Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Die Initiation von Gilgamesh und Enkidu: der Wilde und die Frau (1)

Die Initiation von Gilgamesh-Enkidu

By on 1. Oktober 2024

Die Initiation von Gilgamesh-Enkidu

Der Wilde und die Frau: Die Initiation von Gilgamesh und Enkidu findet in derselben Nacht stattt.

Die Initiation von Gilgamesh und Enkidu

Der erste Geschlechtsverkehr

Die Initiation von Gilgamesh und Enkidu, dem König und dem wilden Mann, geschieht in derselben Nacht, indem jeder der beiden mit einer Priesterin/Tempeldienerin (Ishchara / Shamkat) den ersten Geschlechtsverkehr erlebt. Dies bringt den Wilden zum König, womit verdeckt gesagt wird, dass dies den Wilden zum König macht. 

In diesem Abschnitt des babylonischen Gilgamesh-Epos wird dargelegt, dass es sich bei Gilgamesh und Enkidu um ein und dieselbe Person handelt, indem Enkidu den wilden Trieb des Königs darstellt.

Der Mensch: vom wilden Trieb zu Königsherrschaft

Sechs Tage und sieben Nächte Sex

Dieser Abschnitt spricht von dem Wilden, der in Einheit mit Mutter Natur gelebt hat. Doch dann wird er durch den Jäger und amtierenden König “verdorben”, indem ihm vom Jäger mithilfe des amtierenden Königs eine Tempeldienerin zugeführt wird. Nach sechs Tagen und sieben Nächten Sex ist er eine neue Kreatur und seine Herde erkennt ihn nicht mehr, sondern flieht vor ihm.

Daraufhin bringt ihm die Frau menschliche Umgangsformen bei, mit dem Ziel, um ihn nach Uruk zu führen.

Das Ziel für den Menschen: Königsherrschaft im eigenen Leben!

Im übertragenen Sinn spricht das Gilgamesh-Epos hier auch von den Wurzeln des Menschseins. Dabei ist Gilgamesh ist ein Archetyp für den Menschen, der in einem tierischen Körper steckt (“Enkidu”). Das Epos handelt als Ganzes vom Weg des Menschen zu eigenverantwortlicher und selbstbestimmter Königsherrschaft im eigenen Leben.

Seine Göttin, mit andern Worten seine Anima als seine immaterielle Seele, wird ihm dabei helfen, auf mannigfache Weise, wie im Epos mehr oder weniger verschlüsselt zu Ausdruck kommt. Doch er muss sie zuerst integrieren … darum geht es im Epos.

Wie im Himmel, so auf Erden …

So beginnt denn das Gilgamesh-Epos mit den Göttern, welche zugleich die neue Rollenverteilung auf der Erde bekanntgeben. Der Vater-Gott befiehlt nun der Mutter-Göttin, ein wildes Wesen zu erschaffen, welches die wilde Kraft Gilgameshs auf sich ziehen soll …

Vorbemerkung: Interessant wird es, wenn man, in Analogie zur Traumdeutung, sowohl Enkidu, wie auch den Jäger wie und den König als Persönlichkeitsaspekte des Helden betrachtet. Enkidu symbolisiert den “unschuldigen Menschen”, der verdorben und durch Macht korrumpiert wird und der Jäger symbolisiert den Mann auf  der Jagd nach Frauen, die er konsumieren (fressen) möchte. Der König wiederum muss sich vom Machtherrscher zum verantwortungsbewussten und dienenden König wandeln. Das ist sein Heldenweg.

1. Die Erschaffung Enkidus

Der unschuldige Wilde und seine Zivilisierung

Enkidu, mehr Tier als Mensch, wächst im Wald unter Tieren auf. Weil er die Fallen des Jägers zerstört, möchte dieser ihn ausschalten. Zu diesem Zweck bringt er eine Tempeldienerin an die Tränke gebracht, die Enkidu mit ihren Reizen locken und ablenken soll.

Originaltext zur Initiation von Gilgamesh und Enkidu
(Tafel 1 und 2) *

Wörtliche Textausschnitte, Zusammenfassungen und Bemerkungen

1. Männliche Befehlsgewalt und Erholung für das Weibliche

Wörtlich:

Du, Aruru, hast geschaffen, was Anu befahl!
Nun erschaffe, was er befiehlt!
Dem des andern sei gleich dessen Herzensungestüm!
Wettstreiten sollen sie — Uruk erhole sich!

Deutungen: göttliche Ordnung und die Getriebenheit des Königs
  • Anu und Aruru stellen die Ur-Eltern dar. AN bedeutet “Himmel” oder göttlich, in Aruru klingt Ur oder Uruk an. Dies macht für eine weibliche Gottheit insofern Sinn, als die weibliches Seite (Gottes) jeweils das Volk und das Land darstellt (s. nächster Klapptext).
  • „Aruru erschaffe, was Anu befiehlt!“ – Befehl statt Liebe! Hier wird nun die neue Realität, die in Babylon geschaffen worden ist, schriftlich festgehalten und kommt zum Tragen: männliche Befehlsgewalt und die Unterwerfung des Weiblichen. Was “im Himmel“, nämlich im Geist, bereits Realität ist, wird sich auch auf der menschlichen Handlungsebene immer mehr durchsetzen.
  • Dem andern gleich sei dessen Herzensungestüm: Gilgamesh und Enkidu sind gleich, sind eins.
  • Uruk erhole sich: die Stadt, das Vok, die Frau und die Frauen brauchen Erholung, eine Schonfrist … Zu diesem Zweck soll sich der Mann mit seinem starken Trieb auseinandersetzen und diesen überwinden. Das wäre die Idee.

1. Schaffe, was ich befehle!

“Hey Alte! Schaffe, was ich dir befehle!” – Unterwerfung und Gehorsam des Weiblichen sind von nun an der Ton, der angeschlagen wird.

[S. Einführung ins babylonische Gilgamesh-Epos und auch schon in Schöpfung und Fall in Sumer.
S. auch 
Vater und Mutter, Geist und Materie.]

Hier ein erster Paradigmenwechsel des Gilgamesh-Epos (Einführung ins babylonische Gilgamesh-Epos):
Männliche Befehlsgewalt im Himmel gibt auch die neue, “göttliche” Ordnung für die Menschen auf der Erde vor. Diese lautet: Männlichkeit befiehlt.

2. Erholung für das Weibliche

Die Götter selbst greifen ein: Während Gilgameshs Energie auf (s)ein triebhaftes Wesen gelenkt wird, möge Uruk, die Stadt des Königs, sich etwas von dessen Umtriebigkeit erholen (s. Gilgamesh, Königgott und Tyrann von Uruk (Prolog).

“URUK ERHOLE SICH”
Die Stadt steht in den Überlieferungen für das menschliche Kollektiv und symbolisiert das (Befehle) empfangende Weibliche, das das unter der Umtriebigkeit des Königs leidet, wie auch seine Königin (dazu im nächsten Abschnitt). Sie braucht Abstand und Erholung!

Zum grossen Weiblichen gehören: die Erde, das Land, das Volk und die Frauen

Lebendige, empfangende und Realität gestaltende Materie

  • Die Frau, alle Frauen: Sie können Samen aufnehmen und neues Leben gebären.
  • Der menschliche Körper: Er nimmt Impulse des Bewusstseins („männlich“) auf und setzt sie in Worte, Taten und neue Realität um.
  • Das Kollektiv (Gruppe, Volk, die ganze Menschheit): Es reagiert auf Impulse (zum Beispiel in Form von Informationen wie Nachrichten) mit Stimmungen und Handlungen. Es nimmt auch die Instruktionen des Herrschers auf und gestaltet diesem entsprechend neue Realität (führt Weisungen aus, wie zum Beispiel den Bau von Strassen).
  • Die Erde: Sie kann Samen aufnehmen und Wachstum ermöglichen. Zudem reagiert sie ebenfalls auf unterschiedlichste Impulse, zum Beispiel aus dem Kosmos (wie Sonnenaktivität) oder auf menschliches Verhalten zum Beispiel mit Klimaerwärmung. (Dabei bedeutet der «Kosmos» in den Überlieferungen mehr als das Universum, er wird in seiner Kraft dem Element des Feuers zugeschrieben und hat darum eine göttlich-geistige und initiierende Qualität, s. Die Dynamik der Elemente.)
  • Die ganze Schöpfung: Sie ist der Vergänglichkeit preisgegeben und damit in der „Unterwelt“ (s. Das Grosse Weibliche in der Unterwelt).

Gott, weiblich, 3-in-1 und die Erschaffung neuer Realität

Die weibliche Essenz in ihrer Vollkommenheit ist lebendige, Realität gebärende und wunderwirkende Kraft, welche den schöpferischen Impuls (Samen, «männlich») in Realität umsetzt. Sie gehört per Definition zum Unbewussten (s. Das Bewusstsein und das Unbewusste).

[S. Männlich und weiblich – die beiden Ur-Kräfte der SchöpfungMännlich und weiblich und die Erschaffung neuer Realität und Weibliche Ganzheit 3-in-1: Potenzial, Realität und Schicksal.]

2. Die Initiation Endikdus und Gilgameshs

Die Initiation Enkidus

Der Wilde aus Lehm (Erde, hebräisch adama)

Aruru wusch sich die Hände,
Kniff sich Lehm ab, warf ihn draußen hin.
Enkidu, den gewaltigen, schuf sie, einen Helden …

Enkidu (= “Sohn des Gottes der Erde) wuchs im Wald auf, war eins mit seiner Herde, frass Gras wie die Tiere und kam mit ihnen zur Tränke. Auch zerstörte er die Fallen des Jägers, was für diesen ein Problem war.

