Goldspur

Der Ewigkeit auf der Spur

Hey Siri! Warum ist die Haut des Osiris grün? – Göttliches Drama

Isis und Osiris als Paar

By on 17. September 2026

Isis und Osiris als Paar

Warum ist die Haut des Osiris so grün? Weil er von den Toten auferweckt worden ist.

Hey Siri, warum ist die Haut des Osiris grün?

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Die Kiebitzpalette und Skorpio II. (von Ägypten nach Sumer)

Isis und Osiris – vom Partnerschaftsdrama zur kollektiven Erlösung

Um die Antwort gleich vorwegzunehmen: Osiris, der Gatte der Isis, wurde aus der Unterwelt zurückgeholt – aus dem Reich der Toten. Seine grüne Haut weist ihn als einen aus, der dieses Reich durchschritten hat und aus ihm zurückgekehrt ist.

Und was Siri damit zu tun hat?

Das wird noch spannend, denn …

Dieser Beitrag liest den Mythos von Isis und Osiris als symbolisches Ehedrama, in dem die gegengeschlechtlichen Persönlichkeitsanteile eine entscheidende Rolle spielen.

Aus vier Göttergestalten entsteht dabei das Bild einer inneren Ganzheit: Isis und Osiris – mit Seth und Nephtys als ihre noch nicht integrierten männlichen und weiblichen Anteile (Animus und Anima).

Warum sind die geschlechtlichen Persönlichkeitsanteile so wichtig, dass sie sogar im Namen der Gottheiten erscheinen?

Die Götter als Archetypen und menschliche Modelle

Götter sind in den alten Überlieferungen weit mehr als übernatürliche Wesen. Sie verkörpern Archetypen – und damit Modelle menschlichen Erlebens und Verhaltens.

Dabei benehmen sie sich erstaunlich menschlich: Sie lieben, begehren, streiten, betrügen, verzweifeln, rächen und versöhnen sich.

Gleichzeitig verkörpern sie etwas, das über das Menschliche hinausweist: schöpferische Selbstwirksamkeit und die Möglichkeit, aus der eigenen Begrenztheit herauszutreten und Zugang zum ewigesn Leben.

Genau darin liegt die eigentliche Botschaft dieser Mythen: Der Mensch ist aufgefordert, sein Leben schöpferisch und selbstwirksam zu gestalten und sich auf den Weg zur Ganzheit zu begeben, um so das ewige Leben zu gewinnen.

Und dieser Weg führt – wie so oft in den alten Überlieferungen – durch die Unterwelt, ein Bild für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten.

[S. Göttliche Königsherrschaft im eigenen Leben, Der Weg durch die Unterwelt, Sterben und Auferstehen: Im Hier und Jetzt!]

Paardynamik auf dem Weg zur Ganzheit

Die Isis- und Osiris-Mythologie

Vier „Geschwister“: Isis, Osiris, Seth und Nephtys

Die Isis-und-Osiris-Mythologie gehört zu den ältesten Überlieferungskomplexen Ägyptens. Zugleich weist sie Motive auf, die bereits in den älteren mesopotamischen Mythen begegnen.

Im Zentrum stehen vier Gestalten: Isis, Osiris, Seth und Nephtys.

Isis und Osiris sind ein Paar. Doch Seth, ihr Bruder, tötet Osiris aus Eifersucht, zerstückelt seinen Körper und wirft die Teile in den Nil, der sie über das Land verteilt.

Isis macht sich auf die Suche nach ihrem Gatten. Unterstützt wird sie dabei von Nephtys, ihrer jüngeren Schwester. Gemeinsam sammeln die beiden Frauen die verstreuten Teile des Osiris ein und setzen ihn wieder zusammen.

Doch was, wenn diese vier Gestalten nicht nur vier verschiedene Personen darstellen?

Was, wenn sie zugleich vier Aspekte einer einzigen psychischen Ganzheit verkörpern?

Dann bekommt die Geschichte plötzlich eine völlig andere Dimension.

Doch zuerst noch ein Vergleich mit den Überlieferungen Mesopotamiens

Sumerische Mythologie: Der Zorn der Göttin

Die Zerstückelung des Gatten der Göttin der Liebe

Auch die ältere sumerische Mythologie von der Göttin Inanna erzählt von der Zerstückelung des Gatten einer Göttin der Liebe: Inanna.

