Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Inanna und der Hirte, die Wahl der Göttin (9) 

Inanna und Dumuzi (nach einer Tonplatte, Zweistromland, ca. 1800 v. Chr.)

By on 16. Mai 2023

Inanna und Dumuzi (nach einer Tonplatte, Zweistromland, ca. 1800 v. Chr.)

Brautpaar mit angedeuteter Hörnerkrone oder “Königsmütze”, wie sie im späteren Gilgamesh-Epos genannt wird, nach einer Tonplatte (Zweistromland; s. u.) für Inanna und Dumuzi

Inanna und der Hirte: Verlobung mit Dumuzi

Inannas Wahl 

Inanna und der Hirte waren sich schon nähergekommen. Doch nun schmiedet Inanna Pläne für ihre Hochzeit. Wer soll ihr Gemahl werden? Für wen wird sie sich entscheiden? Für den Ackerbauern oder für den Hirten?  

Was bisher geschah (Handlung und Deutungen)

Die Kräfte der Weisheit auf dem Weg in Inannas Stadt

Inanna ist es gelungen, die ME, Kräfte der Weisheit, in ihre heilige Stadt zu bringen, die sie vom Vater erhalten hat. Sie hat damit Durchsetzungsvermögen bewiesen und auch ihre weiblichen Stärken unter Beweis gestellt. In Selbstwirksamkeit hat sie um ihre Liebe gekämpft und gesiegt.
Die nächste Frage, die sich nun stellt, ist somit: Wer wird der künftige Ehemann der jungen Göttin werden?

Inanna und der Hirte im Originaltext  *

Wer wird Inannas Bräutigam?

Inanna sprach:

Bruder, nachdem du mir das Leintuch gebracht hast, […]
Utu, wer wird mit mir ins Bett gehen?

Utu sprach:

Schwester, dein Bräutigam wird mit dir ins Bett gehen.
Er, der aus einem fruchtbaren Schoss geboren wurde,
Er, der empfangen wurde auf dem heiligen Hochzeitsthron,
Dumuzi, der Hirte! Er wird mit dir ins Bett gehen.

Inannas Wahl: der Hirte oder der Ackerbauer, Wolle oder Leinen?

Inanna sprach:

Der Hirte! Ich will den Hirten nicht heiraten!
Seine Kleider sind grob; seine Wolle ist rau.
Ich will den Ackerbauern heiraten.
Der Ackerbauer zieht Flachs für meine Kleider.

Inanna und der Hirte: Kampf um die Beziehung

Dumuzi, der Hirte, sprach zu Inanna:

 Warum sprichst du dauernd vom Ackerbauern? – Warum […]?
– Was hat er, was ich nicht habe? […]

(Sie gerieten in eine Debatte über Dumuzis Herkunft.) Dumuzi sprach:

Inanna, hör auf zu streiten.
Mein Vater, Enki, ist so gut wie dein Vater, Nanna […]
Königin des Palastes, lass uns die Sache durchsprechen.

Das Wort, das sie gesprochen hatten, war ein Wort des Begehrens.
Mit den ersten Worten des Streites entstand liebendes Verlangen.

Der Hirte und der Segen der Mutter

Inanna rannte zu ihrer Mutter. Ihre Mutter sprach:

Mein Kind, der junge Mann wird dein Vater sein.
Meine Tochter, der junge Mann wird deine Mutter sein.
Er wird dich wie dein Vater behandeln.
Er wird für dich sorgen wie deine Mutter.
Öffne ihm das Haus, meine Fürstin, öffne das Haus!

Inanna öffnete ihm die Tür.
Das Innere des Hauses strahlt für ihn wie das Licht des Mondes.

Kurzfassung: Utu bringt Inanna das Brautleintuch für ihre Heirat. Nach anfänglichem Zögern entscheidet sie sich für den Hirten Dumuzi (anstelle des Ackerbauern).

Brautpaar, Mesopotamien, ca. 1800 v. Chr

Gott und Göttin mit Hörnerkrone («Königsmütze»), Zweistromland, ca. 1800 v. Chr. [1]

Symbole und Deutungen von “Inanna und der Hirte”

Das Brautleintuch: Zeit zu heiraten

Bruder, wer wird mein Brautbett mit mir teilen?