Deutungen der Symbole: Der unschuldige Wilde, aus Lehm geschaffen und der Jäger
  • Aus Lehm: Grundsätzlich ist die Erde ein Symbol für den weiblichen Körper. Erde mit Wasser vermischt wird zu Lehm. Wasser wiederum ist das Symbol für die weibliche Seele (s. Die vier Elemente, ihre Bedeutung und ihr Geheimnis). Die lebendige Materie, als die “Göttin” ist als weiblich-empfangend zu bezeichnen (s. Männlich und weiblich, die beiden Ur-Kräfte der Schöpfung). Die Schöpfung aus Lehm erinnert auch an die Schöpfung Adams in 1. Mose 1,7).
  • Enkidu = Sohn des Gottes der Erde. En=Gott; Ki = Erde; Du(m) = Sohn): Hier ist unter “Gott der Erde” wohl Naturverbundenheit im Gegensatz zu Zivilisation gemeint. Mehr zu Enkidu s. unten.
  • Mit der Herde Gras fressen: Grasfresser symbolisieren den weiblichen Körper (allen voran das Einhorn, aber auch Hirsche, Kühe, Stiere …). Enkidu wächst in weiblicher Geborgenheit auf.
  • Fallen des Jägers zerstören: Dies als Bild für eine ursprüngliche Einheit und Respekt gegenüber dem Weiblichen und auch Mutter Natur.
  • Jäger sind im Gegensatz dazu „Fleischfresser“: Der Jäger symbolisiert nicht zuletzt Männlichkeit auf Frauenjagd (“Aufriss).

Um Enkidu auszuschalten, bat der Jäger seinen Vater, um Rat. Dieser hatte die Idee, den König Gilgamesh um eine Shamkat, eine Tempeldienerin, zu bitten. Sie sollte Enkidus Aufmerksamkeit auf sich ziehen und ihn von seiner Herde entfremden. So geschah es:

Die Shamkat

Ihren Busen machte die Shamkat frei,
Tat auf ihren Schoß, er nahm ihre Fülle […]

Sechs Tage und sieben Nächte war Enkidu auf,
Daß er die Shamkat beschlief.
Deutungen: Sechs Tage und sieben Nächte Beischlaf und die Herde flieht
  • Schamkat – Liebesdienerin, Priesterin der Göttin der Liebe, wie aus der nächsten wörtlichen Textpassage ersichtlich wird
  • Sechs Tage und sieben Nächte – eine neue Schöpfung: Diese Zahl kommt viermal im Epos vor und kündet jeweils eine „neue Schöpfung“ an. Hier nun die erste: der junge König ist nun zum Mann „geweiht“ (mehr s. unten).
  • Sprangen auf und davon die Gazellen: Entfremdung von der Herde – die jungen Frauen fürchten ihn nun: Er hat nun auf die „männliche“ Seite gewechselt, zu den „Fleischfressern“. Verlust der Unschuld. Der Wilde ist nun “zivilisiert” und aus der mütterlichen Geborgenheit herausgerissen worden. Leider ist er jedoch mit negativer, konsumierender Männlichkeit in Berührung, mit Macho-Verhalten und Macht.

Nach den 7 Tagen: eine neue Schöpfung

Die Sieben Tage symbolisieren im Gilgamesh-Epos immer wieder einen abgeschlossenen “Schöpfungszyklus”, auf welchen eine neue Realität folgt (s. unten 3. und auch Die Sieben-Tage-Schöpfung).

Die Initiation als neue Schöpfung (6 Tage und 7 Nächte)

Die Initiation als Weihe zum Weg der Liebe

Grundsätzlich gilt: Eine Frau, die sich einem Mann verschenkt, macht ihn zu ihrem Heldenkönig über ihr verborgenes Reich (s. Die Frau als Göttin und der Mann als ihr Heldenkönig). So sind beide durch den ersten Geschlechtsverkehr, ihre Initiation, für den Weg der Liebe “eingeweiht”.

Durch die Gunst der Göttin der Liebe zum König oder …

Im Gilgamesh-Epos und schon in der Sargon-Legende wird dies im weiteren Sinn auch ganz konkret in Zusammenhang mit der Herrschaft über ein Gebiet und ein Volk gebracht (welches die weibliche Seite darstellt; s. Männlich und weiblich und die Erschaffung neuer Realität).

Um die Auserwähltheit des Königs zu unterstreichen, sagt denn auch die Sargon-Legende ausdrücklich, dass es keine Geringere als Ishtar, die Göttin der Liebe selbst, war, die dem Helden ihre Gunst erwies und ihn so zum König machte. Im Gilgamesh-Epos hingegen wird dies durch die untergeordneten Gestalten der Shamkat und der Ischchara verschlüsselt.

… durch 6 Tage und 7 Nächte Sex zum “Tier” und der “Sündenfall”

Die 6 Tage und 7 Nächte sind im Epos immer wieder ein Hinweis auf einen abgeschlossenen Zyklus, auf welchem das Neue, das heisst eine neue Schöpfung folgt (s. Klapptext unten). Diese kann zum Guten oder Unguten führen. Hier wird eine eher problematische Entwicklung gezeigt, welche eine Art “Sündenfall” darstellt. Denn im noch unreifen Menschen (Enkidu) ist durch den Geschlechtsverkehr auch Begehren nach Macht und Konsum erwacht. So ist der Wilde nun selbst zum Jäger geworden.

Die vier Neuschöpfungen im Gilgamesh-Epos: vier mal sechs Tage und sieben Nächte

Inspiration für den “Sündenfall-Bericht”

Wahrscheinlich diente diese Episode wie auch jene in der sumerischen Überlieferung (Episode 3) als Inspirationsquelle der Sündenfall-Geschichte der Bibel. (In Episode 3 der sumerischen Überlieferung entjungfert Gilgamesh die Göttin Inanna, bildhaft dargestellt, durch die Fällung ihres Lebensbaumes. Dabei ist der Name Gilgamesh, der in der Überlieferung nur an der Stelle vorkommt, wohl erst anlässlich der Niederschrift der sumerischen Überlieferung in Babylon hinzugefügt worden. Denn der Geliebte der Göttin heisst Dumuzi = “Sohn des Lebens” – des Vaters :).

6 Tage und 7 Nächte – die 7 für Ganzheit in der irdischen Realität

Die 6 Tage und 7 Nächte stehen im Gilgamesh-Epos jeweils im Zusammenhang mit einer abgeschlossenen Phase, nach welcher etwas Neues beginnt. Dies, weil die Zahl 7: Ganzheit in der irdischen Realität darstellt, wie auch in der biblischen Sieben-Tage-Schöpfung zum Ausdruck kommt. (Es sind 7 Nächte, aber nur 6 Tage, weil der siebte Tag der Ruhetag ist, an dem auch Bilanz gezogen wird; s. Gilgamesh und die sieben Brote.)

Die vier Neuschöpfungen im Gilgamesh Epos

So kommen die sechs Tage und sieben Nächte im Epos viermal vor und künden jeweils eine „neue Schöpfung“ an. Die erste in diesem Abschnitt ist “zum Tode” (Fall und Fluch), die anderen drei sind Bestandteile der Umkehr zum wahren Leben und führen Gilgamesh auf den Heldenweg.

[S. Der Sündenfall-Bericht der Bibel und das Geheimnis der Schlange und Der Fluch über Adam und Eva;  Die Sieben, das Leben und die Schlange: Auf- und Abstieg und Der Heldenweg, Weg der Liebe.]

  1. Die Initiation: 6 Tage und 7 Nächte Sex: Sie ist das Thema dieses Abschnitts und macht aus dem Wilden einen rücksichtslosen Egoisten.
  2. Krankheit und Sterben Enkidus. Sie dauert 6 Tage und sieben Nächte, am siebten erfolgt der Tod Enkidus, der als Trieb auch das Ego symbolisiert.
  3. Besinnungslose Trauer des Gilgamesh, welche 6 Tage und sieben Nächte dauert und am 7. Tag zu seiner Umkehr führt. So entscheidet sich Gilgamesh, das ewige Leben zu suchen (und macht sich damit auf den Heldenweg, s. Teil II des Gilgamesh-Epos).
  4. Tiefer Schlaf als Symbol für Unbewusstheit, während 6 Tagen und 7 Nächten: Bei dem Mann, der die grosse Flut überlebt hat, erkennt Gilgamesh am 7. Tag, dass er sein ganzes Leben verschlafen hat und damit seine wahre Bestimmung als König (im eigenen Leben) versäumt hat (s. Die sieben Brote). Danach erhält er eine neue Chance.

Der Wilde – nun selbst zum Jäger geworden …

Als er von ihrem Genusse satt war,
Richtet‘ er sein Antlitz hin auf sein Wild:
Da sie ihn, Enkidu, sahen,
Sprangen auf und davon die Gazellen …
Enkidu – der wilde Trieb des Königs

Sohn des Vaters und Gott der Weisheit?

Enkidu bedeutet “Sohn des Gottes der Erde, EnKi”. Enki ist in der sumerischen Mythologie der guten Vater und Gott der Weisheit, der das Weibliche achtet, sich hingibt, ja ein Gesalbter ist und die Göttin der Liebe rettet. [S. Inanna und der Vater (4) und Inannas Auferweckung durch den Vater (15).]

Der “verkehrte” Sohn: der Jäger und der Herrscher (Macht und Trieb)

Im Gegensatz zum liebenden Vater wird jedoch nun im Gilgamesh-Epos eine andere “Vaterschaft” vorgeführt: Der Jäger, der konsumierende Männlichkeit symbolisiert.
Er “verdirbt” den Sohn der Mutter Natur, indem er ihn zu Konsum verführt. Der Plan gelingt. Denn so wird Enkidu im weiteren Verlauf des Epos zu demjenigen, der den König zu all seinen Untaten anstiftet.

Das "Unbehagen der Kultur" als Ort männlicher Vorherrschaft und Macht

Der naturverbundene Wilde schmälert den Profit des Jägers und muss darum “unschädlich” gemacht werden. Dies geschieht mithilfe des Königs, der zu diesem Zweck eine Tempelprostituierte zur Verfügung stellt, um ihn zu “domestizieren” oder zu kompromittieren.

Die Herde: frei oder domestiziert und zum Schlachten bestimmt?

Denn so, wie es die freilebende Herde von Grasfressern gibt (als Symbol für eigenständige Frauen der Mutter-Kultur), so gibt es auch die Hirschkühe im Gehege des Königs, die zum Abschlachten bestimmt sind. Während starke Weiblichkeit den Wilden, der nun auf den Geschmack von Fleisch gekommen ist, meidet (weil er nun selbst zum Jäger geworden ist), hält sich der König ein Heer von Frauen, die ihm zudienen und an denen er sich bedienen kann.