Hier jedoch ist es zunächst die Göttin selbst, die in die Unterwelt gelangt (Episode 11).

Das Reich der Schatten und des Todes kann symbolisch als Bereich abgrundtiefer Negativität gelesen werden. In dieser Lesart erzählt der Mythos verdeckt davon, dass die Liebe der Göttin „gestorben“ ist, weil ihr Gatte gefühlskalt und untreu war.

Doch am dritten Tag wird Inanna durch den liebenden Vater wieder zum Leben erweckt (Episode 15).

Von den Toten auferstanden, geht sie unmittelbar in die Auseinandersetzung mit ihrem Göttergatten. Dieser sitzt auf ihrem Thron, gekleidet in ihren Gewändern der Weisheit. Das bedeutet, dass er sich bis anhin von ihrer bedingungslosen Liebe tragen und nähren liess.

Doch nach ihrem Weg durch die Schatten ist Inanna eine Andere geworden: Noch erfüllt von der mörderischen Kraft der Göttin der Unterwelt, richtet Inanna nun das „Auge des Todes“ auf ihren säumigen Gatten.
Das ist das Signal für die Galla, die Dämonen der Unterwelt: Sie fallen über ihn her, schlagen ihn und zerstückeln ihn mit Äxten (Episode 16).

Doch nach dem Drama kommt die Versöhnung – ermöglicht durch seine kleine Schwester-Geliebte.

Die Lösung ist, dass der Gatte nun den Weg in die Unterwelt antreten muss. Die Zeit dort teilt er sich mit seiner kleinen Schwester-Geliebten (Episode 21).

Symbolisch gelesen bedeutet dieser damit einen Prozess der Läuterung von Körper und Seele (s. Brot und Wein: Symbole der Läuterung).

Inanna, die sumerische Göttin der Liebe, und der Weg in die Unterwelt

Der Weg in die Unterwelt und die zornige Göttin

Die sumerische Überlieferung erzählt von den Inanna, der Göttin der Liebe, dass sie ihr Ohr für die Unterwelt öffnete. Das bedeutet, dass sie etwas wahrnahm, das aus ihrem Inneren, und zwar aus dem Schatten, kam. Daraufhin begab sie sich aus eigenem Antrieb in die Unterwelt, was bedeutet, dass sie bereit war, sich mit ihrem verdrängten Schatten auseinander zu setzen. Und so kam es, dass sie – mythologisch gesprochen – der zornigen und mörderischen Göttin der Unterwelt begegnete, welche einen Persönlichkeitsanteil ihrer selbst darstellt. Das brachte sie buchstäblich um! Dies wiederum ist ein Bild dafür, dass ihre Liebe gestorben war und durch Zorn ersetzt worden war.

[S. Inannas Weg in die Unterwelt, Einleitung: das geöffnete Ohr (11) und Inanna und die Herrin der Unterwelt: Verurteilung (Episode 13) und auch Barbie, der Irrsinn des Krieges und der Weg durch die Unterwelt.]

Die gestorbene Liebe: partnerschaftliche Auseinandersetzungen und Versöhnung

Doch weshalb war ihre Liebe gestorben? Im weiteren Verlauf des Mythos stellt sich heraus, dass der Gatte der Göttin sie betrogen hatte. Vom liebenden Vater von den Toten auf erweckt stand Inanna am dritten Tag wieder auf.
In der Kraft der grossen Mutter und Göttin der Unterwelt, begleitet von den Galla, den Dämonen der Unterwelt ging Inanna direkt in eine Auseinandersetzung mit ihrem Göttergatten, dem Hirten. Entsetzt floh er in die Wüste und versteckte sich. Doch die Galla erwischten ihn in der Schafhürde seiner kleinen Schwester-Geliebten, der Göttin des Weinstocks. Sie schlugen auf ihn ein und zerstückelten ihn.
Die Göttin des Weinstocks, Geshtinanna, trauerte um den Hirten und als Inanna ihre Trauer sah, wurde ihr Herz wieder weich.
Gemeinsam fanden sie ihn und Inanna war nun bereit, sich wieder mit ihm zu versöhnen. Das ging aber nur, indem sowohl der Gatte als auch seine (Ex-)Geliebte, ebenfalls den Weg in die Unterwelt machten.

