Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Garbatis Medusa, #MeToo und die Rache der Göttin

Garbatis Medusa mit dem tödlichen Blick

By on 18. November 2020

Garbatis Medusa mit dem tödlichen Blick

Medusa, #MeToo und die Rache der Göttin

Luciano Garbatis Skulptur «Medusa» (2008) oder wenn Blicke töten könnten

Medusa mit dem Haupt des Perseus (Luciano Garbati)

Inspiriert durch Cellinis Perseus

Der zeitgenössische Künstler Luciano Garbati hat 2008 eine Skulptur geschaffen, auf welcher die griechische Gorgonin Medusa mit ihren Schlangenhaaren zu sehen ist. In der Hand hält sie das Haupt des griechischen Helden Perseus, den sie soeben enthauptet hat.
Dabei liess sich Luciano Garbati nach eigenen Angaben von der Perseus-Skulptur von Benvenuto Cellini inspirieren (Mitte 16. Jahrhundert), welche den Helden mit dem Haupt der Medusa darstellt (s. Abb. unten und Artikel in Daily Art Magazine).

13.10.2020: Vertauschte Rollen und Hinrichtung

In seinem Werk hat Garbati damit die Rollen vertauscht: Sie, Medusa, hält das gefällte Haupt des Perseus in der Hand. Sinnigerweise wurde diese Skulptur am 13. Oktober 2020 im Stadtpark von Manhattan, vor dem Gerichtsgebäude, in welchem Harvey Weinstein verurteilt wurde.

Medusa und #MeToo

Das Werk, das zu einem Symbol für weiblichen Zorn geworden ist, wurde jedoch bereits 2008, eine Dekade vor der #MeToo-Bewegung, geschaffen. Doch erst 2018, als diese Bewegung Mainstream wurde, erlangte Garbatis Skulptur als Ikone «Meme»-Status, sodass kleinere Kopien davon in grosser Zahl vertrieben wurden (s. Medusa With the Head project).

Perseus mit dem Haupt der Medusa (Cellini)

Die griechischen Mythologie und Medusa

Die sterbliche unter den drei Gorgonen-Schwestern enthauptet

Medusa war gemäss der griechischen Mythologie eine der drei geflügelten Schwestern der Gorgonen, die zu den griechischen Erd- oder Unterweltsgottheiten gehören. Sie galten als Schreckensgestalten mit Schlangenhaaren, die jeden, der sie anblickte, zu Stein erstarren liessen. Doch Perseus gelang es, Medusa durch einen Trick zu enthaupten, indem er ihr nicht direkt in die Augen blickte, sondern über eine Spiegelung in seinem Schild.  Daraufhin packte er ihr Haupt ein und benutzte es als Waffe, da es noch immer die Fähigkeit hatte, durch den blossen Anblick zu töten.

Medusa – Göttin der Unterwelt mit dem tödlichen Blick

Die drei «Schwestern» sind ein Hinweis auf die Muttergottheit und die drei Lebensphasen der Frau (s. Weibliche Ganzheit – die Göttin, Weiss / Rot / Schwarz). Dabei war Medusa als die älteste der drei «Schwestern” sowie die einzige Sterbliche unter den Gorgonen. Ihre Sterblichkeit ist ein weiterer Hinweis, nämlich auf die dritte Lebensphase der Frau (in ihrer Ganzheit, als Göttin, weiss, rot, schwarz) und auch auf den Weg durch die Unterwelt (zu welcher Zorn, Gericht, Tod und Auferstehung gehören; s. sumerische Mythologie).

Die ME, die Kräfte der Weisheit

In der sumerischen Überlieferung

Der Name Medusa enthält die Silbe ME. Die ME sind gemäss der sumerischen Überlieferung die Kräfte der Weisheit im Einklang mit den kosmisch-geistigen Grundgesetzen. Dass sie zu starker Weiblichkeit gehören, erzählt die sumerische Mythologie von Inanna, der Göttin der Liebe (s. Episode 5).

Zu den ME, den Kräften der Weisheit, gehören auch der Abstieg in die Unterwelt und der Aufstieg aus der Unterwelt! Die Unterwelt ist ein Symbol für das Unbewusste, das Reich der Schatten.

[ S. Der Weg durch die Unterwelt als Weg zu Ganzheit.]