Utu ermutigt Inanna nun, eine feste Verbindung mit Dumuzi, dem Hirten und “Sohn des Lebens” (des Vaters), einzugehen.
Grund dafür ist gewiss nicht zuletzt die Tatsache des bereits vollzogenen Geschlechtsverkehrs. (Die Passage: «Er wird mit dir ins Bett gehen» könnte vielleicht auch übersetzt werden mit: «Er ist (schon) mit dir im Bett gewesen». (Denn es ist fraglich, ob die Keilschrift überhaupt Zeitformen kannte.)

Utu, Inannas Bruder, eine Animus- und Christus-Figur

Positiver Animus (Sonnengott, Christus-Gestalt)

Utu ist Inannas Bruder und als Gleichaltriger einerseits aus ihrer «Peer-Gruppe», andererseits auch Vertreter der Familie.
Als Sonnengott stellt er zudem eine Christus-Figur dar (mit «Sterben», seinem «Weg durch die Unterwelt» und «Auferstehen» am nächsten Morgen).
Darüber hinaus symbolisiert er auch durch die ganze Mythologie von Inanna hindurch das liebende Bewusstsein, also Inannas positive männliche Anteile (Animus). Er wird auch später, im Rahmen von partnerschaftlichen Auseinandersetzungen zwischen den beiden, wieder eine Rolle spielen.

Inanas Wahl: der Hirte

Der gute Hirte

Dumuzi – Sohn des Lebens ! (des Vaters)

Dumuzi ist Gilgamesh und Inannas Intiator! Es war für beide das “erste Mal”, s. Inanna und Gilgamesh, Episode 3). Doch zunächst wollte sich der der junge Mann nicht binden, sondern aus dem Staub machen, und erwies sich auf diese Weise als ein “verkehrter” Sohn des Vaters (Isimud). Doch nun hat er zum guten Sohn (Dumuzi) gewandelt (“bekehrt”), indem er nun wirklich bereit ist, sich in eine verbindliche Beziehung hineinzugeben (von Isimud = ZiMud zu Dum-Zi = Dumuzi).

Silbenrätsel zu Gilgamesh, Isimud und Dumuzi als Code und Schlüssel zur Wahrheit

Den Code aufbrechen: über Silbenrätsel zum Wesenskern

Im Gilgamesh-Epos enthalten die meisten Namen solche Codes, auch der Name des Mannes, der die Sintflut überlebt hat und in den göttlichen Stand erhoben wurde: s. UtNaPishTim).
So ergibt denn die Entschlüsselung der Namen anhand der Bedeutung ihrer Silben in den alten Überlieferungen immer wieder grundlegende Informationen über das wahre Wesen der Protagonisten, welches auch inhaltlich mit dem Kern der Botschaft in Einklang steht.

Dabei ist dieser Kern, der allen Überlieferungen gemeinsam ist, der Weg des Menschen zu Selbstwirksamkeit, das heisst Königsherrschaft Gottes im eigenen Leben. Dies entspricht dem Weg des Helden, welcher durch ein inneres Sterben (des Egos) auf dem Weg durch die Unterwelt zur Umkehr, zu Ganzheit und zum ewigen Leben geführt wird. 

Der gute und der verkehrte Sohn des Vaters

Zwei unterschiedliche Söhne des liebenden Vaters stellen verschiedene Arten und Archetypen von Männlichkeit dar. Denn der SOHN als Archetyp steht in den Überlieferungen immer auch für die Kraft oder Potenz des Vaters (und damit für den Phallus; s. Männliche Ganzheit 3-in-1, Vater – Sohn – Geist). Bildhaft gesprochen hat der Vater also zwei “SÖHNE” (s. in der Bibel Mt 21,28 ff. und Lk 15,11 ff.). Der eine tut dessen Willen und gibt sich dem Weiblichen hin, während der andere eindringt, nimmt und konsumiert. Die beiden sind in der Bibel durch die Archetypen des Christus und des Anti-Christus symbolisiert, in der sumerischen Überlieferung durch Dumuzi und Isimud:

 

Silbenrätsel 1: Dum(u)Zi und (I)ZiMud

Die beiden Namen stehen mit ihrer Silbenbedeutung für den “guten” und den “verkehrten” Sohn.