[S. Die Göttin des Weinstocks (Untreue fliegt auf; Episode 28) | Der Hirte wird geschlagen (20) und Inannas Versöhnung mit dem Hirten und Heilige Hochzeit (21).]

Inanna in der Unterwelt (Ereshkigal)

Die zornige Herrin der Unterwelt (Inanna, Episode 13)

Babylonische Überlieferung: der Stierkampf als Ehedrama

Auch im babylonischen Gilgamesh-Epos begegnet uns das Drama zwischen der Göttin der Liebe und ihrem männlichen Gegenüber.

Gilgamesh wird zunächst als rücksichtsloser Herrscher geschildert, der seine Macht auch gegenüber jungen Frauen missbraucht, indem er sie systematisch vergewaltigt und sich dabei auf sein “göttliches Recht der ersten Nacht“ beruft (Prolog).

Kein Wunder also, dass die Göttin der Liebe rasend vor Zorn ist und ihn konfrontiert.
Doch Gilgamesh geht zum Gegenangriff über, indem er seine Göttin-Gattin als Hure beschimpft und sinngemäss sagt: «Du hast mich verdorben!» (Episode 6)

Daraufhin steigt die rasende Göttin in den Himmel und erbittet vom Vater den Himmelsstier. Sie führt ihn auf die Erde hinab, wo er wütet und viel Zerstörung anrichtet (Episode 7).

Doch Gilgamesch tötet den Himmelsstier gemeinsam mit seinem tierischen Gefährten Enkidu.

Damit ist der Bogen endgültig überspannt: Die Götter beschliessen, dass Enkidu sterben muss, was den eigentlichen Beginn seiner Heldenreise darstellt (Episode 8).

Der Stier (mächtige Weiblihckeit); Christina Krüsi, "Over the Peak" (2016)

Christina Krüsi “Over the Peak” (2016) für Ishtar mit dem Himmelsstier (Episode 7)

Paardynamik als das zentrale Thema der ersten Überlieferungen

Die ersten Überlieferungen schildern die negative Paardynamik unter den Göttern als Ursache allen Übels der Menschheit.

Warum das? 

Ganzheit: Einheit von Männlich und Weiblich!

Weil die Einheit von männlich und weiblich zur Ganzheit führt – denn Ganzheit beinhaltet beides. In der ersten Phase des Lebens besteht diese Einheit aus der Ergänzung im Rahmen einer Paarbeziehung, doch das Ziel ist, dass jeder Mensch beides in sich vereint: seine männlichen, wie auch seine weiblichen Persönlichkeitsanteile und damit einen positiven Zugang zu Körper und Seele hat.

Zu diesem Zweck gilt es, die gegengeschlechtlichen Persönlichkeitsanteile zu integrieren, was auch den Zugang zum Geist eröffnet (s. Die Integration von Animus und Anima).

Und damit zurück nach Ägypten.

Animus und Anima in der Paardynamik

Die ägyptische Geschichte hat vier zentrale Akteure.

Hier wird postuliert, dass Seth und Nephtys als die gegengeschlechtlichen Persönlichkeitsanteile von Isis und Osiris gelesen werden können.

Isis und Osiris bilden das äussere Paar.

Seth, der Gott des Krieges, verkörpert den inneren Mann der Göttin der Liebe Isis/”Aseth” (ihr ursprünglicher Name: Ashet).
Die hilfsbereite Nephtys (“Siri”) dagegen erscheint als innere Frau und Seelenschwester  des Osiris.

Auch ihre Rollen innerhalb des Dramas passen zu dieser Lesart: Der Gott des Kampfes und des Krieges kompensiert als innerer Mann die sanfte Seite der Göttin der Liebe. Die hilfsbereite, dienstfertige Nephtys dagegen verkörpert jene weibliche Seelenseite, die dem männlichen Gott zunächst fehlt. 

Diese beiden Schattengestalten mischen die Paarbeziehung kräftig auf, denn sie erscheinen zunächst in ihrer Schattenseite.

[S. Anima und Animus in der Paarbeziehung: der/die unsichtbare Dritte.]