Der Weg durch die Unterwelt als Weg zur Ganzheit (Erlösung)

 Tod und Auferstehung der sumerischen Göttin der Liebe

Inanna ist ein Modell für jede Frau, darum erscheint sie als “Göttin”, nämlich als Archetyp einer Person, die selbstwirksam in ihren Leben steht, die kreativ und eigenverantwortlich handelt. So begibt sie sich denn auch aus eigenem Entschluss in die Unterwelt, um zu sehen, was sie dort, wo die Liebe gestorben ist, findet. Doch auf diesem Weg begegnet sie der zornigen und verletzten Göttin, die das Auge des Todes auf sie richtet und sie kurzerhand umbringt (s. Teil II der Überlieferungen um Inanna).
Die Göttin der Unterwelt wiederum ist ein Archetyp für das Grosse Weibliche, das Leben selbst, in Negativität. Und nur liebende Vater jedoch, der Gott der Weisheit, weiss, dass die grosse Muttergottheit in Wehen liegt wie eine Gebärende. Seine Empathie hilft der Göttin zur Versöhnung, sodass die (Göttin der) Liebe wieder  auferstehen kann (am dritten Tag!, s. Episode 15).

Inannas Gatte, der Hirte (wird geschlagen)!

Nach ihrer Auferstehung geht Inanna direkt in eine Auseinandersetzung mit ihrem Göttergatten, dem Hirten, der gekleidet in den kostbaren Gewändern der ME auf seinem Thron sitzt und seinen Hintern nicht hebt. Sie richtet das Auge des Todes auf ihn (das sie von der Göttin der Unterwelt übernommen hat), und er flieht entsetzt in die Wüste. Nach einigem Hin und Her versöhnen sich die beiden wieder, doch bleibt es dem Hirten letztlich nicht erspart, sich ebenfalls den Weg in die Unterwelt zu begeben …

Rund 3000 Jahre später: Jesus, Gott der Liebe

Jesus sagte vor seiner Kreuzigung zu seinen Jüngern:

Ihr werdet euch alle in dieser Nacht an mir stossen, denn es steht geschrieben: “Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden zerstreut werden.” (Mt 26,31 mit Querverweis zu Sach 13,7).

Dabei wurden die Überlieferungen von Inanna, der sumerischen Göttin der Liebe und ihrem Gatten, dem Hirten und Gott der Liebe um 1800 v. Chr. erstmals niedergeschrieben (s. Episode 20: Der Hirte wird geschlagen). Zu diesem Zeitpunkt liess der babylonische Herrscher Hamurabi die viel ältere, bis anhin mündlich überlieferte, sumerische Mythologie in Keilschrift auf Tontafeln festhalten.

Von der Unterwelt zur Hölle – die Verteufelung starker Weiblichkeit

Es begann in Babylon …

Wenige Jahrhunderte später wurde in Babylon die sumerische Mythologie umgedeutet und zum Gilgamesh-Epos umgeschrieben. Darin sind die starken Frauenfiguren der ursprünglichen sumerischen Überlieferung eliminiert, zu Männern oder zu Monstern mutiert, die natürlich als grosse “Heldentat” umgebracht werden müssen.
Die Göttin der Liebe selbst spielt nur eine marginale Rolle und wird von König Gilgamesh als «Hure» beschimpft (s. Einführung ins Gilgamesh-Epos).
Es ist nicht weiter erstaunlich, dass Männer seit Anbeginn der Kultur diese zornige schicksalhafte, richtende, weibliche Urgewalt fürchten und sie am liebsten loswerden wollen.

[S. Frau Holle – von der Schicksalsgottheit zur HölleDie dunkle Fee als Schicksalsgottheit (Disney’s Maleficent) und Weibliche Ganzheit (die Göttin) 3-in-1: Potenzial, Realität und Schicksal.]

So ist die Dämonisierung von starker Weiblichkeit von der babylonischen Kultur auf die nachfolgenden Kulturen übergegangen (s. zum Beispiel Lilith: verstörende Weiblichkeit und die Macht der Frau und Ich bin Lilith, die dunkle Jungfrau).

Medusa – eine Unterweltsgottheit

Medusa mit ihrem tödlichen Blick stellt neben der sumerischen Göttin der Unterwelt einen weiteren Archetyp des dritten Aspekts der weiblichen Gottheit dar.

[S. “Ich bin Ereshkigal, die sumerische Herrin der Unterwelt” Weibliche Ganzheit 3-in-1: Potenzial, Realität und Schicksal und Das Grosse Weibliche, das Leben selbst, in der Unterwelt.]

Zum grossen Weiblichen gehören: die Frauen, das Volk, die Erde ...