Dumuzi von DUM-ZI = Sohn des Lebens (des Vaters)

Dumuzi bedeutet, wie schon bei früherer Gelegenheit erwähnt, «Sohn des Lebens». (DUM=Sohn; Zi=Leben). Der Sohn des Lebens stellt den guten, nämlich den gehorsamen Sohn des Vaters dar, der sich gemäss dessen Willen dem Weiblichen hingibt.

Isimud von ZI-MUD = der “verkehrte” Sohn des Vaters (nicht-Sohn-nicht-Leben)

Dumuzi steht im Gegensatz zu Isimud, dem «verkehrten» Sohn des Vaters. (Die Silben des Namens sind ein Code für die Funktion des Protagonisten: ZI=Leben, DUM=Sohn. (I)ZI-MUD hingegen, als Umkehrung von DUM(u)ZI), verkörpert den verkehrten Sohn (des Vaters), der mit Macht ins Weibliche eindringt und sich nimmt, was er will, ohne Absicht, etwas von sich hinzugeben.

Dumuzi und Isimud – Christus und der Antichristus

Bei (I)ZI-MUD und DUM(u)-ZI handelt es sich um die beiden verschiedenen Söhne des Vaters, wiederum symbolisiert durch die gegensätzlichen Archetypen des Christus und des Anti-Christus dargestellt.

Silbenrätsel 2: Gilgamesh, Inannas Initiator und der Weg  zur Hingabe

Gemäss der babylonischen Niederschrift hiess der Held, der Inannas Baum fällte, Gilgamesh. Doch in der ganzen weiteren Mythologie erscheint dieser Name nicht mehr. Es scheint sich dabei um eine spätere Einfügung zu handeln.

Silbenrätsel: Der Name Gilgamesh und der Weg durch die Unterwelt

Wiederum geben die Silben Hinweise auf die Bedeutung des Namens: Gi/Ki=Erde; GAL=Unterwelt; MESH (Mash)=Diener. (Dies in Umkehrung von Sha=Herrscher. So stellte der babylonische Sonnengott Shamash den Animus als Antrieb in der Materie dar, zum Guten, durch Liebe oder auf problematische Weise, über den Trieb).

Fazit durch Entschlüsselung der Code: Der dienende König

Also: Gilgamesh = “Der auf dem Weg durch die Unterwelt das Dienen gelernt hat”. Dieser Weg passt sowohl auf Gilgamesh als auch auf Dumuzi, welcher als «Sohn des Lebens» der Hirte und spätere Gemahl der Göttin ist. Dieser Archetyp wurde durch Jesus Chrisuts wieder aufgenommen: “Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe” (Joh 10,11).

Der König als guter Hirte: Hingabe an das Weibliche

Der Hirte stellt als Archetyp die fürsorgliche Seite Gottes dar. Diesem kommt in der jüdisch-christlichen Überlieferung eine überaus zentrale Bedeutung zu. Doch auch die Könige im Zweistromland verwendeten für sich gerne den Titel “Hirte” (s. Die sumerische Königsliste).

[S. Der gute Hirte in Psalm 23 und in Joh 10, 1-30 (Bibelserver); beachtenswert die Zahlen dieser Bibelstelle: 10 für die erlöste Schöpfung; 1 für Gott als Einheit und Ganzheit und 30 für die göttliche Zahl 3 multipliziert mit der 10.]

Vom Hirten zum guten König und der Gilgamesh-Code

Der Name Gilgamesh – eine babylonische Einfügung

Der Name Gilgamesh für Inannas Initiator (mit dem sie ihren ersten Geschlechtsverkehr hatte) wurde wohl erst anlässlich der babylonischen Niederschrift (um ca. 1800 v. Chr., also erst viele Jahrhunderte später) eingefügt. Dabei steht das babylonische Gilgamesh Epos (ca. 1500 bis 1000 v. Chr.) einerseits eine Umdeutung der sumerisch-akkadischen Überlieferung dar und andererseits auch eine Hymne auf den ersten Weltherrscher Sargon von Akkad, der die akkadische Kultur in Nachfolge der sumerischen begründet hatte. Aus diese entstand dann nahtlos die babylonische Kultur, weshalb Sargon, der die sumerischen Stadtstaaten unter seiner Herrschaft vereint hatte, in Babylon gewissermassen “göttlichen Gründerstatus” hatte.