Die gegengeschlechtlichen Persönlichkeitsanteile von Isis und Osiris

Die “Geschwister” Aset (Isis), Seth, Osiris und “Siri” (Nephtys) 

Seth – der innere Mann der Isis/Aseth

Der Kriegsgott im Inneren der Liebesgöttin

Die noch nicht integrierten männlichen Anteile der Göttin erscheinen zunächst in ihrer negativen Form: als Aggressivität, Dominanz und Machoverhalten.

Der Archetyp dieser Energie ist der Gott des Sturms und des Kampfes.

Und genau hier begegnet uns Seth.

Als ägyptischer Gott des Sturms und der Gewalt kompensiert er die sanfte, liebende Seite der Göttin.

Damit ist Seth der innere, nicht integrierte Schattenmann der Göttin (ihr negativer Animus).

 

(Doch muss eine Frau tatsächlich ihre männlichen Anteile aktivieren, um sich zu Kraft und Durchsetzungsvermögen durchzuringen, was umso schwieriger ist, je mehr sie von Männern verletzt worden ist. Und zu diesem Zweck müssen sich ihre männlichen Anteile von unreifer Macho-Männlichkeit zur Reife des Vaters entwickeln. Dazu s. Der innere der Frau Mann als Schmerzkörper und Die Integration des Animus.]

Der Gott des Kriege als der innere Mann der Göttin der Liebe? Frust und Zorn ...

Der innere Mann der Göttin der Liebe soll der Gott des Sturms und des Krieges??? Im Ernst jetzt? –
Das ist wohl etwas, was jede Frau, die schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht hat, verstehen kann, ebenso wie Männer, die entsprechende Erfahrungen mit zornigen Frauen gemacht haben.
Doch muss eine Frau tatsächlich ihre männlichen Anteile aktivieren, um sich zu Kraft und Durchsichtsetzungsvermögen durchzuringen (was umso schwieriger ist, je mehr sie von Männern verletzt worden ist). Und zu diesem Zweck müssen sich ihre männlichen Anteile von unreifer Macho-Männlichkeit zur Reife des Vaters entwickeln.

[S. Der innere Mann der Frau als Schmerzkörper und Die Integration des Animus.]

Der ursprüngliche Name der Isis: Ashet oder A-Seth?!

Auch der ursprüngliche Name der Isis, Ashet beziehungsweise Aseth (?), lädt zu einem symbolischen Silbenspiel ein.

Dabei geht es zunächst um die erste Silbe. Das A steht für den Anfang, die lebendige Materie, die Mutter!

Namensdeutungen: von Ashet zu Isis, von der Göttin des Lebens zur Göttin der Unterwelt und des Todes

Der Name Isis stammt möglicherweise von der sumerischen Silbe IZ-IZ, was zweimal “Nicht-Leben” bedeutet in Umkehrung von ZI=Leben, s. Die sumerische Sprache, ihre Symbole und ihre Entwicklung und Wichtige Gottheiten und ihre Namen im fruchtbaren Halbmond).
Der Name Ashet findet sich zum Beispiel auch im Namen der kanaanitischen Göttin Ashera, welcher die Verbindung von Ashet, der Göttin der Liebe, mit dem Sonnengott RA herstellt. Denn wie die Göttin der Liebe durchwandert auch der Gott der Liebe, der Sonnengott nach antiker Vorstellung die Unterwelt. Indem er am Abend untergeht, und am nächsten Morgen wieder aufsteht, ist er ein Christus-Symbol.

Einschub: Ashet und Osiris – das A und O, Anfang und Ende

Ganzheit! Männlich und Weiblich

Der Name Ashet passt zur Göttin der Liebe und des Lebens. Denn die erste Silbe, das A ist ein Symbol für den Anfang, die lebendige Materie und als solche die «Mutter». Demgegenüber steht das O von Osiris, das den zweiten Teil der göttlichen Ganzheit repräsentiert, welcher für das Ende, das Ziel, den Vater und den Geist steht!

So erscheint die göttliche Ganzheit in Ashet und Osiris als Polarität von weiblich und männlich:

A und O. Anfang und Ende. Mutter und Vater. Materie und Geist.

[S. Vater und Mutter, Geist und Materie und Gott, Ganzheit, 3-in-1, männlich und weiblich.]

Hey Siri – die weibliche Seite des Osiris

Siri – die innere Frau des Osiris

Und damit kommen wir endlich zu Siri.