Das ist also fortan die neue “Kultur”, um welche es hier geht: Der Machtbereich des Mannes. Sie steht im völligen Gegensatz zu Freuds “Unbehagen der Kultur”, welche darum “unbehaglich” erscheint, weil sie eine Beschränkung des Triebes fordert. Ebenfalls steht sie im Gegensatz zur paradiesischen Geborgenheit und Fülle in “Mutter Natur”, wo für alles gesorgt ist.

Die neue Schöpfung und der Weg zum König (Gilgamesh)

Er aber wuchs, ward weiten Sinnes,
Kehrte um und setzte sich zu Füßen der Schamkat,
Ihr ins Antlitz schauend, der Schamkat;
Der Priesterin, wie sie redet, hören zu seine Ohren […]:
“Weise bist du, Enkidu, bist wie ein Gott!
Warum läufst du in die Steppe mit dem Getier?
Komm, ich führ dich hinein nach Uruk-Gart …”

Enkidu und die Shamkat (nach Simson und Delila, Wikipedia)

Simson und Delilah (Zeichnung nach einer Skulptur von Artus Quellinus, d.Ä., 1640: Samson und Dalila, Wiki)

Nun brachte die Shamkat Enkidu menschliche Umgangsformen bei. Sie gab ihm bei Tisch zu essen und zu trinken, gab ihm Kleider und brachte ihn zum Barbier. Und dann brachte sie ihn nach Uruk. Die Menschen der Stadt waren überwältigt von seiner gewaltigen Erscheinung und verehrten ihn wie einen Gott.
In derselben Nacht war nun auch für Gilgamesh selber – wie für einen Gott – eine junge Tempeldienerin, eine „Ischchara“ dargebracht worden:

Gilgameshs Initiation zum Gottkönig

Die Initiation des Gilgamesh

Für Gilgamesch ist wie für einen Gott eine Opfergabe hingestellt..
Der Ischchara ist schon das Lager gerüstet,
Gilgamesch war mit der jungen Frau in der Nacht zusammengekommen.

In derselben Nacht …

Die Initiation des Gilgamesh wird nur in diesem kurzen Satz erwähnt, bevor er in Uruk auf Enkidu trifft. Die Betonung auf “in der Nacht” mag ein Hinweis darauf sein, dass die Initiation der beiden gleichzeitig geschah, was eine Bestätigung der Deutung des Wilden und des Königs als ein und dieselbe Person darstellt.

Schamkat und Ishchara: Namensbedeutung, Silbenrätsel und Hypothesen

Die Betrachtung der Silben kann möglicherweise dazu beitragen, die Bedeutung der Frauenfiguren zu enträtseln.

1. Die Shamkat / Sha-M-Ka-T: Herrin über Enkidu durch Verführung?
  • Sha(h): Herrscher/in, also Macht
  • Ka/Cha (diese Silbe kommt in beiden Namen vor). Hier eine zugegebenermassen etwas wilde Hypothese: Um ca. 3000 v. Chr. musste ein Pharao, der Skorpio hiess und aus dem Volk der Sklaven stammte, fliehen (wohl ins Zweistromland, s. Die Kiebitzpalette). Sein Gegenspieler hiess KA. War es eine Frau, die ihn fortjagte, die Tochter des Pharaos? (Ka ist auch der Name der Schlange im Dschungelbuch :). Warum das überhaupt im Zusammenhang mit dem Gilgamesh-Epos in Betracht gezogen wird? Gilgamesh begegnet auf seiner Reise ebenfalls Skorpionmenschen, die ihm den Weg unter den Berg weisen. Hinzu kommt:
  • Das T ist die ägyptische Endung für «weiblich» (so z.B. in Ashe-t für Isis oder in IshTAr, s.u.).

 

Aber die Frau als Schlange? Auch sie passt hier auf alle Fälle, denn die negative Anima als Hure oder Schlange symbolisiert als Archetyp verführerische Weiblichkeit oder mit anderen Worten Weiblichkeit, die Macht lebt. [S. auch Der biblische Sündenfall-Bericht der Bibel und das Geheimnis der Schlange.]

2. Die Ishchara /Ish-K/Cha-Ra: Göttin-Gespielin des Gilgamesh
  • Ish/Iz: in Umkehrform von Zi = Leben: Iz/Ish = Nicht-Leben (Tod/Macht), wie bei Isimud, dem verkehrten Sohn des Vaters (Iz-i-mud; s. sumerische Mythologie, Episode 4).
  • Cha/Ka (die Silbe kommt in beiden Namen vor) für machtorientierte Weiblichkeit (s.o.) durch Verführung (“Schlange”).
  • Ra: Der ägyptische Sonnengott als Christus-Symbol (Sterben am Abend, Auferstehen am Morgen)

Immerhin: Ra ist eine positive Figur. Gilgameshs Göttin als seine innere Frau kann also Hure oder Heilige sein.

Die Frau, die beides in sich vereint Hure (Ish-Ka) oder Heilige (Ra; der Sonnengott als Christus-Figur für den positiven Animus).

3. Die Ishchara als Variante der Ishtar, dier babylonischen Göttin der Liebe

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Silben des Namens Ish-T-Ar für die babylonische Göttin der Liebe:

  • Ish/Iz: Wiederum in Umkehr von Zi = Leben: Iz/Ich = Nicht-Leben (Tod/Macht), wie bei Isimud, dem verkehrten Sohn des Vaters (s. Sumerische Mythologie, Episode 4).
  • Das T ist die ägyptische Endung für «weiblich» (so z.B. in Ashe-t für Isis oder in IshTAr).
  • Ar als Umkehr der Silbe Ra: statt der positive Animus (Antrieb in der Materie), Christus, also der Gegenspieler, negative Animus als Teufel oder Tier und als Schmerzkörper der Frau.

RA symbolisiert als Sonnengott positive Männlichkeit und als Archetyp durchaus auch den inneren Mann der Frau. (So schon bei den Sumerern. Dort heisst er UTU. Diese Silbe wird später im Gilgamesh-Epos noch eine wichtige Rolle spielen, s. Der Mann, der die Flut überlebte).

Die Silbe Ish – Ischa in der Bibel

Interessanterweise tauchen die Silben auch im Judentum auf.

1. Ischa, die Männin, die aus der Rippe Adams geschaffen wurde

So bedeutet ISCH Mann. Und die Frau, die aus der Rippe des Mannes geschaffen wurde, heisst ISCHA (= Männin), das heisst, dass sie “wie ein Mann” ist. Wie ist das zu verstehen? Männlichkeit beginnt im Körper und in der Materie (Sex) und ist primär in der jugendlichen Machophase auch zur Macht hingezogen … (mehr s. nächster Klapptext).

[S. Der zweite Schöpfungsbericht der Bibel: die MänninDer Weg des Mannes und des Männlichen in den Geist und Der weibliche Weg / der Weg der Frau in die Materie.]

1. Die Ishchara und Judas Ischchariot, der “Hurensohn”?

Der Mann, der Jesus verriet, hiess Judas Ischchariot. Dabei stellt Ischchariot eine Mehrzahlform dar, als Mehrzal von Ishchara. Also: Judas, Sohn der Huren? Der Hurensohn als Schimpfwort bezeichnet den Muttersohn Mann ohne Herz. (Denn die “HURE”, die keine eigene Liebe hat, hat das Herz des Sohnes für sich genommen; s. Die Befreiung von der Mutter, Konsum und Materialismus). Dazu passend wird gleich nach dem Sündenfallbericht der Bibel der “Sohn (Same) der Schlange” verflucht und dem Sohn der “Frau” (Christus) gegenübergestellt (s. Der Fluch über Adam und Eva).

Der "gute" und der "verkehrte" Sohn und Vater

Die beiden Söhne des Vaters

Hier also eine erste Parallele oder Bezugnahme zur sumerisch-akkadischen Überlieferung: Enkidu ist der Sohn (DUM) des EnKi. Gemäss den älteren Quellen ist Enki der liebende Vater und Gott der Weisheit, ein Gesalbter, welcher das Weibliche respektiert und mit der Göttin auf Augenhöhe umgeht (s. Inanna und der Vater, Episode 4).

Der “Vater” hat jedoch zwei verschiedene Söhne, das heisst zwei unterschiedliche Typen von Söhnen: Der eine benimmt sich als “verkehrter” und ungehorsamer Sohn, indem er das Weibliche ausnutzt und es konsumiert. Der andere hingegen erweist sich als guter und gehorsamer Sohn, indem er sich (gemäss dem Willen des Vaters) dem Weiblichen hingibt.

[S. Christus / Messias, der Gesalbte und der Anti-Christus und Die Salbung – Vollmacht über die Materie.]

Die Jäger: der falsche Vater und der falsche Sohn

Im Gilgamesh-Epos ist der Jäger Sohn des Jäger-Vaters. Und diese beiden werden auch durch den König (als Bild für die herrschende Ordnung) unterstützt, der die Sklavin-Hure zur Verfügung stellt, welche den “unschuldigen Wilden” verderben soll.
Dabei stellen mythologisch gesprochen der TYRANN und die HURE  Archetypen negativer Männlichkeit und Weiblichkeit dar (Animus und Anima in ihrer negativen Gestalt, Macht, statt Liebe).

Enkidu als der “verkehrte” Sohn des Vaters

In seiner “verdorbenen” Form entspricht nun also Enkidu in der sumerischen Mythologie Isimud, dem “verkehrten Sohn des Vaters” (Zi = Leben; Mud in Umkehrung von Dum = der verkehrte Sohn, s. in Episode 4).

Sex – Geld – Macht: die verkehrte 3-Einigkeit

Männliche Ganzheit 3-in-1: Vater (Liebe), Sohn (Kraft), Grosser Vater (Geist/Wort)

Männliche Ganzheit, 3-in-1 wird durch die Archetypen Vater, Sohn und Geist dargestellt:

  • Der Vater: bedingungslose, vergebende, mitfühlende und heilende Liebe
  • Der Sohn: Kraft (Potenz, den Samen des Wortes von der Liebe des Vaters in die lebendige Materie zu bringen)
  • Der grosse Vater (Grossvater): Geist (Wort, Information, Inspiration)

Diese drei Archetypen entsprechen auch den drei Lebensphasen des Mannes.