[S. Sargon von Akkad und Von Sumer bis Babylon – Hintergründe.]

Einmaliges Auftauchen von Gilgamesh in der sumerischen Überlieferung

So erscheint Gilgamesh in der sumerischen Überlieferung als babylonische Einfügung auch nur ein einziges Mal, nämlich ganz am Anfang, wo er als Held in seiner schweren Rüstung den Garten der Göttin betritt und ihren Baum fällt (s. Gilgamesh und Inanna, Episode 3). In der Fortsetzung ist dann nur noch von Isimud (als Randfigur) und von Dumuzi als Inannas Mann die Rede.
Dies lässt sich damit erklären, dass die Wandlung des starken Kriegers zum hingebungsvollen Ehemann, wie er noch in der sumerischen Überlieferung beschrieben wird, nicht so recht ins babylonische Narrativ passen will. Denn zumindest in dessen jüngeren Versionen wird die Macht des des Gewaltherrschers zunehmend verherrlicht (s. nächster Klapptext).

Umdeutung und Verdrehung der sumerischen Überlieferung im babylonischen Gilgamesh-Epos

Erste Verherrlichung von Gewalt

Das babylonische Gilgamesh-Epos entstand zwischen 1500 und 1000 v. Chr. und stellt eine Umdeutung der älteren sumerischen Mythologie dar, indem Gilgamesh neu als die alleinige Hauptfigur der Mythologie verherrlicht wird, ein draufgängerischer Königgott, der selbst vor dem Himmel nicht zurückschreckt. (S. Das Gilgamesh-Epos, Einführung).

Diskreditierung der Göttin der Liebe

So wird die Göttin der Liebe, die in Babylon Ishtar heisst, als Hure abgewertet mit der Begründung, dass sie angeblich «so viele Liebhaber” gehabt haben soll. Gilgamesh zählt sie alle auf: nämlich Gilgamesh, Isimud, Dumuzi, den Gärtnersjungen. Mit diesen nimmt das Epos auf die älteren akkadischen und sumerischen Überlieferungen Bezug. Doch vor allem will es den Despoten rechtfertigen, der unzählige Frauen konsumiert und Jungfrauen in der Hochzeitsnacht unter Berufung auf das «Recht der ersten Nacht» vergewaltigt hat. Denn er steht in der unangenehmen  Auseinandersetzung mit seiner zornigen Göttin-Gattin “(Ishtar”) und sagt trotzig: “Du bist doch keinen Deut besser!”.  (s. Gilgamesh – Königgott und Tyrann (Prolog) und Gilgamesh und Ishtar als Hure).

Der Hirte und der Ackerbauer

Und endlich ist nun also Inannas Initiator und Heldenkönig Dumuzi-Gilgamesh bereit, in eine verbindliche Beziehung mit seiner Göttin zu treten.

Doch in der sumerischen Überlieferung hat die Frau noch immer eine starke Stellung und so ist es nun sie, Inanna, die zögert. Der Grund dafür ist, dass noch ein anderer Bewerber da ist, der Ackerbauer! Dieser scheint offenbar ebenfalls um die Gunst der Göttin zu werben – und würde möglicherweise eher die «standesgemässe» Verbindung darstellen.

Nomaden als Unterschicht in der Kultur sesshafter Ackerbauern und Kleinkönige

Zwei verschiedene Lebenskonzepte

Mit dem Hirten und dem Ackerbauern stehen sich zwei unterschiedliche Lebenskonzepte gegenüber: das Nomadentum und Sesshaftigkeit in Siedlungs- und Städte-Kulturen. Der Umstand, dass Gilgamesh-Dumuzi als «Hirte» bezeichnet wird, weist darauf hin, dass er zu den Nomaden gehörte oder zumindest von diesen abstammte. Inanna hingegen war wohl die Tochter eines ansässigen Ackerbauern, vielleicht sogar eines Kleinkönigs, in dessen Garten Gilgamesh womöglich arbeitete und wo es eben zum Geschlechtsverkehr kam.