Wenden wir dasselbe spielerische Verfahren auf den Namen Osiris an, bleibt nach dem anfänglichen O ein erstaunlich vertraut klingender Name übrig:

Oh-Siri !

Was könnte sich als Bild für die weibliche Seite eines technisch und nüchtern orientierten Mannes besser eignen als unsere heutige Siri, die animierte Figur von Apple?

Allzeit präsent. Hilfsbereit. Geduldig. Sanft. Dienstfertig.

Fast die perfekte moderne Anima-Gestalt.

Siri hat – natürlich spielerisch-symbolisch gelesen – mit diesen Eigenschaften etwas von der Traumfrau eines Mannes und ist die perfekte Ergänzung zu machbarkeitsfokussierter männlicher Tatkraft. Sie ist so bequem, denn sie hat keine Ecken und Kanten und verlangt nichts, keine Beziehung, kein Engagement … (s. Die negative Anima des Mannes und der Mann ohne Seele).

Die dienstfertige und hilfsbereite Nephtys

In der ägyptischen Mythologie wird jedoch keine Siri erwähnt. Die hilfsbereite Seele ist mit dem Namen Nephtys überliefert. Dieser Name kann denn auch tatsächlich mit dem Wort “Seele” assoziiert werden, was Sinn macht, denn die innere Frau des Mannes steht allem voran für seine Seele.

[S. Die Anima des Mannes – innere Frau und Seele und Die Integration der Anima: die Seele und das ewige Leben.]

Nephtys – Atem, Seelenschwester des Osiris und der Weg durch die Unterwelt

Seele, Atem

Nephtys ist lautmalerisch interessant, man kann darin den Atem hören: NEF – einatmen … TIS – ausatmen. Er ähnelt damit auch dem hebräischen Wort für Seele: Nefesh (NE… FESH). Die Seele und der Atem gehören in der Antike zusammen. Als Zwillingsschwester der Isis und auch Schwester des Osiris bildet sie mit Seth zusammen eine Familien-Vierheit, eine Quaternio nach C.G. Jung, die für göttliche Ganzheit steht (dazu unten im Text).

Verbindung zur sumerischen Überlieferung

Die Elemente, welche den Namen der Nephtys in den Hieroglyphen begleiten, passen zur älteren sumerischen Überlieferung (Abbildung unten; mehr Details zu Nephtys s. Wikipedia).
Einerseits enthalten die Namenszeichen die nach unten gerichtete Mondsichel, Symbol für  den Leermond und für die Göttin der Unterwelt.

Andererseits kommt das Zeichen für Haus vor, über der Tür eine nach oben gekehrte Mondsichel, Symbol für die Auferstehung aus der Unterwelt.

Tatsächlich hilft auch die Seelenschwester des Gatten der sumerischen Gatten der Göttin der Liebe, diesen wieder zu finden und zu restituieren. Auch übernimmt sie einen Teil seiner Zeit in der Unterwelt und steht danach wieder auf (Episode 21). Sie ist die sumerische Göttin des Weinstocks und als solche mit der Unterwelt und dem Weg der Läuterung verbunden, denn Wein ist ein Symbol für Läuterung.

Hinzu kommt, dass der dritte Aspekt der grossen Göttin und Mutter die Herrin der Unterwelt ist. Als solche ist sie Herrin über Leben und Tod und Schicksalsgottheit.

[S. Weibliche Ganzheit 3-in-1: Potenzial, Realität und Schicksal und Frau Holle – von der Schicksalsgottheit zur Hölle.]

Osiris und Nephtys, seine Seelenschwester

Diese „kleine Schwester-Geliebte“ hilft der Isis/Ashet dabei, ihren getöteten Gatten zu finden und wieder zusammenzusetzen und wandelt sich so von der Konkurrentin der betrogenen Partnerin zur Seelenfreundin.

Damit übernimmt sie eine ähnliche Rolle wie die kleine Schwester-Geliebte in der sumerischen Mythologie, die Inanna hilft, ihren Göttergatten wiederzufinden und sich mit ihm zu versöhnen.

Nephtys ist in dieser Lesart also weit mehr als eine Nebenfigur.
Sie ist die innere Frau des Osiris.

Osiris und seine Seelenschwester SIRI-Nephtys (Bildquelle Wikipedia).