Gilgamesh: verkehrte Dreieinigkeit als Wilder, Jäger, Königgott

Doch im Gilgamesh-Epos wird nun eine neue männliche Dreiheit vorgestellt. Dabei wird der Vater (Symbol für das liebende Bewusstsein) beiseitegelassen und stattdessen männliche Kraft und Macht emporgehoben. So sehen die Archetypen der “verkehrten” Dreiheit aus:

  • Der Wilde (Jugend, Körper: Kraft, “Sohn”)
  • Der Jäger (falsche Vaterschaft, Seele: Konsum des Lebens anderer)
  • Der Herrscher (Grosser Vater, Geist: Macht)

Der Wilde (Kindheit und Jugend: Körper)

Diese Unschuld des Jungen wird gezielt durch die Machenschaften der “Altherren” kompromittiert, welche wissen, wie es angestellt werden muss: indem Missbrauch des Weiblichen zur Option, ja Obsession wird. Hat er erst mal «Blut» (Symbol für das Leben) geschmeckt, will er mehr.

Der Jäger (der initiierte Mann: Seele, Konsum, Blut)

Der Jäger ist derjenige, der das Freiwild jagt und konsumiert. Grasfresser – im Gegensatz zu Fleischfressern – symbolisieren in Überlieferungen immer wieder auch das Weibliche, genauer den weiblichen Körper mit seiner magischen Ausstrahlung. (So allem voran das Einhorn, aber auch der Hirsch, die Kuh, sogar der Stier, auch die Gazelle …).
Der Mann auf Frauenjagd ist ja auch sprichwörtlich auf «Aufriss», wie der Wolf Schafe reisst.

Der König (Geld, Sex, Macht: Geist)

Er verfügt über die Macht zu nehmen, was er will, insbesondere auch Frauen. So ist er auch derjenige, der die Shamkat zur «Verfügung» stellen kann.

Die neue männliche Dreiheit der Macht

Es handelt sich hier auch um eine «Hierarchie», welche den Aufstieg des Gilgamesh zum König vorwegnimmt: Gilgamesh war zuerst ein Wilder, dann wurde er zum Jäger und schliesslich zum Herrscher.

Die weibliche destruktive Dreiheit der Macht (als Parallele in der sumerischen Überlieferung)

Diesbezüglich findet sich hier auch eine Parallele zur weiblichen Macht, welche bereits in der sumerischen Überlieferung thematisiert ist. Sehr bildhaft wird darin der Lebensbaum der Göttin Inanna dargestellt, der durch drei Wesen der Macht besetzt ist:

  • Die Schlange nistet in den Wurzeln (Körper),
  • Lilith, die dunkle Jungfrau, bewohnt den Stamm (Seele)
  • Löwenadler hat in der Krone sein Nest gebaut (Macht durch Gewalt und Raub), s. Episode 2.]

[S. dagegen Weibliche Ganzheit 3-in-1: Jungfrau (Potenzial), Mutter (Realität) und Grosse Mutter (Schicksal und Naturgewalten).]

3. Die Rolle der Frau

Hure oder Heilige (Priesterin)?

Die Initiation von Gilgamesh und Enkidu: Einweihung in die “Kultur”?

Enkidu und Gilgamesh haben nun also gleichzeitig ihre Initiation erlebt – mit einer (Tempel-)Dienerin der Göttin der Liebe.

Die Frau und die Zivilisation

Liebe, Beziehungen, Kultur und Ordnung sind dem Weiblichen zuzuschreiben. So es denn ist seit Alters her im Grunde genommen auch die Aufgabe der Frau, zu prüfen, ob der Mann ihrer Liebe wert ist, bevor sie ihm Einlass verschafft in ihr Heiligtum, wo sich die Quelle der Liebe und des Lebens befinden.

[S. Die Frau als Göttin und der Mann als ihr HeldenkönigDas Paradies: der Garten der Göttin in Eden (in Sumer)Der Schoss der Frau als Wunder wirkendes Gefäss oder Gral und Weibliche Ganzheit 3-in-1: Potenzial, Realität und Schicksal.]

Verständlicherweise ist unreife und machtorientierte Männlichkeit (der Mann ohne Herz) immer wieder betrebt, sich des Lebens (Seele, im Schoss) und der wunderwirkenden Liebe (Herz) des Weiblichen zu bemächtigen (s. Der Mann ohne Seele).

[S. Die Jungfrau – Wunder wirkende Liebe und PotenzialDer Gott der Luft – eroberungswütige MännlichkeitDer Sündenfall-Bericht der Bibel und das Geheimnis der SchlangeMissbrauch und Erlösung in menschlichen Überlieferungen.]

Göttin oder Hure – Liebe oder Macht und Unterwerfung?

Liebe als Geschenk oder als Ware?

Es handelt sich gemäss dem Text sowohl bei der Shamkat wie bei der IshChara um eine Dienerin der Göttin der Liebe, welche dem Helden (schicksalsmässig) zugeführt wird. Abgesehen davon, dass jede Frau eine potenzielle Dienerin der Göttin ist, war es damals wohl so, dass junge Frauen (“Jungfrauen”) im Tempel der Göttin dienten. Dabei hatte wahrscheinlich die Königstochter unter ihnen eine hohe, wenn nicht die höchste Position.

Eine priesterliche Jungfrau für Gilgamesh

Bei der Ish-Chara handelt es sich damit höchstwahrscheinlich um eine solche “Hohepriesterin”, welche gemäss alter Sitte dem (werdenden) “König” zur Initiation (und “Weihe”) dargebracht wurde.

Eine Tempelprostituierte für Enkidu

Enkidu nun, ihm wird offenbar eine andere Art Dienerin zugeführt, eine, die dem König «gehorchen» muss – eine Sklavin und Prostituierte. Denn welche Frau würde schon freiwillig mit ihren Brüsten die Aufmerksamkeit eines wilden, ungehobelten Kerls auf sich ziehen? – Oder zumindest welches zivilisierte Geschöpf käme auf die Idee, sich zu einer Tiertränke zu begeben, um dort seine Dienste anzubieten?

Fazit: Es ist dasselbe! Es ist nur eine Frage der Perspektive.

Doch wenn die beiden Figuren identisch sind, dann handelt es sich schlicht um verschiedene Aspekte der “Göttin der Liebe”. Als was sie beurteilt wird (Hure oder Heilige), ist lediglich eine Frage der Perspektive (s. in Die Anima des Mannes).

Eine Tempeldienerin, Dienerin der Göttin der Liebe

Wenn nun Gilgamesh mit Enkidu identifiziert ist, dann gilt dasselbe wohl auch für die Ishchara und die Shamkat.
Auf der männlichen Seite steht nun also der “König-Wilde” (für den Animus), auf der weiblichen die “Heilige-Hure” (für die Anima). Die eine Seite ist die Göttin der Liebe, welche dem Heldenkönig (Gilgamesh) alles schenkt, die andere, die dunkle Seite ist die Verführerin, die den Wilden (Enkidu) zerstört und auf die falsche Spur bringt.

[S. Sumerische Mythologie: Inanna und Lilith (Episode 2) und Inanna und Gilgamesh – Initiation (Episode 3).]

Die gefallene Frau als Hure

Die traditionelle Sichtweise war, dass die intakte und integre Liebe der Frau bewahrt werden müsse (s. Die Jungfrau – Wunder wirkende Liebe und Potenzial).

Wenn sich nun aber die jungfräuliche Königstochter und Priesterin der Göttin der Liebe einem Mann hingegeben hatte, der nicht ihrem Stand entsprach, dann hat sie sich damit zur Hure gemacht. Denn nun war sie in Gefahr, aus enttäuschter Liebe selbst Macht durch Verführung auszuleben.

[S. Der zweite Schöpfungsbericht der Bibel: die Männin (“Isha”) und Der Sündenfall-Bericht der Bibel und das Geheimnis der Schlange.]

Die Sargon-Legende: durch die Gunst der Göttin Ishtar zum König!

Das Epos beschreibt, wie zuvor bereits die sumerische Mythologie, ein archetypisches Paar, die Frau als Göttin und der Mann als ihr Heldenkönig. Analog dazu erzählt denn auch Die Sargon-Legende, welche eine Zeit von 700 Jahren vor dem Gilgamesh-Epos beschreibt, dass es die Gunst der Göttin selbst, der Inanna-Ishtar war, welche Sargon zum König machte.

Ischa – Die "Männin", geschaffen aus Adams Rippe: die "zweite Schöpfung" in der Bibel

Die Frau, die aus der Rippe des Mannes geschaffen wurde, heisst in der Bibel ISCHA , was “Männin” bedeutet. Als Bild kann dies so interpretiert werden: Der Mann erschafft mit seinem Glied (symbolisiert durch die “Rippe”) die neue (initiierte) Frau nach seinen Vorstellungen, die ihm auf seiner Ebene begegnet (der Ebene des Körpers und des Triebes). Verliert die Frau dabei ihre Verankerung in der Liebe, ist auch die Macht nicht fern (und damit die Versuchung, künftig ihren Körper als Machtmittel einzusetzen; mehr s. Der zweite Schöpfungsbericht der Bibel: die Männin).

Vom Wilden zum König: Ganzheit durch die Begegnung mit der Frau

Der Trieb und die Macht gehen Hand in Hand. Unreife Männlichkeit will Macht, um konsumieren zu können: Macht über Frauen und über die Materie (s. Der Ring der Macht und der dunkle Herrscher). Die Reifung führt zur Integration des Weiblichen, womit die Seele (das Leben) und der Geist (die Liebe) integriert werden. Der Weg dahin ist ein Weg der Läuterung, der mit der Erfahrung von Schwäche einhergeht (s. Die Integration der Anima: die Seele und das ewige Leben).

Darum geht es bereits im babylonischen Gilgamesh-Epos.

DIE FRAU ALS GÖTTIN UND ANIMA DES MANNES – HURE ODER HEILIGE?

Es ist selbstredend: für den König die Priesterin (Heilige) – für den Wilden die Hure (s. Die Anima (innere Frau) des Mannes).
Anmerkung: Bevor der Mann seine Anima integriert hat, projiziert er sie auf die Frauen, denen er begegnet.

