Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Die heilige Wunde des Königs als Weg zur Ganzheit und Vollmacht

Die Wunde des Königs (Sagrada Familia, Detail)

By on 13. Juni 2020

Die Wunde des Königs (Sagrada Familia, Detail)

BEITRAG IN ÜBERARBEITUNG

Die „heilige Wunde“ – die Wunde des Königs

Die heilige Wunde führt den Helden zu Ganzheit. Als “Wunde des Königs” ist sie die letzte Prüfung auf dem Weg zu Königsherrschaft im Leben.

Der innere Held: das liebende Bewusstsein!

Männlich und weiblich, die beiden schöferischen Urkrälfte

Wenn im Folgenden von “Held” die Rede ist, ist damit das liebende Bewusstsein gemeint, das als “männlich” zu bezeichnen ist, weil es sich dabei um aktiv-initiierende geistige Kraft handelt. Sie steht im Gegensatz zur passiv-empfangenden und Realität hervorbringenden, also “gebärenden” Kraft, die als  “weiblich” zu bezeichnen ist.
Die Frau als Heldin, die ihr Bewusstsein mobilisiert, hat ihre männlichen Anteile integriert.
Denn das Weibliche an sich ist mit dem Unbewussten und der Materie (von lateinisch mater = Mutter) assoziiert und das Männliche eben mit dem Bewusstsein, dem schöpferischen Geist, als dem zündenden Funken. Doch beide, Mann und Frau, sind beides: Materie (Körper materiell) und Seele/Geist (immateriell),

Der innere Held, der göttliche Kern des Menschen

Die Persönlichkeit, die zu Bewusstsein gelangt ist und sich für den Weg der Liebe entschieden hat, hat ihren inneren Helden aufgeweckt. Dieser innere Held ist die eigene göttliche Identität, das Selbst, eins mit Christus. In Märchen wird er auch durch den Archetyp des erlösenden Prinzen dargestellt.

[S. HERO, gesungen von Mariah Carey.]

Der Heldenweg des liebenden Bewusstseins

Ist die Persönlichkeit zu Bewusstsein erwacht, wird sie vom Leben selbst (als der grossen Mutter) auf den Heldenweg geführt, den Weg der Liebe. Dabei in den 5 zentralen Bereichen der Existenz (die den 5 mittleren Chakren entsprechen) buchstäblich “auf Herz und Nieren” geprüft. , ob der Mensch es wirklich ernst meint, das heisst, ob er bereit ist, für das Grössere alles, was er hat und ist, in die Waagschale zu werfen. Und während der Frau die Liebe schon ins Herz gegeben ist, muss der Mann zusammen sie mit seiner Seele noch gewinnen (s. Der Heldenweg der Frau – Liebe bewahrenDer Weg des Mannes in de Geist).
Doch beide müssen sich in der Liebe bewähren.

Eine existenzielle Verletzung

Die kleine und die grosse Identität

Was ist die heilige Wunde und warum wird sie so genannt?

Die Heilige Wunde ist eine schmerzhafte Erfahrung, welche den Menschen ans seine Grenzen bringt und ihr gerade dadurch für den Geist öffnet. Damit gelangt er zu Ganzheit führt oder anders formuliert eben zu “Heil” oder “Heiligkeit” (was dasselbe bedeutet). Denn wer in der Erfahrung der Schwäche und Verletzung seine eigene Begrenztheit erkennt, akzeptiert auch, und dass er nichts anderes ist und je sein kann als nur er selbst. Damit leuchtet ein erster Funke seines Selbst, seiner wahren göttlichen Identität auf. Und zugleich erkennt er auch, das Geschenkt, dass er sein darf, wer er ist, ja, dass vielmehr, dass das das genug ist! Und es ist diese Gnade, die ihn neu in die ewige Esistenz der Liebe hineinstellt:

ICH BIN – getragen und geborgen im Grossen, in der allmfassenden Existenz! 

Intgration des Geistes durch die Heilge Wunde

Dabei stellt die Heilige Wunde die letzte Prüfung auf dem Heldenweg, nämlich die Feuerprobe dar. In den Überlieferungen erscheint sie häufig auch als der Weg durch die Unterwelt oder das Reich der Toten. Tatsächlich bedeutet sie eine innere Konfrontation des Helden mit seinen tiefsten Schatten und führt so zu einem inneren Sterben, das sie Überwindung des Egos, der Identität der Trennung bedeutet. Auf diese folgt die Auferstehung des Selbst in die ewige Identität der Liebe und in die unendliche Weite des Geistes hineinführt. 