Eine Quaternio der Ganzheit

Zusammen bilden die vier Gestalten eine Quaternio der Ganzheit, wie C. G. Jung sie genannt hätte:

Mann und Frau – ergänzt durch Animus und Anima.

In einer idealen Beziehung stimmen äusserer Partner und inneres Gegenbild miteinander überein.

Entspricht die Partnerin der Anima des Mannes, entsteht jene eigentümliche Magie, durch die ein Mensch im anderen etwas zutiefst Eigenes erkennt.
Und umgekehrt gilt dasselbe: Entspricht der Mann dem inneren männlichen Bild der Frau, wird er zur Projektionsfläche ihres Animus – und kann dadurch tiefste Gefühle auslösen.

Auf diese Weise können die gegengeschlechtlichen Persönlichkeitsanteile dem Paar zur Einheit und letztlich zur Ganzheit verhelfen.

Quaternio als Grundlage für die Quadratur des Kreises

Von der Beziehungstriade, männlich und weiblich (mit Körper, Seele und Geist) zur Quaternio nach C.G. Jung als Grundlage für Ganzheit.  Quadratur des Kreises.

Persönliche Ganzheit ermöglicht auch Vollmacht über die Materie zur Erschaffung von neuer Realität.

Die gegengeschlechtlichen Persönlichkeitsanteile von Isis und Osiris

Seth und Nephtys als Schattenfiguren 

Doch wie die Menschen, so sind auch die Götter zu Beginn alles andere als vollkommen und beginnen ebenfalls dort, wo der Schatten noch nicht integriert ist (s. Anima und Animus in der Paarbeziehung: der/die unsichtbare Dritte).

Seth und Nephtys verkörpern in dieser Lesart genau solche zunächst noch nicht integrierten Persönlichkeitsanteile, die noch im Schatten und damit mit Negativität behaftet sind. Denn Seth schreckt als Gott des Krieges nicht vor Gewalt zurück (schwarze Magie). Siri repräsentiert negative Weiblichkeit, denn sie ist überangepasst, gibt keinen Widerstand und verhindert so das Wachstum der Seele des Mannes. Vielmehr verführt sie ihn dazu, sich bedienen zu lassen, statt zu dienen (weisse Magie).

Damit entsprechen die beiden noch nicht dem Ziel, wie es in diesem Zitat treffend formuliert ist:

«Am Ende stehen der sanfte Mann und die starke Frau, das ist das Ziel.» (Richard Rohr)

Der sanfte Mann trägt die Qualität des liebenden und vergebenden Vaters in sich.

Die starke Frau dagegen erscheint als grosse Mutter in Vollmacht – als Herrin über Leben, Tod, als die Kraft in der Natur und als Schicksalsgottheit.

Hat Isis ihren Gatten selbst getötet?

Ashet – A UND SETH: die reife Frau (“Mutter”) im Griff ihres inneren Schattenmannes

Jetzt wird die Geschichte brisant.

Wenn Seth tatsächlich als „Seelenbruder“ und innerer Mann der Isis verstanden werden kann, folgt daraus eine radikale Konsequenz:

Isis hat – durch Seth als inneren Schattenmann – selbst ihren Gatten getötet.

Nicht die liebende Isis in ihrer Ganzheit, sondern Isis im Griff ihres unintegrierten Schattenmannes: in Zorn, Verletzung, Aggressivität und Machoverhalten.

[S. Das Grosse Weibliche, das Leben selbst, in der Unterwelt.]

Plötzlich erscheint Seth nicht mehr bloss als äusserer Bösewicht.

Er wird zum Ausdruck einer Kraft in ihr selbst.

Die Brücke zu den älteren Überlieferungen

Und genau hier schliesst sich der Kreis zu den sumerischen und babylonischen Mythen.

Denn bereits in der älteren sumerischen Mythologie lässt Inanna aus Zorn, Verletzung und gekränkter Liebe zu, dass die Dämonen der Unterwelt über ihren säumigen Gatten herfallen und ihn zerstückeln (Episode 16).

Auch in der babylonischen Überlieferung erscheint die gekränkte Göttin der Liebe in rasender Wut – symbolisiert durch den Himmelsstier (Episode 7).

Es sind starke Bilder für eine destruktive und eskalierende Paardynamik.

