Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Gilgamesh und die Fällung der hohen Zeder (Episode 5)

By on 9. September 2025

Axt für das Fällen von Frauen als Bäume

Gilgamesh und die Fällung der Zeder (Episode 5)

Streben nach ewigem, göttlichem Ruhm

Zu Texten aus Tafel 5 des Gilgamesh-Epos*

Gilgamesh und Enkidu sind zu Heldentaten aufgebrochen. Allem voran wollen sie mit der Fällung der Zeder und Tötung des Monstrums Chumbaba “alles Böse tilgen” und dadurch ewigen göttlichen Ruhm erlangen. Sie sind nun tatsächlich bei “Irninis Weihesitz” angelangt und nach einer List und einem Kampf steht Chumbaba gefangen vor ihnen.
Doch Gilgamesh ist vollkommen perplex, denn Chumbaba sagt: Ich kenne dich von klein auf …
 

Welches dunkle Geheimnis, welches verletzte Tabu verbirgt sich hinter dem seltsamen Wortlaut und dem verstümmelten Inhalt des Gilgamesh-Epos? Dies ist eine der grossen Fragen dieser Episode.  

Der Zedernwald am Fuss des Berges
Die Tempelanlage der Göttin im Zedernwald, “Irninis Weihesitz”, wo es zur Fällung der hohen Zeder kommen soll. Gilgamesh und Enkidu sind eingedrungen und haben bereits “Chumbaba” in ihrer Gewalt.

Übersicht über den Inhalt dieses Beitrages:

  1. Chumbaba gefangen: Überlegenheit und Ermahnung 
  2. Chumbabas Reden: Bitten und ein überaus grosszügiges Angebot
  3. Tötung Chumbabas und Fällung der Zeder – Bedeutung?
  4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
  5. Neuerzählung des Inhalts aufgrund der Deutungen
Ältere Textquellen zu dieser Episode:

Parallelen der älteren Quellen im Hinblick auf diesen Abschnitt

Im Zentrum stehen das Fällen einer oder mehrerer Zedern und der Sieg über die furchterregende Gestalt namens “Chumbaba”, deren Identität in der letzten Episode ausführlich das Thema war.

In den älteren Texten finden sich zu  dieser Episode einige Anhaltspunkte:

1. Sargon von Akkad:

In der Sargon-Legende (um 2300 v. Chr.) werden die Zedern des Libanon, König Urzababa, König Zagesi und dessen “Göttin” Nisaba (Königin von Saba?) erwähnt, welche sich konkret als hilfreich für die Deutung des Gilgamesh-Epos erweisen:

  • Sargon wurde von Ur-Zababa in einen Hinterhalt geschickt,
  • Er besiegte Zagesi, nahm ihn gefangen und nahm dessen Frau Nisaba als Beute.
  • Für den Bau seines Palastes liess Sargon im Libanon Zedern fällen.
2. Uruk (ca. 2100 v. Chr.): Die Fällung von Inannas Baum und der Löwenadler

Gemäss der sumerischen Mythologie fällte Gilgamesh Inannas Baum, der von finsteren Wesen der Macht besetzt war, von der Schlange, Lilith (der dunklen Jungfrau) und vom Löwenadler (s. Episode 2: Inanna und Lilith). Insbesondere der Löwenadler kann mit “Chumbaba” in Verbindung gebracht werden, denn dieser Vogel der Macht hatte in der Krone des Baumes der Göttin der Liebe sein Nest gebaut, in dem sich bereitsJunge befanden.

3. Die sumerische Königsliste und Ausgrabungen in Ur

Die sumerische Königsliste erwähnt Sargon, Gilgamesh, die grosse Flut, Urzababa und auch Zagesi. Zudem wird auch eine einzige unabhängige Königin, “Kulaba” oder “Kugbau”, aufgeführt. Ein königliches Grab, das 4500 Jahre alt ist, wurde zudem intakt in Ur gefunden und beinhaltet weiblichen Schmuck sowie auch Landwirtschaftsgeräte, passend zu einer “Königin der Erde”.

Herausforderungen an die Deutung

Enkidu, der Trieb als treibende Kraft und “Berater” des künftigen Königs

Aus dem Text geht klar hervor, ist dass Enkidu die Sache vorwärtsgetrieben hat. Dies ist ja auch nicht weiter verwunderlich, wenn man davon ausgeht, dass Enkidu Gilgameshs Trieb darstellt.

Inhalt als Rückblende und Erklärung: das Tabu und der Verstoss gegen höhere Ordnungen

Zudem ist die verschachtelte Erzählweise der Antike zu beachten. Dieser zufolge werden zuerst die Tatsachen beschrieben, die bereits geschehen sind, also im Bereich des Körpers und der Materie (Fällung der Zeder, Tötung Chumbabas, in der letzten Episode bereits angedeutet). Als Nächstes (in dieser Episode) wird der Bereich der Seele ausgeleuchtet und damit das Motiv diskutiert. So kommt in dieser Episode zur Sprache, dass die “beiden Eroberer” keine kindliche Geborgenheit erfahren haben, keine Muttermilch einsaugen konnten. Dies ist ein Hinweis auf Gilgamesh-Sargons Vergangenheit als Findelkind. Auch der Bereich des Geistes wird thematisiert. Beim Vorgehen der Abenteurer handelt es sich um einen Verstoss gegen höhere Ordnungen (“Anordnungen”).

Wenn hingegen die Texte, wie nach modernem Verständnis, rein chronologisch interpretiert werden, dann sieht das Ganze unsinnigerweise nach einer Eskalation der Ereignisse und der Gewalt aus (s. dazu verschachtelte Erzählweise oder Turmbau in Die Deutung des Gilgamesh-Epos als Turmbau und Sprachverwirrung).