[S. Vom Ego zum Selbst und Sterben und Auferstehen: Im Hier und Jetzt!.]

Integration des Weiblichen durch die Heilige Wunde

Mit der Erfahrung der Schwäche, Verletzung, ja mit seinem Blut (auch Herzblut) integriert der Held  seine weiblichen Persönlichkeitsanteile (seine Anima), denn Weiblichkeit ist mit Schwäche assoziiert. Damit gewinnt er das, was ihm zu Ganzheit fehlte, nämlich seine ewige Seele und die Liebe als die weibliche Seite des Geistes. 

[S. Der Heldenweg, Weg der Liebe: Phase 5: die Feuerprobe und Die Integration der Anima: die Seele und das ewige Leben.]

Dazu Robert Bly [1]:

Eine alte Überlieferung besagt, dass kein Mann erwachsen wird, bevor er sich nicht der Welt der Seele und des Geistes geöffnet hat und dass diese Öffnung durch eine Wunde an der richtigen Stelle, zur richtigen Zeit und in der richtigen Gemeinschaft erfolgt. Eine Wunde ermöglich es dem Geist oder der Seele einzudringen.

Und die Frauen? Integration des Männlichen!

Bei Frauen, die ihre weiblichen Anteile am Licht haben, stellt sich die Frage, ob sie auch etwas zu integrieren haben, um Ganzheit zu gewinnen. Dazu der Franziskanerpater und spirituelle Lehrer Richard Rohr äussert sich wertschätzend über die heilige Wunde der Frau [2]:

Es scheint, als ob die biologischen Erfahrungen der Menstruation und des Gebärens den Frauen genug Weisheit vermittelten, die Männer jedoch müssen unweigerlich auf die Probe gestellt, begrenzt, herausgefordert, bestraft, schikaniert und beschnitten, Hunger, Durst und Nacktheit ausgesetzt und so zur Reife gebracht werden.

Männliche Initiation […] beinhaltet normalerweise die Konfrontation mit dem Nichtrationalen, dem Unbewussten und, wenn man so will, mit dem Wilden. Sie bereitet den jungen Mann darauf vor, dem Leben anders zu begegnen als in den Kategorien von Logik, Dominanz, Kontrolle und Problemlösung. Es bereitet ihn auf die Begegnung mit dem Geist vor.

Für Frauen gilt: Integration der männlichen Anteile!

Dennoch geht die heilige Wunde auch Frauen etwas an. Denn  solange sie noch voller Wut auf Männer sind, haben ihre männlichen Anteile nicht integriert, sondern sind im Griff ihres innerer Schattenmannes. Dieser treibt sie in Stresssituationen immer wieder in Aggression und in machohaftes, dominantes Machtverhalten (s. Der negative Animus als Schmerzkörper). Darum müssen Frauen ihre männlichen Anteile integrieren, um Ganzheit zu erlangen (s. oberster Klapptext). Diese sind durch die Archetypen des Christus und des Vaters symbolisiert (s. Die Integration des Animus). Somit müssen auch Frauen ihren inneren Helden auf den Weg der Liebe schicken.

Integration der gegengeschlechtlichen Persönlichkeitsanteile

Fazit: Ein spirituell ganzer Mensch integriert in sich die männlichen und die weiblichen Dimensionen des menschlichen Geistes.

Es gilt also beides, sowohl die männlichen wie auch die weiblichen Persönlichkeitsanteile am Licht des Bewusstseins zu haben. Damit wird der Mensch Gott gleich, nämlich männlich und weiblich und hat Zugriff auf die ganze Fülle des Seins. (Mehr dazu diesem Zitat von Rohr am Ende des Beitrages.)

[S. Die Integration von Animus und Anima – Zugang zum Geist.]

Krone (dreamstime stock)

Das Ziel: der innere Held als der künftige König!