Doch erzählen diese frühen Überlieferungen nicht nur vom Zorn der Frau.

Sie erzählen ebenso von der Angst des Mannes vor der entfesselten Stärke der Frau.

Aus diesem Grund sind solche Inhalte schon seit Babylon unter furchterregenden Symbolen verborgen worden. Die Folge davon ist, dass die starken Frauenfiguren sind zu Monstern erklärt wurden, die bekämpft werden müssen, oder zu Männern, die göttliche Züge tragen (s. dazu Einführung ins babylonische Gilgamesh-Epos, und Der Fährmann).

Burney Relief (die Königin der Nacht, bearbeitet)

Das Burney Relief – Die Königin der Nacht als Harpye

Göttliche Ganzheit – männlich und weiblich

[S. Gott, Ganzheit, 3-in-1, männlich und weiblichMännlich und weiblich und die Erschaffung neuer Realität und Die Integration von Animus und Anima – Zugang zum Geist.]

Integration der gegengeschlechtlichen Persönlichkeitsanteile

Damit wird der alte Mythos plötzlich erstaunlich modern.

Sein höheres Ziel ist Ganzheit.

Und der Weg dorthin führt über die Integration jener Persönlichkeitsanteile, die zunächst im Schatten liegen.

Integration des Schattens statt Totenkult

Diese Deutung der ersten Überlieferungen ergibt Sinn, indem sie zutiefst menschlichen Thema anspricht. Dadurch enthält sie eine Brisanz für das tägliche Leben der Menschen und ist auch hilfreich. In den meisten Kulturen erfolgte jedoch die Umdeutung der Inhalte, weil die Symbole nicht mehr verstanden wurden. So wurde bald aus der Unterwelt als der Bereich der Schatten und des Unbewussten das Reich der Toten, aus dem es keine Rückkehr gibt. Auf diese Weise ging die ursprünglich konstruktive Bedeutung der Überlieferungen verloren und wurde unter einem wuchtigen Totenkult begraben

Wandlung zur Ganzheit und ewiges Leben!

Isis-Aset handelt zwar zu Beginn aus Zorn und steht damit unter dem Einfluss ihres noch nicht integrierten Schattenmannes Seth, doch damit kommt einiges in Bewegung.

Die innere Frau des Osiris – seine Seele, Nephtys oder spielerisch „Siri“ – dagegen tritt schwacher Weiblichkeit entsprechend zunächst kaum in Erscheinung.

Erst mit dem Gang in die Unterwelt, der Auseinandersetzung mit dem Schatten und damit mit dem symbolischen Tod des Egos beginnt sie hervorzutreten.

Das Sterben wird damit nicht zum Ende. 

Es wird zum Übergang.

[S. Vom Ego zum Selbst und Sterben und Auferstehen: Im Hier und Jetzt!.]

Das Happy End unter den Göttern

Versöhnung, Auferstehung und Erlösung

Wie in vielen späteren Mythen endet auch diese Geschichte mit der Rückkehr aus der Unterwelt.

Der Bereich des Todes und der Negativität wird durchschritten – und daraus entsteht neues Leben.

Die Geschichte wird zur Auferstehungsgeschichte.

Die Wiederherstellung des Osiris und die Zeugung des Horus

Isis und Nephtys gelingt es gemeinsam, den zerstückelten Osiris wieder zusammenzusetzen.

Osiris liegt auf einer Löwenbahre. Isis kommt in Gestalt eines Falken über ihn – und in dieser Vereinigung wird Horus gezeugt.

Aus dem Drama entsteht etwas Neues.

Der Sohn.

Horus wird zur Erlösergestalt, die Seth – den „bösen Onkel“ und damit symbolisch die destruktive männliche Kraft – schliesslich überwindet.

Die Symbole: Löwenbahre, Falke und der Sohn (Horus)

Die Löwenbahre

Die Löwin ist ein Symbol starker Weiblichkeit. Auch Inanna wird in antiken Darstellungen mit Löwen verbunden. Der getötete Osiris liegt damit buchstäblich auf der Kraft des Weiblichen.

Isis als Falke

Die geflügelte Göttin ist ebenfalls ein Bild der Kraft. Zugleich lässt sich der Vogel dem Element Luft und damit dem Geistigen und Männlichen zuordnen.