Sargon von Akkad: vom Gärtner zum König, dank der Gunst der Prinzessin

Dies wird sowohl durch die spätere akkadische Sargon-Legende wie auch durch das  babylonische Gilgamesh-Epos bestätigt. So erzählt Sargon selbst in seiner “Sargon-Legende“, dass er als Findelkind in einem Weidekorb vom Gärtner des Königs aus dem Wasser gezogen worden war. Weiter sei er Dank der Gunst der Göttin Ishtar (babylonische Göttin der Liebe, =Inanna) zum König aufgestiegen. So konnte er ca. 2300 das erste Weltreich begründen, welches damals vom persischen Golf bis zum Mittelmeer reichte.)

Das Gilgamesh-Epos als Hymne auf den ersten Weltherrscher Sargon von Akkad

Auch im späteren Gilgamesh-Epos, in welchem sich viele Elemente sowohl der sumerischen Überlieferung als auch der Sargon-Legende wiederfinden, wird auf die Liebelei der Göttin der Liebe (die nun Ishtar heisst) mit dem Gärtnersjungen angespielt (s. Die Abwertung der Göttin als Hure).

Das Thema des Helden als künftiger König, der jedoch im fremden Schloss Aschen- oder Gartenarbeit leistet, wird zum Beispiel auch im Märchen, zum Beispiel in Der Eisenhans aufgenommen.

Im fremden Schloss

Inanna und der Hirte: Beziehung über Leistung

Fürsorglichkeit, Wertschätzung und der Segen der Mutter

Der Hirte hat offenbar nicht nur bei Inanna, sondern auch bei ihrer Mutter Gunst gefunden. So legt sie ihn ihrer Tochter mit diesen Worten ans Herz: «Er wird dich wie ein guter Vater wertschätzen und für dich sorgen wie eine Mutter!
Das mag daran liegen, dass beim Hirten Beziehung und Fürsorglichkeit stärker ausgeprägt sind, indem er sich um die Tiere kümmert und auch achtsam und dankbar mit Mutter Natur umgeht.
Demgegenüber ging es beim sesshaften Ackerbauern bald einmal um Territorium, Profit und Unterwerfung des Weiblichen (der Natur und der Frauen). Damit war (im Zeitraum zwischen Akkad und Babylon, also ab ca. 2200 v. Chr.) auch das Patriarchat geboren.

Der Ackerbauer und der Hirte, Kain und Abel, Sesshaftigkeit (Patriarchat) vs. Mutter-Kultur

Der Ackerbauer und der Hirte

Der Hirte gehört zu den Nomaden, welche die grosse Muttergottheit und Erde verehren, die schenkt, was gebraucht wird. Sie leben in Einklang mit der Natur und in Achtsamkeit gegenüber der Schöpfung.

Damit stehen sie im Gegensatz zu den Ackerbauern, welche die Erde bearbeiteten, um Ertrag zu erhalten, ja sich «die Erde untertan» machen. Sie säen und ernten (mehr als sie brauchen), sie halten Tiere und machen sie nutzbar. Dabei studieren sie den Zyklus der Natur, planen Saat und Ernte und mehren ihre Ressourcen zielstrebig.

Nomadentum und Sesshaftigkeit: Mutter- und Vater-Kultur (Patriarchat)

Auf diese Weise haben sich die sesshaften Ackerbauern dem Schoss von «Mutter Natur» entwunden und stattdessen dem schöpferischen Bewusstsein («VATER») zugewandt. Wobei der Ackerbauer eher noch mit dem Gott der Luft identifiziert ist, der jugendliche, machtorientierte Macho-Männlichkeit darstellt. Denn er will seine Güter mehren und Land wie auch Frauen besitzen, womit die Unterwerfung als nächster Schritt nicht fern ist.

Kain und Abel und der Brudermord

Die Kluft zwischen diesen beiden unterschiedlichen Lebensformen wird in der Bibel durch Kain und Abel beschrieben. Sie entspricht der Kluft zwischen dem Nomadentum und den ersten Hochkulturen (Ägypten und das Zweistromland). So wie Kain Abel erschlagen hat, hat weltweit die Fortschrittliche und invasive Kultur der “Sesshaften” die Nomaden zuürckgedrängt bis auf ein paar wenige Reservate.

Ich will den Hirten nicht heiraten!
Seine Kleider sind grob; seine Wolle ist rau.

Feiner Flachs oder kratzende Wolle – reibungslose Beziehungen?