Freiheit und Selbstwirksamkeit oder Unfreiheit (Knechtschaft) unter die Triebe?

Die Frage an den Menschen: wem dienst du mit deinem Sein?

Freiheit bedeutet Wahrnehmen der eigenen Gestaltungsmöglichkeiten, mit anderen Worten Königsherrschaft im eigenen Leben in Selbstwirksamkeit. Unfreiheit bedeutet hingegen Knechtschaft unter die Triebe und das Ego, welches sich des Bewusstseins bemächtigt hat (mythologisch dargestellt als der hinterhältige Berater des Königs namens “Schlangenzunge”). Die Frage ist mit anderen Worten: Wer herrscht im Leben des Menschen: König Bewusstsein oder der Trieb (das Ego)?

Der Wilde und der König

  • Als „König“ symbolisiert Gilgamesh die Möglichkeit göttlich-geistiger Herrschaft im eigenen Leben mittels des Bewusstseins.
  • Auf der anderen Seite symbolisiert Enkidu den Menschen, der in einem unbewussten Körper beginnt, der zunächst von Trieben bestimmt ist (Hunger, Durst, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Geborgenheit, symbolisiert durch die Herde). Durch den ersten Geschlechtsverkehr wird er in die Welt der Erwachsenen initiiert. Damit erwacht auch der Sexual- und der Machttrieb (das Begehren nehmen zu können).

Von der Initiation zur Heiligen Hochzeit: Ganzheit

Der erste Geschlechtsverkehr als Initiation bedeutet einerseits eine Einweihung in die Liebe und stellt andererseits auch einen Schritt auf dem Heldenweg zu Ganzheit dar. Denn man begegnet im anderen Geschlecht dem Gegenpol, den es auf dem Weg zu Ganzheit zu integrieren gilt (s. Die Integration von Animus und Anima).

Geistig gesehen wird die Initiation durch das Eintauchen ins Wasser symbolisiert (Wasser als Symbol für das Weibliche und das Unbewusste). Sie nimmt das Ziel vorweg: Integration durch Vereinigung des liebenden Bewusstseins (“König”) mit dem Unbewussten (“Königin”), was in den Überlieferungen durch die Heilige Hochzeit dargestellt ist.

Der Mensch erreicht also Ganzheit, indem er auch seinen Trieb  und auch seine gegengeschlechtlichen Anteile (der Mann also seine innere Frau) integriert und die Frau ihren inneren Mann).

[S. das Märchen Der wilde Mann und Der Weg durch die Unterwelt.]

Die Idee, die Absicht der Götter für den Menschen

Gilgamesh, der als Mensch über ein Bewusstsein verfügt, soll sich mit seinem Trieb (Enkidu) auseinandersetzen, lernen, ihn zu kontrollieren und dabei auch seine Seele (seine weiblichen Anteile, seine innere Frau) gewinnen. [S. Die negative Anima und der Mann ohne Seele und Die Integration der Anima: die Seele und das ewige Leben.]

Ob das klappen wird?

Uruk, gegründet auf der Weisheit der Sieben

Uruk als Stadt und somit auch als Symbol für das Weibliche. Ihre Stadtmauern als Hexagramm (gebaut von den “Sieben Weisen”) und der Palast des Königs in der Mitte für das allsehenden Auge der Macht.

Uruk mit dem allsehenden Auge in der Mitte

Vertiefungen der Themen dieses Abschnitts

Ein sehr hübsches Beispiel für die Integration der Anima und der wilden Anteile des Mannes findet sich im Märchen “Der Eisenhans (der wilde Mann)” unten rechts Episode 2, der Goldbrunnen).

Eisenhans – der wilde Mann
Der Goldbrunnen (in "Der Eisenhans")

Das Gilgamesh-Epos in seiner ursprünglichen Form, wie es noch in den Symbolen und Archetypen zum Ausdruck kommt, handelt vom Weg des “Wilden” zum König und vom Weg der Frau als “Hure” (Archetyp für machtorientierte Weiblichkeit) zur Göttin der Liebe.

Die Initiation von Gilgamesh und Enkidu anders erzählt

Die Neuerzählung verknüpft die Handlung des Gilgamesh-Epos mit der Sargon-Legende.

Salomon erzählt nun seine Geschichte von Anfang an:

Liebe Freunde,

Wie ihr seht, begann ich als Wilder, doch ich stieg bis zum König, ja zum ersten Weltherrscher überhaupt, auf.

Ein paar Vorbemerkungen

Verschachtelte Erzählweise

Die Erzählweise der ersten Mythen ist ja, wie ihr wisst, nicht chronologisch, sondern verschachtelt. Das heisst, zuerst wird also eine Situation geschildert und als nächstes wird dann beschrieben, wie es dazu kam.
So beschreibt das Gilgamesh-Epos im Prolog den König als grausamen Herrscher und erzählt daraufhin in diesem ersten Abschnitt, wie es kam, dass er so wurde. Es zeigt auf, dass der König zuerst in natürlicher Unschuld aufwuchs und dann – durch den Kontakt mit einer Frau – zu einem Schürzenjager und König wurde. Wer war diese Frau? Priesterin oder Prostituierte???

Verflechtung mit der Sargon-Legende

Doch meine wahre Geschichte begann ja schon ein halbes Jahrtausend früher, in Akkad, und das Gilgamesh-Epos ist eine Hymne auf mich, Sargon, den ersten Weltherrscher. So stimmen denn auch die Symbole meiner Sargon-Legende mit jenen des Epos überein und ergeben Erklärungen und Aufschluss zu den Einzelheiten: 

Sargon-Gilgamesh, Auge fototechnisch wiederhergestellt

Aus der Sargon-Legende: der Aufstieg des Wilden

 „Es empfing mich die Mutter, die Verstoßene gebar mich heimlich. Sie legte mich in einen Korb aus Schilf, mit Asphalt verschloss sie meine Öffnungen. Sie ließ mich auf dem Fluss nieder… Aqi, der Wasserschöpfer, zog mich aus dem Wasser und zog mich auf. Er setzte mich in seine Gärtnerarbeit ein. Bei meiner Gärtnerarbeit gewann mich die Ishtar wahrlich lieb“. Dank ihrer Gunst wurde ich Mundschenk des Königs Urchababa von Kish.

Das Findelkind im Körbchen und der Mundschenk des Königs – Parallelen zur Bibel
Mose und Josef

Der neugeborene Knabe im Körbchen auf dem Fluss erinnert an Mose, der Wilde, dessen göttliche Kraft durch eine Frau gebrochen wurde, die seine Haare schnitt an die Geschichte von Simson und Delilah in der Bibel. Weiter denkt man bei der Geschichte vom Mundschenk an Josef … Es ist kein Zufall, dass sich grosse Archetypen wie diese auch im Alten Testament der Bibel finden lassen. Denn einerseits kursierten viele der alten Geschichten im ganzen Raum des fruchtbaren Halbmondes (s. Von Sumer bis Babylon, Hintergründe), wobei jede Kultur sie jeweils auf ihre eigene Weise deutete und erzählte.
Und andererseits verhält es sich so, dass die Juden um ca. 500 v. Chr. in der Babylonischen Gefangenschaft ihre schriftliche Überlieferung neu schrieben (wobei sie wohl zu den älteren babylonischen Quellen, zu den “heiligen” Tafeln Zugang hatten). 

Mehr zur den Verstrickungen im Zusammenhang mit dem Aufstieg des Königs: S. Die Sargon-Legende.

Da war ich nun also: Findelkind und ehemaliger Gärtnersgehilfe, der später zum Mundschenk aufstieg und schliesslich König wurde und das alles dank meiner “Göttin” Ishtar-Ischa, der Königstochter. Wir schliefen miteinander! Das war meine Initiation und ihre (!), denn sie war nun nicht mehr jungfräuliche Dienerin der Göttin der Liebe.  und meine. Der Umstand, dass ich tatsächlich der Gärtnersjunge war, wird im weiteren Verlauf des Epos besätigt, sonst würde ich es hier nicht erwähnen (in Episode 6).  

Die Initiation – das “erste Mal” 

Die Shamkat-Ishchara – Ischa, Tochter des Königs!

Und dann, so schrieb ich später in meiner Legende, gewann Ishtar, die Göttin der Liebe, mich lieb. Natürlich ist für den ersten Weltherrscher nur die Göttin selbst gut genug. Aber wenn ich ehrlich sein soll,– und das will ich hier – dann ist ja wohl klar, dass es sich dabei nicht um die Göttin selbst handelte, sondern um eine ihrer irdischen Manifestationen … nämlich um meine Göttin, eben um Ischa, die Tochter des Königs Urchababa von Kish.

Ischa war ein wenig älter als ich. Sie kam immer wieder in den Garten. Als Kinder pflegten wir zusammen zu spielen, obwohl ihre Eltern das nicht gerne sahen. Ischa schlich aber immer wieder zu mir in den Garten. Wir wuchsen heran und Ischa wurde wunderschön, gross und schlank, und ich sah sie nur noch selten. Sie war nun eine Priesterin der Göttin der Liebe. Doch eines Tages sah ich sie wieder einmal im Garten spazieren – in einem ihrer strahlenden Gewänder, welche ihre hochgewachsene, Gestalt betonten. Ich wagte es gar nicht, mich ihr anzunähern, so schön war sie. Zudem war es gerade sehr heiss, weshalb ich mein Hemd ausgezogen hatte. Auch ich war gewachsen, und an dem Tag brannte die Sonne auf die verschwitzte Haut meines braungebrannten und muskulösen Oberkörpers hernieder.
Als Ischa mich erblickte, drehte sie sogleich den Kopf weg und ging schnellen Schrittes zurück zum Palast.

Eine «neue Schöpfung»

Es war nicht viel Zeit vergangen – ich war auf meiner täglichen Morgenrunde im Garten – da erblickte ich Ischa, wie sie im Schlossteich ein Bad nahm. Zu Tode erschrocken blieb ich wie angewurzelt stehen. Doch sie lächelte mich strahlend an und stieg langsam aus dem Wasser. Dabei liess sie ihr langes Haar herunterfallen, das ihren wunderschönen, nackten und vollkommenen Körper nur unzulänglich bedeckte. Langsam bewegte sie sich auf mich zu, kam immer näher, bis sich ihre Arme um meinen Nacken schlangen. Lange blickte sie in meine Augen, und es fühlte sich an, als blicke sie auf den Grund meiner Seele. Dann flüsterte sie: Komm! Mein Geliebter! Du sollst mein Erster sein!”