Textlücken an entscheidenden Stellen:

Zudem erschwert der Umstand, dass sich an entscheidenden Stellen immer wieder Textlücken finden, die Deutung erheblich. Dies lässt das Ganze undurchsichtig und kompliziert erscheinen, als wolle der oberflächliche Inhalt etwas verbergen, zum Beispiel eben, dass die Gefährten ein grosses Tabu verletzen und gegen höhere Ordnungen verstossen. Hinweise darauf können bruchstückhaft in den wenigen Zeilen gefunden werden, welche unter jenen, die Gewaltbereitschaft verherrlichen, fast untergehen. Sie sind hier wörtlich abgedruckt.

Die verborgene Wahrheit des Epos

Im Ganzen gesehen erscheint das Epos an dieser Stelle als ein wenig überzeugender Versuch, eine beschämende Wahrheit zu kaschieren. Doch die Wahrheit ist wichtig. Denn nur so kann die Geschichte vom langen Weg des suchenden und getriebenen Menschen zur Königsherrschaft und Eigenverantwortung stimmig sein.

Im Waldbad – ein unbewachter Augenblick
Chumbaba als weibliches Wesen

1. Chumbaba gefangen?

Mütterliche Überlegenheit gegenüber einem Tölpel und Dummkopf

Chumbaba steht gefangen vor den beiden Eindringlinge und es ergibt sich ein Wortwechsel. Dieser gibt weitere Hinweise auf die Frage: Wer ist Chumbaba? 

Ermahnung unter Kopfschütteln

Schon in der letzten Episode zeigten sich Gründe zur Annahme, dass es sich bei Chumbaba um eine Frau handeln könnte. Und in diesem Abschnitt häufen sich weitere Aussagen, die Chumbaba weniger als Monstrum, sondern mehr als elterliche Figur, die zu Vernunft mahnt, darstellen.

 Chumbabas herablassende Überlegenheit (Tafel 5)

Die nächsten Zeilen sind wiederum überraschend und wollen nicht recht zur Entfesselung von Naturgewalten passen, welche die das Treffen begleiten und offenar due Gefährlichkeit Chumbabas unterstreichen sollen. Vielmehr verhält Chumbaba sich ruhig, überlegen, ja herablassend, um nicht zu sagen spöttisch und scheint die beiden sogar durch und durch zu kennen:

Chumbabas überlegene Worte im Originaltext 

Beraten sollen sich da doch Gilgamesch, der Tölpel (und) der Dummkopf:
Warum lieft ihr bis zu mir?
Gib den Rat doch, Enkidu, du Fischsohn, der seinen Vater nicht kennt,
den Schildkröten, klein und groß,
die nicht einsaugen konnten die Milch ihrer Mutter!
Schon als du noch klein warst, blickte ich dich an,
trat aber nicht heran an dich;
… in meinem Inneren …

Schon als du klein warst ...? Symbole und Deutungen
  • Der Tölpel und der Dummkopf: Kühle Überlegenheit, die nicht recht zu den anderen monströsen Szenen passen wollen.
  • Warum lieft ihr bis zu mir? Gute Frage … Sie wollten doch “alles Böse tilgen”.
  • Enkidu, der Fischsohn soll seinen Rat den Schildkröten geben: Wesen, die zum Wasser, Symbol für das Unbewusste passen. Unbewusst handeln die Kerle, indem sie gewaltsam eindringen und alles zerstören. Enkidu soll ja in der Wildnis aufgewachsen sein, wie das Epos erzählt. Und gemäss der Sargon-Legende, die ja in vielem ein Vorbild des Gilgamesh-Epos zu sein scheint, sei der König als Findelkind in einem Weidekorb vom Gärtner aus dem Wasser gezogen worden.
  • Der seinen Vater nicht kennt – ein Findelkind: wie Sargon.
  • Ohne Muttermilch: Der Wilde, der in der Herde aufgewachsen war (Enkidu), und das Findelkind (Sargon-Gilgamesh), der vom Gärtner aufgezogen worden war, haben beide keine Mutterliebe erfahren und kennen darum auch keine Zärtlichkeit (wie Fische, Reptilien, Schildkröten, Schlangen …). In Episode 2, kommt zwar Gilgameshs Mutter vor, ist jedoch sinnvollerweise im Gesamtkontext als dessen Mutter/grosse Schwester-Gattin zu deuten.
  • Den Rat den Schildkröten geben? Gilgamesh, der zum König berufen ist, lässt sich von Enkidu, seinem Trieb, beraten, was zu Gefühlskälte führt.
  • Ich sah dich, trat aber nicht heran – der Vater? Diese Rolle würde eher zu einem Vater passen.
  • … in meinem Inneren – die Mutter? Eine Mutter trägt ihr Kind in ihrem Inneren. Was war geschehen? Steht Gilgamesh etwa seinen wahren Eltern gegenüber, denen er gleich nach der Geburt weggenommen wurde? Auch dies würde zur Aussage des Sargon passen, nämlich, dass er selbst der Sohn einer Priesterin und eines Wilden aus den Bergen gewesen sei.

Himmel und Erde in Bewegung – Vater und Mutter?

Ein Kind, das den Eltern weggenommen wurde? Wie Ödipus???

Was hat das zu bedeuten? Chumbaba kennt die beiden! Von klein auf und somit steht plötzlich die wahre Identität von Gilgamesh-Enkidu im Raum … Hier wird die Deutung von Episode 1 bestätigt, dass dieser ein Findelkind gewesen sein soll, in Anlehnung an die rund 1000 Jahre ältere Sargon-Legende.

Gilgamesh lässt sich durch diese Worte Chumbabas verunsichern.
Doch Enkidu bleibt hart und spricht eindringlich zu Gilgamesh, er solle Chumbaba den Rest geben:

Enkidu gnadenlos

Zieh nicht weg deine Füße, wende dich nicht rückwärts!
… mach stark deinen Schlag! (3)

Entfesselte Naturgewalten, Feuer und Winde, Himmel und Erde

Mit ihren Fusssohlen stampften sie auf der Erde,
durch ihr Herumspringen barsten die Berge,
der Himmel wurde schwarz …“.
Shamash erweckte gegen Chumbaba, dreizehn böse Winde.