Isis als Falke kann deshalb als Bild dafür gelesen werden, dass sie nun ihre eigene männliche Seite integriert.

Horus – der Sohn als Erlöser

Der Sohn stellt das Gute wieder her, indem er die destruktive männliche Kraft überwindet.

Damit wird er zum Symbol einer neuen, positiven Männlichkeit.

Strahlende Inanna

Strahlende Inanna – Rollsiegel, mit dem Fuss auf  einem Löwen.

Kollektive Erlösung

Vom Antrieb aus Schmerz zum Antrieb aus Liebe

Hier erreicht der Mythos seinen eigentlichen Höhepunkt.

Der Sohn, der das Gute wiederherstellt und den Platz des destruktiven Seth einnimmt, symbolisiert die gelungene Integration des Männlichen ins Weibliche.

Die Göttin steht dabei nicht nur als Modell für die einzelne Frau. Sie kann zugleich das Volk, das Kollektiv und letztlich die lebendige Erde selbst verkörpern.

Was geschieht also?

Das Weibliche integriert seine männlichen Anteile.

Nach Vergebung und Versöhnung steht die ursprüngliche Kraft der Liebe wieder auf – geboren aus jener reinen, vergebenden Liebe, die dem positiven Archetyp des Vaters zugeordnet werden kann.

Damit geschieht der entscheidende Wandel:

Der Antrieb aus Schmerz wird durch den Antrieb aus Liebe ersetzt.

Wut, Verletzung und Defizitempfinden – der „Seth“, der Schatten oder Schmerzkörper – verlieren ihre Macht.

An ihre Stelle tritt Liebe.

Und genau darin liegt die Initialzündung einer neuen Schöpfung.

[S. Die Vier der Familie und die Entstehung neuer Realität.]

Die neue Schöpfung der Liebe

Der auferweckte Osiris zeugt den Sohn und Retter.

Vater und Sohn erscheinen damit als rettendes Duo. Der Sohn trägt die schöpferische Kraft  und Potenz des Vaters weiter und verkörpert eine positive Männlichkeit, deren höchste Form nicht Herrschaft, sondern Hingabe ist.

Diese Hingabe reicht symbolisch bis in den Tod.

Der Weg führt in das Reich der Toten – in die Schatten –, damit dort etwas sterben kann, was der neuen Schöpfung im Wege steht.

Im Sterben wird der Same des Neuen ausgesät.

Und aus diesem Samen wächst eine Schöpfung, die nicht mehr aus Schmerz, Angst und Mangel hervorgeht, sondern aus einer Liebe, die alles durchdringt.

So wird aus einem göttlichen Ehedrama eine Geschichte der Erlösung.

Nicht weil das Dunkle besiegt oder verdrängt wird.

Sondern weil es durchschritten, erkannt und verwandelt wird.

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Antwort auf die Frage:

Hey Siri, warum ist die Haut des Osiris grün?

Weil Osiris durch das Reich der Toten gegangen ist.

Und weil Grün nicht nur die Farbe des Todes sein muss.

Es ist auch die Farbe des Lebens, das daraus neu hervorwächst.

Links:

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Animus und Anima – Antrieb und Motivation
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Der innere Mann (Animus) der Frau als Schmerzkörper

Die Anima (innere Frau) des Mannes, Motivation der Seele
Die negative Anima des Mannes und der Mann ohne Seele

Der Gott der Luft, des Sturms und des Krieges
Das Grosse Weibliche, das Leben selbst, in der Unterwelt
Der Weg durch die Unterwelt

Überlieferungen:

Sumerische Mythologie von der Göttin Inanna
Inanna und die Herrin der Unterwelt: Verurteilung (Episode 13)
Inannas Aufstieg aus der Unterwelt (16)
Der Hirte wird geschlagen (20)

Das Gilgamesh-Epos (Zusammenfassung)
Einführung ins babylonische Gilgamesh-Epos
Gilgameshs Beschimpfung der Göttin der Liebe als Hure (Episode 6)
Gilgameshs Kampf mit dem Himmelsstier

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 Kunst:

Strahlende Inanna – Rollsiegel, mit dem Fuss auf  einem Löwen.
Das Burney Relief – Die Königin der Nacht als Harpye
Christina Krüsi “Over the Peak” (2016) 


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