Aufstieg vom Gärtner zum Mundschenk des Königs

Von diesem Augenblick an kam Ischa täglich, ja manchmal mehrmals täglich in den Garten. Wir liebten uns und die Tage erschienen mir wie eine Ewigkeit im Himmel. Am sechsten Tag sagte Ischa: “Heute Nacht, Liebster, kommst du zu mir, in mein Zimmer und wir werden uns in meinem Bett lieben! Denn ich bin dein und du bist mein, das ist der Wille der Göttin!”.

Als es dunkel geworden war, klettere ich unbemerkt zu ihrem Balkon hoch und gelangte in ihr Zimmer. Doch Ischa bemühte sich nicht sonderlich, sich ruhig zu verhalten.

Um es kurz zu halten: So war es denn Ischa, die bei ihrem Vater, beim König, ein gutes Wort für mich einlegte, so in dem Stil: «Ja! Ich habe mit ihm geschlafen! Na und?!? – Wer hat mich verpetzt?!? – Mir doch egal! Ich liebe ihn und will ihn heiraten!»

Bald darauf wurde ich zum neuen Mundschenk des Königs auserkoren, und es dauerte nicht lange, bis Ischa und ich vermählt wurden.

Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Gilgamesh und Enkidu: der Wilde im König

Das erste Mal – mit der Priesterin der Göttin der Liebe

Gilgamesh und Enkidu haben vieles gemeinsam, sind miteinander identifiziert, um nicht zu sagen identisch. Denn beide sind sie stark und ungestüm und beide erleben zur gleichen Zeit ihre Initiation, den ersten Geschlechtsverkehr – mit einer Priesterin.

Die Archetypen der Göttin und ihrem Heldenkönig

Damit beginnt nun also die Geschichte des “göttlichen” Gilgamesh. Sie handelt von den Archetypen, des Heldenkönigs und seiner Göttin, auch wenn man die weibliche Seite darin auch suchen muss … man kann sie sehr wohl finden – an Orten, wo man sie gar nicht vermutet hätte, mithilfe der Symbole.

Lena und der Ritter (John Bauer) für die Göttin und ihr Heldenkönig

Überleitung zum nächsten Abschnitt

Nun ist also der Wilde durch die Gunst der Priesterin der Göttin und Königstochter an den Hof des Königs gelangt. Doch wie geht es nun weiter mit dem Wilden am Hof des Königs? Dazu ausführlich im nächsten Abschnitt:

Gilgamesh, Enkidu und die Mutter (Abschnitt 2 von Teil I)

Zurück zu:

Einführung ins Gilgamesh-Epos
Das Paradies, der Garten der Göttin in Eden 

Erwähnte Überlieferungen:

Gilgamesh  und Inanna – Initiation (Episode 3)
Inanna und Isimud (die Königin der Erde, Episode 4)
Inannas Auferweckung durch den Vater (Episode 15)

Das Gilgamesh-Epos (Zusammenfassung)

Gilgamesh und Ishtar
Enkidus Krankheit und Tod
Die Skorpion-Menschen und der Weg unter dem Berg
Der Mann, der die Flut überlebte
Gilgamesh und die sieben Brote

Weitere:

 

Archetypen:

Der Animus – Leben und Antrieb in der Materie

Der Animus als der innere Mann der Frau
Der negative Animus als Teufel oder Tier
Der negative Animus als Schmerzkörper der Frau
Christus, der Gesalbte und der Anti-Christus als der gute oder böse Trieb

Die Shamkat/Ishchara – Göttin oder Hure?

Liebe als Geschenk oder als Ware?

Es handelt sich gemäss dem Text sowohl bei der Shamkat wie bei der IshChara um eine Dienerin der Göttin der Liebe, welche dem Helden (schicksalsmässig) zugeführt wird. Abgesehen davon, dass jede Frau eine potenzielle Dienerin der Göttin ist, war es damals wohl so, dass junge Frauen (“Jungfrauen”) im Tempel der Göttin dienten. Dabei hatte wahrscheinlich die Königstochter unter ihnen eine hohe, wenn nicht die höchste Position.

Eine priesterliche Jungfrau für Gilgamesh

Bei der Ish-Chara handelt es sich damit höchstwahrscheinlich um eine solche “Hohepriesterin”, welche gemäss alter Sitte dem (werdenden) “König” zur Initiation (und “Weihe”) dargebracht wurde.

Eine Tempelprostituierte für Enkidu

Enkidu nun, ihm wird offenbar eine andere Art Dienerin zugeführt, eine, die dem König «gehorchen» muss – eine Sklavin und Prostituierte. Denn welche Frau würde schon freiwillig mit ihren Brüsten die Aufmerksamkeit eines wilden, ungehobelten Kerls auf sich ziehen? – Oder zumindest welches zivilisierte Geschöpf käme auf die Idee, sich zu einer Tiertränke zu begeben, um dort seine Dienste anzubieten?

Fazit: Es ist dasselbe! Es ist nur eine Frage der Perspektive.

Doch wenn die beiden Figuren identisch sind, dann handelt es sich schlicht um verschiedene Aspekte der “Göttin der Liebe”. Als was sie beurteilt wird (Hure oder Heilige), ist lediglich eine Frage der Perspektive (s. in Die Anima des Mannes).

Eine Tempeldienerin, Dienerin der Göttin der Liebe

Wenn nun Gilgamesh mit Enkidu identifiziert ist, dann gilt dasselbe wohl auch für die Ishchara und die Shamkat.
Auf der männlichen Seite steht nun also der “König-Wilde” (für den Animus), auf der weiblichen die “Heilige-Hure” (für die Anima). Die eine Seite ist die Göttin der Liebe, welche dem Heldenkönig (Gilgamesh) alles schenkt, die andere, die dunkle Seite ist die Verführerin, die den Wilden (Enkidu) zerstört und auf die falsche Spur bringt.

[S. Sumerische Mythologie: Inanna und Lilith (Episode 2) und Inanna und Gilgamesh – Initiation (Episode 3).]

Die gefallene Frau als Hure

Die traditionelle Sichtweise war, dass die intakte und integre Liebe der Frau bewahrt werden müsse (s. Die Jungfrau – Wunder wirkende Liebe und Potenzial).

Wenn sich nun aber die jungfräuliche Königstochter und Priesterin der Göttin der Liebe einem Mann hingegeben hatte, der nicht ihrem Stand entsprach, dann hat sie sich damit zur Hure gemacht. Denn nun war sie in Gefahr, aus enttäuschter Liebe selbst Macht durch Verführung auszuleben.

[S. Der zweite Schöpfungsbericht der Bibel: die Männin (“Isha”) und Der Sündenfall-Bericht der Bibel und das Geheimnis der Schlange.]

Die Sargon-Legende: durch die Gunst der Göttin Ishtar zum König!

Das Epos beschreibt, wie zuvor bereits die sumerische Mythologie, ein archetypisches Paar, die Frau als Göttin und der Mann als ihr Heldenkönig. Analog dazu erzählt denn auch Die Sargon-Legende, welche eine Zeit von 700 Jahren vor dem Gilgamesh-Epos beschreibt, dass es die Gunst der Göttin selbst, der Inanna-Ishtar war, welche Sargon zum König machte.

Schamkat und Ishchara: Namensbedeutung, Silbenrätsel und Hypothesen

Die Betrachtung der Silben kann möglicherweise dazu beitragen, die Bedeutung der Frauenfiguren zu enträtseln.

1. Die Shamkat / Sha-M-Ka-T: Herrin über Enkidu durch Verführung?
  • Sha(h): Herrscher/in, also Macht
  • Ka/Cha (diese Silbe kommt in beiden Namen vor). Hier eine zugegebenermassen etwas wilde Hypothese: Um ca. 3000 v. Chr. musste ein Pharao, der Skorpio hiess und aus dem Volk der Sklaven stammte, fliehen (wohl ins Zweistromland, s. Die Kiebitzpalette). Sein Gegenspieler hiess KA. War es eine Frau, die ihn fortjagte, die Tochter des Pharaos? (Ka ist auch der Name der Schlange im Dschungelbuch :). Warum das überhaupt im Zusammenhang mit dem Gilgamesh-Epos in Betracht gezogen wird? Gilgamesh begegnet auf seiner Reise ebenfalls Skorpionmenschen, die ihm den Weg unter den Berg weisen. Hinzu kommt:
  • Das T ist die ägyptische Endung für «weiblich» (so z.B. in Ashe-t für Isis oder in IshTAr, s.u.).

 

Aber die Frau als Schlange? Auch sie passt hier auf alle Fälle, denn die negative Anima als Hure oder Schlange symbolisiert als Archetyp verführerische Weiblichkeit oder mit anderen Worten Weiblichkeit, die Macht lebt. [S. auch Der biblische Sündenfall-Bericht der Bibel und das Geheimnis der Schlange.]

2. Die Ishchara /Ish-K/Cha-Ra: Göttin-Gespielin des Gilgamesh
  • Ish/Iz: in Umkehrform von Zi = Leben: Iz/Ish = Nicht-Leben (Tod/Macht), wie bei Isimud, dem verkehrten Sohn des Vaters (Iz-i-mud; s. sumerische Mythologie, Episode 4).
  • Cha/Ka (die Silbe kommt in beiden Namen vor) für machtorientierte Weiblichkeit (s.o.) durch Verführung (“Schlange”).
  • Ra: Der ägyptische Sonnengott als Christus-Symbol (Sterben am Abend, Auferstehen am Morgen)

Immerhin: Ra ist eine positive Figur. Gilgameshs Göttin als seine innere Frau kann also Hure oder Heilige sein.

Die Frau, die beides in sich vereint Hure (Ish-Ka) oder Heilige (Ra; der Sonnengott als Christus-Figur für den positiven Animus).