Das kollektive Weibliche als “Göttin”

Als «weiblich» im Sinn von empfangender und Realität gebärender Materie sind zu bezeichnen:

  • Frauen: Sie können Samen aufnehmen und neues Leben gebären.
  • Der menschliche Körper: Er nimmt Impulse des Bewusstseins („männlich“) auf und setzt sie in Worte, Taten und neue Realität um.
  • Das Kollektiv (Gruppe, Volk, die ganze Menschheit): Es reagiert auf Impulse (zum Beispiel in Form von Informationen wie Nachrichten) mit Stimmungen und Handlungen. Es nimmt auch die Instruktionen des Herrschers auf und gestaltet diesem entsprechend neue Realität (führt Weisungen aus, wie zum Beispiel den Bau von Strassen).
  • Die Erde: Sie nimmt Samen auf und lässt wachsen. Zudem reagiert sie ebenfalls auf unterschiedlichste Impulse (“Geist”), zum Beispiel aus dem Kosmos (wie Sonnenaktivität) oder auf menschliches Verhalten mit globalen Erscheinungen wie Klimaerwärmung oder Vulkanismus und Abkühlung. (Dabei bedeutet der “Kosmos” in den Überlieferungen mehr als das Universum. Ihm wird das Element des Feuers zugeschrieben und darum auch göttlich-geistige und initiierende Kraft, s. Die vier Elemente, Bedeutung.)
  • Die ganze Schöpfung: Sie ist der Vergänglichkeit preisgegeben und damit in der „Unterwelt“ (s. Das Grosse Weibliche in der Unterwelt).

 [S. Weibliche Ganzheit, lebendige Materie – Potenzial, Realität und Schicksal.]

Das Weibliche kann als lebendige Materie Impulse des Bewusstseins («Samen») aufnehmen und neue Realität gebären und gehört per Definition zum Unbewussten (s. Das Bewusstsein und das Unbewusste und Männlich und weiblich, die beiden Ur-Kräfte der Schöpfung.)

Die Göttin symbolisiert als das grosse Weibliche in der Unterwelt auch die unterdrückte Menschheit und die ausgebeutete Schöpfung, die den Dynamiken der Macht ausgeliefert sowie darin geknechtet und gefangen sind.

Perseus mit Medusas Haupt (Cellini)

Der Name MeDuSa – männliche (Sohnes-)Kraft und Weisheit

Das Wort “ME” ist wie erwähnt die sumerische Bezeichnung für die Kräfte der Weisheit. Weiter ist an die Silbe ME die Silbe DU/DUM gehängt, was «Sohn» bedeutet. Zuletzt findet sich die Silbe Sa/Shah immer wieder im Zusammenhang mit «Herrschaft». (Zudem klingt in den Silben MeDuSa auch der Name “MeThuSa-lem” an; s. mehr zur sumerischen Sprache.)

Die Bedeutung des Namens MeDuSa könnte also sein: «Die in der Kraft der Weisheit über den Sohn herrscht» oder «Die mittels der ME, der kosmischen Kräfte, wie der Sohn herrscht».

Schmerz, Zorn und eine zerstörerische Dynamik: FEUER!

Doch woher der Zorn? Das Wort Kosmos wiederum ist eine verdeckte Bezeichnung für körperliche Leidenschaft und geht auf das Elemente des FEUERs zurück. Dieses gilt als zum Symbol für den männlichen Körper und stellt in seiner negativen Form – als brennendes, unaufhaltsames Begehren – eine Gefahr dar. Denn wenn kein WASSER (Symbol für die Liebe und die Seele der Frau) in der Beziehung vorhanden ist, kann das FEUER die ERDE verbrennen (das Symbol für den weiblichen Körper).

[S. Die vier Elemente, ihre Bedeutung und ihr GeheimnisDie negative Dynamik der Elemente – FEUER und EIS und Schwarze Magie (FEUER), Macht durch Unterdrückung und Gewalt.]

“DU(M)”, der «Sohn», das Schwert und die Kraft

Grundsätzlich steht der SOHN als Archetyp für stürmische, jugendliche Männlichkeit in phallischer Energie (rot), der die Weisheit des Vaters (weiss) noch nicht erreicht hat. So entsprechen gerade kriegerische Taten wie auch eine Enthauptung dieser Art, welche durchaus auch reifere Frauen besetzen kann (s. Der weibliche Weg). – Und selbstredend gilt ja auch das Schwert in den Überlieferungen als Phallus-Symbol.

Ganzheit, Erlösung, Versöhnung und der Vater

Doch damit die Frau Ganzheit und damit ewiges, göttliches Leben erlangen kann, muss sie ihre männlichen Anteile integrieren. Dabei gilt es, sich mit jenen Verletzungen, die im Kontakt mit unreifer männlicher Energie entstanden sind, zu versöhnen.
Dabei helfen ihr die Begegnung mit positiver Männlichkeit, zu welcher die liebevolle Hingabe des “guten Sohnes” wie auch die verständnisvolle Wahrnehmung des Vaters gehören. So findet sie in sich neue Kraft, um ihre eigene Schwäche anzunehmen und sich selbst zu lieben.
Dies führt zur Heilung und so steht ihre Seele, ihr Leben wieder zur Liebe auf – die Wiedergeburt der «Göttin der Liebe»!