Himmel und Erde, 13 böse Winde und ein Toben von Naturgewalten – Symbole und Deutungen

Der Urtext enthält an entscheidenden Stellen Textlücken und dann wiederum gewaltige Kampfszenen, welche die hier zitierten Stellen überlagern und aus dem Zusammenhang reissen. Auch werden dem Chumbaba grausame Aussagen in den Mund gelegt. – Überhaupt scheinen die Naturgewalten entfesselt, sodass die Grundfeste der Existenz erschüttert werden.

 

Vernunft gegen Gewalt? – Trieb und Fluch

  • Weiche nicht zurück, schlag zu! Enkidu, als Symbol für den feurigen Trieb, drängt Gilgamesh zuzuschlagen.
  • Die Kräfte der Natur, die vier Elemente (FEUER, WASSER, ERDE, LUFT) sind involviert: s. Die Dynamik der Elemente (Grundlagen).
  • Ein Kampf, der Himmel (Vater) und Erde (Mutter) erschüttert: Der Himmel wird schwarz: Tötung des Vaters? Und wenn nicht anders, dann doch das Töten der geistigen Wahrheit, der Liebe? Berge bersten auseinander – Vergewaltigung der Mutter? – Und sei es auch nur in Form einer Auflehnung gegen die Ordnungen der Existenz? Mit der Tötung des Vaters und der Eroberung der Mutter klingt auch eine Ödipus-Thematik an.
  • Böse Winde (LUFT) – destruktive geistige Inhalte: Zu solchen gehören List und Intrige, Lügen und Verstrickungen. Wie oben erwähnt, sind die Zusammenhänge so wirr, dass man neugierig wird, was sich dahinter verstecken mag (s. Dunkle Geheimnisse als Fluch). Man wird hier unweigerlich in die dunklen Ursprünge der Existenz hineingezogen, wie zum Beispiel die babylonische Überlieferung von Marduks Erschaffung der Welt durch die Tötung des Mutterdrachen. Denn auch dort sind böse Winde im Spiel, insbesondere der Wind der Verwirrung.
  • Dreizehn (böse Winde) von Shamash: Der Gott des Triebes und Antriebes in der Materie wirkt hier destruktiv, mit anderen Worten als Teufel oder Antichristus. (Später wirkt er erlösend; s. Der Animus – Leben und Antrieb in der Materie und Christus / Messias, der Gesalbte und der Anti-Christus.)
  • Die 13 ist die Zahl des Egos, wie zum Beispiel in Dornröschen und die 13. Fee, die das Fest verdirbt (s. auch Die Zwölf und die Dreizehn (Überblick) und Von 13 zu 10 – der Weg zurück zum Baum des Lebens).

Ein Gewaltakt und entfesselte Naturgewalten

“Mach stark deinen Schlag!”. Da die Mythologie das Thema umkreist, ja einkreist, indem sie nicht direkt von Vergewaltigung sprechen will, kann man auch in Betracht ziehen, dass hier ausgedrückt wird, was bereits geschehen ist. Konkret würde das bedeuten, dass Gilgamesh im Griff seines Triebes bereits zugeschlagen hat (in der letzten, der 4. Episode).
Auch die entfesselten Naturgewalten sprechen für sich. Es sind kollektive Kräfte in Bewegung. Geist und Materie, Himmel und Erde toben, Zeichen der Archeteypen des Vaters und der Mutter! Und entsprechend geht es nun auch im Epos weiter:

Axt für das Fällen von Frauen als Bäume

2. Chumbabas Reden

Flehen und Angebot

Reden als weibliche Strategie!

Nachdem Enkidu zu gnadenloser Härte aufgefordert hat, versucht nun Chumbaba anscheinend, durch Reden sein/ihr Leben zu retten und sagt:

Gilgameshs Mutter?

Klein noch warst du, deine Mutter hatte dich geboren,
Und du bist doch der Sprößling des …,
Auf den Befehl des Shamash, des Herrn des Gebirges, erhobst du dich,
Du, der aus Uruk Entsprossene, der König Gilgamesch!

[3 Verse fehlen]

Auf den Hochzeitsthron?

Ich will mich für dich hinsetzen, in …
Bäume, so viele du mir sagen wirst…
Ich will für dich bewahren den Myrtenbaum 
Die Hölzer für die würdige Ausstattung deines Palastes!

Enkidu tat seinen Mund auf zu reden und sprach zu Gilgamesch:

Mein Freund, hör nicht auf das, was Chumbaba dir sagt!

 [ca 20 Zeilen fehlen]

Symbole und Deutungen
  • Durch Reden die Situation wenden: zweifellos eine weibliche Strategie…
  • Ich will mich für dich hinsetzen: Im Hinblick auf die weiteren Zusagen (“alles, was du willst!”), handelt es sich hier wohl um den Hochzeitsthron, auf welchem die Braut ihren Gemahl zu empfangen pflegte. Dies wird noch durch die nächste Aussage bestätigt:
  • Die Hölzer des Myrtenbaums bewahren: Der Myrtenbaum gilt als der Baum der Göttin der Liebe.

    Von der Geburt bis zum Hochzeitsthron? So spricht kein Monstrum!

    Die Worte Chumbabas wollen hier so ganz und gar nicht nach einem Monstrum klingen! Vielmehr sprechen sie von lebenswichtigen Themen: von einem kleinen Kind, das durch göttliche Gunst zum König aufgestiegen ist, vom Hochzeitsthron und von der Liebe (Myrtenbaum)!

    Nun bietet also Chumbaba Gilgamesh alles an, was sie hat und ist: Bäume von ihrem Wald für den Bau seines Palastes und sogar sich selbst … Ohne Erfolg, wie das Epos glauben lassen will. Und so stellt sich die Frage: Handelt es sich tatsächlich um ein Heiratsangebot – oder nicht eher um familiäre Verstrickungen?
    Also weiter im Text …

    Die Fällung der hohen Zeder

    3. Tötung Chumbabas und Fällung der Zeder

    Auch schlägt Chumbaba in Anbetracht von Enkidus Gewaltbereitschaft ermahnende und warnende Töne an und erinnert an höhere Ordnungen. Doch Enkidu will nicht hinhören:

    [Noch immer an Gilgamesh gerichtet sprach Chumbaba:]

    Du weißt Bescheid mit meinem Wald, dem Bescheid  
    Auch kennst du die Anordnungen alle!