Zusammenfassung: Integration der Schatten auf dem Weg durch die Unterwelt

Dies ist denn auch die fundamentale Botschaft so vieler Überlieferungen: Jeder Mensch ist zu göttlicher Selbstbestimmung und damit zu Königsherrschaft im eigenen Leben berufen! Diese erreicht er mit der Ganzheit, und zwar, indem er alles, was er hat und ist – und damit insbesondere seine Schatten – ans Licht seines liebenden Bewusstseins bringt. Dies geschieht auf dem Weg des Helden, dessen letzte Phase, die Feuerprobe, dem  dem mythologischen Weg durch die Unterwelt entspricht. 

[S.  Die Integration des Schattens und Die Integration der gegengeschlechtlichen Persönlichkeitsanteile,  Animus und Anima.]

Die Wunde des Königs

Auf diesem Weg erfährt der Held häufig auch eine existenzielle Verwundung, die Heilige Wunde, die im Hinblick auf das Ziel auch “die Wunde des Königs” genannt wird.
Wer diesen Weg vollendet, gelangt zu göttlicher Königsherrschaft im eigenen Leben, welche in alle Ewigkeit andauert. 

[S. Königsherrschaft im eigenen Leben.]

Der innere Held: das liebende Bewusstsein!

Die göttliche Identität auf dem Weg der Liebe

Wer zu Bewusstsein gelangt ist und sich für den Weg der Liebe entschieden hat, hat seinen inneren Helden aufgeweckt. Er ist das Selbst, die göttliche Identität, die eins mit Christus ist. Damit wird er vom Leben selbst auf den Heldenweg geführt und in den 5 zentralen Bereichen seines Lebens geprüft, ob er es wirklich ernst meint.r

Der Heldenweg ist der Weg der Liebe. Während der Frau die Liebe schon ins Herz gegeben ist, muss der Mann zusammen sie mit seiner Seele noch gewinnen (s. Der Weg des Mannes). Doch beide müssen sich in der Liebe bewähren.  Das liebende Bewusstsein: männlich-initiierende Energie

Der innere Held: das liebende Bewusstsein, eins mit dem göttlichen Bewusstsein

Wenn also vom Helden die Rede ist, ist damit im weitesten Sinn das liebende Bewusstsein gemeint (personifiziert im Christus/Messias als Archetyp). Es ist dasselbe wie der erlösende Prinz in Märchen. Es bildet die männlich-initiierende Seite der schöpferischen Kräfte, welche die Information (Geist) als den «Samen des Wortes» in die lebendige Materie (weiblich-empfangend) sät. Das Neue entsteht aus der Synthese der beiden Kräfte männlich und weiblich.

[S. Männlich und weiblich, die beiden Ur-Kräfte der Schöpfung und Männlich und weiblich und die Erschaffung neuer Realität.]

Dabei ist festzuhalten, dass eine Frau, welche zu ihrer strategisch-schöpferischen Kraft Zugang haben möchte, dazu ihre männlichen Anteile und damit ihren inneren Helden integrieren muss (s. und Maria Magdalena und die Frau als Heldin und Die Integration des Animus).

[S. HERO, gesungen von Mariah Carey.]

Alles auf eine Karte gesetzt und alles gewonnen!

Aussicht auf Königsherrschaft

Dies schenkt ihm den Zugang zur Ganzheit, wodurch e auch Königsherrschaft, das bedeutet Selbstwirksamkeit im eigenen Leben und eine Krone erlangt, die ewig andauert. Darum wird diese Verletzung auch die Wunde des Königs genannt.

Manifestationen der heiligen Wunde

Die heilige Wunde in Überlieferungen

Die «heilige Wunde», die zu Ganzheit (Heil, “Heiligkeit”) führt, kann unterschiedlich aussehen. Doch dies ist bei allen Varianten gemeinsam: Dieser letzten Prüfung ist existenzieller Art! Dabei sieht es so aus, als habe sich alles, wofür der Held sich eingesetzt hat, in Luft aufgelöst. Doch gerade darin erfährt der Held, dass seine Existenz nicht von ihm selbst abhängt, sondern im Grösseren geborgen ist.