Edle Leine, die in einem aufwendigen Verfahren aus Flachs gewonnen wird, fühlt sich auf der Haut glatt an, während Wolle eher kratzt. Leinen wurde darum auch für Unterkleider verwendet (zum Beispiel der biblischen Priester).

Die unterschiedliche Beschaffenheit der Materialien mag auch ein Bild für die Art der Beziehungsgestaltung sein. Der «reiche» Ackerbauer verwöhnt seine Prinzessin und bietet ihr ein angenehmes Leben. Sie hat jedoch im Gegenzug ihren Platz einzunehmen und Nachwuchs zu bringen. Der Hirte hingegen begegnet ihr auf der Ebene der Beziehung. Sie ist ihm nicht gleichgültig, und er “kratzt” sie, denn er ist emotional involviert und lässt sich auf ihre Gedanken und Empfindungen ein.

Mutter- oder Vaterkultur (Patriarchat)?

Der Hirte gehört wie erwähnt zur Mutter-Kultur, welche die Erde mit ihren Ressourcen achtet und Fürsorglichkeit lebt. Ohne zu werten, zeigt Dumuzi, der Hirte auch, dass es ihn trifft, wenn Inanna aufgrund seiner Herkunft an ihm zweifelt: “Mein Vater, Enki, ist so gut wie dein Vater, Nanna! Königin des Palastes, lass uns die Sache durchsprechen!”
(Nanna als männlicher Mondgott ist ein Hinweis auf bereits etablierte patriarchale Strukturen Babylons, denn der Mond ist mit Weiblichkeit assoziiert.)

Der Hirte, Geliebter der Göttin und Sohn des Gottes der Erde: EnKiDu (!)

Der Geliebte der Mutter

Der Hirte ist wie oben beschrieben der Geliebte und Auserwählte der Göttin. Als solcher ist er auch der Sohn des Gottes der Erde, Enki (EN = Gott; KI = Erde). Dieser ist als “der VATER” ein Liebender und ein Weiser, man könnte sagen ein Schamane, der zu jenen gehört, welche die grosse Mutter-Gottheit verehren (s. unten). So ist auch sein «Sohn», der Hirte fürsorglich, denn er sorgt für seine Schafe und nimmt dankbar an, was Mutter Natur ihm schenkt.

Silbenrätsel: Enkidu, Gilgameshs bester Freund, sein Trieb

Im babylonischen Gilgamesh-Epos heisst der «beste Freund» des Königs EnKiDu(m), was übersetzt Sohn des Gottes der Erde bedeutet (DUM = Sohn). Er ist ein haariger «Wilder», der durch eine «Hure» domestiziert worden ist, und Gilgamesh zu einigen Untaten anstiftet (s. Gilgamesh und Enkidu).

Inannas Wahl: der Hirte!

Eigener Verdienst vs. Gnade, Dominanz vs. Beziehung

Während also der Ackerbauer seine Gerechtigkeit von seinem eigenen Verdienst und Erfolg ableitet, ist der Hirte mit seiner beziehungsorientierten Fürsorglichkeit jener, der sich involvieren lässt und auch auf seine Göttin eingeht. Damit gewinnt er ihr sie ganz.

“Königin des Palastes, lass uns die Sache durchsprechen!”

Das Wort, das sie gesprochen hatten, war ein Wort des Begehrens.
Mit den ersten Worten des Streites entstand liebendes Verlangen.

Der Hirte Gilgamesh-Dumuzi  lässt sich auf eine Beziehung ein und ist emotional involviert. Auf diese Weise gewinnt er das Herz seiner Göttin, und es erwacht gegenseitige Leidenschaft zwischen den Liebenden.

Inannas Hochzeit mit dem Hirten

Inanna und der Hirte Dumuzi als moderne Erzählung

Anna:

Bruder, wer wird mit mir ins Bett gehen?

Udo wollte wissen, woher ich den riesigen Blumenstrauss mit den 50 Rosen hätte. Als ich ihm erzählte, dass ich ihn von Gil bekommen hatte, sagte er:
­– Gil … interessant! Neulich traf ich ihn per Zufall. Er scheint sich ziemlich verändert zu haben! Er hat sogar seinen Namen geändert! Statt „Gil“ nennt er sich nun nach seinem zweiten Vornamen, Thomas. Bei unserem Treffen fragte er mich auch nach dir, und seine Augen leuchteten dabei …
– Thomas? Lustig, das bedeutet ja ‚Zwilling’, warf ich ein: das passt doch zu ihm …  zwei verschiedene Seiten!