    Und nach üblen Androhungen zu Enkidu:

    Sprich zu Gilgamesh, daß er das Leben schone!

    Enkidu tat seinen Mund auf zum Reden und sprach zu Gilgamesh:

    »Mein Freund, Chumbaba ist der Wächter des Zedernwaldes.
    Zermalme ihn, töte ihn, zermahle ihn – und dann…!

    Symbole und Deutungen
    • “Du kennst die Anordnungen alle” = Mach jetzt keinen Fehler! Die „Helden“ begehen einen Frevel und sind im Begriff, gegen die übergeordneten Gesetze der Liebe und der Weisheit zu verstossen.
    • Zu Enkidu sprach Chumbaba – zum Trieb: Enkidu als Symbol für den Trieb, der Hals über Kopf handelt und zuschlägt. An ihn ergeht die Bitte: “Mach jetzt keine Dummheit, du verstösst gegen die höheren Ordnungen!”
    • Er möge das Leben schonen: Eine Vergewaltigung kommt einer Tötung gleich, s. Frauen als Bäume und ihre Fällung.

      Chumababa und die Zeder – Chumbaba ist die Zeder?

      Die beiden machen sich nun daran die Zeder zu Fällen, in dessen Krone Chumbaba sein Nest mit Küken haben soll:

      Chumbaba und seine Küken fallen

      Mein Freund, fang den Vogel (zuerst)! Wohin sollen dann seine Küken gehen? […]

      Gilgamesch schlug ihn am Hals,
      Sein Freund Enkidu packte ihn  
      Beim dritten Schlag fiel er.
      Seine verwirrten  sind totenstill,
      Als den Wächter Chumbaba er zu Boden geschlagen hatte.

      Wie ist das zu verstehen?

      Ein Blick in die sumerische Mythologie bringt Licht in die wirre Symbolik:

      Inannas oder Liliths Baum
      Inannas Baum, besetzt von der Schlange, Lilith und dem Löwenadler

      Die Zeder als der Baum der Göttin der Liebe

      Der Löwenadler in der Krone des Baumes

      In einer älteren Textpassage ist an dieser Stelle auch von Küken die Rede. Sie erinnern an die Jungen des Löwenadlers in Inannas Baum, der wohl als Modell für den schrecklichen Chumbaba dienen soll.

      Die drei Wesen der Macht im Baum der sumerischen Göttin Inanna und seine Fällung

      Sumer: Der Baum der Göttin im Garten Eden

      Die sumerische Mythologie beschreibt, dass der Baum der Göttin der Liebe in ihrem zauberhaften Garten von fremden Wesen der Macht besetzt war. Damit lässt sich auch das deklarierte Ziel der Gefährten im Gilgamesh-Epos erklären “alles Böse zu tilgen”.

      Der Baum, besetzt von finsteren Wesen der Macht:
      • Die Schlange, die nicht gezähmt werden kann (der nackte, kalte Trieb), hat sich in den Wurzeln eingenistet (Körper).
      • Lilith, die dunkle Jungfrau (Macht aus Verletzung, s. Ich bin Lilith) hat im Stamm ihre Wohnung genommen (Seele).
      • Der Löwenadler, das Wappentier der sumerischen Herrscher in der Krone des Baumes stellt die Einheit der Raubtiere der Luft und der Erde dar und steht damit für Macht und Raum im Bereich des Geistes. Der Vogel hat bereits sein Nest gebaut und es hat Junge darin. (Solche «junge Löwen» werden dann im Kampf mit Chumbaba von Gilgamesh und Enkidu erwischt).

      [S. Inanna, Lilith und der Baum.]

      Die Fällung von Inannas Baum als Initiation (erster Geschlechtsverkehr)

      Die Fällung des Baumes bedeutet in der sumerischen Mythologie die Initiation der beiden, das heisst der Göttin der Liebe und ihres Heldenkönigs Gilgamesh (s. Episode 3). Dabei ist anzunehmen, dass der Name Gilgamesh erst bei der Niederschrift der sumerischen Mythologie in Babylon (um ca. 1800 v. Chr.) hinzugefügt wurde, denn dieser Name erscheint sonst nirgends in der sumerischen Überlieferung von Inanna. (Dies ist auch ein weiterer Umstand, der im Gilgamesh-Epos für weitere Verwirrung sorgt, s. Episode 6: Gilgameshs Beschimpfung von Ishtar als Hure).

      Nach der Fällung des Baumes erhielt Gilgamesh Pukku und Mikku, also Ring und Stab als Zeichen der Königsherrschaft.

      [S. Der Weltenbaum oder Baum des LebensDie Frau, 3-in-1, Körper, Seele, Geist und Frauen als Bäume und ihre Fällung als Entjungferung.]

      Gilgamesh mit Enkidu

      Eine altertümliche Darstellung von Enkidu und Gilgamesh, die junge Löwen gefangen haben.

      Fällung der Zedern – Vergewaltigungen?

      Nun jubelt Enkidu:

      Erschlagen hatte er [Gilgamesh] den Schurken des Waldes;
      Vor dessen Gebrüll gebebt hatten Saria und Libanon. […]
      Die verborgene Wohnung der Anunnaku öffnete er.
      Gilgamesch fällt die Bäume, Enkidu durchgräbt das Wurzelwerk.

      Enkidu sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

      . Gilgamesch, erschlage die Zeder!

      Frau-Baum-Stamm

      Die verborgene Wohnung der Götter und die Fällung der hochragenden Zeder

      Die verborgene Wohnung der Götter – was soll das sein? Etwas Heiliges, der Schoss der Göttin in “Irninis Weihsitz”.
      Gilgamesh hat mit seiner Kraft unzählige Zedern gefällt, sprich Jungfrauen vergewaltig und Enkidu (Symbol für den Phallus) hat das “Wurzelwerk durchgraben. Nun ist auch die eine, die hohe Zeder gefallen.
      Der Rest der Tafel ist zerstört. Weiter geht es auf der nächsten Tafel (6) mit:

      Gilgameshs Gürtelklammern und die gefällte Zeder

      Mit deiner Kraft allein hast du den Wächter erschlagen.
      Was ist mit deinen Gürtelklammern  …?
      Leg hin die hochragende Zeder, die dir nun gehört,
      deren Wipfel den Himmel erreichte!