 

Mythologische Beispiele für die Heilige Wunde

Im Altertum

    •  Sumerischen Überlieferung: der Hirte wird geschlagen, und zwar durch die Galla, die Dämonen der Unterwelt, und es bleibt ihm letztlich nicht erspart, selber den Weg in die Unterwelt zu machen.
    • König Gilgamesh wird wird das Unsterblichkeitskraut, welches er unter Entbehrungen gewonnen hatte, von der Schlange gestohlen.
    • Odysseus hat alle seine Schiffe und alle seine Soldaten verloren und wird nackt an den Strand von Ithaka gespült. Seine treue Frau, Penelope liebt ihn noch immer und nimmt ihn mit offenen Armen zurück (dies ist ihre Feuerprobe).
    • Jesus als der Gottesheld wird hingerichtet, ja gekreuzigt.

    Legenden und Märchen

    Eine zerbrochene Krone für die Wunde des Königs

    Die Verwundung am Oberschenkel im Besonderen

    Bei der mythologischen Verwundung ist symbolische auch immer wieder durch eine Verwundung am Oberschenkel dargestellt, welche zu einer “Gebärmutter” für den Geist wird:

    Die Verwundung am Oberschenkel im Besonderen

    Die Verwundung am Oberschenkel symbolisiert die Integration des Weiblichen. Beispiele:

    • Der babylonische Held Gilgamesh schneidet dem «Himmelsstier» die Keule (Oberschenkel!) ab.
    • In der jüdischen Überlieferung wird Jakob von Gott am Oberschenkel geschlagen [3].
    • Odysseus wird von einem Eber am Oberschenkel verwundet.
    • Zeus fügt sich selber eine Wunde zu um für seinen Sohn Dionysos eine neue «Gebärmutter» zu schaffen (nachdem dessen Mutter Semele gestorben ist).

    Dyionysis, der Gott des Weins und Wasser zu Wein

    Dabei ist als hübsches Detail zu beachten, dass Dionysos, der Gott des Weins, das männliche Gegenüber zur Göttin des Weinstocks darstellt, wie sie in der sumerischen und in der babylonischen Mythologie vorkommt. Denn Wein – als zu Geist vergorender Traubensaft – weist auf jene Fülle und Freude hin, die in der letzten Phase der Reife auf den Menschen warten.

    [S. Die Göttin der Weinstocks (sumerische Überlieferung) und Die Schenkin (babylonische Überlieferunge), sowie Brot und Wein, Symbole der Läuterung.]

    Die Zerbrechlichkeit des Lebens (Puste-Blume)

    Die heilige Wunde als alltägliche Erfahrung

    Die Krise der mittleren Jahre als Weg durch die Unterwelt

    Die Überlieferungen verwenden Bilder, welche den geistigen Grund für die Schwierigkeiten des Leben darstellen. Besonders in der Krise der mittleren Jahre sieht sich der Mensch mit seinen Schatten konfrontiert wie noch niemals zuvor. Und so entspricht eben diese Krise dem Weg durch die Unterwelt. Als Ermutigung für alle, die sich auf diesen Weg machen wollen oder schon mitten drin stecken, sei gesagt: Es ist die letzte Herausforderung! Auf sie folgt die Fülle und die ewigen Königsherrschaft.

    Konkret kann die heilige Wunde im Alltag manchmal sogar recht “banal” aussehen, was nicht bedeutet, dass sie darum weniger schmerzhaft ist. Hinzu kommt, dass Menschen, die damit konfrontiert sind, oft in der Umgebung auf wenig Verständnis stossen oder gar als “krank” abgetan werden. 

    Beispiele für die Heilige Wunde im Alltag

    Existenzielle Auseinandersetzungen in der Partnerschaft

    Die Lebensmotivation, bei welcher die Beziehung eine wichtige Rolle spielt, muss für die letzte Phase der Fülle auf einen neuen Grund gestellt werden. Denn hier haben nun Macht und Leistungsdenken endgültig ausgedient! Auch dies entspricht nicht dem gesellschaftlichen Ideal, das die Menschen als ewige “Machos” und “Tusssi” behalten will. Auch sind in dem Prozess, die Schatten ans Licht zu bringen, beide Partner stark gefordert. So kann es sein, dass auf der Seite der Partnerin zunächst viel Schmerz und Wut hochkommen darüber, dass sie mehr gegeben als erhalten hat. In den Überlieferungen wird das so thematisiert, dass der Held einem “Monstrum” begegnet, zum Beispiel ein Flammenstier oder “Himmelsstier“, wie im Gilgamesh-Epos . In Tolkiens Der Herr der Ringe geht der Magier “Gandalf der Graue” aus diesem Kampf als “Gandalf der Weisse” hervor, der noch mehr geistig Kraft hat.