3. Die Ishchara als Variante der Ishtar, dier babylonischen Göttin der Liebe

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Silben des Namens Ish-T-Ar für die babylonische Göttin der Liebe:

  • Ish/Iz: Wiederum in Umkehr von Zi = Leben: Iz/Ich = Nicht-Leben (Tod/Macht), wie bei Isimud, dem verkehrten Sohn des Vaters (s. Sumerische Mythologie, Episode 4).
  • Das T ist die ägyptische Endung für «weiblich» (so z.B. in Ashe-t für Isis oder in IshTAr).
  • Ar als Umkehr der Silbe Ra: statt der positive Animus (Antrieb in der Materie), Christus, also der Gegenspieler, negative Animus als Teufel oder Tier und als Schmerzkörper der Frau.

RA symbolisiert als Sonnengott positive Männlichkeit und als Archetyp durchaus auch den inneren Mann der Frau. (So schon bei den Sumerern. Dort heisst er UTU. Diese Silbe wird später im Gilgamesh-Epos noch eine wichtige Rolle spielen, s. Der Mann, der die Flut überlebte).

Die Silbe Ish – Ischa in der Bibel

Interessanterweise tauchen die Silben auch im Judentum auf.

1. Ischa, die Männin, die aus der Rippe Adams geschaffen wurde

So bedeutet ISCH Mann. Und die Frau, die aus der Rippe des Mannes geschaffen wurde, heisst ISCHA (= Männin), das heisst, dass sie “wie ein Mann” ist. Wie ist das zu verstehen? Männlichkeit beginnt im Körper und in der Materie (Sex) und ist primär in der jugendlichen Machophase auch zur Macht hingezogen … (mehr s. nächster Klapptext).

[S. Der zweite Schöpfungsbericht der Bibel: die MänninDer Weg des Mannes und des Männlichen in den Geist und Der weibliche Weg / der Weg der Frau in die Materie.]

1. Die Ishchara und Judas Ischchariot, der “Hurensohn”?

Der Mann, der Jesus verriet, hiess Judas Ischchariot. Dabei stellt Ischchariot eine Mehrzahlform dar, als Mehrzal von Ishchara. Also: Judas, Sohn der Huren? Der Hurensohn als Schimpfwort bezeichnet den Muttersohn Mann ohne Herz. (Denn die “HURE”, die keine eigene Liebe hat, hat das Herz des Sohnes für sich genommen; s. Die Befreiung von der Mutter, Konsum und Materialismus). Dazu passend wird gleich nach dem Sündenfallbericht der Bibel der “Sohn (Same) der Schlange” verflucht und dem Sohn der “Frau” (Christus) gegenübergestellt (s. Der Fluch über Adam und Eva).

Ischa – Die "Männin", geschaffen aus Adams Rippe: die "zweite Schöpfung" in der Bibel

Die Frau, die aus der Rippe des Mannes geschaffen wurde, heisst in der Bibel ISCHA , was “Männin” bedeutet. Als Bild kann dies so interpretiert werden: Der Mann erschafft mit seinem Glied (symbolisiert durch die “Rippe”) die neue (initiierte) Frau nach seinen Vorstellungen, die ihm auf seiner Ebene begegnet (der Ebene des Körpers und des Triebes). Verliert die Frau dabei ihre Verankerung in der Liebe, ist auch die Macht nicht fern (und damit die Versuchung, künftig ihren Körper als Machtmittel einzusetzen; mehr s. Der zweite Schöpfungsbericht der Bibel: die Männin).

Das Gilgamesh-Epos in seiner ursprünglichen Form, wie es noch in den Symbolen und Archetypen zum Ausdruck kommt, handelt vom Weg des “Wilden” zum König und vom Weg der Frau als “Hure” (Archetyp für machtorientierte Weiblichkeit) zur Göttin der Liebe.

Der Goldbrunnen, Episode 2 von der Eisenhans (der wilde Mann)

4. Die Initiation als neue Schöpfung (6 Tage und 7 Nächte)

Die Initiation als Weihe zum Weg der Liebe

Grundsätzlich gilt: Eine Frau, die sich einem Mann verschenkt, macht ihn zu ihrem Heldenkönig über ihr verborgenes Reich (s. Die Frau als Göttin und der Mann als ihr Heldenkönig). So sind beide durch den ersten Geschlechtsverkehr, ihre Initiation, für den Weg der Liebe “eingeweiht”.

Durch die Gunst der Göttin der Liebe zum König oder …

Im Gilgamesh-Epos und schon in der Sargon-Legende wird dies im weiteren Sinn auch ganz konkret in Zusammenhang mit der Herrschaft über ein Gebiet und ein Volk gebracht (welches die weibliche Seite darstellt; s. Männlich und weiblich und die Erschaffung neuer Realität).

Um die Auserwähltheit des Königs zu unterstreichen, sagt denn auch die Sargon-Legende ausdrücklich, dass es keine Geringere als Ishtar, die Göttin der Liebe selbst, war, die dem Helden ihre Gunst erwies und ihn so zum König machte. Im Gilgamesh-Epos hingegen wird dies durch die untergeordneten Gestalten der Shamkat und der Ischchara verschlüsselt.

… durch 6 Tage und 7 Nächte Sex zum “Tier” und der “Sündenfall”

Die 6 Tage und 7 Nächte sind im Epos immer wieder ein Hinweis auf einen abgeschlossenen Zyklus, auf welchem das Neue, das heisst eine neue Schöpfung folgt (s. Klapptext unten). Diese kann zum Guten oder Unguten führen. Hier wird eine eher problematische Entwicklung gezeigt, welche eine Art “Sündenfall” darstellt. Denn im noch unreifen Menschen (Enkidu) ist durch den Geschlechtsverkehr auch Begehren nach Macht und Konsum erwacht. So ist der Wilde nun selbst zum Jäger geworden.

Die vier Neuschöpfungen im Gilgamesh-Epos: vier mal sechs Tage und sieben Nächte

Inspiration für den “Sündenfall-Bericht”

Wahrscheinlich diente diese Episode wie auch jene in der sumerischen Überlieferung (Episode 3) als Inspirationsquelle der Sündenfall-Geschichte der Bibel. (In Episode 3 der sumerischen Überlieferung entjungfert Gilgamesh die Göttin Inanna, bildhaft dargestellt, durch die Fällung ihres Lebensbaumes. Dabei ist der Name Gilgamesh, der in der Überlieferung nur an der Stelle vorkommt, wohl erst anlässlich der Niederschrift der sumerischen Überlieferung in Babylon hinzugefügt worden. Denn der Geliebte der Göttin heisst Dumuzi = “Sohn des Lebens” – des Vaters :).

6 Tage und 7 Nächte – die 7 für Ganzheit in der irdischen Realität

Die 6 Tage und 7 Nächte stehen im Gilgamesh-Epos jeweils im Zusammenhang mit einer abgeschlossenen Phase, nach welcher etwas Neues beginnt. Dies, weil die Zahl 7: Ganzheit in der irdischen Realität darstellt, wie auch in der biblischen Sieben-Tage-Schöpfung zum Ausdruck kommt. (Es sind 7 Nächte, aber nur 6 Tage, weil der siebte Tag der Ruhetag ist, an dem auch Bilanz gezogen wird; s. Gilgamesh und die sieben Brote.)

Die vier Neuschöpfungen im Gilgamesh Epos

So kommen die sechs Tage und sieben Nächte im Epos viermal vor und künden jeweils eine „neue Schöpfung“ an. Die erste in diesem Abschnitt ist “zum Tode” (Fall und Fluch), die anderen drei sind Bestandteile der Umkehr zum wahren Leben und führen Gilgamesh auf den Heldenweg.

[S. Der Sündenfall-Bericht der Bibel und das Geheimnis der Schlange und Der Fluch über Adam und Eva;  Die Sieben, das Leben und die Schlange: Auf- und Abstieg und Der Heldenweg, Weg der Liebe.]

  1. Die Initiation: 6 Tage und 7 Nächte Sex: Sie ist das Thema dieses Abschnitts und macht aus dem Wilden einen rücksichtslosen Egoisten.
  2. Krankheit und Sterben Enkidus. Sie dauert 6 Tage und sieben Nächte, am siebten erfolgt der Tod Enkidus, der als Trieb auch das Ego symbolisiert.
  3. Besinnungslose Trauer des Gilgamesh, welche 6 Tage und sieben Nächte dauert und am 7. Tag zu seiner Umkehr führt. So entscheidet sich Gilgamesh, das ewige Leben zu suchen (und macht sich damit auf den Heldenweg, s. Teil II des Gilgamesh-Epos).
  4. Tiefer Schlaf als Symbol für Unbewusstheit, während 6 Tagen und 7 Nächten: Bei dem Mann, der die grosse Flut überlebt hat, erkennt Gilgamesh am 7. Tag, dass er sein ganzes Leben verschlafen hat und damit seine wahre Bestimmung als König (im eigenen Leben) versäumt hat (s. Die sieben Brote). Danach erhält er eine neue Chance.

Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Gilgamesh und Enkidu: der Wilde im König

Das erste Mal – mit der Priesterin der Göttin der Liebe

Gilgamesh und Enkidu haben vieles gemeinsam, sind miteinander identifiziert, um nicht zu sagen identisch. Denn beide sind sie stark und ungestüm und beide erleben zur gleichen Zeit ihre Initiation, den ersten Geschlechtsverkehr – mit einer Priesterin.

Die Archetypen der Göttin und ihrem Heldenkönig

Damit beginnt nun also die Geschichte des “göttlichen” Gilgamesh. Sie handelt von den Archetypen, des Heldenkönigs und seiner Göttin, auch wenn man die weibliche Seite darin auch suchen muss … man kann sie sehr wohl finden – an Orten, wo man sie gar nicht vermutet hätte, mithilfe der Symbole.

Die Initiation von Gilgamesh und Enkidu anders erzählt

Die Neuerzählung verknüpft die Handlung des Gilgamesh-Epos mit der Sargon-Legende.

Salomon erzählt nun seine Geschichte von Anfang an:

Liebe Freunde,

Wie ihr seht, begann ich als Wilder, doch ich stieg bis zum König, ja zum ersten Weltherrscher überhaupt, auf.