      Die Fällung der Zeder – Symbole und Deutungen

       Wüten im Zedernwald

      • Die verborgene Wohnung der Anunnaku öffnete er: Die Anunnaku (auch Anunnaki) sind die Götter (von An = Himmel). Davon kommt auch der Name Inanna (Nin = Göttin; An = Himmel; Na = vom Himmel herab). Es ist durchaus plausibel, dass diese “verborgene Wohnung” der Götter, den Schoss des grossen Weiblichen meint, das Leben in der Materie (s. Der weibliche Schoss als Gral oder Wundergefäss und Vollmacht über die Materie). Also: Anu = die Götter; Na = herabgestiegen; Ki = auf die Erde. Da verfügen sie über eine «verborgene Wohnung», die nun tangiert worden ist.
      • Gilgamesh fällt die Bäume – es sind mehrere: S. Frauen als Bäume und ihre Fällung als Entjungferung.
      • Enkidu durchgräbt das Wurzelwerk – der Körper und das Unbewusste: Trieb und Geschlechtlichkeit im Wurzel-Chakra (s. Die sieben Chakren und Ganzheit).
      • Gürtelklammern – ein Hinweis auf den männlichen Trieb und ein seltsames Relikt in Zusammenhang mit der sogenannt heldenhaften Tat.
      • Leg hin die Zeder, die nun dir gehört: Du hast sie genommen – die höchste Frau?
      • Der Wipfel der Zeder, den Himmel durchstiess – Da ist ein hohes Tabu gebrochen worden: Zuwiderhandlung gegen das Gebot, gegen die göttliche Ganzheit.
      Inanna und Gilgamesh: die Fällung des Baumes
      Inanna und Gilgamesh nach der Fällung des Baumes

      Die Zeder als Tür – die Frau als Hure

      Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, diese Worte des Gilgamesh (Tafel 6):

      Gilgamesh:

      Ich will eine Tür zimmern […]
      Nicht nähere sich ihr ein Fremder,
      der Gott soll hindurchschreiten!
      Zum Tempel des Enlil bringe sie der Euphrat!
      Es freue sich über dich Enlil, …!
      jauchze über sie Enlil! 

      Nach Nippur, zum Tempel des EnLil brachten die Helden das Haupt des Chumbaba.

      Die Tür im Tempel des EnLil: die Frau zur Hure gemacht – Symbole und Deutungen

       Der Mann als Gott und die Frau als Tür zu seinem Tempel

      • Eine Tür im Tempel des EnLil – der Gott der Luft und die Frau als Hure: Durch eine Tür kann Mann nach Belieben ein- und ausgehen und EnLil, der Gott der Luft, symbolisiert eroberungswütige Macho-Männlichkeit.
      • Der Gott soll hindurchschreiten – wer zu ihr “eingeht”, ist „ihr Gott“: Denn er hat Macht über sie (s. Die Frau, 3-in-1 und Macht und Missbrauch in menschlichen Überlieferungen).
      • Das Haupt des Chumbaba zum Tempel des EnLil: Der Gott der Luft wird in Babylon als der höchste Gott verehrt. Er ist auch der Gott des Sturms und des Krieges. Hier wird nun also sowohl die gefällte Zeder als auch das Haupt des getöteten Chumbaba gebracht. Gemäss der Sargon-Legende führte Gilgamesh Zagesi an einer Nackengabel zum Tempel des Enlil, wo er ihn hinrichtete. Und auch Ur-Zababa erlebte Sargons Aufstieg zum König nicht mehr.

      Oh  weh! Nun haben die beiden Gefährten aber gewütet!

      Sie sind eingedrungen, haben das Heilige zerschlagen und sich seiner bemächtigt. – Was ist geschehen? Hat Gilgamesh seinen Vater getötet und seine Mutter vergewaltigt?! 

      Gilgamesh und Enkidu haben im Zedernwald der Göttin gewütet

      5. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

      Anlehnung an Sargons Siegeszug im Libanon

      Der Inhalt des Epos hat an dieser Stelle wie erwähnt höchstwahrscheinlich Sargon als Vorbild, der im Libanon Zedern für den Bau des Palastes fällte. Auch brachte Sargon gemäss eigener Schilderung König Zagesi als Trophäe an einer Nackengabel zum Tempel des EnLil und nahm dessen Frau Nisaba für sich.

      [S. Die Sargon-Legende.]

      1) Verstoss gegen höhere Ordnungen

      Doch die Dramatik der Geschichte wie auch die Symbole erlauben auch eine andere Deutung, nämlich der Verstoss gegen höhere Ordnungen und ein Tabubruch.

      Verstoss gegen ein Tabu und emotionaler Mangel als “Erbsünde”

      Das Schlagen des Vaters und die liebende, ja erotische Liebe zur Mutter ist von viel tieferer Bedeutung, als man auf den ersten Blick denken würde. Als familiäre Missbrauchssituation steht sie mit der sogenannten “Erbsünde” in Verbindung. Diese besagt, dass die Kinder in irgendeiner Form den Mangel der Eltern “ausbaden” müssen und so selbst wiederum im Mangel aufwachsen und damit anfällig für die Macht sind. So wird Macht statt Liebe in Beziehungen von Generation zu Generation weitergegeben, was ein kollektives Drama darstellt.

      Ein derartiger “Mangel” ist hier zweifelsohne ein Thema, wenn Enkidu als “Fischsohn, der nicht einsaugen konnte die Milch seiner Mutter” bezeichnet wird.

      [S. Die grosse Erbsünde und der Fluch und Missbrauch – das gestohlene Leben.]