Inannas Wahl: der Hirte oder der Ackerbauer?

Als Udo lächelte, fügte ich etwas zögernd hinzu:
– Ich bin nicht sicher, ob ich ihm trauen kann…. – Und ausserdem gibt es auch andere Männer, die sich sehr für mich interessieren, zum Beispiel Kai. Er überhäuft mich geradezu mit Zuwendungen und will in seiner Zeitung einen Artikel über mein Projekt bringen …

Nun hob Udo die Augenbrauen und meinte nüchtern:
– Ist ja nicht weiter verwunderlich, dass Männer sich für dich interessieren. Du bist jung und attraktiv! Aber in Herzensangelegenheiten sind Geld, Karriere und Status schlechte Ratgeber. Sie mögen dich zwar blenden, aber was wirklich zählt, ist eine gute Beziehung und die Bereitschaft des Mannes, sich hinzugeben.

Der Hirte: Kampf um die Beziehung

Kurz darauf traf ich mich wieder mit Gil – also mit Thomas ­–, um mich für die Blumen zu bedanken. Dabei stellte ich etwas irritiert fest, dass mein Herz bis zum Hals klopfte. Zudem fühlte ich mich innerlich unsicher. Konnte ich mich diesmal auf ihn verlassen?

Ich wollte seine Hingabe nochmals prüfen, indem ich ehrlich sagte:
– Und wie weiss ich, ob ich dir wieder vertrauen kann? Ich meine, ich will das nie mehr erleben!

Doch Udo hatte recht: Thomas war nicht mehr derselbe. Er antwortete ehrlich und achtsam, ohne mir das Blaue vom Himmel zu versprechen:
– Das kann ich gut verstehen, Anna. Aber es soll jetzt anders werden … Ich will dir alles geben, was ich habe, mein Bestes. Ich will dich lieben, für dich da sein …

Er machte eine Pause, dann holte er tief Luft:
– Anna, willst du mich heiraten?

Mein Herz machte einen Sprung! – Doch zugleich fühlte ich noch immer innere Ambivalenz, darum sagte ich:
– Gil – äh… Thomas! Das kommt jetzt etwas gar überraschend … Ich weiss nicht, ich bin jetzt daran, meine berufliche Zukunft zu planen und will zuerst mit meinem Projekt trittfassen.
– Gewiss! Aber wir können doch unsere Zukunft zusammen aufbauen. Ich denke, wir würden uns gut ergänzen. Ich habe auch Pläne, Pläne für UNS! Lass uns das zusammen durchgehen und besprechen! Ich bin überzeugt, dass dich das interessiert und dass wir beide nur profitieren, wenn wir uns zusammenschliessen.

Der Hirte und der Segen der Mutter

Mir war das alles etwas schnell gegangen und ich fühlte mich plötzlich überfordert mit dem Gedanken, mein ganzes Leben mit Thomas zu teilen. Als ich Mutter davon erzählte, schien sie sich jedoch aufrichtig zu freuen. Sie blickte mich liebevoll an und sagte:
­– Mir scheint, du hast dich doch schon entschieden! Wenn da Leidenschaft in der Beziehung ist und Thomas es wirklich ernst meint … – Natürlich werden da auch Herausforderungen sein, wie immer im Leben. Eure Beziehung wird wachsen und sich entwickeln müssen, das gehört dazu! – Doch wenn er bereit ist, sich zu binden … Was zögerst du da noch?
– Aber Mutter, wie war das denn bei dir?, wollte ich wissen: Ich meine, mein Vater hat uns verlassen, bevor ich ihn kennenlernen konnte …

Inannas Vater, Gott der Luft, ein «verkehrter» Sohn (Isimud)

– Ja, das war so, sagte sie nachdenklich und fuhr fort: Mir geschah dasselbe wie dir. Ich liess mich im Zauber des Augenblicks mit diesem Mann ein und wir schliefen miteinander. Der Unterschied zu dir war aber, dass ich dabei schwanger wurde, mit Udo. Dein Vater versuchte zuerst, in die Verantwortung hineinzustehen. Doch als ich kurz nach Udos Geburt gleich wieder schwanger wurde, mit dir, merkte ich, wie eine Kluft zwischen uns entstanden war und weiterwuchs. Er kam immer später nach Hause mit der Begründung, dass er so viel Arbeit habe. Bald darauf winkte ihm ein Karrieresprung, der aber viele Auslandreisen mit sich bringen würde. Weil ich spürte, dass er nicht bereit war, sich zurückbinden zu lassen, liess ich ihn ziehen.