[S. Die Integration der männlichen Anteile (Animus)Der Weg der Frau | Der Weg des MannesDer Vater – bedingungslose Liebe und Christus / Messias, der Gesalbte.]

Inannas Rettung durch den Vater und Auferstehung

Die kollektive Dimension

Garbatis MEDUSA und #MeToo

Medusa und Kopf des Perseus (Garbati)

Bewusstwerdung als Weg zur Heilung

Als Künstler und Visionär hat Garbati mit Medusa eine Skulptur geschaffen, welche das Thema der heutigen Zeit aufgreift und ausdrucksstark darstellt: die mythologische Gestalt der Rachegöttin. Kunst war immer schon auch ein Weg der Bewusstwerdung. Denn nur, was ans Licht des Bewusstseins gelangt, kann heilen und integriert werden (s. Heilung: Was ans Licht kommt, wird selbst licht).

Weibliche Ohnmacht

Auch die #MeToo-Bewegung, die weibliche Ohnmachtsgefühle und Schmerz ans Licht gebracht hat, führt zu Bewusstwerdung der Schatten (der Unterwelt). So ist die Tatsache, dass Frauen und das weibliche Kollektiv seit Jahrtausenden unterdrückt und missbraucht wurden, ein solcher kollektiver Schatten oder Schmerzkörper.

[S. Missbrauch und Erlösung in menschlichen Überlieferungen.]

In diesem Zusammenhang ist zu sagen, dass Garbatis Medusa-Statue vor dem obersten Gerichtshof in New York tatsächlich an einer sehr aussagekräftigen Stelle steht.

Heilung in der Kraft der Liebe: Verständnis und Vergebung

Vergebende Vaterliebe – das liebende Bewusstsein

Das liebende Bewusstsein beinhaltet warmherziges Mitfühlen und damit eine positive Männlichkeit, welche den Schmerz der Frauen sieht und anerkennt und so ihren Zorn besänftigt. Doch gilt es hinzuzufügen, dass sich heute mancherorts das Blatt gewendet hat. Zorn und Schmerz der Frauen haben dazu geführt, dass sich Männer aufgrund der blossen Tatsache, dass sie Männer sind, bereits angeklagt fühlen.

Versöhnung der Geschlechter

Als Schlussfolgerung ist zu sagen, dass auch die Frau zur Bemühung um Frieden aufgerufen ist. Dies bedeutet, dass sie ihre innere Vaterliebe (die sie mit ihren männlichen Anteilen integriert hat) mobilisiert und damit ebenfalls vergebend und warmherzig zur Versöhnung beiträgt.
Denn letztlich geht es nur, wenn gerade das Andersartige respektiert und sogar in seiner Art geschätzt wird. Auf diese Weise kann eine neue, bessere Realität entstehen.

Dieser Prozess ist heute im Gang.

Das ist wahrhaftig die Haupt-Sache.


Kommentare

    1. Interessant, in diesem Zusammenhang die Büchse der Pandora zu erwähnen. Denn diese war gemäss der griechischen Sage den Menschen als Strafe zugedacht dafür, dass sie sich des Feuers bemächtigt hatten. Doch was soll daran falsch sein?, könnte man fragen. – Doch hier geht es wohl kaum um die Errungenschaft des Feuermachens, vielmehr ist FEUER (auch hier) ein mächtiges Symbol. Wofür? Für Macht durch Unterdrückung und Gewalt (“schwarze Magie”). In diesem Zusammanhang machen Zorn und Strafe der Göttin / der Götter tatsächlich Sinn.

  1. Was wenn darin kein Unheil verschlossen ist sondern Erkenntnis?

    Alles ist mit allem verbunden, also mit Gott.

    Wir sind untrennbar mit Gott verbunden, weit über den Tod hinaus, der nichts als eine Illusion ist.

    1. Erkenntnis – ja. Nämlich in dem Sinn, dass bei der Öffnung des Behälters all das Gebrochene, Schmerzhafte (das ganze “Unheil” der Welt) ans Licht kommt – nämlich in die Wahrnehmung des liebenden Bewusstseins. Dies ist der erste Schritt zur Heilung, denn “was ans Licht kommt, wird selbst Licht” (Link oben). Auf dass alles mit allem, also mit Gott, verbunden sei.

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