      2) Der Tabubruch als wohlgehütetes Geheimnis

      Verstrickungen in Wirrwarr und widersprüchlichen Aussagen

      Wie im wahren Leben, so auch in diesem Epos: Wo etwas Beschämendes oder Schreckliches verborgen bleiben soll, entstehen magisch-komplizierte Verstrickungen, wirre Geschichten und unlogische Zusammenhänge. Je tabuisierter die Wahrheit ist, umso mehr wird das, was von ihr sichtbar wird, mystifiziert.

      [S. Dunkle Geheimnisse als Fluch.]

      Die Frau als “der Feind” zur Legitimation der Eroberung und Unterdrückung?

      Im Gilgamesh-Epos kommt die Widersprüchlichkeit in der Gestalt Chumbabas und seinem Verhalten zum Ausdruck. Was von der verbalen Botschaft noch übrig ist, will dem Leser zwar vermitteln, dass der fürchterliche Feind, Chumbaba, das Monstrum, zerschlagen und besiegt wird. Doch wer genau hinschaut, kommt nicht umhin zu ahnen, dass da an etwas Hohes, Heiliges gerührt worden ist, das von den Eindringlingen rücksichtslos zerschlagen wird.

      Vater und Mutter und die Ödipus-Thematik

      Die Tötung des Vaters (“Chumbaba”) und Geschlechtsverkehr mit der Mutter (“Fällung der Zeder”) stellt einen ausreichend tabuisierten Sachverhalt dar, dass aller Aufwand betrieben werden muss, um ihn zu kaschieren.

      Als Opfer der Umstände, sprich des Schicksals

      Und wenn dem so wäre, so sind letztlich alle Beteiligten Opfer der Umstände oder des Schicksals, wie es auch in Ödipus-Geschichte ein Thema ist. Dennoch ist es wichtig, dass die Wahrheit ans Licht kommt, denn nur so kann Heilung geschehen.
      Das Gilgamesh-Epos handelt vom Weg des Menschen zu Ganzheit, Königsherrschaft und damit Selbstwirksamkeit im eigenen Leben. Dieser Weg beginnt mit der Erkenntnis der Wahrheit und sei sie noch so schmerzhaft.

      [S. Königsherrschaft im Leben und Macht und Missbrauch in menschlichen Überlieferungen.]

      Gilgamesh, das Findelkind – die Ödipus-Geschichte?
      Sohn einer Priesterin und eines Wilden wie Sargon?

      Beide Seiten, die Königin-Priesterin und der Wilde (Zagesi, der sich als «Hirte» des Zweistromlandes bezeichnete) vereinen das, was Sargon als die Identität seiner Eltern beschreibt.

      Die erste Ödipus-Geschichte

      In der griechischen Geschichte von Ödipus spricht das Orakel von Delphi verborgene Muster an: Der Sohn, der seinen Vater umbringt und seine Mutter heiratet. Dieses Thema steht in Verbindung mit der grossen Erbsünde. Gerade weil das Schicksal eigenmächtig verhindert werden soll (abgelehnt und in den Schatten verdrängt), erfüllt es sich.

      Gilgameshs unbekannte Herkunft

      In der nächsten Episode wird zu sehen sein, dass auch Gilgamesh als Sohn des Gärtners und Findelkind bezeichnet wird (in seiner Auseinandersetzung mit Ishtar und dem Himmelsstier).

      3) Die Frau als Tür – zur Hure gemacht

      Die Frau als “Tür”, durch welche der Mann nach Belieben ein- und ausgehen kann, ist zur Hure gemacht.

      Eine Tür im Tempel des EnLil, des Gottes der Luft

      Die Zeder wird nun vor den Eroberer hingelegt und er macht aus ihr eine Tür im Tempel des EnLil. Dabei steht der jugendlich-eroberungswütige und machohafte Gott der Luft, für denjenigen, der eindringt und nimmt, was er will. Gemäss der sumerischen Mythologie ist auch EnLil dafür verantwortlich, dass das Weibliche in die Unterwelt und in Negativität gelangt ist (s. Sumer: Schöpfung und Fall).

      In Babylon wurde EnLil zum höchsten Gott erklärt.

      In den nächsten beiden Episoden werden diese Deutungen noch weiter bestätigt.
      Und so stellt das gezeichnete Bild eine plausible und nachvollziehbare Grundlage für die partnerschaftlichen Auseinandersetzungen zwischen Gilgamesh und seiner “Göttin-Gattin” Ishtar dar und erklärt darüber hinaus auch ihren rasenden Zorn.

      5. Neuerzählung von Gilgamesh und die Fällung der Zeder

      Die Geschichte neu erzählt auf der Grundlage der Deutung der Symbole und Archetypen:

      Nochmals kurz zu Chumbabas Identität – weiblich und männlich, Mutter und Vater?

      Gegensätzliche Facetten, männlich und weiblich

      Die geschilderten Wesenszüge des furchterregenden Chumbaba könnten nicht unterschiedlicher sein. Denn Chumbaba wird einerseits weiblich-verletzlich oder mütterlich-mahnend beschrieben und tritt andererseits männlich-gewalttätig oder furchterregend auf.

      Die weibliche Seite, Königin-Priesterin und Mutter in Anlehnung an:
      • Die göttliche Nisaba, «Königin von Saba», Zagesis Frau, (wobei die Silbe NIN Göttin bedeutet) und/oder
      • Nin Schubat / Eresh Puabi, deren 4500 Jahr altes Grab vollständig unversehrt in Ur gefunden wurde

       

      Die männliche Seite, Kraft und Herrschaft, in Anlehnung an
      • Den Löwenadler als Wappentier der sumerischen Könige oder
      • König Zagesi, der von Sargon besiegt wurde, oder
      • Ur-Zababa, der ja den jungen Sargon in einen Gift-Hinterhalt geschickt hatte und danach nie mehr erwähnt wird.