     

    Weitere Beispiele von Verletzungen in Alltagserfahrungen

    • Eine Verletzung der Integrität (zum Beispiel durch Diffamierung, einen “Shit-Storm”)
    • Der Verlust der sexuellen Potenz
    • Ein Scheitern (Kündigung, Konkurs, Scheidung)
    • Ein existenzieller materieller Verlust (z. B. des Vermögens)
    • Der Verlust einer geliebten Person (z. B. der Frau oder der Tochter)
    • Eine Krankheit (physisch oder psychisch, z. B. eine Depression oder ein Burnout).

    Das Resultat: mehr Verständnis, Warmherzigkeit und Liebe

    Wer gelernt hat, die eigenen Schwächen anzunehmen, kann auch mit anderen verständnisvoll, liebevoll und warmherzig umgehen.

    Die Heilige Wunde: "ecce homo"

    Die Kreuzigung als kollektive heilende Wunde

    Integration des kollektiven Schattens, der “Erbsünde”

    Die Kreuzigung von Jesus stellt die Integration des kollektiven Schattens, der sogenannten Erbsünde dar, hinbebungsvolle Liebe als starke Antwort auf Macht, Gewalt und Unterdrückung, deren äusserster Ausdruck der Tod ist.
    Als Botschaft der Auferstehungskraft der Liebe erhöht sie  das Vertrauen in eine höhere Existenz, welcher der Tod nichts anhaben kann. Damit geht grosse Kraft einher, welche durch Gottes Geist in Erscheinung tritt, der genau diese erwähnte Einheit der männlichen und weiblichen Anteile darstellt, welche die Fülle und Ganzheit mit sich bringt.

    [S. Ruach, Geist Gottes – männlich und weiblich und Sterben und Auferstehen: Im Hier und Jetzt!.]

    Durch die heilige Wunde zum verwundeten Heiler 

    Schamanisches Wissen

    Die Höhlenmalereien von Lascaux

    Bereits die alten schamanischen Kulturen waren der Ansicht, dass der Heiler ein verwundeter Mann sein muss. Robert Bly weist in diesem Zusammenhang auf die Höhlenmalereien von Lascaux hin und Gedanken von André Leroi-Gourhan, der sich mit ihnen auseinander gesetzt hat:

    Leroi-Gourhan hat Vermutungen darüber angestellt, dass die Maler von Lasccoux eine visuelle Sprache benutzen, deren visuelle „Wörter“ mehrere Bedeutungen haben. So ist zum Beispiel ein gezeichneter Speer gleichzeitig ein Phallus, und eine gezeichnete Wunde ist ausserdem eine Vulva. Eine Wunde zu haben bedeutet demnach […] eine Vulva zu haben oder einen weiblichen Schoss zu bekommen.[4]

    Die Wunde als Gebärmtter für den Geist

    Die Vorstellung war, dass die Wunde im Mann einen neuen Raum eröffnete – ähnlich der Gebärmutter der Frau – eine „Gebärmutter für den Geist“.

    Dazu nochmals das obige Zitat von Robert Bly:

    Eine alte Überlieferung besagt, dass kein Mann erwachsen wird, bevor er sich nicht der Welt der Seele und des Geistes geöffnet hat, und dass diese Öffnung durch eine Wunde an der richtigen Stelle, zur richtigen Zeit und in der richtigen Gemeinschaft erfolgt. Eine Wunde ermöglich es dem Geist oder der Seele einzudringen.[1]

    Bildhaft gesprochen dringt der Geist durch die Verwundung in den Mann ein. So erlangt er Ganzheit, wird «heil» oder «heilig» und kann darum auch andere «heilen» und zu Ganzheit führen.

    mehr mensch sein (tafel)

    «Mehr Mensch sein.»

    Zur Integration des Geistes

    Weibliche Schwäche, Blut und der männliche Geburtskanal

    Weiblichkeit wird zwar mit Schwäche assoziiert. Doch gerade mit dieser Schwäche, die sich besonders auch in der Blutung zeigt, ist auch die Fähigkeit verbunden, neues Leben zur Welt zu bringen. 