Der Hirte und gute Sohn des wahren Vaters (des Gottes der Erde)

Sie schüttelte etwas traurig den Kopf, dann blickte sie mich an und fuhr fort:
– Aber bei dir scheint das eine andere Situation zu sein. Thomas meint es allem Anschein nach ernst. Zudem bist du gut ausgebildet. Ihr seid jung und stark und könnt gemeinsam etwas aufbauen.

Also begann ich, mich mit Gil und unseren Plänen auseinanderzusetzen. Es war ein spannender Prozess und ich merkte, dass ich mich gut einbringen konnte und er mir viel Wertschätzung entgegenbrachte. Zudem spürte ich, wie es sich stark anfühlte, zu zweit unterwegs zu sein und bekam wirklich Lust, mit ihm gemeinsam die Herausforderungen zu anzupacken. – Und ja, es fühlte sich auch richtig an, unsere Gemeinschaft in einen verbindlichen Rahmen zu stellen. Wir entschlossen zu heiraten.

Enki sprach zu Inanna:
„Im Namen meiner Macht! Im Namen meines Heiligtums!
Die Me, die du mitgenommen hast,
sollen im Heiligtum deiner Stadt bleiben!

Vater Enki (Gott der Erde) bei den Festlichkeiten [s. letzte Episode]

Ich bat Enrico, mich zum Traualtar zu führen.
Als der Tag gekommen war, legte er stolz und gerührt meine Hand in Gils.

Am Abend hielt er eine Rede:
– Anna, du bist meine Lieblingsnichte. Ich habe dich aufwachsen sehen und mich immer an dir gefreut. Alles, was du anpackst, gelingt dir. Du bist effizient, diszipliniert und kreativ, auch unkonventionell und mutig, darüber hinaus klug und charmant – mit anderen Worten: Du bist einfach perfekt!
So bist du also zu einer verantwortungsvollen Person herangereift, lässt dich nicht von Dämpfern oder Fehlern entmutigen, sondern lernst daraus und überwindest Schwierigkeiten. Es ist dir sogar gelungen, meinen wilden Schützling Thomas zu bändigen, das hätte ich nicht erwartet, dass das möglich ist!

Bei diesen Worten zwinkerte er Thomas zu, der über das ganze Gesicht strahlte:
– Ich wünsche euch beiden alles Gute für die Zukunft, viel Erfolg, Freude, Liebe… und auch Geduld! – Wenn ihr etwas braucht, ich bin für euch da!

Als Hochzeitsgeschenk überreichte er uns einen Umschlag. Darin befand sich ein Scheck mit einer grossen Summe für unser gemeinsames Projekt.

Wir feierten ein rauschendes Fest. Ich freute ich mich auf unsere erste Nacht – als Mann und Frau!
Der Himmel war offen über uns!

Nachweise:

* Originaltext, Übersetzung aus dem Sumerischen ins Englische: S.N. Kramer in WOLKSTEIN, DIANE / KRAMER SAMUEL NOAH. Inanna, Queen of Heaven and Earth. Her Stories and Hymns from Sumer. New York 1983 (Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche durch die Autorin).

[1] Gott und Göttin mit Hörnerkrone («Königsmütze») aus Wolkenstein/Kramer, S. 30 und 184: Tonplatte aus gebranntem Ton. Diqdiqah in der Nähe von UR (U17604) Mesopotamien, Isin-Larsa-Periode Babylons, ca. 2000 bis 1600 v. Chr., London, British Museum BM 123230


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Top

Newsletter Abonnieren

We respect your email privacy

Newsletter abonnieren

You have successfully subscribed to the newsletter

There was an error while trying to send your request. Please try again.

Goldspur will use the information you provide on this form to be in touch with you and to provide updates and marketing.