      Salmon erzählt seine Gilgamesh-Sargon-Story weiter

      Liebe Freunde,
      “Schlimmer geht immer …”

      Wer denkt, es könnte nicht schlimmer kommen, irrt sich. Was jetzt folgt ist die absolute Katastrophe! Die Wahrheit ist so hässlich und beschämend, dass sie kaum ausgesprochen werden kann … Naja so nach über 3000 Jahren ist es wohl schon an der Zeit, dass sie ans Licht kommt, damit sie endlich heilen kann, die Not der Menschheit …

      So ist es wohl an der Zeit die Monster und die seltsamen Verschlüsselungen zu entlarven … und einfach nur Mensch zu sein … Mensch als Spielball höherer Kräfte vielleicht …

      Die Tötung Chumbabas und Fällung der Zeder: Vater und Mutter

      Wer ist der Tote? Chumbaba-Zagesi

      Wir waren ins Haus gelangt. Der tote Zagesi war in einem separaten Zimmer aufgebahrt worden. Saba blickte mich mit einem Blick an, der schwer zu deuten war (1):
      – Wer bist du wirklich?, wollte sie wissen. Ich antwortete wahrheitsgemäss:
      – Ich bin Chababas Ziehsohn. Seine Tochter ist meine Frau. Chababa schickte mich für Verhandlungen zu Zagesi. Ich gebe zu, dass ich weg wollte, weg von Ischa, und so kam mir dies als Vorwand gerade gelegen. Dazu erbat ich von Chababa ein Beglaubigungsschreiben .., das offenbar anders ausfiel, als ich dachte, nämlich als üble Verleumdung.
      – Du bist Chababas Ziehsohn…? Shaba sah nachdenklich aus: Und du bist verheiratet … mit seiner Tochter? Mit Ischa???

      Wer bin ich?

      Ich war überrascht, dass sie ihren Namen nannte: Kennst du sie?, wollte ich wissen.
      –  Sie ist meine kleine Schwester!, antwortete Saba.
      – Was sagst du da… – Aber warum…? Ich war sprachlos.
      – Ich bin Chababas ältere Tochter. Als erste Tochter des Königs war ich die jungfräuliche Hohepriesterin der Göttin der Liebe. Doch dann wurde ich schwanger … von Zagesi, der als Gärtner am Hof arbeitete. Ich hielt meine Schwangerschaft geheim, so lange es ging. Doch als sie weit fortgeschritten war, kam Vater, also Chababa, dahinter. Er wurde unglaublich wütend und schlug mich halb tot. Seine Schläge leiteten die Geburt ein. Ich starb beinahe dabei. Als ich von meiner Ohnmacht erwachte, war das Kind weg. Vater sagte, es sei tot zur Welt gekommen.

      Eine Totgeburt?

      Nach einer nachdenklichen Stille fügte sie hinzu:
      – Doch in meinem Inneren spürte ich, dass mein Kind noch lebte, ja ich wusste: Mein Sohn lebt!

      Ich spürte einen Stich im Herzen und mir fehlten die Worte. Shaba holte Luft und fuhr fort:
      –  Zagesi entführte mich aus meinem Krankenzimmer, in welchem ich eingesperrt worden war. Er pflegte mich wieder gesund. Vater hätte niemals meine Verbindung zwischen mir und Zagesi akzeptiert. Darum beschlossen Zagesi und ich, gemeinsam zu fliehen. Zagesi erwarb sich Ruhm und Ansehen und baute mir dieses Anwesen hier … Auch hatte Zagesi vernommen, dass Chababa einem Jäger den Auftrag gegeben hatte, unser Kind in den Wald zu bringen und zu töten …

      Das Findelkind, der verlorene Sohn

      Nachdem ich diese Worte hatte auf mich einwirken lassen sagte ich:
      – Aqi zog mich in einem Korb aus dem Wasser – meinst du…?

      Sie blickte mich an und Tränen standen in ihren Augen:
      – Du gleichst Zagesi …, sagte sie: Du gleichst ihm stark … Du bist gleich stark wie er …

      Die Fällung der Zeder

      Ich war im Innersten getroffen. Nur mit grosser Mühe brachte ich hervor:
      – Dann habe ich… meinen Vater getötet und mit meiner Mutter…
      Ich konnte nichtweiter sprechen.

      Wir schwiegen beide eine Weile. Schliesslich sagte Shaba leise:
      – Ja. Der Trieb ist stark. Wir wussten nicht, was wir tun. Es sei uns vergeben. Und ja: Ich habe meinen Mann verloren … Aber mir wurde mein Sohn wieder geschenkt! Du musst wissen, dass Zagesi sehr krank war. Nichts wünschte er sich sehnlicher, als vor seinem Tod noch seinen Sohn zu sehen. Der Wunsch wurde ihm erfüllt. Er hat einen strahlenden Krieger gesehen.

      Sohn der Priesterin und des Königs – zum König berufen

      Nun lächelte sie kaum merkbar:
      – Zagesis Thron – er steht dir zu. Du bist sein Sohn! – Du wirst König sein, Lugal, mein Sohn, der grösste König, den es je gab! Alles hier gehört dir… Zedern für deinen Palast…

      Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Doch Shaba sagte entschieden:
      – Du musst zu Ischa zurückkehren. Sonst wirst du nicht Segen, sondern Fluch ernten.

      Ich schwieg. Was hätte ich sagen sollen? In mir drehte sich alles. Ich ging hinaus, um den aufgebahrten Toten anzuschauen. Vor mir lag ein starker Mann mit kräftigem Bartwuchs, von ähnlicher Statur wie ich:
      – Vater, sagte ich, Vergib mir!

       Die Rückkehr

      Schweren Herzens trat ich also die Reise nachhause, nach Kish an. Mit mir führte ich Zagesis Helm, den Shaba mir als Trophäe und Siegesbeweis mitgegeben hatte, um mich als König über Uruk zu deklarieren. Auch führte ich viel Zedernholz mit.

      So kehrte ich als siegreicher Held nach Kish zurück.