    Richard Rohr beschreibt, einen «männlichen Geburtskanal», der den Mann zu Weisheit führt [5]:

    Der Zusammenhang von Blut und Leben und die männliche Initiation

    Die männliche Energie ist nicht nur phallisch, sondern auch skrotal, das heisst auf die Hoden bezogen. [… Die] Hoden sind ein Ort des geduldigen Reifens, eines dunklen, feuchten Geheimnisses, das beschützt und warm gehalten werden muss. […] Der männliche „Geburtskanal“ wird weitgehend mit Lust assoziiert, während der weiblich Geburtskanal sowohl die Lust geniest als auch den starken Schmerz der Niederkunft erleidet. Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb viele Kulturen es für notwendig hielten, dem Mann im Verlauf seiner Initiation eine blutende Wunde am Penis zuzufügen. Er muss den inneren Zusammenhang zwischen Schmerz und neuem Leben kennen lernen. So haben zwei Drittel aller Kulturen weltweit etwas hervorgebracht, was der Westen heute gar nicht mehr versteht – die Beschneidung des Mannes als heilige Wunde, die zur Weisheit führt, ja, sogar den „Bund“ mit Gott besiegelt.

    Weisheit zur Bändigung machohafter Überkompensation und tyrannischer Männlichkeit

    Eine übertriebene phallische Energie, nicht gebändigt durch skrotale Energie, ist meist das Kennzeichen einer übergriffigen, tyrannischen und ausbeuterischen Männlichkeit. Mit anderen Worten, der starke Phallus darf nicht vergessen, dass er einen weichen Sack voll Zartheit unter sich hat. Der harte Mann ohne jede Weichheit ist gefährlich. Er legt eher machohafte Überkompensation an den Tag als echtes männliches Selbstvertrauen. Die Getriebenheit des Geschäftsmanns, die Sterilität des Akademikers, die Rigidität des Gläubigen, die Kriegsspiele der Militärs, der erhobene Zeigefinger des allzu Überzeugten, der strafende innere Vater – das alles sind Kennzeichen des phallischen Mannes, nicht des weisen Mannes, der immer hart und weich ist – oft beides zur selben Zeit.

    Ganzheit – Einheit von männlich und weiblich.

    Heilige Hochzeit: Vereinigung von männlich und weiblich

    Der Mensch, der seine männlichen und seine weiblichen Anteile integriert hat, ist ganz. Er hat einen guten Zugang zu seinen Körper («männlich») und seiner Seele («weiblich»).  

    [S. Die Heilige Hochzeit – Ganzheit durch Integratio des Unbewussten und Gott, Ganzheit, 3-in-1, männlich und weiblich.]

    Dazu noch dieses Zitat von Rohr[6]:

    Ein spirituell ganzer Mensch integriert in sich die männlichen und die weiblichen Dimensionen des menschlichen Geistes.
    Faszinierenderweise sahen manche Stämme und Kulturen tatsächlich im Frau-Mann bzw. der Mann-Frau den Schamanen, den Weisen, die spirituelle Seherin. Sie galten als Abbild der göttlichen Ganzheit. […]
    Um das zu erreichen, braucht es wahrscheinlich die Arbeit eines ganzen Lebens und darin liegt wohl die Schönheit, die man oft bei alten Männern und Frauen sehen kann. […]

    Und er schliesst mit diesem Gedanken ab:

    In den klassischen Legenden und Mythen stehen am Ende aber unweigerlich die starke alte Frau und der sanfte alte Mann. Das ist das Ziel.

    Lebens-Abend mit Bergsicht

    Nachweise:

    [1] Bly, Robert (2011). Eisenhans. Ein Buch über Männer (7. Auflage). Kindler Verlag GmbH, München; S. 274

    [2] Rohr, Richard (2009). Vom wilden Mann zum Weisen Mann (2. Auflage). München: Claudius; S. 43 und 44. (Hervorhebung fett durch die Autorin).

    [3] Bibel, Altes Testament, 1. Buch des Mose, Kapitel 32,26

    [4] Rohr, Richard (2009). Vom wilden Mann zum Weisen Mann (2. Auflage). München: Claudius; S. 27

    [5] Rohr (2009, s. Anm. 1), S. 146 f. 

    [6] Rohr (2009, s. Anm. 1), S. 29 f. (Hervorhebung durch die Autorin)


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