Ein paar Vorbemerkungen

Verschachtelte Erzählweise

Die Erzählweise der ersten Mythen ist ja, wie ihr wisst, nicht chronologisch, sondern verschachtelt. Das heisst, zuerst wird also eine Situation geschildert und als nächstes wird dann beschrieben, wie es dazu kam.
So beschreibt das Gilgamesh-Epos im Prolog den König als grausamen Herrscher und erzählt daraufhin in diesem ersten Abschnitt, wie es kam, dass er so wurde. Es zeigt auf, dass der König von einem wilden und verdorbenen Kerl beeinflusst wurde, der wahrscheinlich genaugenommen in ihm wohnte, wie noch zu sehen sein wird. 

Eine Neuerzählung der sumerischen Mythologie aus männlicher Perspektive

Während die sumerische Mythologie die Seite der Frau erzählt, betrachtet, wie in Antwort darauf, nun das babylonische Gilgamesh-Epos die Geschichte aus der männliche Perspektive. Dabei fällt es in eine Verteidigung des problematischen Verhaltens des Königs, indem zumindest oberflächlich gesehen zunächst einmal der Frau die Schuld in die Schuhe geschoben wird. Und in einem weiteren Schritt, sozusagen in Klammer, wird auch die männliche Ordnung thematisiert, in welcher “der Jäger” und “der König” als Archetypen das Sagen haben und auch über Ressourcen (auch Frauen) verfügen, um Männer zu kompromittieren. Dies ist ja auch heute noch so.

1. Die neue Ordnung im Götterhimmel

Und so beginnt es also in Babylon, wie überall, im Bereich des Geistes, darum heisst es: «… wie im Himmel, so auf der Erde.».
In Babylon wird die neue Ordnung buchstäblich in die Erde gebrannt, nämlich die Legitimation, das Weibliche in Form von Ressourcen und Frauen zu verheizen. Mit Keilen werden die Zeichen in die weiche Erde, den Ton eingeschlagen, welche künftig – einige Jahrtausende lang – den Ton angeben werden.

Diese neue Ordnung beginnt also im Götterhimmel, und die Götter machen es vor:
„Aruru, die Mutter, erschaffe, was Anu, der Herrscher-Vater befiehlt!“
Das ist Babylon: die Unterwerfung des Weiblichen und die Befehlsgewalt des Männlichen!

Verflechtung mit der Sargon-Legende

Doch nun wie versprochen zu meiner wahren Geschichte, die ja schon ein halbes Jahrtausend früher, in Akkad, begann. Denn das Gilgamesh-Epos ist ja eine Hymne auf mich, Sargon, den ersten Weltherrscher. So gibt denn auch die Sargon-Legende mehr Aufschluss zu den Einzelheiten, und ihre Symbole stimmen auch mit jenen des Epos überein und erklären es.

2. Enkidu, der Wilde / Sohn des Wilden

Also ganz von vorne: ich war ein Findelkind, das in einem Weidekorb auf dem Fluss treibend gefunden wurde. – Nur schon das! Welch ein mächtiger Archetyp! Bestimmt erinnert ihr euch an die Geschichte des Mose! So lautet es also in der Sargon-Legende (die notabene einiges älter ist als die Moses-Geschichte):

Sargon-Gilgamesh, Auge fototechnisch wiederhergestellt

Aus der Sargon-Legende: der Aufstieg des Wilden

 „Es empfing mich die Mutter, die Verstoßene gebar mich heimlich. Sie legte mich in einen Korb aus Schilf, mit Asphalt verschloss sie meine Öffnungen. Sie ließ mich auf dem Fluss nieder… Aqi, der Wasserschöpfer, zog mich aus dem Wasser und zog mich auf. Er setzte mich in seine Gärtnerarbeit ein. Bei meiner Gärtnerarbeit gewann mich die Ishtar wahrlich lieb“. Dank ihrer Gunst wurde ich Mundschenk des Königs Urchababa von Kish.

Grosse archetypische Symbole, die auch in der Bibel vorkommen
Mose und Josef

Der neugeborene Knabe im Körbchen auf dem Fluss erinnert an Mose, der Wilde, dessen göttliche Kraft durch eine Frau gebrochen wurde, die seine Haare schnitt an die Geschichte von Simson und Delilah in der Bibel. Weiter denkt man bei der Geschichte vom Mundschenk an Josef … Es ist kein Zufall, dass sich grosse Archetypen wie diese auch im Alten Testament der Bibel finden lassen. Denn einerseits kursierten viele der alten Geschichten im ganzen Raum des fruchtbaren Halbmondes (s. Von Sumer bis Babylon, Hintergründe), wobei jede Kultur sie jeweils auf ihre eigene Weise deutete und erzählte.
Und andererseits verhält es sich so, dass die Juden um ca. 500 v. Chr. in der Babylonischen Gefangenschaft ihre schriftliche Überlieferung neu schrieben (wobei sie wohl zu den älteren babylonischen Quellen, zu den “heiligen” Tafeln Zugang hatten). 

Mehr zur den Verstrickungen im Zusammenhang mit dem Aufstieg des Königs: S. Die Sargon-Legende.

Der Umstand, dass ich tatsächlich der Gärtnersjunge war, wird weiter hinten im Gilgamesh-Epos (natürlich verdeckt) bestätigt (s. Gilgamesh und Ishtar).

Die Initiation – das “erste Mal” 

3. Die Shamkat-Ishchara – Tochter des Königs!

Und dann, so schrieb ich, gewann Ishtar, die Göttin der Liebe, mich lieb. Natürlich ist für den ersten Weltherrscher nur die Göttin selbst gut genug. Aber wenn ich ehrlich sein soll,– und das will ich hier – dann ist ja wohl klar, dass es sich dabei nicht um die Göttin selbst handelte, sondern um eine ihrer irdischen Manifestationen … nämlich um meine Göttin, um Ischa, die Tochter des Königs Urchababa von Kish.

Ischa war ein Jahr älter als ich. Sie kam immer wieder in den Garten. Als Kinder pflegten wir zusammen zu spielen, obwohl ihre Eltern das nicht gerne sahen. Ischa schlich aber immer wieder zu mir in den Garten. Wir wuchsen heran und Ischa wurde wunderschön, gross und schlank, und ich sah sie nur noch selten. Sie war nun eine Priesterin der Göttin der Liebe. Doch eines Tages sah ich sie wieder einmal im Garten spazieren – in einem ihrer strahlenden Gewänder, welche ihre hochgewachsene, Gestalt betonten. Ich wagte es gar nicht, mich ihr anzunähern, so schön war sie. Zudem war es gerade sehr heiss, weshalb ich mein Hemd ausgezogen hatte. Auch ich war gewachsen, und an dem Tag brannte die Sonne auf die verschwitzte Haut meines braungebrannten und muskulösen Oberkörpers hernieder.
Als Ischa mich erblickte, drehte sie sogleich den Kopf weg und ging schnellen Schrittes zurück zum Palast.

4. Eine «neue Schöpfung»

Es war nicht viel Zeit vergangen – ich war auf meiner täglichen Morgenrunde im Garten – da erblickte ich Ischa, wie sie im Schlossteich ein Bad nahm. Zu Tode erschrocken blieb ich wie angewurzelt stehen. Doch sie lächelte mich strahlend an und stieg langsam aus dem Wasser. Dabei liess sie ihr langes Haar herunterfallen, das ihren wunderschönen, nackten und vollkommenen Körper nur unzulänglich bedeckte. Langsam bewegte sie sich auf mich zu, kam immer näher, bis sich ihre Arme um meinen Nacken schlangen. Lange blickte sie in meine Augen, und es fühlte sich an, als blicke sie auf den Grund meiner Seele. Dann flüsterte sie: Komm! Mein Geliebter! Du sollst mein Erster sein!”

Aufstieg vom Gärtner zum König

Von diesem Augenblick an kam Ischa täglich, ja manchmal mehrmals täglich in den Garten. Wir liebten uns und die Tage erschienen mir wie eine Ewigkeit im Himmel. Am sechsten Tag sagte Ischa: “Heute Nacht, Liebster, kommst du zu mir, in mein Zimmer und wir werden uns in meinem Bett lieben! Denn ich bin dein und du bist mein, das ist der Wille der Göttin!”.

Als es dunkel geworden war, klettere ich unbemerkt zu ihrem Balkon hoch und gelangte in ihr Zimmer. Doch Ischa bemühte sich nicht sonderlich, sich ruhig zu verhalten.

Um es kurz zu halten: So war es denn Ischa, die bei ihrem Vater, beim König, ein gutes Wort für mich einlegte, so in dem Stil: «Ja! Ich habe mit ihm geschlafen! Na und?!? – Wer hat mich verpetzt?!? – Mir doch egal! Ich liebe ihn und will ihn heiraten!»

Bald darauf wurde ich zum neuen Mundschenk des Königs auserkoren, und es dauerte nicht lange, bis Ischa und ich vermählt wurden.

Überleitung zum nächsten Abschnitt

Nun ist also der Wilde durch die Gunst der Priesterin der Göttin und Königstochter an den Hof des Königs gelangt. Doch wie geht es nun weiter mit dem Wilden am Hof des Königs? Dazu ausführlich im nächsten Abschnitt:

Gilgamesh, Enkidu und die Mutter (Abschnitt 2 von Teil I)

Mehr zur den Verstrickungen im Zusammenhang mit dem Aufstieg des Königs:
S. Die Sargon-Legende.

Zurück zu:

Einführung ins Gilgamesh-Epos
Das Paradies, der Garten der Göttin in Eden 

Erwähnte Überlieferungen:

Gilgamesh  und Inanna – Initiation (Episode 3)
Inanna und Isimud (die Königin der Erde, Episode 4)
Inannas Auferweckung durch den Vater (Episode 15)

Das Gilgamesh-Epos (Zusammenfassung)

Gilgamesh und Ishtar
Enkidus Krankheit und Tod
Die Skorpion-Menschen und der Weg unter dem Berg
Der Mann, der die Flut überlebte
Gilgamesh und die sieben Brote

Weitere:

 

Archetypen:

Der Animus – Leben und Antrieb in der Materie

Der Animus als der innere Mann der Frau
Der negative Animus als Teufel oder Tier
Der negative Animus als Schmerzkörper der Frau
Christus, der Gesalbte und der Anti-Christus als der gute oder böse Trieb


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