      Begegnung mit Chababa

      Chababa sah zu Tode erschrocken aus, als er mich sah, tat aber, als freute er sich:
      – Ach sieh an… seine Stimme überschlug sich: Unser Mundschenk, der verlorene Sohn, ist zurückgekehrt! Das wollen wir feiern!
      Er packte mich am Arm und zerrte mich in den Thronsaal. Nachdem er Bier herbeischaffen liess, schenkte er mir ein.
      Ich durchbohrte ihn mit meinem Blick, als ich ihn fragte:
      – Soll ich tatsächlich mit dir trinken? Ich trinke nicht mit dir! – Hast du hier etwa Gift drin?
      Chababa fiel in sich zusammen:
      – Aber neiiin! Wie kommst du darauf? Etwas dergleichen würde ich niemals tun!, sagte er und seine Stimme überschlug sich beinahe.

      Instinktiv hatte ich meine Hand an den Knauf meines Schwertes gelegt.
      – Ich weiss alles!, antwortete ich und fuhr fort: Dazu bist du wohl zu feige. Dennoch wolltest du mich umbringen lassen! Lügenworte hast du an Zagesi geschrieben, dass ich ein Mörder und ein Vergewaltiger sei. So wolltest du mich in einen Hinterhalt führen!

      Tod Chumbaba-Chababas

      Chababa erbleichte und fiel auf die Knie. Mit zitternder Stimme sagte er:
      – Bitte … Schone mein Leben..!
      – Warum sollte ich? fragte ich grimmig.
      – Du hast meine Tochter gestohlen! Mir wurde schon einmal eine Tochter gestohlen …
      – Ja, entgegnete ich: Shaba – nicht wahr? Sie war schwanger, und du hast sie halb tot geschlagen …
      Ich betrachtete das zusammengefallene Häufchen Fett zu meinen Füssen und sagte grimmig:
      – Ich bin ihr Sohn!

      Nun blickte Chababa zu mir hoch und seine Augen waren zu schmalen Schlitzen geworden, während er krächzte:
      – Dachte ich’s mir doch! Du gleichst jenem Bastard, der sie schwängerte – Hätte ich dich doch besser gleich getötet … Ich dachte, du seist … tot. Der Jäger…?

      Als Antwort zog ich mein Schwert hervor und legte die Spitze unter sein Kinn, wobei ich grimmig sagte:
      – Ich lebe, wie du siehst! – Ab heute bin ich der König, König vom unteren bis zum oberen Meer – und du bist mein Vasall – Grossvater!

      Das war zu viel für Chabbaba, er fiel tot zu Boden – sein Herz hatte aufgehört zu schlagen.

      Ischa

      Ischa kam herein, sah ihren Vater auf dem Boden und mich mit dem Schwert in der Hand.
      – Du hast ihn … getötet?,  sagte sie nur kühl, ohne jede Spur von Trauer.

      Bevor ich antworten konnte, presste sie sich an mich und sagte:
      – Nun bist du Lugal! Nun bist du König über Kish! Und du hast Zagesi besiegt! Nun bist du auch König von Uruk und der Hirte, ja Gott-König über das ganze Zweistromland! Und ich bin deine Göttin, du mein stössiger Stier! – Aus den Zedern des Libanons bauen wir unseren Palast!

      Oh Gott!

      Mir wurde plötzlich schwarz vor Augen und mit einer unwillkürlichen Bewegung stiess ich Ischa zur Seite und verliess den Raum. In meinem Kopf stürmten die Gedanken. Nun hatte ich alles erreicht, wovon ich je geträumt hatte – und noch mehr! Ich war König-Gott von Kish und Uruk! Herr von Shaba, Herr von Ischa!

      Die Welt lag mir zu Füssen – vom oberen Meer bis zum unteren Meer.

      Aber ich war verwirrt und mein Herz war tieftraurig.
      Ich hatte mein Leben verschlafen, hatte meinen Vater getötet und mit meiner Mutter … Ich mochte nicht daran denken. Und Ischa war ihre kleine Schwester, meine Tante …

       Würde ich je wieder kämpfen können? Würde ich je wieder lieben können?

       Die Gürtelschnalle und die Zedern

      Ischa war mir gefolgt und stand nun wie angewurzelt da. Sie blickte mich missmutig und misstrauisch an. Ihre Augen hatten sich zu Schlitzen verengt, während sie mir einen Gegenstand vors Gesicht hielt:
      – Eine Frage, mein Göttergatte: Wo hat er diese Gürtelschnalle verloren?!

      Es war meine Gürtelschnalle, jene, die Ischa mir geschenkt hatte … Tatsächlich hatte ich sie verloren – am Teich in Shabas Zaubergarten. Ich blickte an mir herab. Dort prangte eine neue Schnalle, die Shaba mir gegeben hatte. Ich zuckte die Schultern.

      Ischa schwenkte die Schnalle triumphierend hin und her und blickte mich erwartungsvoll an.
      – Wo hast du die her?, fragte ich nur matt.
      – Einer der Männer, die den Holztransport begleiteten, trug sie. Ich erkannte sie sogleich als jene, die ich dir zur Hochzeit geschenkt hatte. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er, er hätte sie beim Teich im Shabas Anwesen gefunden.

      Als ich nichts dazu sagte, tickte Ischa aus:
      – Ooh, grosser Jäger, wer war es diesmal? Welche Hure? Oder sollte ich besser sagen: Welche Huren??? Oder gar die Hexe im Wald? Du kannst es einfach nicht lassen – nicht wahr?!

      Mir war speiübel und so stiess ich Ischa zur Seite und stürzte aus dem Haus.
      Hysterisch schrie sie mir nach:
      – Du Schwein! Du Riesenarschloch! Wusste ich es doch! Wie soll ich dir je wieder vertrauen? Du hast mich zur Hure gemacht! – Und nicht nur mich, sondern überhaupt jedes weibliche Geschöpf, dem du begegnest!!!

      Originaltexte aus Tafeln 4 bis 6 des Gilgamesh-Epos s. Lyrik online


      Schreiben Sie einen Kommentar

      Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

      Top

      Newsletter Abonnieren

      We respect your email privacy

      Newsletter abonnieren

      You have successfully subscribed to the newsletter

      There was an error while trying to send your request. Please try again.

      Goldspur will use the information you provide on this form to be in touch with you and to provide updates and marketing.