sie hinfällt … Man kann sie nicht besitzen … Und als hätte sie meine unausgesprochene Frage gehört, fuhr sie fort: Man kann auch mich nicht besitzen. Ich gehöre niemandem.

Im Moos unter den Bäumen am Teich liebten wir uns.

Ein Hinterhalt

Doch plötzlich ertönten Rufe, Schreie und Kampfgeräusche, die näher kamen, Knacken von Holz, und vor uns stand ein Mann.  Saba gab einen kurzen Schrei von sich, fuhr hoch und griff erschrocken nach ihrem Umhang.

Kampfgetümmel

Auch ich war rasch auf den Füssen und griff reflexartig nach meinem langen Dolch. Dann packte ich Shaba und hielt sie mit einer Drohgebärde – in ihren Umhang gewickelt – fest. Im Hintergrund hörte ich die Stimmen von mehreren Männern, darunter auch diejenigen der meinen.

Da ich kurz abgelenkt war, benutzte der Eindringling, der gezögert hatte, nun diese Gelegenheit und stürzte mit seiner Streitaxt auf mich zu. Doch mit meinem Kampfschrei parierte ich den Schlag mit der linken Hand und stach mit der rechten in einer raschen Bewegung mein Messer mitten in seine Brust. Sogleich fiel er um.

Wieder packte ich Shaba, die vor Schrecken erstarrt war, gerade rechtzeitig, als bereits weitere Männer zu uns vordrangen. Doch als sie sahen, dass ich die Frau in meiner Gewalt hatte, blieben sie wie angewurzelt stehen.

Shaba schien sich nun einigermassen von ihrem Schrecken erholt zu haben und blickte mich entsetzt an:
– Was tust du?! sagte sie eindringlich: Bist du verrückt?! Lass mich sofort los!

Ich konnte nicht anders als ihr gehorchen

Die Männer machten sich zum Angriff bereit, doch sie reckte sich und erhob gebieterisch ihre Hand. Sogleich liessen sie ihre Waffen wieder sinken.

Der Wächter des Waldes

Dann zeigte sie auf den Mann, der am Boden lag, und sagte:
– Zagesi ist verletzt, holt ihn her!

Zagesi??? Ich war verblüfft. Sie brachten ihn zu ihr. Als sie sein Wams öffnete, zog sie eine Tontafel hervor. Es war meine Tafel mit der Botschaft von Chababa an Zagesi! Er musste sie an sich genommen haben, als er im Lager meiner Männer rumschnüffelte. Hatte er sie denn nicht gelesen? – Sie sollte mich doch dem König empfehlen. Aber nun? Der Angriff … Was stand wirklich drin?

Eine tödliche Botschaft und Intrige

Das Siegel der Tontafel war gebrochen. Zagesi hatte sie also schon gelesen. Shaba blickte mich an:
– Du erlaubst sicher, dass ich diese Botschaft lese!?
– Natürlich, antwortete ich verunsichert.

 Als sie las, erhoben sich ihre Augenbrauen, dann legte sich ihre in Stirn Falten. Nun blickte sie mich finster an und sagte:
– Darin steht… Dass du ein Mörder und ein Vergewaltiger bist, der vor nichts zurückschreckt, und dass du planst, Zagesi umzubringen. Und…“ Sie blickte mich durchdringend an.
– Und was? drängte ich sie.

Urzababas Verrat

Und darin steht auch… sie zögerte.

– Was? Was steht da noch? Lies weiter!
– Es steht auch, dass du Chababas Gärtner warst. Weiter, dass du seine Tochter vergewaltigt hast … Und … da steht auch … eine Bitte an Zagesi …

Wieder hielt sie inne und blickte mich mit gefurchter Stirn an:
– Chababa bittet Zagesi, dich zu töten!

Ich konnte es nicht fassen! Natürlich hatte ich eine Ahnung, dass Chababa mir nicht allzu gnädig gestimmt war. So sagte ich leidenschaftlich:
– Das ist nicht wahr! Das ist alles eine infame Lüge!

Doch sie streckte mir die Tafel hin und sagte:
– Lies selber!

Tatsächlich erkannte ich in der Tafel dreimal meinen Namen und auch das Zeichen für „Tochter“ und „töten“.

Der erste Tote

Wieder beugte sich Shaba über den Verletzten, doch als sie seinen Puls tastete, schüttelte sie langsam ihren Kopf. Dann blickte sie zu mir empor und in ihren Worten lag Schwere:
– Er ist tot. Zagesi ist tot …

Shaba erhob sich und befahl nun ihren Leuten, den Toten ins Haus zu bringen und hiess mich, meine Männer wieder aus der Parkanlage zu weisen.
– Und du, sagte sie: Komm mit mir!

Ich nickte und gab meinen Männern das Zeichen, sich zu entfernen.

– Gehen wir! sagte Shaba nur.

Originaltexte aus Tafeln 4 bis 6 des Gilgamesh-Epos s. Lyrik online


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